Der Deutsche Bundestag

20.5.2009 | Von:
Karl-Rudolf Korte

Sozialstruktur und Milieus: Stammwählerschaft

Es gibt sie noch, die traditionellen Stammwähler-Milieus. Doch die Verschiebungen und regionalen Unterschiede sind beträchtlich, zeigt eine Analyse der Bundestagswahl 2005. Geradezu entgegengesetzte Zusammenhänge kennzeichnen die Wahlergebnisse in Ost und West.

Grundsätzlich haben traditionelle Wählermilieus nach wie vor eine gewisse Bedeutung für die Parteien.Grundsätzlich haben traditionelle Wählermilieus nach wie vor eine gewisse Bedeutung für die Parteien. (© AP)
In der Vergangenheit konnten Wahlanalysen in der Tradition des soziologischen Ansatzes ihre Bedeutung immer wieder unter Beweis stellen. Auch für die Bundestagswahl 2005 lässt eine entsprechende Untersuchung der Wahlergebnisse wichtige Rückschlüsse auf die Existenz unterschiedlicher Stammwählerschaften der Parteien zu. Unter der Oberfläche des Gesamtergebnisses verbergen sich jedoch eine Reihe regionaler Unterschiede.


Nach wie vor existiert in Deutschland ein geografisch unterschiedliches Wahlverhalten:
  • So war die Union 2005 im Westen deutlich stärker als im Osten.

  • Die SPD musste in Ostdeutschland starke Verluste hinnehmen. Sie erzielte, anders als noch 2002, im Westen ein besseres Wahlergebnis.

  • Die FDP konnte im gesamten Bundesgebiet Stimmen hinzugewinnen. Im Westen wurde sie erstmals wieder zweistellig.

  • Die Grünen hingegen waren im Osten nach wie vor schwach, sie übersprangen nur knapp die Fünfprozenthürde.

  • Die Linke steigerte in Ost und West ihre Stimmenanteile. Während sie im Westen knapp an der Fünfprozenthürde scheiterte, konnte sie im Osten das Ergebnis der CDU erreichen und war somit zweitstärkste Kraft.
Eine breite Diskussion wurde in der Öffentlichkeit über die Frage geführt, inwieweit das erstmalige Antreten einer Kanzlerkandidatin das Wahlverhalten beeinflussen würde. Dazu lässt sich nach der Wahl Folgendes feststellen:
  • Mit der Nominierung Angela Merkels zur Kanzlerkandidatin gingen keine besonderen Stimmengewinne der Union bei den Wählerinnen einher. Nur über 60-jährige Frauen wählten häufiger die Unionsparteien als die SPD, in allen anderen weiblichen Altersgruppen dominierte die SPD oder lag gleichauf mit der Union.

  • Je älter die Wählerinnen und Wähler waren, umso besser war das Wahlergebnis für die Union.

  • Kleine Parteien waren in der Regel Männerparteien. Nur die Grünen wurden häufiger von Frauen als von Männern gewählt.

  • Die Union konnte sich bisher immer auf eine – wenn auch schrumpfende – Stammwählerschaft aus dem katholischen Kirchgängermilieu stützen. Mit der Kanzlerkandidatur Angela Merkels, einer protestantischen, kinderlosen und ehemals geschiedenen weiblichen Ostdeutschen, brach die Partei mit der Tradition des männlichen, katholischen und westdeutschen Spitzenkandidaten. Dies führte jedoch zu keinem massiven Stimmenverlust. Wenngleich Angela Merkel nicht in dem Maße katholisches Wählerpotenzial erschließen konnte, wie dies Edmund Stoiber 2002 gelang, so vermochte sie doch ähnlich viele kirchlich gebundene Katholikinnen und Katholiken zu mobilisieren wie Helmut Kohl 1998.

  • Die SPD hatte besonderen Rückhalt im evangelischen Milieu, hier spielte die Häufigkeit der Kirchgänge jedoch keine Rolle.

  • Bei den kleinen Parteien überwog die konfessionslose Wählerschaft.

  • Die SPD errang ihr bestes Wahlergebnis bei der Arbeiterschaft. Seit dem Regierungsantritt 1998 hatte die Sozialdemokratie in diesem Bereich jedoch massive Verluste hinnehmen müssen. Sie lagen in dieser Bevölkerungsgruppe nur knapp vor der Union. Die gewerkschaftlich gebundene Arbeiterschaft war aber weiterhin treue Wählerklientel der SPD. Da ihre Zahl jedoch schrumpfte, sank somit auch der Anteil der traditionellen Klientel am SPD-Wähleranteil.

  • Gleiche Stimmenanteile erzielten die beiden Volksparteien in der Gruppe der Angestellten.

  • Die FDP erreichte ihr bestes Ergebnis bei den Selbstständigen, jedoch hinter Union und SPD.

  • Die Linke konnte bei den Arbeitslosen zahlreiche Stimmen gewinnen, lag aber hinter der SPD. Die Zahlen zeigen auch, dass die Linke von der Schwäche der SPD im Bereich der Gewerkschaftsmitglieder profitieren konnte.

  • Die stärkste Gruppe bei den Wählerinnen und Wählern der Grünen waren Beamte und gewerkschaftlich gebundene Angestellte.
Gewinne und Verluste der CDU/CSU und SPD bei den Zweitstimmen, Bundestagswahl 2005, in Prozent. Klick auf die Abbildung öffnet Vollansicht. Quelle: Forschungsgruppe Wahlen, Politbarometer und Umfrage-Woche vor der Bundestagswahl 09/05Gewinne und Verluste der CDU/CSU und SPD bei den Zweitstimmen, Bundestagswahl 2005, in Prozent. (© Forschungsgruppe Wahlen, Politbarometer und Umfrage-Woche vor der Bundestagswahl 09/05)
Grundsätzlich sind die traditionellen Wählermilieus noch nicht verschwunden und haben nach wie vor eine gewisse Bedeutung für die Parteien. Insbesondere bei Reformschritten wie der Agenda 2010 ist die jeweilige Stammwählerschaft besonders zu pflegen. Dies sind immer noch die basisverwurzelten und extrem enttäuschungsresistenten Aktivisten. Wer sich nur tagesorientiert an Wechselwählerinnen und -wählern ausrichtet, verliert am Ende auch die Stammwählerschaft. Doch gerade sie wäre bereit, unpopuläre Entscheidungen mitzutragen, wenn man sie einbindet und überzeugt. Zeitgleich wird ihre Gewinnung immer wichtiger.

Deutliche Veränderungen gehen von der sinkenden Zustimmung der Wählerinnen und Wähler zu den Volksparteien aus. Hiervon können die kleinen Parteien profitieren, insbesondere die Linke im Osten als Alternative zur SPD, aber auch die FDP, die die Union 2005 in Süddeutschland viele Stimmen kostete.

Auszug aus: Karl-Rudolf Korte: Wahlen in Deutschland, Zeitbilder. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2009


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