Header Wahl-O-Mat

12.12.2005 | Von:
Stefan Marschall

Idee und Wirkung des Wahl-O-Mat

Funktionslogik und Arbeitsweise des Wahl-O-Mat

Der Wahl-O-Mat lädt die Benutzer zum Vergleich der eigenen Einstellungen mit den Positionen der Parteien ein - entlang einer Auswahl von rund 30 Thesen. Die Thesen werden auf der Grundlage der vorliegenden Wahlprogramme von einer Redaktion aus Jungwählerinnen und -wählern in einem mehrstufigen Prozess entwickelt. Der Wahl-O-Mat ist im Rahmen eines Projektes zur Steigerung der Wahlbeteiligung von Jungwählern entstanden. Er ist gedacht als ein Angebot, das - von jungen Menschen gemacht - auf junge Menschen zielt. Der redaktionelle Prozess wird wissenschaftlich begleitet. In die Zusammenstellung und Formulierung der Thesen fließen folgende Gesichtspunkte ein: Die Thesen sollen charakteristisch für die verschiedenen Parteien sein; sie sollen die Parteien zu unterschiedlichen Antworten bewegen und für die Bürgerinnen und Bürger relevante Fragestellungen aufgreifen sowie präzise und knapp formuliert und ohne Fachwissen verständlich sein.

Als Ergebnis entstehen Aussagen wie "Der Kündigungsschutz soll gelockert werden", "Die Türkei soll vollwertiges Mitglied der Europäischen Union werden können" oder "Am geplanten Ausstieg aus der Atomenergie soll festgehalten werden". Ein Set von etwa 60 solcher Thesen wird den Parteien, in der Regel den jeweiligen Geschäftsführungen auf Landes- respektive Bundesebene, zur Stellungnahme zugesandt und von diesen mit einer Parteiposition versehen (Zustimmung, Ablehnung oder "neutral"). Die Ergebnisse der Parteienbefragung werden einer statistischen Überprüfung unterzogen, wobei jene Thesen gestrichen werden, bei deren Beantwortung sich die Parteien nicht hinreichend unterscheiden. So bleiben am Ende noch rund 30 Aussagen übrig, die in den Wahl-O-Mat eingearbeitet werden. Dieses standardisierte Vorgehen unterscheidet den Wahl-O-Mat von ähnlichen Angeboten.

Wie zuvor die Parteien kann die Nutzerin beziehungsweise der Nutzer des Wahl-O-Mat jede These mit "stimme zu", "neutral" oder "stimme nicht zu" beantworten. Zudem können die User Thesen überspringen, wenn sie keine Stellung beziehen können oder wollen. Am Ende der Sitzung berechnet der Wahl-O-Mat die Übereinstimmung zwischen den Stellungnahmen der Parteien und den Positionen des Nutzers. Dabei werden je nach Grad der Übereinstimmung Punktwerte vergeben. Je größer die Diskrepanz zwischen der eigenen und der Position einer Partei bei einer These, desto größer der zugewiesene Wert.

Die Nutzer haben vor der Berechnung die Möglichkeit, Thesen zu markieren, die besonders gewichtet werden sollen. Der Wahl-O-Mat zeigt die Parteien anschließend in einer Rangreihenfolge an - abgestuft nach dem Ausmaß der Übereinstimmung. An erster Stelle rangiert die Partei, die den niedrigsten Punktwert hat, bei der es also in der Summe die geringsten Abweichungen zwischen den eigenen und den Parteipositionen gibt. In der Detailauswertung besteht die Möglichkeit, die eigenen Ansichten mit den Standpunkten jeder einzelnen Partei zu vergleichen. Auch können die Nutzer in der Auswertung Begründungen der Parteien für ihre jeweiligen Positionen einsehen.

Der Wahl-O-Mat reduziert mit seinem Vorgehen die komplexen Wahlprogramme auf Aussagen, die bejaht oder verneint werden können. Der Versuch, zum Teil verschachtelte Fragestellungen auf eine These herunterzubrechen, ist jedoch heikel. Es läuft auf eine Gratwanderung hinaus, ein Problem präzise zu erfassen und zugleich mit der These den Nutzer nicht inhaltlich zu überfordern. Die Möglichkeit für die Parteien, Begründungen ihrer Positionen einzustellen (wovon die Parteien intensiven Gebrauch machen), bricht freilich die einfache Ja-Neutral-Nein-Konstellation auf.

Im Prozess der Thesenentwicklung kann sich herausstellen, dass sich bestimmte Themenbereiche der Reduktion auf eine Aussage versperren. Zudem können in der Endauswahl der Thesen Problemstellungen wegfallen, die wegen ihrer einheitlichen Beantwortung keinen zwischen den Parteien unterscheidenden Effekt vorweisen. Wichtig ist aber auch: Die Auswahl der Thesen ist eine unabhängig-redaktionelle Entscheidung einer Gruppe von Jungredakteurinnen und -redakteuren.

Auf Grund dieser Beschränkungen kann der Wahl-O-Mat überraschende Ergebnisse produzieren: Ein Teil der Nutzer (die Befragung zur Bundestagswahl 2005 spricht von rund zehn Prozent) findet sich in einem anderen parteipolitischen Lager wieder, als sie es selbst vermutet hätten. Der weitaus größte Teil (beim Bundestags-Wahl-O-Mat also rund 90 Prozent) sieht in dem Ergebnis jedoch eine Bestätigung ihrer Selbstverortung.

Der Wahl-O-Mat kann wegen der genannten Beschränkungen seinen Nutzerinnen und Nutzern nicht die Überlegung abnehmen, welche Partei sie wählen sollen. Dass die individuelle Wahlentscheidung ganz anders als das Wahl-O-Mat-Ergebnis aussehen kann und muss, hängt nicht nur mit dem unvermeidlich eingeschränkten Themenspektrum zusammen. Vielmehr ist die konkrete Wahlentscheidung das Ergebnis einer Abwägung, in die viele weitere Faktoren einfließen: die langfristige Bindung an Parteien, die Wahrnehmung des personellen Angebots sowie sonstige, mitunter kurzfristige Kalküle.[6]


Fußnoten

6.
Vgl. Jürgen W. Falter/Harald Schoen (Hrsg.), Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden 2005.

Universität Düsseldorf

Wahl-O-Mat Forschung

Der Wahl-O-Mat wird seit Anfang an wissenschaftlich begleitet und sein Einsatz untersucht. Auf diesen Seiten präsentiert die Universität Düsseldorf ihre Forschungsergebnisse zum Wahl-O-Mat.

Mehr lesen auf wahl-o-mat.uni-duesseldorf.de

Parteiprofile

Wer steht zur Wahl?

Bei Bundestags-, Landtags- und Europawahlen bietet "Wer steht zur Wahl?" eine kompakte Übersicht: Welche Parteien treten an? Welche Positionen zeichnen die Parteien aus? Und was sind die Besonderheiten der einzelnen Parteien? Im Archiv finden Sie die Parteiprofile der vergangenen Wahlen.

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Wahl-O-Mat als App für Smartphone und Tablet-PC

Wahl-O-Mat App

Für iPhone, Android und Windows Phone 8: Das populäre Wahltool der bpb gibt es nun auch als App! Zusätzlich liefert die App mit dem Format "Wer steht zur Wahl" Kurz-Profile aller Parteien sowie ausführliche Grafiken bisheriger Ergebnisse und ein Wahllexikon.

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