Wegweiser zum Wahllokal in Berlin aus dem Jahre 2013

2.6.2017 | Von:
Karl-Rudolf Korte

Datenbasis der Wahlforschung

Um langfristige Trends im Wahlverhalten zu untersuchen, bedient sich die Wahlforschung der Aggregatdaten der Statistischen Ämter, nutzt Umfragedaten und wertet die repräsentative Wahlstatistik aus.

Unabhängig von diesen kurzfristigen Analysen ist die Wahlforschung an langfristigen Trends im Wahlverhalten interessiert. Erklärungen dazu basieren ganz wesentlich auf Daten, zumal, wenn sie einem wissenschaftlichen Anspruch genügen wollen.

Die Wahlforschung kann hierzu auf drei verschiedene Datentypen zurückgreifen. Sie haben Vor- und Nachteile, die es jeweils zu berücksichtigen gilt. Zunächst einmal lassen sich die Bestände der verschiedenen Statistischen Ämter für diese Forschung benutzen. Deren Zeitreihen etwa über die jeweilige Bevölkerungsstruktur beziehen sich typischerweise immer auf Gebietseinheiten, im Fall der Wahlforschung üblicherweise auf Wahlkreise. Diese Aggregatdaten beinhalten also lediglich Informationen über die Gesamtheit der Bevölkerung in fest umrissenen Gebieten, keineswegs jedoch Informationen über Individuen.

Die Daten sind in hohem Maß verlässlich, da sie hauptsächlich aus amtlichen Erhebungen und entsprechenden Fortschreibungen stammen. Die Wahlforschung gewinnt hieraus wichtige Erkenntnisse über das Wahlverhalten, indem die Ergebnisse der verschiedenen Parteien in den Wahlkreisen systematisch mit den wirtschaftlichen und den sozialen Strukturmerkmalen dieser Gebietseinheiten in Beziehung gesetzt werden. Berücksichtigt werden hierbei beispielsweise Angaben über die Beschäftigungsstruktur nach landwirtschaftlichem, Dienstleistungs- und industriellem Sektor, die soziale Schichtung der Bevölkerung sowie die Konfessionsverteilung oder aber auch die Bevölkerungsdichte.

Wirtschaftliche und soziale Strukturmerkmale einer Gegend sind entscheidende Aspekte für die Wahlforschung. Umfragen ermitteln Meinungen und Einstellungen, zum Beispiel zum Konsumverhalten oder zum Arbeitsplatz. Hahn/laif (l.); Plambeck/laif (r)Wirtschaftliche und soziale Strukturmerkmale einer Gegend sind entscheidende Aspekte für die Wahlforschung. Umfragen ermitteln Meinungen und Einstellungen, zum Beispiel zum Konsumverhalten oder zum Arbeitsplatz. Hahn/laif (l.); Plambeck/laif (r)


Auf diese Weise erschließen sich gesellschaftliche Zusammenhänge, in die das Wahlverhalten eingebettet ist. Deutlich werden bei dieser Betrachtungsweise also die jeweiligen Milieus und sozialstrukturellen Gruppen, auf die sich die verschiedenen Parteien jeweils in besonderer Weise stützen können.

Allerdings gestattet dieser Datentyp keinerlei Rückschlüsse auf das individu-elle Verhalten einzelner Wählerinnen und Wähler und ihre Beweggründe. Insbesondere für die historische Wahlforschung sind Aggregatdaten dennoch nahezu die einzige Möglichkeit, entsprechende Erklärungsmuster empirisch zu untersuchen.

Einen ganz anderen Typus stellen die seit den Fünfzigerjahren in wachsender Anzahl verfügbaren Umfragedaten dar, wie sie bereits bei den Methoden der kurzfristigen Ermittlung der Wählerabsicht erläutert wurden. Sie resultieren aus der Befragung von Personen, die repräsentativ ausgewählt wurden.

Nahezu unabhängig von der Größe der Gesamtbevölkerung genügt für repräsentative Aussagen je nach ihrer Güteklasse ein Stichprobenumfang von 1.000 bis 2.000 Befragten. Die Befragungen enthalten neben den bevölkerungsstatistischen Merkmalen der Befragten ihre politischen Einschätzungen und Verhaltensabsichten. Abgefragt werden hierbei etwa die Einstellungen zu Parteien und kandidierenden Personen, zu aktuellen politischen Sachfragen und Problemen sowie die momentane Wahlabsicht und frühere Wahlentscheidungen. Auch bei diesem Datentyp gilt es, seine spezifischen Besonderheiten zu erkennen.

So ermitteln Umfragen keineswegs tatsächliches Verhalten, sondern in erster Linie entsprechende Absichten. Zudem ist die Möglichkeit der bewussten oder unbewussten Falschaussage der Befragten nie auszuschließen. Weiterhin ist es erforderlich, die mathematischen Gesetze der Stichprobentheorie einzuhalten, um zu repräsentativen Aussagen zu gelangen.

Als ganz spezifisch deutsches Charakteristikum kann die Existenz der repräsentativen Wahlstatistik angesehen werden, die von 1953 bis 1990 bei allen Bundestags- und den meisten Landtagswahlen aufgrund gesetzlicher Anordnung erhoben wurde. Ihre Ergebnisse beruhen auf der Auszählung besonderer Stimmzettel, die vor der Wahl nach Altersgruppen und Geschlecht gekennzeichnet wurden. Auf dieser Basis lassen sich exakte Aussagen über das tatsächliche Abstimmungsverhalten nach den Merkmalen Alter und Geschlecht treffen. Allerdings bedürfen diese zwar präzise ermittelten, im Allgemeinen aber keineswegs verhaltensrelevanten Kategorien noch der theoretischen Aufladung, um für tragfähige Erklärungsmuster des Wahlverhaltens von Nutzen zu sein. Die Erhebung der repräsentativen Wahlstatistik war bei den Bundestagswahlen 1994 und 1998 aufgrund von Verfahrensproblemen ausgesetzt, wurde 2002 aber wieder aufgenommen.


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