Wegweiser zum Wahllokal in Berlin aus dem Jahre 2013

2.6.2017 | Von:
Karl-Rudolf Korte

Sozialstruktur und Milieus: Stammwählerschaft

Wenn auch in schwächerer Form, so gibt es nach wie vor einen engen Zusammenhang zwischen der sozialen und kulturellen Prägung der Wähler und ihrer konkreten Wahlentscheidung.

In der Vergangenheit konnten Wahlanalysen in der Tradition des soziologischen Ansatzes ihre Bedeutung immer wieder unter Beweis stellen. Auch für die Bundestagswahl 2013 lässt eine entsprechende Untersuchung der Wahlergebnisse wichtige Rückschlüsse auf die Existenz unterschiedlicher Stammwählerschaften der Parteien zu. Unter der Oberfläche des Gesamtergebnisses verbergen sich jedoch eine Reihe regionaler Unterschiede.

Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013 in den Bundesländern (in %). Quelle: Der Bundeswahlleiter Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


  • Die Wahlbeteiligung war bei der Bundestagswahl 2013 im Osten (67,6 Prozent) erneut deutlich niedriger als im Westen (72,4 Prozent).

  • CDU und CSU schnitten bei dieser Wahl im Westen Deutschlands (42,2 Prozent) etwas besser ab als im ostdeutschen Bundesgebiet (38,5 Prozent). Die besten Wahlergebnisse fuhr die Union allerdings in Süddeutschland ein.

  • Das Ergebnis der SPD war im Westen bei dieser Wahl mit 27,4 Prozent zwar immer noch schwach, aber doch deutlich stärker als in den ostdeutschen Bundesländern (17,9 Prozent).

  • Während die FDP im Westen die Fünfprozenthürde mit 5,2 Prozent knapp überspringen konnte, erzielte sie im Osten nur 2,7 Prozent der Zweitstimmen.

  • Die Grünen waren mit 5,1 Prozent im Osten nach wie vor deutlich schwächer als im Westen (9,2 Prozent).

  • Die Linke wurde im Osten nach der Union und vor der SPD zweitstärkste Kraft (22,7 Prozent). In den westdeutschen Ländern schnitt sie deutlich schwächer ab (5,6 Prozent).

Ergebnis der Bundestagswahl 2013 in Ost- und Westdeutschland. Quelle: Der Bundeswahlleiter; eigene Darstellung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Traditionell wird sozialstrukturellen Merkmalen für das Wahlverhalten ein großer Stellenwert beigemessen. Insbesondere für die frühen Bundestagswahlen lässt sich ein enger Zusammenhang zwischen der sozialen und kulturellen Prägung der Wählerinnen und Wähler und ihrer konkreten Wahlentscheidung nachweisen: Arbeiter wählten eher die SPD und andere linke Parteien, im Gegensatz dazu banden CDU und CSU den Großteil der gläubigen katholischen oder protestantischen Wählerschaft an sich. Solche typischen Muster waren, wenngleich in abgeschwächter Form, auch bei dieser Bundestagswahl zu beobachten:
  • In den Altersgruppen ist das Wahlverhalten ausdifferenziert. Die Unionsparteien erzielten zwar in allen Altersgruppen gute Ergebnisse. Doch wie bei der Bundestagswahl 2009 gilt: Je älter der Wähler oder die Wählerin, desto wahrscheinlicher war eine Stimmabgabe zugunsten von CDU und CSU. Bei den über 60-Jährigen konnten beide Parteien sogar knapp die Hälfte der Stimmen auf sich vereinen. Die Unterschiede sind in übrigen Parteien weniger groß.

  • Anders als bei der Bundestagswahl 2009 waren die geschlechterspezifischen Unterschiede bei der Bundestagswahl gering ausgeprägt. Auffällige Unterschiede finden sich lediglich bei den Unionsparteien, die bei den Frauen besser abschnitten als bei den Männern (44,1 vs. 38,8 Prozent). Auch die Grünen profitierten eher von Stimmen der Wählerinnen (9,8 Prozent) als den von Wählern (7,4 Prozent).

  • Mit steigendem Bildungsgrad nimmt die Zustimmung zu den Volksparteien CDU, CSU und SPD tendenziell ab. Wählerinnen und Wähler mit Hochschulreife oder Universitätsabschluss neigen vor allem den Grünen zu.

  • Die SPD erzielte ihre besten Ergebnisse bei den Arbeitern und den Angestellten. Ihre Wählerschaft rekrutierte sich überwiegend aus diesen beiden Gruppen (Arbeiter: 30 Prozent, Angestellte: 27 Prozent). Eine Kernwählergruppe für die Linke bildeten die Arbeiter (11,4 Prozent). Die Union lag allerdings deutlich vor den anderen Parteien. Unter den Selbstständigen (47,7) und den Landwirten (73,5 Prozent) war ihr Ergebnis besonders gut. Die FDP erzielte bei den Selbstständigen wie in der Vergangenheit überproportional viele Zweitstimmen (9,9 Prozent). Die Grünen waren bei den Beamten stark (12,4 Prozent). Die AfD schnitt in allen Berufsgruppen bis auf die Beamten gut ab.

  • Konfessionell gebundene Wähler machten ihr Kreuz überdurchschnittlich häufig bei den christdemokratischen Unionsparteien. Mehr als die Hälfte der Katholiken (53 Prozent) wählten CDU oder CSU, bei den Protestanten waren es immerhin 40,9 Prozent.

Wahlbeteiligung nach Altersgruppen bei Bundestagswahlen seit 1953. Quelle: Der Bundeswahlleiter Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Wahlentscheidung in sozialen Gruppen bei der Bundestagswahl 2013. Quelle: Forschungsgruppe Wahlen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Grundsätzlich sind die traditionellen Wählermilieus noch nicht verschwunden und haben nach wie vor eine gewisse Bedeutung für die Parteien. Insbesondere bei umfangreichen Reformschritten wie der Agenda 2010 ist die jeweilige Stammwählerschaft besonders zu pflegen (Karl-Rudolf Korte, 2005). Die Agenda 2010 kam in ihrer Ausrichtung allerdings einem Paradigmenwechsel gleich. Sie bedeutete das Ende einer "Sozialdemokratisierung der Gesellschaft" (Gerd Mielke, 2005) – eines Allparteienkonsenses –, der Hinwendung zum Sozialstaat und einer Orientierung an der Verteilungsgerechtigkeit als Verheißung einer demokratischen Gesellschaft. Zwar wurde die Abkehr von dieser Tradition durch den Umbau des Sozialstaates überparteilich eingeleitet (Hans-Jörg Hennecke, 2005), die Folgen dieses Reformprojekts trägt jedoch in erster Linie die SPD. Sie hat ihre Stammwählerschaft auf eine harte Probe gestellt und kämpft nun darum, diese wiederzugewinnen.

Wählerwanderungen bei der Bundestagswahl 2013. Quelle: FAZ, Infratest Dimap, der Bundeswahlleiter; eigene Darstellung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Zweitstimmenanteile von CDU/CSU und SPD nach Wahlkreisen bei der Bundestagswahl 2013. Quelle: Der Bundeswahlleiter Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Direktmandate nach Wahlkreisen bei der Bundestagswahl 2013. Quelle: Der Bundeswahlleiter Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Generell besteht die Stammwählerschaft immer noch aus basisverwurzelten und extrem enttäuschungsresistenten Aktivistinnen und Aktivisten. Wer sich nur tagesorientiert an Wechselwählerinnen und -wählern ausrichtet, verliert am Ende auch die Stammwählerschaft. Doch gerade sie wäre bereit, unpopuläre Entscheidungen mitzutragen, wenn man sie einbindet und überzeugt. Zeitgleich wird ihre Gewinnung immer wichtiger. Deutliche Veränderungen gehen von der sinkenden Zustimmung der Wählerinnen und Wähler zu den Volksparteien aus.


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