Gasmärkte sind regional
Sonja Ernst
5.9.2008
Mit Stahlrohren wurde 2007 eine neue Erdgasfernleitung bei Gießen gebaut. Die Gas-Pipeline verbindet Lauterbach in Mittelhessen mit Scheidt in Rheinland-Pfalz. In Deutschland versorgt ein weit verzweigtes, rund 360.000 Kilometer langes Pipeline-System die Gaskunden. (© AP)Sie bleibt umstritten: Die 1.200 Kilometer lange Nord-Stream-Gasleitung vom russischen Wyborg nach Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern. Ab 2011 sollen bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr per Unterwasserröhre durch die Ostsee strömen. Doch Anrainerstaaten wie Schweden und auch Estland haben Bedenken angemeldet, sie sorgen sich um Umwelt- wie auch Sicherheitsaspekte.
Mit der Nord-Stream-Leitung sollen neue Transportkapazitäten geschaffen werden. Noch dazu würde die Pipeline den direkten Anschluss Westeuropas an die russischen Gasvorkommen garantieren. Zurzeit wird das russische Erdgas über Land über mehr als 5.000 Kilometer von Westsibirien nach Deutschland und Westeuropa transportiert.
Da Erdgas leitungsgebunden ist, wird bislang der Großteil über Pipelines transportiert. Dies hat zur Folge, dass Gas sehr viel regionaler gehandelt wird als Erdöl. Zurzeit bestehen vier große Märkte: der europäische Gasmarkt, der vor allem durch Russland, Norwegen, die Niederlande und die Länder Nordafrikas versorgt wird. Der nordamerikanische Markt, wo in erster Linie Kanada die USA mit Erdgas beliefern. Auch in Südamerika entwickelt sich ein Gasmarkt – mit Bolivien als wichtigem Gasproduzenten, Brasilien und Chile als Abnehmern. Auf dem asiatischen Gasmarkt sind die großen Importeure Japan und Südkorea; zu den Gas-Exporteuren zählen Indonesien, Malaysia, Australien sowie die Golfstaaten, vor allem Qatar und Oman.
Flüssiggas als Transportoption
Im Hafen von Ras Laffan im Norden Katars wird ein Spezial-Schiff mit Flüssiggas betankt. Das LNG, das Liquefied Natural Gas, wird von Katar vor allem nach Japan und Süd-Korea exportiert. Das Geschäft mit Flüssiggas soll in den nächsten Jahren stark wachsen. Foto: APDie Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe prognostiziert mittelfristig eine starke Zunahme beim Handel mit LNG und damit auch eine Entspannung auf dem Erdgasmarkt. Hierzu müssen die Importländer jedoch mehr Anlandeterminals bauen, in denen das LNG in seinen gasförmigen Zustand zurückversetzt und in Pipelines gepumpt wird.
Ab 4.000 Metern Tiefe und 120 Grad
Erdgas besteht zum Großteil aus dem brennbaren Kohlenwasserstoff Methan. Weitere Kohlenwasserstoffverbindungen wie Ethan, Propan und Butan finden sich ebenso darin, außerdem Kohlenstoffdioxid und Schwefelwasserstoff.
Wie auch Erdöl entstand Erdgas aus organischem Material. Es bildete sich vor etwa 15 bis 600 Millionen Jahren – aus abgestorbener Biomasse unter Luftabschluss, erhöhten Temperaturen und hohem Druck. Oft findet sich Erdgas gemeinsam mit Erdöl, da beide auf ähnliche Weise entstanden sind. Vor Jahrmillionen bildete sich Faulschlamm: abgestorbene und auf den Grund der damaligen Ozeane abgesunkene Organismusreste – Pflanzen und Kleinstlebewesen – konnten wegen Sauerstoffmangel nicht verwesen. Darüber lagerten sich Ton- und Sandschichten ab, die das tote organische Material immer weiter in die Tiefe drückten. Druck und Temperatur nahmen zu.
In einer Tiefe von 4.000 bis 6.000 Metern und einer Temperatur von 120 bis 180 Grad Celsius liefen komplexe chemische Prozesse ab, die schließlich zur Bildung von Erdgas führten. Nach der Erdgaswerdung wurden die Kohlenwasserstoffe durch den enormen Druck nach oben, Richtung Erdoberfläche, gepresst und zwar soweit, bis sie durch eine dichte Schicht aus Ton, Sand- oder Kalkstein gestoppt wurden und sich sammelten. So bildeten sich große Lagerstätten.
Der Gebrauch von Erdgas lässt sich bis in das Altertum zurückverfolgen. Doch erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Erdgas systematisch genutzt. Zunächst wurde Erdgas oft nur als Begleitgas bei der Förderung von Erdöl gewonnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann der Rohstoff zunehmend an Bedeutung, es entwickelten sich erste regionale Gasmärkte, und Erdgas wurde zu einem eigenständigen energiewirtschaftlichen Sektor.[1]
Gefördert wird auch in Deutschland
Der Großteil des Erdgases wird heute an Land gewonnen. Ein geringerer Anteil wird offshore gefördert, also vor der Küste. Auch in Deutschland finden sich Erdgasfelder: 2007 wurden knapp 19 Milliarden Kubikmeter gefördert, das entsprach 166 Milliarden Kilowattstunden. Über 90 Prozent davon in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Der Verbrauch lag jedoch bei 960 Mrd. kWh. Die restlichen rund 85 Prozent wurden importiert, vor allem aus Russland (37 Prozent), Norwegen (26 Prozent) und den Niederlande (18 Prozent). In Deutschland versorgt ein weit verzweigtes, rund 360.000 Kilometer langes Pipeline-System die Gaskunden. Zunehmend wird Erdgas zur Wärmeerzeugung eingesetzt. Beim Neubau von Wohnungen in Deutschland liegt die Gasheizung vorn: 2007 hatte sie bei den zum Bau genehmigten Wohnungen einen Marktanteil von rund 66 Prozent. Ebenso wird Erdgas zur Stromerzeugung eingesetzt: 2007 trug der Rohstoff knapp 12 Prozent zur Bruttostromerzeugung bei.
Erdgas wird wichtiger
Nach Öl und Kohle ist Erdgas der drittwichtigste Energieträger weltweit. 2007 wurden 24 Prozent des weltweiten Primärenergieverbrauchs mit Erdgas gedeckt. Bei gleich bleibendem Verbrauch und Förderung werden die bestehenden bekannten Weltreserven in schätzungsweise 60 Jahren erschöpft sein. Doch man vermutet weitere Erdgasressourcen, die noch nicht erschlossen sind.
Ähnlich wie beim Erdöl konzentrieren sich die Vorkommen beim Erdgas auf nur wenige Länder. Mehr als die Hälfte der Welt-Gasreserven finden sich in nur 3 Ländern: Russland, Iran und Qatar. Die größten Verbraucher sind die USA, Russland und Iran. Deutschland liegt beim Gasverbrauch weltweit auf Rang 7.
Erdgas hat in den letzten Jahren an Bedeutung bei der Energieversorgung gewonnen. In Anbetracht steigender Ölpreise wird der Rohstoff zunehmend zur Alternative. Laut Internationaler Energieagentur wird Erdgas unter den fossilen Energieträgern in den kommenden Jahren am stärksten zulegen. Außerdem hat Erdgas aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung eine bessere Klimabilanz als Öl und Kohle: Bei der Verbrennung werden geringere Emissionen freigesetzt. Doch neben der Transportfrage beim Gas, die in Westeuropa wohl vorläufig per Pipeline geregelt wird, bleibt das Problem der Importabhängigkeit bestehen – zumindest für Deutschland.
Quellen:
Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e.V.: Bericht: Energieverbrauch in Deutschland im Jahr 2007
»www.ag-energiebilanzen.de«
BP Statistical Review of World Energy, June 2008
»www.bp.com/statisticalreview«
Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe
»www.bgr.bund.de«
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie: Energie in Deutschland
»www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Service/publikationen«
Inernationale Energie Agentur (IEA)
»www.iea.org«
Key World Energy Statistics, 2007
»www.iea.org/textbase/nppdf/free/2007/key_stats_2007.pdf«
World Energy Outlook, 2006
»www.worldenergyoutlook.org«
Reiche, Danyel (Hrsg.), Grundlagen der Energiepolitik, Frankfurt am Main, 2005.
Fußnoten
- Danyel Reiche (Hrsg.), Grundlagen der Energiepolitik, Frankfurt am Main, 2005, Seite 78.
weitere Inhalte:
- Afrika – die Energiewirtschaft boomt
- Asien – Wirtschaftsboom und globale Energieinteressen
- Die USA – Notwendigkeit eines neuen Energiekurses
- Factsheet Afrika
- Factsheet Kaspischer Raum
- Factsheet Naher Osten
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