Erneuerbare Energien – "Grüner Strom" auf dem Vormarsch
Sonja Ernst
5.9.2008
Der Rotor einer Windkraftanlage in Nordlinnau bei Flensburg. Deutschland ist mit rund 24 Prozent weltweit Spitzenreiter bei der Nutzung der Windkraft. (© AP)Die Nutzung erneuerbarer Energien ist nichts Neues. Seit Jahrtausenden wird Holz verheizt, seit Jahrhunderten wird die Kraft des Wassers und des Windes genutzt. Doch aktuell erleben regenerative Energien neue Aufmerksamkeit, vor allem ihre modernen Nutzungsformen. Sie sollen helfen, die Abhängigkeit von Kohle, Gas und Öl zu verringern, und nicht zuletzt sollen sie das Klima schonen.
Zu den erneuerbaren Energien zählen Wasserkraft, Wind- und Solarenergie, Geothermie und Energie aus Biomasse – einschließlich Bio-, Deponie- und Klärgas – sowie aus dem biologisch abbaubaren Anteil von Abfällen. Im Jahr 2007 trugen die erneuerbaren Energien 8,6 Prozent zum Endenergieverbrauch in Deutschland bei; 2000 waren es noch 3,8 Prozent. Bis 2020 will die Bundesregierung im Rahmen der Richtlinien der Europäischen Union (EU) einen Anteil von 18 Prozent erreichen. Längst ist der Sektor der erneuerbaren Energien ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: 2007 wurden in Deutschland mit erneuerbaren Energien rund 25 Milliarden Euro Gesamtumsatz erzielt.
Entscheidend für den Ausbau der Öko-Energien ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Bereits 1991 wurde ein Stromeinspeisungsgesetz für regenerative Energien beschlossen, das durch das EEG im Jahr 2000 abgelöst wurde. Das Regelwerk gilt als wichtiger Baustein der Energie- und Klimapolitik der rot-grünen Koalition; zuletzt gab es im Juni 2008 eine Novelle. Zum einen werden die Energieversorgungsunternehmen mit dem EEG verpflichtet, regenerativ erzeugten Strom abzunehmen; zum anderen wird der Preis dafür festgelegt. Diese garantierte Vergütung unterscheidet sich je nach Energieträger: Für Strom aus Sonnenenergie gibt es mehr als aus Biomasse. Entscheidend ist auch, wie leistungsstark die Anlage ist.
Anreize für "grünen Strom"
In der Regel wird mit dem EEG eine Vergütung für eine Dauer von 20 Jahren garantiert. Diese Planungssicherheit schafft Anreize für Investitionen in die Erzeugung von Öko-Strom. Denn bislang ist "grüner Strom" – rein betriebswirtschaftlich – nicht konkurrenzfähig mit der konventionellen Stromerzeugung.
Die Förderkosten werden auf die gesamte Stromkundschaft verteilt: Die so genannten Differenzkosten betrugen 2007 4,3 Milliarden Euro. Sie ergeben sich aus der Differenz der Vergütung des Öko-Stroms an die Anlagenbetreiber – 2007 waren dies 7,7 Milliarden Euro – und der Einsparung der Kosten der Energieversorger für die Beschaffung konventionellen Stroms in gleicher Menge. Verteilt auf die Stromkunden, bedeutete dies 1 Cent mehr pro Kilowattstunde. Auch in anderen EU-Mitgliedsstaaten werden erneuerbare Energien gefördert. Teils wie in Deutschland über Einspeiseregelungen, teils über Quoten oder auch steuerliche Vorteile. In 2006 erzielten die erneuerbaren Energien innerhalb der EU einen Anteil von 8 Prozent am Endenergieverbrauch.
Ausbau der Windkraft
In Deutschland haben die erneuerbaren Energien zuletzt vor allem im Strommarkt, aber auch im Wärme- und Verkehrssektor an Bedeutung gewonnen. 2007 trugen sie 14,2 Prozent zum Bruttostromverbrauch bei, über 6 Prozent zum Endenergieverbrauch für Wärme und 7,6 Prozent zum Kraftstoffverbrauch. Bei der Stromerzeugung ist die Windkraft entscheidend: Sie trug 2007 6,4 Prozent zur Bruttostromerzeugung insgesamt bei. Seit 2000 hat sich die Anzahl der Windkraftanlagen in Deutschland verdoppelt: Waren es damals noch rund 9.300, finden sich heute über 19.000.
Mit einem Anteil von 24 Prozent ist Deutschland weltweit Spitzenreiter bei der Windkraftnutzung. Die USA liegen mit 18 Prozent auf Platz 2, dann folgt Spanien mit rund 16 Prozent. Die EU war auch 2007 der größte Windenergiemarkt: 61 Prozent der Windenergie weltweit wurden in der EU genutzt. Global trägt Windkraft einen nur geringen Anteil zur Energieversorgung bei.
Energie aus Wasser und Sonne
Anders sieht das bei der Wasserkraft aus, die derzeit einen Anteil von rund 16 Prozent an der Stromproduktion weltweit hat. Sie trug 2005 gut 2 Prozent zum globalen Primärenergieverbrauch bei. In Norwegen und Brasilien trägt die Wasserkraft entscheidend zur Stromproduktion bei. Auch in China und Indien wird Wasserkraftstrom genutzt. Doch der Bau großer Staudämme hat für die Umwelt und die Menschen vor Ort meist gravierende Folgen, so dass die Nachhaltigkeit der Nutzung von Wasserkraft teils umstritten ist.
In Deutschland spielt Wasserkraft keine entscheidende Rolle. 2007 wurde mit rund 20 Terawattstunden (TWh) zwar mehr Wasserkraftstrom produziert als im Vorjahr, doch Zuwachsraten wie bei der Windenergie oder Biomasse sind nicht zu verzeichnen. Der Anteil an der Bruttostromerzeugung lag bei rund 4 Prozent.
Auch aus Sonnenenergie wird Strom gewonnen und zwar durch Photovoltaik-Anlagen. Auch werden Sonnenkollektoren eingesetzt, die für Warmwasser und Raumwärme sorgen. 2007 trug Sonnenenergie rund 0,6 Prozent zum Bruttostromverbrauch in Deutschland bei; mit einem Zuwachs von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei der Wärmebereitstellung aus erneuerbaren Energien trug Solarthermie rund 4 Prozent bei. Weltweit ist Sonnenenergie bislang nicht entscheidend, doch die Jahresproduktionen nehmen stetig zu. Bei der Photovoltaik liegen Deutschland, Japan und die USA vorne, bei der Solarthermie China und Japan.
Biomasse und Geothermie sind zuverlässig
Anders als Wind-, Sonnen- oder Wasserenergie, die von den Witterungsbedingungen abhängig sind, steht Geothermie rund um die Uhr zur Verfügung. Dabei wird die im Erdinnern gespeicherte Wärme genutzt, um Wärme aber auch Strom zu erzeugen. 2007 nahm in Landau das zweite deutsche Geothermie-Kraftwerk seinen Betrieb auf. Ebenso wird Geothermie in Privathaushalten eingesetzt. Weltweit sind die USA und die Philippinen Vorreiter.
Auch Energie aus Biomasse kann unabhängig von der Wetterlage genutzt werden, doch braucht es dafür Holz, Energiepflanzen wie Raps und Mais, ebenso Gülle oder Klärschlamm. Biomasse trägt vor allem zur Wärmeerzeugung bei: 2007 mit rund 84 TWh, das waren 93 Prozent der Wärmebereitstellung aus erneuerbaren Energien insgesamt. Aber auch bei der Stromerzeugung legte die Biomasse – feste und flüssige sowie Biogas – zu und erreichte einen Anteil von 3,8 Prozent bei der Bruttostromversorgung. Weltweit trägt feste Biomasse knapp 10 Prozent zum Primärenergieverbrauch bei. Vor allem in Afrika und Asien wird Biomasse genutzt und zwar traditionell. Mit Holz wird gekocht und geheizt, doch oft mit offenem Feuer, das für die Menschen gesundheitsschädlich ist. Ebenso werden die Wälder teils stark gerodet.
Energiepflanzen werden auch als Biokraftstoffe genutzt. 2007 wurden 7,6 Prozent des Kraftstoffbedarfs in Deutschland damit gedeckt: Zu knapp 74 Prozent wurde Biodiesel verbraucht. Der Rest waren Pflanzenöl und Bioethanol. Letzteres wird vor allem in den USA und Brasilien produziert und genutzt.
In Deutschland ist umstritten, wie rasch und zu welchem Ausmaß ein Umstieg auf erneuerbare Energien möglich ist. Befürworter sehen einen schnellen Umstieg in den nächsten 20 bis 30 Jahren für möglich und auch nötig. Kritiker halten das für unrealistisch, sie erwarten einen Energieversorgungsengpass. Doch immerhin konnten die erneuerbaren Energien in Deutschland schon 2007 rund 115 Millionen Tonnen an CO2-Ausstoß vermeiden.
Quellen:
Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e.V.: Bericht: Energieverbrauch in Deutschland im Jahr 2007
»www.ag-energiebilanzen.de«
BP Statistical Review of World Energy, June 2008
»www.bp.com/statisticalreview«
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: Erneuerbare Energien in Zahlen »www.erneuerbare-energien.de/files/erneuerbare_energien/«
Erneuerbare-Energien.de
»www.erneuerbare-energien.de/inhalt/«
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie: Energie in Deutschland
»www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Service/publikationen«
Inernationale Energie Agentur (IEA)
»www.iea.org«
Key World Energy Statistics, 2007
»www.iea.org/textbase/nppdf/free/2007/key_stats_2007.pdf«
World Energy Outlook, 2006
»www.worldenergyoutlook.org«
Reiche, Danyel (Hrsg.), Grundlagen der Energiepolitik, Frankfurt am Main, 2005.
weitere Inhalte:
- Afrika – die Energiewirtschaft boomt
- Auch künftig Mix aus zentraler und dezentraler Erzeugung
- Das Gesicht der Flüsse im Wandel
- Dezentrale Stromerzeugung wird an Bedeutung gewinnen
- Energie als Ware
- Energieeffizienz fängt bereits bei der Erschließung und Förderung von Energievorkommen an
- Energiepolitik
- Geschichte der deutschen Umweltpolitik
- Kohleverstromung ist klimaschädlichste Art der Stromerzeugung
- Öl hält die Weltwirtschaft am Laufen
- Vollständige Versteigerung der Zertifikate dringend notwendig
- Vor allem internationale Anstrengungen nötig
Publikationen zum Thema

Ende des Atomzeitalters?
Im Jahr 2022 soll das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen. Die Entscheidung zum Atomaustieg...

Das Energiedilemma
Deutschland in der Zwickmühle: Kann die Erde trotz Atomausstiegs vor dem Klimakollaps gerettet werd...

Erneuerbare Energien
Der weltweite Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung liegt bei drei Prozent. Noch wird d...

Dossier Klimawandel
Bioenergie – im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Klimawandel
Bioenergie ist seit einigen Jahren eine wesentliche Größe unter den erneuerbaren Energien geworden. Die Bioenergieerzeugung hat Potenzial, neue Pflanzensorten versprechen gute Erträge. Aber die drohende Klimaveränderung birgt Gefahren – und Chancen. Weiter...


