Energie in Deutschland
Wie abhängig ist Deutschland von Energieimporten?
Nur gut ein Viertel der in Deutschland verbrauchten Energien sind heimisch – das sind vor allem Kohle und erneuerbare Energien. Der Rest kommt aus dem Ausland. Woher kommen unser Gas und Öl? Und wer verbraucht was auf dem deutschen Energiemarkt?
Der Ölhafen Wilhelmshaven: Hier wird fast ein Fünftel der Rohölversorgung Deutschlands angelandet und über die Nord-West-Leitung verteilt. 2,3 Millionen Barrel Öl pro Tag verbrauchten die Deutschen in 2007. (© AP)Doch wie viel Energie (ver-)braucht Deutschland, wo liegen die Bezugsquellen, wie haben sich Verbrauch und Abhängigkeiten im Laufe der Zeit verändert? Und wie werden sie sich vermutlich in Zukunft ändern? Eine Gegenüberstellung von Gewinnung und Verbrauch macht klar, dass nur gut ein Viertel der hierzulande verbrauchten Energie auch hier gewonnen wird. 2007 haben Wirtschaft und Haushalte in Deutschland nach einer Übersicht der Arbeitsgemeinschaft für Energiebilanzen 473,6 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten (SKE) verbraucht. Dem stand aber nur eine heimische Primärenergiegewinnung in Höhe von 135 Mio. Tonnen SKE gegenüber. Die Differenz deckt das Ausland.
Gewinnung und Nachfrage in Deutschland
Dabei fiel die inländische Energiegewinnung in 2007 sogar 3,3 Prozent höher aus als im Vorjahr. Während die Förderung von Mineralöl (-3,8 Prozent) und Erdgas (-8,8 Prozent) angesichts weitgehend leer gepumpter Felder weiter zurückging, legte die Produktion von Stein- und Braunkohle mit 2,3 bzw. 2,4 Prozent deutlich zu. Den größten Zuwachs trugen indes die erneuerbaren Energien mit einem Plus von mehr als 4 Mio. Tonnen SKE bei. Unter dem Strich hat sich damit der Anteil der Inlandsenergie von 26,3 Prozent im Jahr 2006 auf 28,5 Prozent in 2007 erhöht. Wichtigster inländischer Energieträger war die Braunkohle (41 Prozent) vor erneuerbaren Energien (23 Prozent), Steinkohle (16 Prozent) und Erdgas (14 Prozent).
In manchen Berechnungen wird auch die Kernenergie als "heimische" Energiequelle geführt. Da auf sie 11 Prozent der Primärenergie entfällt, steigt die inländische Energiegewinnung in dieser Rechnung auf knapp 40 Prozent. Zwar wird in Deutschland Uran nicht mehr gefördert, doch wird für den Betrieb der Reaktoren vergleichsweise wenig Uran benötigt. Die Mengen können für Jahre gebunkert werden. Sie sind dann vor Preissprüngen und politischen Versorgungskrisen gefeit.
Die deutsche Energienachfrage wird durch ein breites Angebot unterschiedlicher Quellen gedeckt. 2007 sah der Mix wie folgt aus: Öl (33,8 Prozent), Gas (22,7 Prozent), Steinkohle (14,1 Prozent), Braunkohle (11,7 Prozent), Kernenergie (11,1 Prozent) sowie regenerative Energien (6,6 Prozent). Dieser Mix der Energieträger hat sich in den vergangenen Jahren grundsätzlich wenig verändert.
Mineralöl bleibt begehrt
Mit fast 34 Prozent machen Mineralöle immer noch den mit Abstand größten Brocken vom Primärenergieverbrauch aus. Zwar ist ihr Verbrauch zuletzt wegen steigender Preise, der milden Witterung, sparsamerer Motoren und zunehmender Beimischung von Biokraftstoffen massiv gesunken. Dennoch wurden 2007 noch 108,1 (im Vorjahr: 118,7) Mio. Tonnen Mineralölprodukte verbraucht. 1990 waren es 123 Mio. Tonnen, 1995 sogar 134,7 Mio. Tonnen. Wegen der geringen inländischen Produktion mussten im vergangenen Jahr 107 Mio. Tonnen Mineralöle eingeführt werden. Wichtigste Lieferländer waren Russland (31,8 Prozent), Norwegen (15,8 Prozent), Großbritannien (12,8 Prozent) und Libyen (10,2 Prozent).
Auch 2007 waren die Autofahrer der größte inländische Verbraucher. Laut Mineralölwirtschaftsverband (MWV) flossen 50 Mio. Tonnen des Mineralölverbrauchs (46 Prozent) via Benzin (21,3 Mio. Tonnen) und Diesel (29,1 Mio. Tonnen) in den gewerblichen und privaten Kraftfahrzeugverkehr. Gerade 15 Prozent des Rohöls wurden zu leichtem Heizöl verarbeitet, was die schwindende Bedeutung von Öl als Heizenergie in privaten Haushalten unterstreicht. Die verbleibenden rund 35 Prozent gingen vor allem in die Industrie, als Schweres Heizöl, Rohbenzin, Chemieprodukte, oder wurden als Eigenverbrauch im Raffinerieprozess benötigt.
Allgemein geht man von einer sinkenden Nachfrage in den nächsten Jahren aus: Sparsamere Motoren, widerstandsärmere Reifen und steigende Preise sind die Gründe. Doch solche Voraussagen sind äußerst unsicher. Bestes Beispiel ist eine Mitte 2006 abgegebene Prognose des Mineralölwirtschaftsverbands: Darin wurde der Ölabsatz in Deutschland für das Jahr 2015 auf 108 Mio. Tonnen veranschlagt. Das Niveau war aber bereits 2007 fast erreicht! Bis 2025 sollte der Mineralölabsatz laut Prognose auf weniger als 100 Mio. Tonnen sinken.
Der Gasverbrauch nimmt zu – die Lieferabhängigkeiten auch
Mehr als ein Fünftel der deutschen Primärenergieversorgung, 2007 waren es genau 22,5 Prozent, wird durch Erdgas gedeckt. Fast jeder zweite Haushalt heizt mit Erdgas. Im Jahr 2007 wurde fast fünfmal soviel verbraucht wie noch 1970. Zwar sank der Verbrauch zuletzt um 5 Prozent auf 106 Mio. Steinkohleeinheiten. Grund war aber vor allem die milde Witterung. Erdgas gilt als vergleichsweise sauber, weil es bei der Verbrennung nur wenig Kohlendioxid freisetzt. Deshalb soll es künftig vermehrt auch zur Stromerzeugung eingesetzt werden – was die Nachfrage weiter steigern dürfte.
Doch der Haken ist, dass auch die Förderung von Erdgas in Deutschland nachlässt, 2007 um 9 Prozent. Damit werden zurzeit noch rund 15 Prozent des Verbrauchs aus inländischen Quellen gespeist, 85 Prozent stammen aus dem Ausland und zwar aus wenigen Quellen. Wie beim Öl ist Russland auch beim Gas der mit Abstand wichtigste (und wichtiger werdende) Lieferant mit 37 Prozent, gefolgt von Norwegen (26 Prozent) und den Niederlanden (18 Prozent). Da die Produktion in Holland zurückgeht, die Gasnachfrage in ganz Europa aber steigt, wird der Einfluss Russlands als Lieferant kontinuierlich wachsen.
Der größte Gasverbraucher in Deutschland ist die Industrie. Nach Ermittlungen des Bundesverbands der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) nahm sie im Jahre 2006 rund 41 Prozent (1996: 39) des Angebots ab. Zweitgrößte Verbrauchergruppe waren die privaten Haushalte mit 30 Prozent (1996: 35). Unverändert 18 Prozent wurden an Gewerbe, Handel und Unternehmen der Dienstleistungsbranche gepumpt. Von 8 auf 11 Prozent stieg der Einsatz von Gas zur Stromgewinnung in Gaskraftwerken. Hier dürfte auch in den kommenden Jahren die Zuwachsrate am größten sein. Dagegen werden verbesserte Prozessabläufe in der Industrie und Dämmungen von Wohnungen und Häusern die Nachfrage von Gas als Wärmelieferant eher dämpfen.
Kohle dient vor allem der Stromerzeugung
Steinkohle kommt in der Verbrauchsstatistik der Primärenergien an dritter Stelle. Der Verbrauch hat 2007 gegen den Trend der letzten Jahre zugenommen, um 3,5 Prozent auf knapp 68 Mio. Tonnen Steinkohleeinheiten. Grund dafür war die größere Nachfrage in der Elektrizitätswirtschaft und Stahlindustrie. Die heimische Förderung in den acht noch in Betrieb befindlichen Steinkohlebergwerken stieg gegen den Trend der letzten Jahre leicht um eine halbe auf 22 Mio. Tonnen SKE. Mitte des nächsten Jahrzehnts soll der steuerbezuschusste Abbau von deutscher Steinkohle beendet sein. Deshalb wird die Nachfrage, die Anfang der 1990er Jahre noch zu mehr als 80 Prozent aus heimischer Förderung befriedigt wurde, wohl verstärkt aus dem Ausland gedeckt werden. Die aktuelle Liste der wichtigsten Herkunftsländer führt erneut Russland (19 Prozent) vor Südafrika (17 Prozent), Polen (16 Prozent), Australien und Kolumbien (je 13 Prozent) an.
Als Heizenergie in privaten Haushalten ist die Kohle fast ganz aus der Mode gekommen. Sie wird vor allem zur Stromerzeugung und in der Stahl- und Hüttenindustrie eingesetzt. Experten erwarten künftig eine sinkende Nachfrage. Wie stark die ausfällt, das hängt vor allem davon ab, wie viele neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Maßgebend dafür sind neben den Herstellungskosten vor allem drei Faktoren: die Kosten für CO²-Emissionsrechte, die technischen Neuerungen zur Abspaltung und sicheren Lagerung von Kohlendioxid und die Bereitschaft der Politiker und Bürger, an den Standorten Neubauprojekte zu tolerieren.
Neurath bei Grevenbroich: Hier baut RWE ein neues Braunkohlekraftwerk. Trotz der hohen Kohlendioxidemissionen ist der Bau weiterer Braunkohlekraftwerke geplant. Braunkohle ist der wichtigste heimische Energieträger. (© AP)In der Stromerzeugung spielt Öl aus Kostengründen eine zu vernachlässigende Rolle. Der Energiemix zur Stromherstellung hat sich seit der deutschen Einheit wenig geändert: Die Kernenergie trug 2007 22,1 Prozent bei und fiel damit erstmals als Folge von ungeplanten Stillständen mehrerer Großkraftwerke hinter die Braunkohle mit 24,5 und die Steinkohle mit 22,8 Prozent zurück. Die verbleibenden rund 30 Prozent werden, allerdings mit einem deutlich zunehmenden Anteil, aus Erdgas (11,2 Prozent) und erneuerbaren Quellen wie Wind, Wasser, Biomasse oder Photovoltaik (13,6 Prozent) gespeist.
Auf der Seite der Stromverbraucher dominierte 2006 die Industrie mit 47 Prozent (1996: 46). An zweiter Stelle folgen die privaten Haushalte. Sie konnten ihren Konsum leicht von 28 auf 26 Prozent drosseln. Fast unverändert folgen Gewerbe, Handel und Dienstleitungen mit 22 Prozent (1996: 21). Der Verkehr mit 3 und die Landwirtschaft mit 2 Prozent sind als Stromkunden fast ohne Bedeutung.
Die Grüne Energie im Aufwind
Die erneuerbaren Energien sind der Shootingstar in der Stromerzeugung. Sie sind neben Braunkohle die wichtigste heimische Energiequelle. Der Löwenanteil im Jahr 2007 entfiel auf die 20.000 Windräder mit 6,2 Prozent der Stromerzeugung – was einem Zuwachs zum Vorjahr von 29 Prozent entspricht. Strom aus Wasserkraft erreichte 3,2 Prozent der gesamten Erzeugung, knapp vor der Biomasse (3,1 Prozent). Der Anteil der Stromerzeugung aus Sonnenlicht erreichte 0,5 Prozent der Gesamterzeugung und der aus der Müllverbrennung 0,6 Prozent, wobei dort allerdings fossile Brennstoffe beigemischt werden.
Nach dem Klima- und Energieprogramm der Bundesregierung soll der Anteil regenerativer Quellen an der deutschen Stromerzeugung bis 2020 massiv ausgebaut werden. Wind, Wasser, Sonne und Biomassen sollen 30 Prozent der Stromnachfrage decken, weitere 25 Prozent mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) erzeugt werden. Mit der KWK-Technologie kann Strom und Wärme zugleich gewonnen werden, was besonders effizient ist. Der Zugewinn soll den Wegfall der Kernenergie ausgleichen, die nach heutigem Fahrplan in Deutschland im Jahre 2022 vom Netz gehen soll. Zudem soll der Verbrauch von Stein- und Braunkohle sinken, auch weil der Stromverbrauch insgesamt kleiner werden soll, indem Industrie und Haushalte Strom noch effizienter einsetzen. Die Bundesregierung hat ihr Konzept "ehrgeizig" genannt. Manche Experten bezweifeln, dass die Ziele überhaupt erreicht werden können, Umweltverbänden gehen sie indes noch nicht weit genug.
Die Analyse zeigt: Die deutsche Volkswirtschaft kann ihren Energiebedarf nur zum Teil und künftig noch weniger als heute aus eigener Kraft decken. Sie ist stark von ausländischen Energiebezügen abhängig. Dabei kommt vor allem Russland eine große Bedeutung zu. Bei Öl, Gas und Steinkohle, den wichtigsten Primärenergieträgern, steht es jeweils an Platz 1 der Lieferantenliste. Diese Position dürfte sich zumindest beim Gas noch ausweiten, weil andere Lieferländer ihre Quellen erschöpft haben und die globale Nachfrage weiter steigt. Preiserhöhungen, ein auch vom Staat verordneter rationellerer Energieeinsatz, die bessere Dämmung von Häusern, effizientere Motoren und Kraftwerke werden die Nachfrage senken. Doch die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten wird damit allenfalls graduell reduziert. Denn heimische Quellen versiegen, teils weil sie erschöpft sind – wie beim Öl und Gas – oder aus (umwelt-)politischen Gründen nicht mehr genutzt werden sollen: Die Kernkraftwerke sollen 2022 vom Netz, gegen den Bau von Braun- und Steinkohlekraftwerke wird vermehrt protestiert. Ob allein der rationellere Einsatz von Energie und der Ausbau regenerativer Energien diese sich öffnende Lücke zu bezahlbaren Kosten schließen kann, bleibt abzuwarten.
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