Offshore-Windpark nahe Shanghai. Die 102 Mega-Watt Offshore-Anlage wurde Mitte 2010 fertiggestellt und ist die größte in ganz Asien. Die 34 Windturbinen mit jeweils 3 Mega-Watt Leistung können 200.000 Haushalte in Shanghai mit Energie versorgen.

Energie als Ware

Verschiedenste Faktoren bestimmen die Preisentwicklung


5.9.2008
Die steigenden Preise für Strom wie auch Öl sorgen immer wieder für Ärger. Aber wie gestaltet sich eigentlich die Preisentwicklung auf dem Markt der Energien? Wer nimmt Einfluss, was passiert an der Strombörse in Leipzig und müssen wir künftig mit stetigen Preiszunahmen rechnen?

Experten sehen die Lösung des Problems steigender Strompreise auch beim Verbraucher. Indem Nachfragespitzen beim Strom duch den gezielten Einsatz z.B. von Haushaltsgeräten vermieden werden, bleiben die Preise an der Leipziger Strombörse niedrig.Experten sehen die Lösung des Problems steigender Strompreise auch beim Verbraucher. Indem Nachfragespitzen beim Strom duch den gezielten Einsatz z.B. von Haushaltsgeräten vermieden werden, bleiben die Preise an der Leipziger Strombörse niedrig. (© AP)
Deutschland, mittags um zwölf. Bundesweit laufen jetzt gerade Herdplatten heiß. Die Fabriken arbeiten auf Hochtouren, Computer sind angeschaltet, Waschmaschinen rotieren. Und bei der Strombörse in Leipzig gehen die Preise hoch.

In dem unscheinbaren Handelsraum der Börse, der European Energy Exchange (EEX), können die Händler genau nachvollziehen, wann die Deutschen wie viel Strom nachfragen. Sie können sehen, wann Heiligabend republikweit die Christbaumbeleuchtung angeschaltet wird. Sie sehen die Halbzeitpause im Fußballspiel, wenn sich in Stadt und Land die Kühlschränke öffnen. Immer dann geht der Verbrauch rauf – und der Strompreis auch. Sie sehen aber auch, wenn der Wind nachts bläst, und Strom plötzlich so gut wie nichts mehr kostet, weil plötzlich mehr als genug davon vorhanden ist.

Zugleich ist der Strompreis extrem sprunghaft. Denn Strom lässt sich kaum lagern, das unterscheidet ihn von allen anderen Gütern. Weil immer so viel Elektrizität erzeugt werden muss, wie aus irgendwelchen Steckdosen fließt, ist der Fluss zwischen Kraftwerken und Verbrauchern ein ständiges Auf und Ab. Und der Preis ist es auch.

Was genau passiert da? Warum wird Strom tendenziell immer teurer? Und was hat das mit den großen Energiekonzernen zu tun? Vielleicht hilft eine Reise zu den Ursprüngen der Elektrizität, in die Kraftwerke. Die holen ihren Strom aus unterschiedlichen Quellen, zu unterschiedlichen Preisen. Da gibt es die Windräder, die nur Wind brauchen. Es gibt Kernkraftwerke, die sind größtenteils abgeschrieben und deshalb günstig. Es gibt große Kohlekraftwerke und welche, die Gas und Öl verbrennen, die teuersten Brennstoffe in deutschen Kraftwerkskesseln. Kurz: Es gibt teuer und billig.

Zugeschaltet wird, wenn es sich rechnet



Deutschland, mittags um zwölf. An der Strombörse klettert der Preis. Wer daran verdienen kann, schaltet jetzt sein Kraftwerk zu – wenn sich das rechnet. Beispiel Gas: Gaskraftwerke sind flexibel, wie eine Glühbirne kann man sie schnell an- und wieder abschalten. Aber Gas ist auch teuer. Also werden die Kraftwerke erst zugeschaltet, wenn der Strompreis eine bestimmte Schwelle überschritten hat, ansonsten würde das Kraftwerk ja Verluste machen. Umgekehrt gilt damit: Den Strompreis bestimmt immer das letzte zugeschaltete Kraftwerk. Ökonomen nennen seine Kosten die "Grenzkosten".

In der Theorie würden erst alle anderen Kraftwerke angeschaltet, die billigeren. Da liefen zuerst Windräder oder Kernkraftwerke – reicht nicht, Preis steigt. Dann liefen alle verfügbaren Kohlekraftwerke, reicht auch nicht, Preis steigt weiter. Dann schließlich würden die Gaskraftwerke hinzukommen.

Ein Honda Civic Hybrid: Die Hybridtechnologie hilft nicht nur beim Benzinsparen. Der Hybridmotor kann auch wie ein Akku zum Speichern von Strom genutzt werden.Ein Honda Civic Hybrid: Die Hybridtechnologie hilft nicht nur beim Benzinsparen. Der Hybridmotor kann auch wie ein Akku zum Speichern von Strom genutzt werden. (© AP)
Aber nicht nur die Brennstoffe, auch der Klimaschutz hat in dieser Logik seinen Einfluss auf den Preis. Schließlich müssen die Stromerzeuger seit 2005 so genannte Emissionsrechte besitzen, wenn sie Strom erzeugen wollen. Das betrifft vor allem Kraftwerke, die Braun- und Steinkohle verbrennen. Sie bleiben nur solange am Netz, wie der Strompreis hoch genug ist, um den Betrieb des Kraftwerks plus die nötige Kohle plus die Emissionsrechte zu finanzieren. Und weil diese Emissionsrechte in der Europäischen Union (EU) von Jahr zu Jahr knapper werden, steigt auch ihr Preis – und der des Stroms. Auf der anderen Seite sorgen erneuerbare Energien für Entspannung. Je mehr Strom sie in das deutsche Netz einspeisen, desto weniger teure Kraftwerke müssen arbeiten – also sinkt der Strompreis.

Der Strompreis wird an der Leipziger Börse gemacht



Im Ergebnis verdienen die vier großen deutschen Stromkonzerne an ihrem günstigsten Strom. E.on, RWE, EnBW und Vattenfall Europe können in abgeschriebenen Kernkraftwerken relativ preisgünstig produzieren, den Strom aber teuer über die Börse verkaufen. Das allerdings weckte auch immer wieder den Verdacht der Manipulation. Schließlich könnten die Unternehmen gezielt Kraftwerke aus dem Markt nehmen, um den Strom knapper zu machen und so den Preis zu treiben. Bewiesen freilich wurde dieser Verdacht nie. Inzwischen geben die großen Erzeuger auch Daten ihrer einzelnen Kraftwerke heraus. Sie legen dar, welches Kraftwerk wann Strom erzeugt und welches vielleicht wegen einer Überprüfung stillsteht.

Aus der Kritik sind sie damit allerdings noch lange nicht. Zum einen wird nur rund ein Sechstel des deutschen Stroms über die Leipziger Strombörse EEX gehandelt – und trotzdem ist dieser Preis Richtschnur für alle Stromverträge: zwischen Erzeugern und Industrie, zwischen Erzeugern und Stadtwerken, die oft ihren Strom zukaufen müssen. Damit gilt der Börsenpreis letztlich für alle deutschen Haushalte. Gleichzeitig vereinen die vier großen Stromkonzerne 80 Prozent aller Kraftwerks-Kapazitäten auf sich, obendrein betreiben sie auch noch das komplette deutsche Hochspannungsnetz. Das sorgt für Misstrauen. Die EU-Kommission hegt den Verdacht, die Konzerne könnten sich absprechen. Politiker schärfen die Rechte des Bundeskartellamtes, manche fordern gar, die großen Konzerne zum Verkauf von Kraftwerken zu zwingen.

In der Tat könnte mehr Strom von dritten Anbietern dem deutschen Markt helfen. Angelockt von den hohen Strompreisen planen vor allem im Norden und Westen der Republik auch Unternehmen jenseits der großen vier Stromkonzerne neue Kraftwerke, so zum Beispiel der Stadtwerke-Verbund Trianel, die belgische Electrabel, Russlands Gazprom oder die dänische Dong Energy. Dass deshalb aber die Strompreise sinken, ist eher unwahrscheinlich. Denn die neuen Kraftwerke sind teure Kraftwerke, sie werden nur bei ausreichend hohen Strompreisen zum Einsatz kommen. Und während der deutsche Kraftwerkspark in die Jahre kommt, sagen immer mehr Firmen ihre Neubau-Projekte ab. Mal scheitern sie am Widerstand von Bürgerinitiativen, mal haben sie Angst vor strengen Klimaschutz-Vorgaben, mal ist ihnen ihr Kraftwerk schlicht zu teuer geworden: Hohe Stahlpreise haben schon manche Kalkulation über den Haufen geworfen.

Rohstoffe werden rar, die Preise klettern



Die Auswirkungen auf die Stromkunden sind nicht günstig. Fehlen die neuen Kraftwerke, fehlt auch der Wettbewerb zwischen den Erzeugern. Auch bleiben dann alte, wenig effiziente Kraftwerke länger am Netz, die zu allem Überfluss viel Kohlendioxid in die Luft blasen. Damit aber müssen die Erzeuger entsprechend viel für den Emissionshandel ausgeben – und der Strompreis bleibt hoch. Kohle, Gas, selbst Uran sind inzwischen teils um ein Vielfaches teurer als noch vor wenigen Jahren. Sinkende Strompreise jedenfalls zeichnen sich nicht ab.

Auch der Ölpreis hat inzwischen alle Prognosen weit übertroffen, regelmäßig stellt er Rekorde ein. Wo er enden wird, weiß derzeit kein Mensch. Vor allem der wachsende Energiehunger in den Boomländern Asiens hält die Nachfrage hoch, damit auch den Preis.

Entscheidend für die weitere Entwicklung des Ölpreises sind inzwischen zwei Fragen, eine kurzfristige, eine langfristige. Auf kurze Sicht fragt sich, wie lange die Weltwirtschaft im derzeitigen Tempo wächst, wie lange also für jeden Tropfen Öl solch eine Nachfrage besteht wie derzeit. In den vergangenen Jahren konnten Händler relativ gefahrlos auf steigende Preise wetten. Öl lässt sich gut lagern und hat eine treue Kundschaft. Verlieren aber Spekulanten die Hoffnung auf steigende Ölpreise, könnte der Preis schnell fallen – die Erwartung weiter fallender Preise führt dann in eine Spirale nach unten. Niemand will ein Gut lange besitzen, das rasch an Wert verlieren könnte. Wie groß der "spekulative" Anteil am Ölpreis ist, vermag jedoch niemand zu sagen. Schätzungen liegen mal bei 20 bis 30 Dollar, mal sogar darüber.

Wichtiger noch ist die langfristige Frage. Wann hat das Erdöl seinen Gipfel erreicht? Wann ist der Tag, ab dem die globale Erdölförderung zurückgeht, weil sich die erschlossenen oder leicht erschließbaren Vorräte dem Ende zuneigen? Und: Lassen sich darüber hinaus noch Ölmengen wirtschaftlich fördern, also zu einem Preis, den Verbraucher auch zu zahlen bereit sind? Wann dieser Punkt erreicht sein wird, ist seit fast hundert Jahren Gegenstand heftiger Spekulationen. Bislang aber wurden alle Weltuntergansszenarien regelmäßig von der Realität überholt. Auch lohnen sich mit steigenden Ölpreisen plötzlich Fördermethoden, die noch vor wenigen Jahren als unrentabel galten – sodass die Ölreserven regelmäßig nach oben korrigiert werden. So teuer wie heute allerdings war Öl noch nie. Und damit auch Erdgas, dessen Preis meist an den des Öls gekoppelt ist.

Am Ende sind auch die Stromkunden gefragt



Deutschland, mittags um zwölf, im Jahr 2025. Überall gehen die Herdplatten an, aber der Strompreis steigt sachte. In Nord- und Ostsee weht eine steife Brise, der Strom schwemmt ins Land. Die Waschmaschine steht still, sie wartet auf einen günstigeren Strompreis an der Börse. Das Hybrid-Auto parkt am Stromdock, seine Batterie entlädt sich gerade und sorgt so für zusätzliches Stromangebot. Später, wenn die Nachfrage fällt und damit der Strompreis, wird es sich wieder aufladen.

Eine Vision nur. Aber Experten sehen die Lösung des Problems zunehmend auch bei den Stromkunden, nicht mehr nur bei Kraftwerken oder Strombörse. Lässt sich der Verbrauch besser steuern, etwa durch intelligente Stromzähler und durch Hausgeräte, die nur in Zeiten billigen Stroms laufen, dann bräuchte es auch weniger Kraftwerke. Ließe sich noch weit mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen, würde das Land auch unabhängiger von teuren Brennstoffen, außerdem kämen weitere Stromerzeuger auf den Markt – mehr als nur vier. Und ließe sich dann noch Strom speichern, etwa durch ein Netz von Hybrid-Fahrzeugen, die beim Parken Strom aufnehmen oder abgeben, dann könnte sich manches Energiepreis-Problem über Nacht erledigen. Das ist das Gute jeder Krise, und sei es eine Versorgungskrise: Es liegt eine riesige Chance darin.


 

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