Ein Dorf schafft die Wende
In Jühnde setzt man auf Biomasse als Energieträger
Als erster Ort in Deutschland bezieht Jühnde seit 2005 in Eigenregie Energie aus Biomasse – erfolgreich. Die Biogasanlage produziert Strom im Überfluss und versorgt die Häuser mit Wärme und Heißwasser. Doch die ersten Schritte hin zur Energiewende waren nicht immer einfach.
Seit 2005 versorgt die Biogasanlage die Bürger Jühndes mit Strom und Wärme. So sparen die Jühnder jährlich pro Kopf 3.300 Tonnen CO2 ein, ohne auf Auto, Kühlschrank oder Fernseher zu verzichten. Foto: AP (© AP)Am Rande des 700-Einwohnerdorfes steht eine Biogasanlage. Sie sorgt für Wärme und Strom. In einem runden, 3.000 Kubikmeter großen Fermenter vergärt Biomasse – Mais, Sonnenblumen, Raps – gemeinsam mit Gülle zu Ethanolgas. Das Biogas wird im angeschlossenen Blockkraftheizwerk verbrannt und erzeugt über einen Generator Strom. Zusätzlich werden über ein Nahwärme-Netz die Häuser in Jühnde mit der Abwärme des Blockkraftheizwerkes versorgt. Pro Kopf sparen die Jühnder jährlich 3.300 Tonnen CO2 ein, ohne auf Auto, Kühlschrank oder Fernseher zu verzichten.
Nun könnte man annehmen, in Jühnde leben nur überzeugte "Ökos". Weit gefehlt. Auch hier findet sich eine gemischte soziale Gemeinschaft, so dass der Umstieg auf Biomasse als Energieträger nicht nur ein technischer, sondern auch ein mühsamer politischer Prozess war. Über Monate hinweg wurde verhandelt, wurden die verschiedenen Interessen sowie Risiken abgewägt: Es gab Idealisten und Skeptiker, die Bauern, die Biomasse anbauen und verkaufen wollten, und die Einwohner, die auf günstige Energiepreise aus waren. Nach zahlreichen Anhörungen und Gesprächen fiel schließlich die Entscheidung: 70 Prozent der Jühnder machten mit, 142 von 200 Haushalten.
Die Energie eines Dorfes
Im Fermeter wird aus Biomasse und Gülle Ethanolgas. Mit dem Biogas wird anschließend Strom erzeugt. Foto: Sonja Ernst (© Sonja Ernst)Doch insgesamt mussten über fünf Millionen für die Biogasanlage und das Nahwärme-Netz aufgebracht werden. Fördergelder kamen vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, auch das Land Niedersachsen, der Landkreis Göttingen und die Gemeinde Jühnde beteiligten sich. "Damals brauchte es diese Fördergelder", so Fangmeier. Jühnde war das erste deutsche Bioenergiedorf, ein Modellprojekt ohne Vorläufer.
"Doch den Rucksack trägt das Dorf", meint Fangmeier. Denn die Fördergelder in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro reichten nicht aus; ebenso wenig das Eigenkapital einiger Jühnder, immerhin eine halbe Million, das in die Genossenschaft investiert wurde. Kredite in Höhe von 3,5 Millionen Euro waren nötig, die die Betriebsgenossenschaft aufnahm. Die Biogasanlage muss also rentabel laufen und Gewinne erwirtschaften.
Strom im Überfluss
Eckard Fangmeier, Vorstand und Sprecher der Betriebsgenossenschaft Jühnde: "Mit Bioenergie kann das Energieproblem der Welt zwar nicht gelöst werden, aber sie ist ein Schritt in die richtige Richtung." (© Sonja Ernst)Auch die Versorgung mit Wärme läuft stabil. Mit der Abwärme aus dem Blockkraftheizwerk wird Wasser erhitzt, das über ein unterirdisches Leitungssystem direkt in die Häuser gelangt für Warmwasser und Heizung. In ihren Häusern übernahmen die Jühnder dafür selbst das Kommando: Der alte Ölkessel flog raus und eine so genannte Übernahmestation kam rein, die mit einem Wasserbehälter verbunden ist.
Beim Warmwasser und der Heizung liegt der Kostengewinn für die Jühnder. Denn die Preise liegen deutlich unter den aktuellen Öl- und Gaspreisen. Sie sind zwar nicht garantiert und falls Biomasse teurer werden sollte, müssen auch die Jühnder mehr zahlen, doch voraussichtlich nicht so viel wie für Öl und Gas.
Die Bakterien brauchen die richtige Temperatur
Um die Energieversorgung zu sichern, braucht es ordentlich Biomasse und frische Gülle, die von den Landwirten in und um Jühnde geliefert wird. 2007 wurden 10.000 Tonnen Biomasse und 9.000 Kubikmeter Gülle verbraucht. Beides wird dem Fermenter zugeführt; vier Rührwerke halten im Gär-Tank die Masse in ständiger Bewegung.
"Im Fermenter herrschen quasi Urbedingungen", so Fangmeier. Gülle enthält Methanbakterien, die den Biobrei zersetzen und damit Methan freisetzen, sprich Biogas. Dafür brauchen die Bakterien die richtige Temperatur von etwa 38 bis 40 Grad. Im Sommer reichen dafür die üblichen Wärmegrade, im Winter wird der Fermenter mit Abwärme aus dem Blockkraftheizwerk mitversorgt.
In den kalten Monaten, wenn die Biomasse des letzten Jahres aufgebraucht und die neue Ernte noch auf dem Feld steht, kann auch der Nachschub für die Biogasanlage schon mal knapp werden. An die Biogasanlage ist deshalb ein Holzhackschnitze-Heizwerk angeschlossen, in dem Restholz verbrannt wird, das aus den umliegenden Wäldern stammt. Für einen dramatischen Kälteeinbruch oder auch für den Ausfall der Biogasanlage steht noch ein Ölheizkraftwerk bereit, das bislang nur in Ausnahmefällen zugeschaltet wurde.
Die Felder als Energiekammern?
Ein Vorteil der Erzeugung von Energie durch Biomasse ist die so genannte "Grundlastfähigkeit". Anders als bei Wind- oder Solarenergie kann Energie aus Biomasse ohne Unterbrechung produziert werden, es braucht nur Nachschub an Pflanzen. "Biomasse ist nichts anderes als gespeicherte Sonnenenergie, die zeitlich unabhängig eingesetzt werden kann", so Uwe R. Fritsche vom Öko-Institut, Büro Darmstadt.
Im Landkreis Göttingen finden sich mittlerweile 10 weitere Energie-Projekte, die auf Biomasse basieren, und nochmal 20 bis 30 Initiativen im übrigen Deutschland. "Der ländliche Raum ist natürlich prädestiniert. Da fällt die Biomasse an", sagt Fritsche, der den Bereich Energie und Klimaschutz koordiniert; Biomasse als Energiesystem zählt zu seinen Arbeitsgebieten.
Biomasse sind einerseits Rest- und Abfallstoffe, wie Restholz, Fäkalien oder Essensabfälle sowie andererseits Energiepflanzen wie Mais, Raps und Sonnenblumen, die angebaut werden müssen. "Die entscheidende Frage ist hierbei natürlich, wie viel Fläche hat man?", so Fritsche. Um Konkurrenzen auszuschließen, muss ausreichend Anbaufläche für die Nahrungsmittelproduktion bleiben, ebenso braucht es bewaldete Flächen und solche für den Naturschutz. "Wenn man aber berücksichtigt, dass ein effizienterer Anbau möglich und ein demographischer Rückgang in Deutschland festzustellen ist, dann ergeben sich 3 bis 4 Millionen Hektar, die man nicht mehr braucht." Auf dieser Fläche sei der Anbau von Biomasse möglich, um 10 Prozent des aktuellen Energiebedarfs zu decken; 15 bis 18 Prozent wenn man optimistisch rechne.
Zurzeit trägt Biomasse rund 4 Prozent zum deutschen Energiemix bei. "Diesen Anteil kann man schon in kurzer Zeit leicht verdoppeln", meint Fritsche. Aktuell werden nur 15 Prozent der Gülle genutzt, ebenso werden organische Abfallstoffe nur in geringem Maße eingesetzt. Energiemodelle wie in Jühnde seien nicht auf ländliche Gebiete begrenzt, auch für Städte sieht Fritsche eine Chance. Grünschnitt, Fäkalien und weitere organische Abfälle könnten für Wärme- und Stromerzeugung sehr viel umfangreicher eingesetzt werden. Ebenso seien größere Biogasanlagen auf dem Land denkbar: Die dort erzeugte Elektrizität wird in das Stromnetz eingespeist und die Wärme über ein Fernwärmenetz in nahe gelegene Städte transportiert oder das Biogas wird aufbereitet und in das Gasnetz eingespeist.
Energie-Tourismus in Jühnde
Doch vorerst bleibt Jühnde eher die Ausnahme und ist mittlerweile zur Energie-Attraktion geworden. In den ersten Jahren kamen täglich busweise Fachleute und Laien, die das autarke Dorf betrachten wollten. Mittlerweile hat der Besucherstrom abgenommen, abgerissen ist er noch lange nicht. Auch aus Japan, Thailand und den USA kamen und kommen Besucher. "Wir sind zum Aushängeschild im Bereich ländliche Bioenergienutzung für Deutschland geworden", so Fangmeier.
Das primäre Ziel war die Wärmeversorgung für das Dorf zu erwirtschaften und, dass die Anlage rentabel läuft. Das sei gelungen, meint Fangmeier. Ist das Dorf Jühnde also eine Antwort auf eine drohende Energiekrise? Der Physiker sieht in Jühnde zwar einen Baustein für sichere und klimafreundliche Energieversorgung. "Allein mit Bioenergiedörfern können wir unsere Energieproblem auf der Welt nicht lösen. Aber bei uns selbst anzufangen und Lösungsbeiträge zu liefern, ist der richtige Ansatz", so Fangmeier.
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