Offshore-Windpark nahe Shanghai. Die 102 Mega-Watt Offshore-Anlage wurde Mitte 2010 fertiggestellt und ist die größte in ganz Asien. Die 34 Windturbinen mit jeweils 3 Mega-Watt Leistung können 200.000 Haushalte in Shanghai mit Energie versorgen.

Dynamik auf dem Strommarkt hat zugenommen

Fünf Fragen an Hildegard Müller


18.5.2009
Wir haben auf dem deutschen Strommarkt einen intensiven Wettbewerb, sagt Hildegard Müller vom BDEW. In Deutschland herrsche ein Wettbewerb zwischen rund 1.100 Stromunternehmen und jeder Haushalt könne seinen Lieferanten frei wählen.

Hildegard MüllerHildegard Müller (© Hildegard Müller)
Auf dem deutschen Strommarkt gibt es vier große Versorgungsunternehmen: EnBW, E.on, Vattenfall und RWE. Brauchen wir mehr Wettbewerb?

Wir haben auf dem deutschen Strommarkt einen intensiven Wettbewerb. Rund 150 neue Stromanbieter sind heute aktiv. In Deutschland herrscht seit 1998 Wettbewerb zwischen rund 1100 Stromunternehmen – jeder Haushalt kann seinen Lieferanten frei wählen. Die Stromkunden nutzen diesen Wettbewerb und entscheiden sich immer häufiger für neue Tarife und Produkte: Seit Beginn der Liberalisierung im Jahr 1998 haben 62 Prozent der Privathaushalte entweder einen neuen Stromtarif ihres alten Stromversorgers oder einen neuen Stromversorger gewählt. Das sind elf Prozentpunkte mehr als noch zum Jahresende 2007. Der von der Liberalisierung ausgelöste Wettbewerb hat neue Anbieter angezogen, die Dynamik auf dem Strommarkt hat deutlich zugenommen. Große internationale Konzerne gehören ebenso zu den Marktteilnehmern wie regionale Energieversorger, Stadtwerke, Stromhändler, neue Stromanbieter oder reine Ökostrom-Anbieter. Diese Dynamik schlägt sich auch in den Investitionszahlen der Branche nieder. In diesem Jahr wird mit gut 9 Milliarden Euro fast drei Mal so viel für neue Erzeugungsanlagen und Stromnetze ausgegeben wie im Jahr 2000.

In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Erhöhungen des Strompreises. Ist diese Preissteigerung gerechtfertigt?

Seit der Liberalisierung bilden sich die Strompreise aufgrund von Angebot und Nachfrage am Markt. Und der Markt, auf dem das passiert, ist die Strombörse in Leipzig. Dort kaufen die Unternehmen auf eine Frist von teilweise bis zu zwei Jahren im Voraus den Strom ein, den sie aufgrund ihrer Prognosen benötigen werden. Sie tun dieses, um nicht von kurzfristigen Schwankungen abhängig zu sein. Die Strombörse in Leipzig wiederum ist nicht frei von den Entwicklungen auf den internationalen Energiemärkten. Dort sind die Preise beispielsweise für Öl und Kohle aufgrund der starken Nachfrage insbesondere aus China, Indien und Brasilien in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Dieses hat auch die Großhandelspreise für Strom an den europäischen Strombörsen und damit auch in Deutschland kräftig nach oben getrieben. Weil aber Öl und Kohle inzwischen wieder billiger geworden sind, werden wahrscheinlich auch die Strompreise wieder sinken. Vergessen darf man auch nicht, dass Steuern und Abgaben inzwischen 40 Prozent des Strompreises in Deutschland ausmachen. Ohne diese Belastungen läge der Strompreis heute auf dem Niveau von 1998.

Um für mehr Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt zu sorgen, wird – auch aus Brüssel – gefordert, den Betrieb von Kraftwerken und Netzen nicht nur organisatorisch, sondern auch eigentumsrechtlich zu trennen. Wie bewerten Sie diese Forderung?

Die eigentumsrechtliche Entflechtung der Übertragungs- und Fernleitungsnetze stellt einen unverhältnismäßigen und ungerechtfertigten Eingriff in das Eigentumsrecht der Unternehmen dar. Die erwünschte Wirkung des diskriminierungsfreien Netzzugangs kann auch durch die in allen EU-Staaten praktizierte Regulierung erreicht werden. Mehrere Staaten haben darauf hingewiesen, dass es bisher keine belastbaren Erkenntnisse über Vorteile der eigentumsrechtlichen Entflechtung zum Beispiel im Hinblick auf die Strompreise gebe. Deutschland, Frankreich, Österreich, aber auch Bulgarien, Lettland, Griechenland, Slowakei und Luxemburg haben die Vorschläge der Kommission zur eigentumsrechtlichen Entflechtung zu Recht abgelehnt.

Als Lösung für die Trennung von Kraftwerksbetrieb und Netz wurde unter anderem eine Netz AG vorgeschlagen. In dieser AG sollten die Netze der vier überregionalen Stromversorger zusammengeführt werden und sie sollte als unabhängiger Betreiber agieren. E.on und Vattenfall gehen nun einen anderen Weg, sie wollen ihr Hochspannungsnetz verkaufen. Ist die Netz AG damit hinfällig? Wie könnte eine andere Lösung aussehen?

Entscheidend für den Energiemarkt ist eine effiziente Regulierung der Netze und nicht die Frage, wer Eigentümer dieser Netze ist. Und die Regulierung in Deutschland funktioniert sehr gut. Sie sorgt für einen diskriminierungsfreien Netzzugang und eine diskriminierungs-freie Nutzung. Dazu muss Regulierung auch Sorge dafür tragen, dass für Unternehmen Investitionen zum Erhalt sowie notwendigen Aus- und Umbau des Netzes möglich sind.

Bislang gibt es keinen integrierten EU-Binnenmarkt für Strom. Ist solch eine Integration wünschenswert, und würde sie für mehr Wettbewerb sorgen?

Die Energiewirtschaft in Deutschland setzt sich aktiv für ein Zusammenwachsen der bislang überwiegend nationalstaatlich ausgerichteten Märkte für leitungsgebundene Energien zu einem einheitlichen europäischen Markt ein. Denn ein funktionierender, liberalisierter, europäischer Energiemarkt bietet die besten Chancen, die Ziele, welche die EU-Kommission mit ihrem dritten Binnenmarktpaket verbindet, zu erreichen: wettbewerbsfähige Preise, hohe Versorgungssicherheit und hohe Klima- und Umweltstandards. Dass sich aktuell in einem ersten Schritt Betroffene aus mehreren Mitgliedsstaaten zu grenzüberschreitenden Regionalmärkten zusammenfinden, so wie es in Nordwesteuropa schon geschehen ist, ist ein notwendiger Zwischenschritt, um diese Ziele zu erreichen. Die Kopplung der Strom- und Gasmärkte in Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg hat Modellcharakter.

Zum ursprünglichen Beitrag von Eberhard Meller, ehemaliger Hauptgeschäftsführer des BDEW


 

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