Anteil der Erneuerbaren Energien an der Energieversorgung steigern
Sechs Fragen an Björn Klusmann
Die vollständige Umstellung auf Sonne, Wind, Wasser, Bioenergie und Geothermie wird noch in diesem Jahrhundert kommen, glaubt Björn Klusmann, Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbare Energie e.V.Deutschland ist Vorreiter bei der Nutzung erneuerbarer Energien. 2007 trugen die Erneuerbaren 6,6 Prozent zum gesamten Primärenergieverbrauch bei. Um wie viel kann dieser Anteil noch gesteigert werden?
Der Anteil Erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch lag im vergangenen Jahr mit 8,6 Prozent sogar noch deutlich höher. Zur Stromversorgung tragen die Erneuerbaren Energien schon jetzt mehr als 15 Prozent bei, zur Wärmeversorgung derzeit 6,5 Prozent und im Mobilitätssektor etwa 7 Prozent. Langfristig können und müssen wir die Energieversorgung vollständig auf Erneuerbare Energien umstellen. Alle anderen Energieträger sind endlich. Es wäre gegenüber kommenden Generationen unverantwortlich, Öl, Gas, Kohle und Uran zu verbrauchen, ohne bereits jetzt den Ausbau Erneuerbarer Energien voranzutreiben. Die vollständige Umstellung auf Sonne, Wind, Wasser, Bioenergie und Geothermie wird noch in diesem Jahrhundert kommen. Noch vor 2050 werden wir bereits unseren gesamten Stromverbrauch aus diesen unendlich lange verfügbaren Energieträgern decken können.
Ist ein weitreichender Umstieg auf erneuerbare Energien, bei Beibehaltung des Ausstiegs aus der Atomenergie, möglich? Und zwar ohne große Preisschübe im Energiesektor?
Es wäre sogar kontraproduktiv, die Atomkraft länger als vereinbart zu nutzen. Der Ausbau Erneuerbarer Energien im Stromsektor geht deutlich schneller voran als der Ausstieg aus der Atomenergie. Der wegfallende Atomstrom wird mehr als kompensiert. Außerdem ist der Ausstieg Teil der Investitionsbedingungen für unsere Unternehmen. Unter diesen Bedingungen haben wir entschieden, bis 2020 mehr als 200 Milliarden Euro in Erneuerbare Energien zu investieren. Wer den Atomausstieg ständig in Frage stellt, verunsichert damit auch die Investoren unserer Branche.
Dass Atomkraft günstige Strompreise garantiert, ist im Übrigen ein Märchen. Heute steigen die Strompreise, obwohl die Atomkraft noch am Netz ist. Der Strompreis an der Börse wird vom teuersten Kraftwerk bestimmt. Wenn Konzerne abgeschriebene Atomkraftwerke betreiben, senkt das nicht den Strompreis, sondern steigert den Gewinn. Darauf zu hoffen, dass diese Zusatzgewinne an die Verbraucher oder den Staat abgegeben werden, wie dies einige Politiker derzeit vorschlagen, ist vollkommen naiv.
Seit 2000 fördert das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) regenerative Energien. Wie bewerten Sie dieses Gesetz, und wie wichtig ist die Förderung regenerativer Energien?
Das EEG ist das zentrale Förderinstrument für Wind, Wasser, Sonne, Bioenergie und Geothermie im Stromsektor. Es garantiert verlässliche Investitionsbedingungen für Kraftwerke, die ansonsten derzeit noch keine Chance hätten. Weil der Preis für fossile Energieträger die Kosten für Umweltschäden nicht ausreichend widerspiegelt, sind Erneuerbare Energien heute teilweise noch etwas teurer als die so genannten konventionellen Energien. Das EEG gleicht dies aus, indem es feste Einspeisetarife für Strom aus Erneuerbaren Energien garantiert. Trotzdem ist das Gesetz keine Dauersubvention. Die Vergütungssätze für neue Anlagen sinken von Jahr zu Jahr. Das zwingt die Anlagenhersteller, in jedem Jahr etwas kostengünstiger zu produzieren. Solch strenge Effizienzvorgaben gibt es für keine andere Branche. Schon heute kostet Windstrom nur noch halb so viel wie noch Anfang der 1990er Jahre. Der Mix aus allen Erneuerbaren Energien wird noch vor 2020 günstiger sein als der fossile Rest der Stromproduktion.
Sollte neben den erneuerbaren Energien verstärkt auch eine effizientere und umweltschonendere Ausbeute fossiler Brennstoffe gefördert werden?
Wir haben das Ziel, möglichst schnell den Anteil der Erneuerbaren Energien an der Energieversorgung zu steigern. Dies geht umso schneller, je weniger Energie insgesamt verbraucht wird. Aus diesem Grund setzen wir uns sehr für wirksame Effizienzmaßnahmen ein. Aus unserer Sicht müssen der Ausbau Erneuerbarer Energien und Effizienz Hand in Hand gehen. Leider werden die Ansätze beim Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz nicht optimal verzahnt. Wer sein Haus besser dämmt, wird von der Pflicht zum Einsatz Erneuerbarer Energien befreit. Dies verhindert die notwendige Kombination beider Ansätze.
Zurzeit gewinnt Biomasse an Bedeutung. Wie viel Potential steckt in der Biomasse als Energielieferant?
Die Bioenergie ist derzeit der Erneuerbare Energieträger, der am meisten zur Energieproduktion beiträgt. Im Wärme- und im Mobilitätssektor sind Holz und Energiepflanzen die Hauptträger des Beitrages Erneuerbarer Energien. Dies wird in der öffentlichen Diskussion, die häufig sehr auf den Stromsektor verengt ist, leider übersehen. Aus unserer Sicht ist es möglich, auf 25 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Energie zu produzieren. Früher, als noch Zugtiere eingesetzt wurden, wurde sogar auf mehr als 30 Prozent der Fläche Kraftstoff für Pferde und Ochsen angebaut. Langfristig wird die Bioenergie in Deutschland mindestens 25 Prozent des Energieverbrauchs abdecken.
Weltweit wächst die Nutzung und auch das Interesse an erneuerbaren Energien. Welchen Vorteil kann Deutschland als Industriestandort aus dem Wissensvorsprung bei der Entwicklung der erneuerbaren Energien ziehen?
Unsere Wirtschaft profitiert schon in hohem Maße von dem Effekt, den wir "Pionierrendite" nennen. Weil hierzulande frühzeitig auf den Ausbau Erneuerbarer Energien gesetzt wurde, sind Unternehmen aus Deutschland in vielen Teilbereichen der Branche technologisch weltweit führend. Im vergangenen Jahr wurden bereits Anlagen im Wert von mehr als 8,5 Milliarden Euro aus Deutschland exportiert. Der Exportanteil an unserem Gesamtumsatz wächst rasant. Während heute 250.000 Menschen in unserer Branche arbeiten, werden es 2020 mehr als 500.000 sein. Grund hierfür ist auch der schnell wachsende Exportanteil. Die Zukunftsaussichten sind bestens. Während 2006 weltweit noch rund 60 Milliarden Euro in Anlagen zur Nutzung Erneuerbarer Energien investiert wurden, wird dieses Weltmarktvolumen bis 2020 auf mehr als 400 Milliarden Euro explodieren.
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