Offshore-Windpark nahe Shanghai. Die 102 Mega-Watt Offshore-Anlage wurde Mitte 2010 fertiggestellt und ist die größte in ganz Asien. Die 34 Windturbinen mit jeweils 3 Mega-Watt Leistung können 200.000 Haushalte in Shanghai mit Energie versorgen.

Energieeffizienz fängt bereits bei der Erschließung und Förderung von Energievorkommen an

Sechs Fragen an Jörg Adolf


17.11.2008
Bislang konnten nur 30 bis 40 Prozent des Erdöls aus Erdöl-Lagerstätten gefördert werden; mit neuen Fördertechnologien kann die Ausbeute verdoppelt werden, so Jörg Adolf, Chefvolkswirt der Shell Deutschland Oil GmbH.

Jörg AdolfJörg Adolf
Deutschland ist Vorreiter bei der Nutzung erneuerbarer Energien. 2007 trugen die Erneuerbaren 6,6 Prozent zum gesamten Primärenergieverbrauch bei. Um wie viel kann dieser Anteil noch gesteigert werden?

Wirtschaft und Politik haben in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, den Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch zu steigern. Dabei konnten zuletzt beachtliche Fortschritte erzielt werden; zum Beispiel machten Biokraftstoffe im vergangenen Jahr bereits 7,6 Prozent am gesamten Kraftstoff-Absatz in Deutschland aus; damit liegt Deutschland weit über dem EU-Durchschnitt.

Im internationalen Vergleich ist das Potenzial für erneuerbare Energien in Deutschland aber eher unterdurchschnittlich. Während Erneuerbare weniger als 10 Prozent zum Endenergieverbrauch in Deutschland beitragen, sind es – dank Wasserkraft - zum Beispiel in Österreich über 20 Prozent und in Schweden fast 40 Prozent. Um so mehr kommt es darauf an, bestehende erneuerbare Technologien weiter zu entwickeln und neue zur Anwendungsreife zu bringen. Hier leistet Shell zum Beispiel wichtige Beiträge, um heutige Biokraftstoffe nachhaltiger zu machen, oder Biokraftstoffe zweiter Generation auf den Markt zu bringen.

Ist ein weitreichender Umstieg auf erneuerbare Energien, bei Beibehaltung des Ausstiegs aus der Atomenergie, möglich? Und zwar ohne große Preisschübe im Energiesektor?

Wir haben gesehen, dass der Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland wächst, aber auch bei starkem Anstieg wird er weiterhin unterdurchschnittlich bleiben. Deutschland wird also auch in Zukunft auf einen ausgewogenen, breiten Energie-Mix angewiesen sein. Mit Blick auf den Klimaschutz kommt hierbei CO2-armen und -freien Energietechnologien – wie Erdgas, erneuerbare Energien oder eben Atomkraft – große Bedeutung zu.

Darüber hinaus muss man auch die globalen Entwicklungen beachten: Die weltweite Energienachfrage wird weiter wachsen; bis zum Jahre 2050 halten wir eine Verdoppelung für möglich. Für eine wirtschaftliche, sichere und nachhaltige Energieversorgung können wir auch hier auf keine Alternative verzichten. Dabei verzeichnen wir eine zunehmende Umstellung auf erneuerbare Energien; bis 2050 rechnen wir mit einem erneuerbaren Anteil von einem Drittel. Das heißt aber auch, dass selbst zur Mitte des Jahrhunderts noch immer rund 60 Prozent der Energieversorgung weltweit auf Erdöl, Erdgas und Kohle basieren wird.

Seit 2000 fördert das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) regenerative Energien. Wie bewerten Sie dieses Gesetz, und wie wichtig ist die Förderung regenerativer Energien?

Shell tritt ein für Wettbewerb und Marktwirtschaft; von daher müssen sich aus unserer Sicht alle Energietechnologien langfristig am Markt ohne staatliche Unterstützung behaupten können. Gleichwohl sehen wir die Notwendigkeit, junge, noch in der Entwicklung befindliche Technologien in der Entwicklungs- und Markteinführungsphase zu unterstützen.

Immer wichtiger wird in Zukunft jedoch das Thema CO2-Emissionen sein. Für erneuerbare Energieträger heißt das, die jeweiligen CO2-Vermeidungskosten und -beiträge müssen berücksichtigt werden – zum Beispiel Energieträger, die für das gleiche Geld mehr CO2-Einsparung liefern, müssen stärker gefördert werden.

Das deutsche EEG ist ein Instrument, neue Energie-Technologien bei der Einführung in den Strommarkt staatlich zu fördern. Und es hat sich als sehr effektiv erwiesen. Mittelfristig muss das EEG jedoch auf eine breitere europäische Basis gestellt und der fortgeschrittenen Marktreife erneuerbarer Energieträger stärker Rechnung getragen werden.

Sollte neben den erneuerbaren Energien verstärkt auch eine effizientere und umweltschonendere Ausbeute fossiler Brennstoffe gefördert werden?

Wir sehen grundsätzlich drei Wege, um zu einer nachhaltigeren Energieversorgung zu gelangen: 1) Den Anteil von erneuerbaren Energieträgern am Energie-Mix zu erhöhen. 2) Konventionelle Energieträger sauberer zu machen – zum Beispiel durch Abtrennung und unterirdische Einspeicherung von CO2 (Carbon Capture and Storage, CCS). Und 3) Energieeffizienz.

Energieeffizienz fängt bereits bei der Erschließung und Förderung von Energievorkommen an. So konnten bisher nur 30 bis 40 Prozent des Erdöls aus Erdöl-Lagerstätten gefördert werden; mit neuen Fördertechnologien kann die Ausbeute verdoppelt werden. Beim Öl entstehen 20 Prozent der CO2-Emissionen in der Vorkette, vier Fünftel der CO2-Emissionen durch Verbrauch beim Endnutzer. Deshalb müssen Energieprodukte und Energiegeräte effizienter werden. Im Bereich Verkehr bedeutet dies, effizientere Antriebs- und Fahrzeugtechnologien, aber auch sparsamere, CO2-ärmere Kraftstoffe zu entwickeln. Aus diesem Grund arbeitet Shell eng mit führenden Fahrzeugherstellern an verschiedenen Konzepten zusammen.

Zurzeit gewinnt Biomasse an Bedeutung. Wie viel Potential steckt in der Biomasse als Energielieferant?

Biomasse ist heute der wichtigste erneuerbare Energieträger mit 5,9 Prozent am Endenergieverbrauch in Deutschland. Rund zwei Drittel der gesamten Endenergie aus erneuerbaren Energiequellen werden damit durch Biomasse bereit gestellt. Allerdings wird Biomasse-Energie sehr unterschiedlich genutzt: Während bei Kraftstoffen und Wärmeenergie Biomasse fast 100 Prozent der Alternativen bereitstellt, ist es bei der Stromerzeugung nur etwa ein Drittel.

Der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Endenergieverbrauch liegt noch unter zehn Prozent und wird aber weiter steigen; hierzu wird Biomasse einen weiteren Beitrag liefern. Schätzungen über das Potenzial von Biomasse an der deutschen ebenso wie der globalen Energieversorgung gibt es reichlich; sie reichen von geringen einstelligen bis zu höheren zweistelligen Anteilswerten. Wie hoch der Anteil letztendlich sein wird, hängt nicht zuletzt von den künftigen Rahmenbedingungen ab – staatliche Vorgaben, Wirtschaftlichkeit, technologische Entwicklung, alternative Nutzungen.

Weltweit wächst die Nutzung und auch das Interesse an erneuerbaren Energien. Welchen Vorteil kann Deutschland als Industriestandort aus dem Wissensvorsprung bei der Entwicklung der erneuerbaren Energien ziehen?

Die Möglichkeiten, erneuerbare Energien in Deutschland oder Europa zu erzeugen, sind begrenzt. Dennoch gehört Deutschland mit seinem Know-how bei alternativen Energietechnologien zu den führenden Standorten weltweit – sei es in der Windkraft, sei es bei der Photovoltaik oder im Bereich biogener Kraftstoffe.

Da die globale Energieversorgung durch alternative Energietechnologien nachhaltiger und klimafreundlicher gemacht werden muss, kann sich hieraus ein wichtiger Vorteil im internationalen Wettbewerb ergeben. Das kann insbesondere dann gelingen, wenn die Energieindustrien konsequent auf Effizienz und CO2-Einsparung ausgerichtet werden. Hierfür ist etwa ein entsprechender klimapolitischer Rahmen mit einem funktionierenden Emissionshandel für Industrieanlagen essentiell. Ebenso wird es erforderlich sein, auch weiterhin offen für neue Energie-Technologien zu sein.


 

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