Afrika – die Energiewirtschaft boomt
Reich an Ressourcen, doch die Gewinne gehören wenigen
Die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen kurbelt Afrikas Wirtschaft an: Die größten unerschlossenen Reserven an Erdöl und -gas lagern auf dem Kontinent. Doch zugleich ist nur ein Fünftel der Bevölkerung an ein Stromnetz angeschlossen. Der Aufschwung mindert nicht die sozialen und politischen Spannungen.
Im Mai 2008 wurde Südafrikas erste Windkraftanlage eingeweiht. Neben der Windkraft gelten auch Wasser- und Solarenergie als ausbaufähig – in ganz Afrika. (© AP)Nur ein Fünftel der Bevölkerung des Kontinents ist an ein Stromnetz angeschlossen, weniger als irgendwo sonst auf der Welt. Afrika ist der ärmste Kontinent der Welt, aber nirgends sonst geben die Menschen einen so hohen Anteil ihrer Einkommen für Energie aus: 20 bis 30 Prozent, so der "World Energy Council". Damit werden vor allem Holzkohle, Brennholz und Kerosin gekauft, gerade weil es für die große Mehrheit der Bevölkerung keinen Anschluss an ein Stromnetz gibt. Die so genannte "Biomasse" ist für die überwiegende Mehrheit der Afrikaner der wichtigste, wenn nicht der einzige Energielieferant zum Kochen.
Gleichzeitig befindet sich Afrika in einem Wirtschaftsboom. Ein Grund dafür ist die stark gewachsene globale Nachfrage nach mineralischen und metallischen Rohstoffen und nach Erdöl und Erdgas. Für all dies befinden sich einige der größten unerschlossenen oder nur wenig erschlossenen Reserven in afrikanischen Ländern. Zugleich sorgen hohe Wachstumsraten der exportorientierten Industrien in Afrika sowie die rasche Verstädterung für ein überdurchschnittlich starkes Wachstum in Afrikas eigener Nachfrage nach Energie. Der weltweite Rohstoffboom treibt Afrikas Wirtschaft doppelt an: durch hohe Primärexporte aus dem Kontinent und durch die dadurch mitverursachte rasche Zunahme an Afrikas eigenem Rohstoffverbrauch.
Afrika als Energielieferant
Afrika enthält ein Zehntel der nachgewiesenen Erdölreserven der Welt und leistete 2007 12 Prozent der weltweiten Förderung, mit einer Wachstumsrate von 7,5 Prozent im selben Jahr – bei einem gesamtafrikanischen Wirtschaftswachstum von über 5 Prozent. Die USA importieren 23 Prozent ihres Öls aus Afrika. Deutschland bezieht 17 Prozent seiner Ölimporte aus Afrika, wovon allein 10 Prozent aus Libyen kommen. Chinas Ölimporte aus Afrika wachsen am schnellsten, insbesondere aus Angola und Sudan, und chinesische Firmen kaufen sich massiv in Afrikas Ölindustrie ein. Die Rivalität zwischen Importeuren ermöglicht es den Regierungen der Förderländer, ihre ausländischen Kunden gegeneinander auszuspielen und sich Forderungen nach mehr Transparenz oder nach Einhaltung sozialer und ökologischer Mindesstandards zu verschließen. Damit trägt Afrikas Ölboom zu neuen sozialen und politischen Spannungen auf dem Kontinent bei.
Afrikas wichtigste Ölförderländer waren 2006 Nigeria mit 2,4 Millionen Barrel pro Tag, Algerien (2 Mio.), Libyen (1,8 Mio.), Angola (1,4 Mio.), Ägypten (0,7 Mio.), Sudan (0,4 Mio.) und Äquatorialguinea (0,4 Mio.). 2007 stieg Angolas Tagesproduktion auf 1,9 Mio. Barrel, während die Nigerias wegen ständiger Rebellenangriffe auf Ölförderanlagen und Pipelines im Sinken begriffen ist.
Angola, mit jährlichen Wachstumsraten von 20 Prozent und einem immensen Wiederaufbaubedarf nach 30 Jahren Bürgerkrieg, dürfte ab 2010 Afrikas Ölförderland Nummer eins werden, mit 2,5 Mio. Barrel am Tag. Mit einer relativ geringen Bevölkerung von 13 Millionen Einwohnern, ein Zehntel von der Nigerias, stehen damit dem angolanischen Staat gigantische Mittel zur Verfügung. Angola ist neben dem ebenfalls aus jahrzehntelanger Isolation hervortretenden Libyen im Begriff, Lieblingsziel für Investoren zu werden – wenn auch beide weiterhin autoritäre Regime bleiben.
Nigeria hingegen kommt trotz hoher Öleinnahmen aus seiner Krise nicht heraus. Im Staatshaushalt 2008 sind Öleinnahmen von 35 Milliarden US-Dollar vorgesehen, aber auch Ausgaben für die Einfuhr von Ölprodukten in Höhe von 2,6 Mrd. Dollar. Grund ist, dass die eigene Raffineriekapazität des Landes immer noch durch das Herunterwirtschaften unter der 1999 beendeten Militärherrschaft leidet, deren Entscheidungsträger lieber mit Benzinimporten Geld verdienten. Die neue Zivilregierung, die einen breiten politischen Pluralismus zulässt, hat es nicht geschafft, die Rohstoffindustrie zu modernisieren oder die wachsende Unzufriedenheit der Bewohner der Ölgebiete zu mäßigen.
Öl und Gas als wichtige Energiereserven
Auch für Erdgas wird Afrika immer wichtiger. Jahrzehntelang wurde das bei der Ölförderung entweichende Erdgas einfach abgefackelt, da es nicht exportiert werden konnte und weder Förderunternehmen noch Regierungen sich darum kümmerten, es lokal zu nutzen. Inzwischen ist dieser Umgang mit Gasvorkommen als ökologisch unhaltbar und ökonomisch unsinnig erkannt worden. Doch es dauert lange, alte Gewohnheiten zu ändern.
Bislang geschieht das in größerem Ausmaß nur in Nordafrika, wobei große Anteile des Erdgases vor Ort verbraucht werden. 2006 lag Algerien mit 87 Milliarden Kubikmeter (m³) an der Spitze der afrikanischen Gasförderung, mit einem Eigenverbrauch von 25 Mrd. m³; es folgten Ägypten mit 52,3 Mrd. m³ (Eigenverbrauch 36 Mrd. m³), Nigeria mit 28,2 Mrd. m³ (Eigenverbrauch 10,6 Mrd. m³) und Libyen mit 14,8 Mrd. m³ (Eigenverbrauch 6,4 Mrd. m³). Die Umwandlung von Erd- in Flüssiggas, das auf Tankern exportiert werden kann, ist jedoch eine Wachstumsbranche für westafrikanische Förderländer: Nigerias Gasexporte, 2006 bei 17,6 Mrd. m³, sollen bis 2010 auf 22 Mrd. m³ steigen, und auch Äquatorialguinea soll mit 1,6 Mrd m³ in den Exportmarkt einsteigen. Auch Gasleitungen aus Westafrika quer durch die Sahara-Wüste Richtung Europa sind in Planung, werden aber durch die sich ausbreitende Unsicherheit im Grenzgebiet Algerien-Mali-Niger behindert.
Als Energielieferant in Afrika ist ferner Südafrika wichtig. 2006 war Südafrika mit 244 Mio. Tonnen der fünftgrößte Kohleförderer der Welt. Der Großteil der Förderung wird zur einheimischen Stromproduktion verwendet. Ein Viertel wird exportiert, mit Deutschland als einem wichtigen Abnehmer – für Deutschland war Südafrika 2006 der größte Kohlelieferant.
Energieinvestitionen in Afrika
Der Aufbau von Kapazitäten zur Stromproduktion für den Eigenbedarf gilt als eine der großen infrastrukturellen Herausforderungen Afrikas. Nur in Südafrika und den Maghreb-Staaten reichen diese derzeit einigermaßen aus. Aber selbst in Südafrika stoßen die Stromproduzenten zunehmend an Kapazitätsgrenzen. Die Internationale Energieagentur schätzte bereits 2001, dass Afrika Investitionen im Wert von 250 Mrd. US-Dollar bis 2030 bräuchte, damit alle Afrikaner Zugang zu Elektrizität bekommen.
Als besonders ausbaufähig gelten Wasserkraft und Solarenergie; erstere ist bereits mit zahlreichen Staudämmen unter anderem am Nil (Assuan, Ägypten), Kongo (Inga, Demokratische Republik Kongo), Sambesi (Cabora Bassa, Mosambik) und Volta (Aksombo, Ghana) vorhanden, letztere verharrt noch auf der Ebene von Kleinprojekten.
Südafrika ist das Land mit den größten Investitionsprojekten im Energiesektor – getrieben vom Bedarf der Bergbauindustrie, von den staatlichen Zielsetzungen zur Elektrifizierung der früheren Apartheid-Townships und von der Fußball-WM 2010, bei der Blackouts vermieden werden sollen. Der staatliche Stromkonzern Eskom plant Investitionen in Höhe von 21 Mrd. US-Dollar bis 2012 in den Ausbau der Energieproduktion, darunter die Erneuerung alter Kohlekraftwerke und der Ausbau der Wasserkraft.
Neben Kohle und Wasserkraft investiert Südafrika auch in die Atomenergie. Das bisher einzige Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt, mit einer Kapazität von 1.800 Megawatt (MW), soll bis 2016 durch ein zweites mit einer Kapazität von 4.000 MW ergänzt werden, Vorstufe zu einem groß angelegten Nuklearprogramm von 20.000 MW.
Die größten Zukunftsprojekte auf dem Kontinent gibt es für die Demokratische Republik Kongo, wo der Inga-Staudamm am Unterlauf des Kongo-Flusses bisher weit unter seinen Möglichkeiten bleibt. Der einst zur Versorgung des Bergbaureviers von Katanga (über die längste Hochspannungstrasse der Welt versorgt) gebaute Damm liegt heute zum großen Teil still, mangels Wartung der Turbinen, Ausbaggerung des Wasserwegs und Modernisierung der technischen Anlagen. Die Kapazität der beiden Dämme Inga I und Inga II, einst auf 1.300 MW angelegt, liegt heute bei unter 600 MW, wovon 180 MW exportiert werden, meist nach Südafrika und Kongo-Brazzaville. Die Weltbank finanziert die Modernisierung dieser beiden Anlagen. Außerdem sollen die Stromleitungen nach Katanga erneuert und erweitert werden; dies gilt ausländischen Investoren als Vorbedingung, um geplante Milliarden in Kongos Bergbau zu stecken, potentiell die größten Rohstoffinvestitionen Afrikas außerhalb des Ölsektors.
Wasserkraft als Lösung
Ein dritter Staudamm Inga III soll ab 2012 2.500 MW liefern und über ein Stromkonsortium Angola, Namibia, Botswana und Südafrika beliefern. Noch in den Sternen steht das Großprojekt "Grand Inga", bei dem nicht nur wie bisher fünf Prozent des Kongo-Flusses durch einen Damm gejagt werden sollen, sondern der ganze Fluss; damit könnten 40.000 MW Strom produziert werden, fast doppelt so viel wie der chinesische Drei-Schluchten-Damm mit 22.500 MW liefert, derzeit der größte der Welt. Der Grand Inga-Strom könnte, falls jemand die entsprechenden Trassen baut, sogar Südeuropa mit versorgen. Doch bislang fehlen klare Zeit- oder Finanzierungspläne.
Der Ausbau der Wasserkraft steht auch in anderen Ländern auf der Tagesordnung. Der Akosombo-Damm am Volta-Fluss in Ghana produziert nur noch 115 MW; eine Verfünffachung ist geplant. Uganda plant den Staudamm Bujagali am Nil direkt oberhalb der Nil-Abflussstelle aus dem Victoria-See; die anvisierten 800 Mio. US-Dollar für lediglich 175 MW gelten allerdings als relativ teuer, so dass sich ausländische Investoren bereits größtenteils aus dem ohnehin aus Umweltgründen kritisierten Projekt zurückgezogen haben. Bestehende Dämme in Kiira und Nalubaale, deren vorgesehene Kapazität von 380 MW sich im realen Betrieb auf nur 120 MW verringert hat, zeigen die Risiken der Stromproduktion am Nil, dessen Wasserstand anders als der des Kongo saisonal schwankt. Auch Äthiopien, das bevölkerungsmäßig drittgrößte Land Afrikas hinter Nigeria und Ägypten und Herr über den Blauen Nil, plant einen deutlichen Ausbau seiner Wasserkraftkapazitäten in seinem regenreichen Hochland.
Die Nutzung der Öl- und Gasvorkommen des Kontinents zur Selbstversorgung wäre ein weiterer Weg zur Energiesouveränität Afrikas. Das derzeit noch in Nigeria abgefackelte Erdgas soll nicht nur als Flüssiggas auf Tankern nach Europa exportiert werden; eine 600 Mio. US-Dollar teure Westafrika-Gaspipeline soll zudem auf einer Länge von 678 Kilometern Nigeria mit seinen westlichen Nachbarn Benin, Togo und Ghana verbinden. Allein in Ghana werden dann zwei Gaskraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 560 MW versorgt. Die "West Africa Gas Pipeline" ist somit gemessen an ihrem Ertrag um ein Vielfaches billiger als zum Beispiel der Bujagali-Staudamm in Uganda. Die Nutzung der Methangasvorkommen im Kivu-See an der Grenze zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo stellt ebenfalls ein für Investoren interessantes Projekt der einheimischen Energiegewinnung dar, ebenso in zahlreichen afrikanischen Ländern die Erschließung geothermischer Energie und Solarenergie. Afrika steht energiepolitisch noch ganz am Anfang – aber die Potentiale und Märkte sind immens.
Publikationen zum Thema

Ende des Atomzeitalters?
Im Jahr 2022 soll das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen. Die Entscheidung zum Atomaustieg...

Das Energiedilemma
Deutschland in der Zwickmühle: Kann die Erde trotz Atomausstiegs vor dem Klimakollaps gerettet werd...

Erneuerbare Energien
Der weltweite Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung liegt bei drei Prozent. Noch wird d...

Dossier Klimawandel
Bioenergie – im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Klimawandel
Bioenergie ist seit einigen Jahren eine wesentliche Größe unter den erneuerbaren Energien geworden. Die Bioenergieerzeugung hat Potenzial, neue Pflanzensorten versprechen gute Erträge. Aber die drohende Klimaveränderung birgt Gefahren – und Chancen. Weiter...


