Asien – Wirtschaftsboom und globale Energieinteressen
Der steigende Energiebedarf hat globale Auswirkungen
China ist heute der zweitgrößte Ölverbraucher der Welt. Der anhaltende Wirtschaftsboom in Asien führt zu einem wachsenden Energiebedarf. China und auch Indien suchen deshalb neue Energielieferanten oder tätigen eigene Investitionen, in Afrika wie auch Asien. Dabei gilt das Prinzip der Nichteinmischung.
Arbeiter verladen in Gauhati in Ostindien Kohle auf einen Lastwagen. Kohle ist in Asien ein zentraler Energieträger: Indien verbraucht zurzeit rund 7, China 40 Prozent der Kohle weltweit. (© AP)Asien spielt für die internationale Energiesicherheit eine entscheidende Rolle durch seine wirtschaftliche Entwicklung und den anhaltend wachsenden Energiebedarf. Nicht nur China beeindruckt seit fast drei Jahrzehnten mit Wirtschaftswachstumszahlen von acht bis elf Prozent, auch andere asiatische Länder haben die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise Ende der 1990er Jahre längst überwunden und benötigen immer mehr Energie.
Das Problem wird verstärkt durch die Tatsache, dass der Anstieg des asiatischen Wirtschaftswachstums eng an einen Anstieg des Energiebedarfs gekoppelt ist. Außerdem lässt die gegenwärtige Situation durch die meist nationalstaatlich geprägte Interessenspolitik asiatischer Staaten kaum kooperative, regionale Lösungen erkennen.
Der Ölbedarf Asiens steigt
Chinas und Indiens Energieinteressen spielen eine wachsende Rolle im regionalen und internationalen Wirtschaftssystem. Beide Länder sind zunehmend auf Ölimporte angewiesen, denn beide haben ihren Ölverbrauch zwischen 1997 und 2007 verdoppelt; China von 196 auf fast 370 Millionen Tonnen, Indien von 86 auf fast 130 Millionen Tonnen. Im Vergleich: Japan konnte seinen Ölverbrauch in den vergangenen 10 Jahren von 265 Millionen Tonnen auf 230 reduzieren. Deutschland verbrauchte 2007 "nur" 112 Millionen Tonnen Öl.[1] Dies hängt unmittelbar mit den durch die Ölkrisen der 1970er Jahre entstandenen Energiesparmaßnahmen, mit hoher Produktivität und Effizienzsteigerung zusammen.
Intl. Ölverbrauch im Vergleich (mio. t)
| Jahr | 1995 | 1997 | 2000 | 2005 | 2007 | % of total |
| USA | 808 | 848 | 898 | 951 | 943 | 23,9 |
| Tot. N-Amerika | 961 | 1012 | 1071 | 1139 | 1135 | 28,7 |
| Deutschland | 135 | 136 | 130 | 122 | 112 | 2,8 |
| Russland | 146 | 129 | 123 | 122 | 126 | 3,2 |
| EU | 671 | 690 | 696 | 719 | 704 | 17,8 |
| China | 160 | 196 | 224 | 328 | 368 | 9,3 |
| Japan | 268 | 265 | 255 | 244 | 229 | 5,8 |
| S-Korea | 95 | 111 | 103 | 105 | 108 | 2,7 |
| Indien | 75 | 86 | 106 | 119 | 128 | 3,3 |
(BP Statistical Review of World Energy, Juni 2008)
China ist inzwischen der nach den USA zweitgrößte Ölverbraucher und der nach den USA und Japan drittgrößte Netto-Ölimporteur der Welt. Chinas Ölindustrie gehört zwar zu den "Top 5" Ölförderern der Welt, der größte Teil der Produktion wird aber im Land selbst verbraucht – und kann die Nachfrage nur noch zu knapp zwei Dritteln befriedigen. Auch Indiens Ölindustrie muss sich immer mehr um internationale Projekte und Konzessionen bemühen, um den steigenden Ölbedarf des Landes zu decken.
Die großen asiatischen Ölverbraucher bemühen sich inzwischen auf dem gesamten Globus um eine Diversifizierung ihrer Lieferungen, Lieferanten und Lieferrouten. Zwar fließen etwa zwei Drittel des Öls des Persischen Golfs nach Ostasien und die Zahl der "Strategischen Ölpartnerschaften" mit den Öllieferanten der arabischen Welt wächst. Doch werden Afrika und Lateinamerika zunehmend zu wertvollen Energiepartnern: Angola beispielsweise lieferte im Jahr 2006 mehr Öl nach China als Saudi-Arabien.[2]
Asiens Energieinteressen in Afrika
In Peking herrscht ungezügelter Bauboom. Infolge des enormen Wachstums der chinesischen Wirtschaft steigt auch der Energiebedarf. (© AP)China betreibt heute eine diversifizierte Wirtschaftspolitik und sorgt weltweit durch Investitionen und den Kauf von Konzessionen im Rohstoffbereich für Versorgungssicherheit. So verschafft sich die Volksrepublik nicht nur in Nachbarstaaten, sondern auch im weiteren Asien, in Ozeanien, Afrika und Südamerika Zugang zu Energie- und Metallvorkommen.[3] Indische Energiefirmen hatten bisher beim Versuch, ihr internationales Engagement zu vergrößern das Nachsehen gegenüber der chinesischen Konkurrenz. Auch hat Indien noch nicht sehr diversifiziert und versorgt sich hauptsächlich aus dem Persischen Golf. Doch als inzwischen fünftgrößter Energieverbraucher muss Neu-Delhi neue Wege einschlagen. Inzwischen gibt es erste Kooperationen zwischen chinesischen und indischen Energiefirmen im Iran.
Diversifizierung und Investitionen
Was die Importabhängigkeit von Energieträgern betrifft, stellt sich die Lage in Japan besonders dramatisch dar: Japan muss über 90 Prozent des benötigten Öls importieren. Außer einigen Offshore-Gasfeldern und Kohlevorkommen verfügt Japan über keine nennenswerten Energieressourcen.[4] Dies erklärt auch den hohen Anteil von Nuklearstrom in Japans Energiestruktur. Japan hat neue Probleme durch auslaufende Öl-Konzessionen im Persischen Golf und hofft wie China und Indien auf neue Projekte in Iran, Irak, Zentralasien und im Pazifik.
Viele asiatische Länder folgen dem Instrumentenkatalog der Internationalen Energieagentur (IEA) zur Versorgungssicherung: Energiesparmaßnahmen, Ausbau der eigenen Energieindustrie, Diversifizierung und Investitionen in die Infrastruktur. Die chinesische Regierung verordnete mit einem "go abroad"-Programm eigenen Energieunternehmen sich stärker international zu engagieren. Die relativ jungen chinesischen und indischen Energiefirmen hatten im Vergleich mit den alten westlichen Multis wie BP, Royal Dutch Shell, Exxon Mobil zunächst wenig Erfahrung im internationalen Energiebusiness und mussten feststellen, dass die "billigen" und leicht zugänglichen Felder in der Welt des Öls schon lange vergeben waren. Des weiteren litten sie zumindest bis Ende der 1990er Jahre unter einem Mangel an Managementqualifikation und Kapital. Mittlerweile sind sie wichtige Akteure auf dem Energiemarkt.
Der globale Gasmarkt ist stark regionalisiert: Südostasien liefert hauptsächlich an die ostasiatischen Großabnehmer, vornehmlich Japan; Nordafrika und Russland an Europa. Japan hat die Gasnutzung früh ausgebaut, in Südostasien den weltgrößten Flüssiggasmarkt aufgebaut und gehört zu den größten Gasnutzern. Erstaunlich ist der geringe Gas-Anteil von unter 4 Prozent in Chinas Energiestruktur.
Es gilt das Prinzip der Nichteinmischung
Dies hat industrietraditionelle Gründe – Gas wurde lange zur Düngemittelproduktion verwendet – und hat mit der fehlenden Infrastruktur zu tun. Zur Gasnutzung ist ein Leitungsnetz von der Quelle bis zum Endverbraucher notwendig. Die entsprechenden Probleme in China erschließen sich angesichts der geographischen Ausdehnung. Hier dürfte auch der Grund dafür verborgen sein, dass ungeachtet vieler alter Pipeline-Pläne und mit Ausnahme eines Anschlusses der chinesischen West-Ost-Gasleitung nach Kasachstan, bisher keine transnationale Leitung China etwa mit den reichen Gasfeldern Sibiriens verbindet. Russlands Gas fließt bisher fast ausnahmslos nach Westen. Bis 2015 und 2020 sollen jedoch Leitungen von Sibirien nach China und Japan gebaut werden. Ein Grund für die Verzögerungen liegt in der Frage über die Kontrolle und das Aufbringen jeweils zweistelliger Milliardensummen für diese Bauvorhaben.
Indien und China sind auch im Gasbereich Konkurrenten. Nicht nur vor Indiens Westküste liegen Gasvorkommen, auch Burma soll über reiche Offshore-Felder verfügen. Folgerichtig bemühen sich sowohl Peking als auch Neu-Delhi mit Infrastrukturprojekten und diversen Investitionen um Einfluss auf Burmas Wirtschafts- und Energiepolitik – ohne sich in Burmas innere Angelegenheiten einzumischen. Das Prinzip der Nichteinmischung ist insbesondere für China wichtig – muss doch eine Einmischung etwa in Taiwan oder Tibet unter allen Umständen verhindert werden.
China verbindet mit seiner Burmapolitik und dem neuen Hafen im pakistanischen Gwadar noch ein weiteres strategisches Ziel: Zugang zu südasiatischen und südostasiatischen Gewässern. Die Straßen- und Eisenbahnverbindungen zwischen Zentralasien, Westchina und Pakistan sowie zwischen Burma und Südwestchina werden mit dem Ziel ausgebaut, China mit dem Arabischen Meer und dem Indischen Ozean zu verbinden.
Ungeklärte Territorialansprüche
Im Ost- und Südchinesischen Meer bieten sich überlappende Territorialansprüche immer wieder Konfliktpotential. Im Ostchinesischen Meer kollidieren chinesische und japanische Ansprüche insbesondere über Gasvorkommen. Im Südchinesischen Meer beanspruchen alle Anrainer unterschiedlich große, sich überlappende Territorien: China und Vietnam argumentieren mit der Zugehörigkeit zum Festlandsockel und beanspruchen das ganze Gebiet. Die Philippinen, Malaysia und Brunei ziehen jeweils eine 200-Seemeilen Anspruchszone um die am weitesten vorgelagerte Insel.
Verstärkt wird das Problem rund um das Spratly-Archipel im Südchinesischen Meer: Alle Akteure haben mehrere winzige Inseln oder Riffe besetzt oder mit Anspruch belegt und melden auch hier die 200-Seemeilen-Wirtschaftszone an. Das Internationale Seerecht sieht aber vor, dass dies nur für bewohnbare Inseln gilt, auf denen Leben, Landwirtschaft, generell wirtschaftliche Aktivität beständig möglich sind und die dauerhaft ÜBER dem Wasser liegen. Viele Anspruchhalter, insbesondere China und Vietnam haben Kreativität darin bewiesen, einige "ihrer" Riffe mit Hilfe von Holz und Beton über die Wasserlinie zu heben.
Kohle ist in Asien ein zentraler Energieträger
China verfeuert über 1.300 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr zur Energieerzeugung. Kohle hat einen Anteil von 70 Prozent an der Energiestruktur und die chinesische Regierung hat wenig Spielraum dieses Dilemma zu lösen ohne den Ölanteil und damit die teuren Ölimporte zu erhöhen: Der Gasanteil ist mit unter 4 Prozent niedrig und auch alle erneuerbaren und "sauberen" Energien – inklusive Atomkraft – haben nur einen Anteil von 7 Prozent an der Gesamtstruktur.
China konsumiert fast die Hälfte des weltweiten Kohleverbrauchs; nimmt man den restlichen asiatisch-pazifischen Raum hinzu entsteht das erschreckende Bild, dass auf die Region 60 Prozent des Weltkohleverbrauchs entfallen. Regelungen zur Emissionskontrolle und zum Klimaschutz müssen folglich asiatische Regierungen stärker mit einbeziehen. China steht aber vielen internationalen Vereinbarungen, z.B. über verbindliche Ziele zur Reduzierung von Emissionen zögerlich gegenüber.[6] Indien setzt sich aus Gründen der Armutsbekämpfung gegen Vereinbarungen über Emissionsreduzierungen ein.
Der Grund für den hohen Kohleanteil in China aber auch Indien liegt auf der Hand: Die Länder verfügen über große Vorkommen, die technisch verhältnismäßig einfach und durch die niedrigen Arbeitskosten auch "billig" zu fördern sind. Doch die katastrophalen Folgen für die Umweltsituation erfordern dringend die Einführung von Filteranlagen und "sauberen" Prozessen. Angesichts der oft unbefriedigenden Qualität in Kohleförderung und -verarbeitung sowie der Notwendigkeit auch alternative Energieformen einzusetzen, haben deutsche Unternehmen aus dem Energie- und Umweltbereich gute Chancen, neue Märkte in Asien zu erschließen bzw. zu erweitern. Der Bekämpfung der Umweltzerstörung stehen in den meisten asiatischen Ländern bereits ausreichende Gesetze zur Verfügung – es hapert an der Umsetzung.
Der Ausbau Erneuerbarer Energien drängt
Um die Energieversorgung zu sichern, müssen die Staaten Asiens die vorhandene Energieindustrie ausbauen, Sparmaßnahmen durchsetzen und die Nutzung aller Energieformen und –träger ausbauen.[7] So hat die Verwendung von Biomasse in Asien eine gewisse Tradition, wird aber erst langsam wieder entdeckt. Dies liegt zum einen an der Dominanz der Kohle im Versorgungssystem, an der Bedeutung von Ölprodukten für den rasant wachsenden Verkehrssektor und an Mängeln in der Infrastruktur.
Wasserkraft wird überall in Asien gefördert: China hat das größte Wasserkraftpotential der Welt und wird in diesen Sektor weiter investieren – ungeachtet ökologischer, sozialer und kulturhistorischer Bedenken. Auch Indiens große Staudammprojekte haben schon früher durch ihre rücksichtslose Durchsetzung gegenüber der Bevölkerung für Schlagzeilen gesorgt. Nuklearkraft spielt nur in Japan eine große Rolle für die Energiegewinnung. China will zwar in den kommenden Jahren bis zu 40 Atomkraftwerke bauen, da der Energiebedarf jedoch so stark steigt, wird diese Energieform, die bis vor kurzem im wesentlichen experimentell betrieben wurde, auch in Zukunft nur etwa 2 Prozent zur Energieversorgung beitragen. Japan gewinnt etwa ein Drittel des Strom aus Atomkraftwerken.[8]
Die Sicherung von Asiens Energieversorgung erfordert eine langfristige regionale und internationale Kooperation. Dazu wäre eine Art "asiatische Energieagentur" sinnvoll. China und Indien wären auch ein machtvolles "Käuferkartell" auf den internationalen Ölmärkten. Gründe für den Westen, nicht in Panik zu verfallen angesichts des asiatischen Ölverbrauchs, sind die anlaufenden Sparprogramme und verbrauchsreduzierenden Preissteigerungen, das Produktionspotential der OPEC und die nicht genutzten Produktionskapazitäten in Iran und Irak. Die IEA sollte die Hand weiter nach Asien ausstrecken. Schließlich kommen von dort nicht nur Ölnachfrage, sondern auch gewaltige Investitionen in die internationale Energieindustrie.
Literatur:
British Petroleum: Statistical Review of World Energy, »www.bp.com«.
Energy Information Administration (EIA): Country Analysis Brief (cabs) China, »www.eia.doe.gov«.
Energy Information Administration (EIA): Country Analysis Brief (cabs) India, »www.eia.doe.gov«.
Energy Information Administration (EIA): Country Analysis Brief (cabs) Japan, »www.eia.doe.gov«.
Energy Information Administration (EIA): Maps: Conflicting Claims in the South China Sea; In: Country Analysis Brief South China Sea, »www.eia.doe.gov«.
Government of India: Ministry of New and Renewable Energy, »http://mnes.nic.in«.
(Japan) Agency for Natural Resources and Energy, »http://www.enecho.meti.go.jp/english/index.htm«.
National Bureau of Statistics: China Statistical Yearbook; Beijing, China Statistics Press, »http://www.stats.gov.cn/english/«.
The State Council Information Office: White Paper on Energy, Beijing, Dec. 2007, »www.china.org.cn«.
Fußnoten
- BP Statistical Review of World Energy 2008.
- Vgl. FACTS Inc.: China Oil and Gas Monthly, 2006.
- Vgl. Saskia Hieber: Chinas Energiesicherheit; In: China aktuell; 33 (April 2004) 4.
- Vgl. EIA: Country Analysis Briefs Japan, www.eia.gov.
- Vgl. G8 Research Group – Oxford: Outreach Five´ Country Objectives Report; Heiligendamm Summit, 2007; www.g7.utoronto.ca/oxford/
g8org-ox-objectives2007.pdf, S 7 ff. - Chinas moderne Energiepolitik ist beispielsweise im White Paper von 2007 abgebildet: State Council Information Office: White Paper on Energy, www.china.org.cn.
- Agency for Natural Resources and Energy: Energy Supply in Japan; http://www.enecho.meti.go.jp/topics/
energy-in-japan/energy2006Epdf
/p56_energy2006E.pdf.
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