Offshore-Windpark nahe Shanghai. Die 102 Mega-Watt Offshore-Anlage wurde Mitte 2010 fertiggestellt und ist die größte in ganz Asien. Die 34 Windturbinen mit jeweils 3 Mega-Watt Leistung können 200.000 Haushalte in Shanghai mit Energie versorgen.

Die USA – Notwendigkeit eines neuen Energiekurses

Die Sucht nach Öl schwächt nicht nur die Wirtschaft


5.9.2008
Die USA beanspruchen mehr als ein Fünftel des weltweiten Energieverbrauchs. Vor allem braucht das Land Öl; 60 Prozent werden mittlerweile aus dem Ausland importiert. Dabei sind viele Bürger längst zu einem Kurswechsel bereit. Doch die Regierung stellt sich bislang quer.

Das Projekt "White Bluffs Solar Station" in Richland, Washington, wollte eine Alternative demonstrieren. Im Hintergrund steht die "Investitionsruine" eines Atomkraftwerkes, das Washington Nuclear Project No. 1.Das Projekt "White Bluffs Solar Station" in Richland, Washington, wollte eine Alternative demonstrieren. Im Hintergrund steht die "Investitionsruine" eines Atomkraftwerkes, das Washington Nuclear Project No. 1. (© AP)

Die von ihrer Ölsucht verursachten Versorgungssicherheits-, Wirtschafts- und Umweltkosten ihrer gegenwärtigen Energie(außen)politik werden die USA schon bald zum Kurswechsel, insbesondere ihres Verkehrssektors veranlassen.[1]

Mit knapp fünf Prozent der Erdbevölkerung beanspruchen die Vereinigten Staaten von Amerika mehr als ein Fünftel (21,8 Prozent) des globalen Energiekonsums.[2] In den letzten sechs Jahrzehnten hat sich der Energieverbrauch der USA beinahe verdreifacht.[3] Der erhöhte Energiebedarf wurde in erster Linie durch Öl gedeckt: 2007 betrug der Anteil des Mineralöls knapp 40 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs. Zwar ist in den 1970er Jahren der Verbrauch der Energiequellen Gas und Kohle ebenso angestiegen. Aber seit den 1980er Jahren blieb ihr Anteil an der Deckung des Gesamtenergieverbrauchs mit etwa einem Viertel bzw. einem Fünftel relativ konstant. Nuklear- und erneuerbare Energie tragen mit 8 bzw. 7 Prozent nur wenig zur Deckung des Gesamtenergiebedarfs bei.

Amerikas Sucht nach importiertem Öl



Der gestiegene Ölbedarf konnte nicht durch eigene Produktion gedeckt werden. Zwischen 1950 und 2006 erhöhte sich zwar die Gewinnung amerikanischen Mineralöls von 5,9 auf 7,8 Millionen Fässer pro Tag.[4] Doch angesichts der insgesamt 20,6 Millionen Fässer, die heute in den USA täglich benötigt werden, nimmt sich dieser Anstieg geringfügig aus. Allein der – fast ausschließlich durch Flugbenzin, Benzin und Diesel angetriebene – amerikanische Transportsektor verbrauchte 2006 14 Millionen Fässer Erdöl pro Tag. Der Verkehrssektor beansprucht mittlerweile zwei Drittel des gesamten Ölkonsums.[5] Aufgrund der hohen Abhängigkeit des amerikanischen Transportsektors von fossilen Kraftstoffen – und wegen der Zeitspanne, die zur Entwicklung neuer markttauglicher Technologien benötigt würde – werden die Vereinigten Staaten mindestens noch für mehrere Dekaden auf den Import von Öl angewiesen sein.[6]

Die internationale Abhängigkeit der Weltmacht USA vom Erdöl hat – anders als beim Energieträger Gas[7] – deutlich zugenommen: Deckten die USA 1950 ihren Bedarf noch überwiegend durch die Gewinnung eigener Ressourcen, so stammten 2007 65 Prozent des Gesamtölverbrauchs aus Importen, insbesondere von den Nachbarstaaten der so genannten Westlichen Hemisphäre und von Ländern am Persischen Golf (vgl. Tabelle).[8]

Tabelle: US-Hauptimportländer von Mineralöl, 1965 vs. 2007

  1965 2007
in Tsd. Fässern pro Tag in % der Gesamtimporte in Tsd. Fässern pro Tag in % der Gesamtimporte
Nigeria 15 0,6 1132 8,4
Venezuela 994 40,3 1362 10,1
Mexiko 48 1,9 1533 11,4
Kanada 323 13,1 2426 18,1
Staaten am Persischen Golf 345 14,0 2170 16,1

Quelle: EIA, Annual Energy Review 2007, S. 131.

Strategische Energieressourcen-Unsicherheit



Sollten die Vereinigten Staaten ihre übermäßige Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen beibehalten, bleiben sie verwundbar, zumal in instabilen Regionen. Zwar können die USA weiterhin auf ihre wichtigen Öllieferanten Kanada und Mexiko zählen. Doch die angespannten Beziehungen mit Venezuela verdeutlichen, dass es für die USA schwieriger wird, selbst in ihrer geographischen Nachbarschaft ihre Energieressourcen zu sichern. Der Persische Golf erweist sich als volatil und unzuverlässig im Hinblick auf preiswerte Lieferung von Energieressourcen. Zudem ist mit dem wirtschaftlich expandierenden China ein weiterer Konkurrent um knappe Ressourcen auf den Plan getreten, sowohl im Mittleren Osten als auch in "hot spots", das heißt in entwicklungsfähigen Regionen wie Westafrika oder Zentralasien.

Einige Beobachter dieses Wettstreits, der so genannten "petropolitics", haben bereits eine "Achse des Öls" identifiziert, wonach Russland, China und möglicherweise der Iran als "Gegengewicht zur amerikanischen Hegemonie" agieren und den USA ihre Ölversorgung und strategischen Interessen streitig machen.[9] Schon jetzt werden die USA mit den Machtressourcen der Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) konfrontiert: Die OPEC kann aufgrund der Kapazitätsgrenzen anderer Ölproduzenten seit Ende der 1990er Jahre wieder ihre Kartellpolitik betreiben, damit den Ölpreis hochhalten und in wirtschaftlichen und politischen Einfluss ummünzen.

Wirtschafts- und Handelsrisiken



Ölpumpen des Inglewood Ölfeldes in Baldwin Hills, Kalifornien. Mittlerweile fließen zwei Drittel des gesamten Ölbedarfs der USA in den Verkehrssektor des Landes.Ölpumpen des Inglewood Ölfeldes in Baldwin Hills, Kalifornien. Mittlerweile fließen zwei Drittel des gesamten Ölbedarfs der USA in den Verkehrssektor des Landes. (© AP)
Die durch die Ölpreiserhöhungen verteuerten Energieimporte belasten die ohnehin schon Besorgnis erregende amerikanische Außenhandelsbilanz: 2005 um zusätzliche 70 Milliarden Dollar, 2006 um weitere 50 Milliarden Dollar.[10] Das US-Außenhandelsdefizit ist zu etwa einem Drittel auf Energieimporte zurückzuführen.[11] Die USA sind wegen ihres Außenhandelsdefizits verwundbar. Anzeichen einer schwächer werdenden US-Wirtschaft könnten die Handelspartner dazu bewegen, ihre Verkaufserlöse nicht mehr in den USA zu reinvestieren und sie in anderen Finanzmärkten zu sichern.

Teure Energieimporte belasten die US-Wirtschaft ohnehin. Bereits im Sommer 2005 gab der damalige Notenbankchef Alan Greenspan der US-Legislative zu bedenken, dass allein die seit Ende 2003 erhöhten Energiepreise das amerikanische Wirtschaftswachstum 2004 und 2005 jeweils um einen halben bzw. Drei-Viertel-Prozentpunkt vermindert hätten.[12] Hohe Energiepreise belasten in erster Linie energieintensive Wirtschaftssektoren, und sie verursachen damit indirekt zusätzliche Kosten für andere Wirtschaftszweige. Konsumenten spüren den Anstieg der (Energie-)Preise, und sie sehen sich angesichts ihrer geschrumpften Kaufkraft veranlasst, an anderen Ausgaben einzusparen. Sollte der Konsum merklich zurückgehen und Unternehmen aufgrund gestiegener Energiekosten und der allgemein sinkenden Kaufkraft zurückhaltender investieren, könnten die USA in eine Rezession abrutschen, was die Arbeitslosigkeit erhöhen, den Konsum noch stärker vermindern und die Abwärtsspirale beschleunigen würde.

Dank ihrer – auch in der Vergangenheit bewiesenen Innovationskraft – könnten sich amerikanische Märkte auf lange Sicht jedoch den neuen Gegebenheiten anpassen. Höhere Energiepreise geben starke Anreize, alternative Energieträger zu finden, neue Technologien zu entwickeln und die Energieeffizienz zu verbessern. Dahingehend wirkt eine zusätzlich treibende Kraft, nämlich das gewachsene öffentliche Bewusstsein um die von fossilen Energien verursachten Umweltschäden, Gesundheits- und Sicherheitsrisiken.

Wahrnehmung von Umwelt- und Sicherheitsgefahren



In den letzten fünf Jahren ist in den USA die allgemeine Überzeugung gereift, dass Umweltthemen mehr politische Aufmerksamkeit verdienen. Nicht nur internationale Umweltorganisationen, sondern mittlerweile auch renommierte US-Sicherheitsexperten warnen öffentlichkeitswirksam vor (sicherheitspolitischen) Risiken von Umweltbelastungen und -katastrophen.[13]

Amerikaner sind auch bereit, Gegenmaßnahmen zu ergreifen und diese gegebenenfalls aus der eigenen Tasche zu finanzieren. Zudem erwarten die US-Bürger auch von ihrer Regierung Problemlösungen. Eine beträchtliche Mehrheit von ca. 80 Prozent befürworten, Steuergelder zur Entwicklung alternativer Kraftstoffe für Autos auszugeben, mehr Geld in die Entwicklung von Solar- und Windenergie zu investieren, strengere Emissionswerte für Kraftfahrzeuge und Pflichtkontrollen für Kohlendioxidemissionen und andere Treibhausgase einzuführen.[14]

Reformunfähigkeit der US-Regierung unter George W. Bush



Interessanterweise waren in der bisherigen Amtszeit George W. Bushs diese Vorschläge und Sorgen der amerikanischen Bevölkerung weniger stark auf der politischen Agenda vertreten als andere, die nicht in der Gunst der öffentlichen Meinung stehen, wie das Bohren nach Öl im Nationalen Arktischen Naturschutzgebiet (57 Prozent sind dagegen) oder der Ausbau der nuklearen Energiegewinnung (46 Prozent sind dagegen).[15]

Bush hat immer wieder internationale Bemühungen torpediert – zuletzt beim G8-Gipfel in Heiligendamm und bei der UN-Klimakonferenz auf Bali –, verbindliche Ziele zur Reduktion der Treibhausgasemissionen festzulegen und setzt stattdessen auf technologische Entwicklung. Ebenso hat Präsident Bush in der legislativen Auseinandersetzung mit dem seit 2006 von den Demokraten kontrollierten Kongress (unter anderem durch Vetodrohungen) nachhaltige Reforminitiativen verhindert. Der von Bush am 19. Dezember 2007 unterzeichnete Energy Independence and Security Act of 2007 erfordert zwar die Verbesserung der Verbrauchswerte bei Kraftfahrzeugen und eine Erhöhung des Produktionsanteils von Biokraftstoffen. Aber aufgrund des Drucks des Weißen Hauses sahen die Gesetzgeber letztlich davon ab, Stromerzeuger zu verpflichten, den Anteil erneuerbarer Energiequellen zu erhöhen und Steuererleichterungen für die Ölindustrie um rund 13 Milliarden Dollar zu kürzen – Steuermittel, die zur Forschung und Entwicklung alternativer Kraftstoffe investiert worden wären. Anlässlich der Unterzeichnung des Gesetzes forderte Präsident Bush hingegen den Kongress einmal mehr dazu auf, nicht weiter die Förderung einheimischer Öl- und Gasquellen (im arktischen Naturschutzgebiet) zu behindern.

Chancen eines Kurswechsels nach den US-Wahlen



Unternehmerisch denkende Politiker könnten schon im aktuellen Kongress- und Präsidentschaftswahlkampf 2008 mit dem Thema umweltverträglicher Energieinnovationen punkten und die künftige politische Agenda abstecken. Laut Meinungsumfragen ist das Umweltthema für 35 Prozent der Amerikaner wahlentscheidend für die Präsidentschaftswahl.[16]

George W. Bushs Nachfolger und politische Entscheidungsträger im Kongress, die aufgrund der gestiegenen wirtschaftlichen, sicherheits- und umweltpolitischen Probleme mit zunehmender Kritik ihrer Bevölkerung und nicht zuletzt auch den Vorstößen der Einzelstaaten konfrontiert werden, sind angehalten, ihren politischen Führungsbeitrag zu leisten, um die Abhängigkeit von traditionellen fossilen Kraftstoffen zu verringern.

Das weltweite Interesse an erneuerbaren Energien schafft eine Gelegenheit für die Vereinigten Staaten, sich wieder als Führungsmacht zu etablieren, indem sie die internationale Zusammenarbeit anführen, um das globale Energie- und Umweltproblem zu lösen. Während die von Geostrategen häufig ins Feld geführte Hard-Power Amerikas an die Grenzen seiner Fähigkeiten stößt, die nationale Energieversorgungs- und wirtschaftliche Sicherheit zu gewährleisten, bieten seine technologischen und politischen Fähigkeiten – sprich Smart-Power – vielversprechende Alternativen für den nächsten US-Präsidenten.


Fußnoten

  1. Der Beitrag basiert auf einer umfangreicheren Recherche mit ausführlicheren Literaturhinweisen: Josef Braml. Amerikas alternativer Antrieb. Erneuerbare Energieaußenpolitik der USA (DGAP-Analyse), Berlin, August 2007 (http://www.dgap.org/midcom-
    serveattachmentguid-
    1c9f61025c7911dc86bed9126a
    8aee6bee6b/2007-
    02_dgapan_www.pdf).
  2. U.S. Department of Energy. Energy Information Administration (EIA): Annual Energy Review 2007, Washington, DC, 23.6.2008, Abb. 11.3, S. 304.
  3. EIA: Annual Energy Review 2005, Tabelle 1.3, S. 9.
  4. Ein Fass entspricht 159 Litern.
  5. EIA: Annual Review 2006, zitiert in: Carol Clover. Energy. Selected Facts and Numbers, CRS-Report, Washington, DC, 1.5.2008, S. 7-8.
  6. Council on Foreign Relations. National Security Consequences of U.S. Oil Dependency, Independent Task Force Report No. 58, New York 2006, S. 14.
  7. Der nordamerikanische Kontinent bezieht derzeit nur zwei Prozent seines Gasverbrauchs von außerhalb. Vgl. U.S. Department of Energy. Energy Information Administration (EIA): Annual Energy Outlook 2007, Washington, DC, Februar 2007, S. 14.
  8. EIA: Annual Energy Review 2007, Tabelle 5.4, S. 131.
  9. Flynt Leverett und Pierre Noel. The New Axis of Oil, National Interest, Sommer 2006, S. 62-70.
  10. James K. Jackson. U.S. Trade Deficit and the Impact of Rising Oil Prices, CRS-Report, Washington, DC, 13.4.2007, S. 1.
  11. Ebd. S. 4.
  12. Jeannine Aversa. Oil Prices Said to Slow U.S. Economy a Bit, in Associated Press vom 18.7.2005.
  13. Siehe zum Beispiel: CNA Corporation. National Security and the Threat of Climate Change, Alexandria, VA 2007.
  14. Lydia Saad. Most Americans Back Curbs on Auto Emissions, Other Environmental Proposals, Gallup, Washington, DC, 5.4.2007.
  15. Ebd.
  16. Americans´ View on the Environment, in New York Times vom 26.4.2007.
 

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