A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

26.4.2012 | Von:
Prof. Dr. Max Otte

Rating-Agenturen

Kritik an den Agenturen

  1. Kartell: die Ratingagenturen bilden ein durch die „Drei Großen“ – Standard & Poors, Moody’s und Fitch – angeführtes angelsächsisches Kartell, dem angelsächsische Interessen im Zweifel näher sind als kontinentaleuropäische. Auch ist politische Einflussnahme nicht auszuschließen. Als Standard & Poors im Zuge der Diskussion um die Erhöhung des Schuldenlimits in amerikanischen Kongress das Rating der Vereinigten Staaten von AAA auf AA+ senkte (das Land hat auch AA+ bei einem Haushaltsdefizit von 10,8 Prozent keinesfalls verdient), musste wenige Wochen später der Chef von Standard & Poors seinen Hut nehmen. Seitdem ist S&P immer vorne mit dabei, wenn es darum geht, europäische Länder abzustufen, so zum Beispiel das – im Vergleich zu den USA – kerngesunde Österreich. Professor Frank Partnoy (University of San Diego) sieht in der Regulierung der Agenturen durch die Securities and Exchange Commission (SEC) und die FED eine Behinderung des Wettbewerbs und einen Schutz des Kartells.
  2. Zu späte und falsche Urteile: die Agenturen kommen mit ihren Urteil fast immer zu spät. So haben sie weder die Bilanzbetrüge im großen Stil bei Enron und Worldcom noch die Schieflage bei Freddie Mac vorausgesehen. Auch die Suprime-Krise und die Staatschuldenkrise in Europa haben sie nicht prognostiziert. Bei genauerer Überlegung ist dies absolut logisch: Ratingagenturen sind Bürokratien und legen bürokratisches Verhalten an den Tag. Es ist unerheblich, ob es private oder staatliche Bürokratien sind – Ratingagenturen stellen fest, „was ist“, nicht, was sein wird. Damit kommt es zu einer massiven Prozyklizität der Ratings – schlechte Schuldner werden herabgestuft und haben damit noch größere Probleme an Kredit zu kommen, was eine weitere Verschlechterung des Ratings nach sich zieht. So können Ratingagenturen ganze Länder in eine Abwärtsspirale reißen.
  3. Interessenkonflikte: verschärft wird die schädliche Wirkung der Agenturen durch massive Interessenkonflikte. So beraten Sie unter anderem gegen Honorar die Emittenten von Finanzprodukten, wie diese Produkte gestaltet werden müssen, damit sie ein gutes Rating erzielen. Zudem werden die Ratingagenturen von den Emittenten von privaten Papieren für ein Rating bezahlt – was institutionalisierten Interessenkonflikten gleichkommt. Vor der Subprime-Krise machten sie rund ein Drittel ihres Gewinns mit dem Rating von Subprime-Papieren, für das sie von Emittenten bezahlt wurden (!) Von Staaten hingegen werden sie nicht bezahlt; das Rating von Staatsanleihen läuft nebenbei als Service mit.
  4. Erpressung: Die Vorwüfe gehen bis dahin, dass die Ratingagenturen Unternehmen durch schlechte Ratings erpressen, um neues Geschäft zu erschließen. Moodys hat zum Beispiel ein schlechtes unaufgefordertes Rating von Hannover Re veröffentlicht und dem Unternehmen dann einen Brief gesandt, dass es dem Tag entgegensehen würde, wenn Hannover Re bezahlen würde.[6]

Fußnoten

6.
Klein, Alec (24 November 2004). "Credit Raters' Power Leads to Abuses, Some Borrowers Say". The Washington Post. http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A8032-2004Nov23.html.

Ratingagenturen sind gewinnorientierte Unternehmen und so etwas wie die Schulmeister der Finanzmärkte, denn sie bewerten die Kreditwürdigkeit von Firmen, Staaten und Finanzprodukten. Die drei marktbeherrschenden Agenturen S&P, Moody's und Fitch wurden schon mit dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise heftig kritisiert.

Mehr lesen auf dradio.de

Publikationen zum Thema

Coverbild Ökonomie und Gesellschaft

Ökonomie und Gesellschaft

Der Band verdeutlicht an ausgewählten Beispielen das Wechselverhältnis von Ökonomie und Gesellsch...

Jürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus

Geschichte des Kapitalismus

Kapitalismus: Fluch oder Segen? Jürgen Kocka geht weit in die Geschichte dieser Wirtschaftsform zur...

Die Pleite - Republik - Cover

Die Pleite - Republik

Wozu ist der Staat da? Welche Kernaufgaben, welche Pflichten hat er? Wie soll die Politik dem Proble...

APuZ Zukunft des Euro

Europa
und der Euro

Die Hoffnung, Europa würde mit einer gemein-
samen Währung enger zusammen-
rücken, hat sich...

Geld

Geld

Seit Beginn der 1990er Jahre haben sich Real- und Finanz-
wirtschaft auseinander entwickelt, seit...

Coverbild Sozioökonomische Bildung

Sozioökonomische Bildung

Was ist Sozioökonomie? Wozu sozioökonomische Bildung? Die vorliegende Aufsatzsammlung widmet sich ...

Krise der Weltwirtschaft

Krise der
Weltwirtschaft

Seit September 2008 hat die globale Finanz- und Wirtschafts-
krise Deutschland fest im Griff...

Coverbild Märkte für Menschen

Märkte für Menschen

Gegenüber der Finanzwirtschaft hält sich Unbehagen. Milliardengewinne, Bankenpleiten, riskante Bö...

Coverbild Finanzwirtschaft

Finanzwirtschaft

Wir gehen ganz selbstverständlich mit Geld um: bezahlen Rechnungen, kaufen schöne Dinge, sparen od...

Coverbild Unter Bankern

Unter Bankern

Kaum eine Berufsgruppe ist im Zuge der Finanzkrise 2007 so in Verruf geraten wie die der Banker. Der...

Coverbild Globalisierung à la carte

Globalisierung à la carte

Immer globaler, immer liberaler? Die Entfesselung des globalen Kapitalverkehrs und der zunehmende we...

Zum Shop

Tony Ismail, Inhaber von Alamo Fahnen, zeigt die erste neu gestaltete 50 $ Note, die er als Bezahlung für einen Verkauf seiner Flaggen im Laden an der Union Station in Washington erhalten hat.
fluter

Geld

Spätestens durch die großen Finanzkrisen des noch jungen 21. Jahrhunderts ist vielen klar geworden: Die internationale Geldzirkulation bestimmt unser Zusammenleben in allen seinen Winkeln mit. Geld regiert die Welt, heißt es. Aber warum ist das so? Und was genau ist das eigentlich, Geld? Antworten gibt der fluter.

Mehr lesen auf fluter.de

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ Standardbild HQ

Schuldenkrise und Demokratie

Seit Beginn der Finanz- und Verschuldungskrise in der Europäischen Union werden demokratisch gewählte Parlamente und Regierungen von den privaten Akteuren der Kapitalmärkte in die Enge getrieben. Der "Fiskalpakt“ verpflichtet langfristig zu strikter Haushaltsdisziplin durch "Schuldenbremsen“. Unterdessen wächst das Unbehagen über demokratische Defizite beim parlamentarischen Umgang mit scheinbar alternativlosen, immer größeren "Rettungspaketen“.Weiter...

Zum Shop

Master Of The Universe

In einem verlassenen Bankengebäude in Frankfurt am Main schildert ein ehemaliger Investmentbanker seine Sicht auf den Finanzmarkt von heute. Der Dokumentarfilm "Master Of The Universe" gibt Einblicke in die Gesetzmäßigkeiten einer Parallelwelt, deren Geschäfte globale Krisen zur Folge haben können.

Jetzt ansehen