A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

26.4.2012 | Von:
Prof. Dr. Max Otte

Rating-Agenturen

Reformvorschläge

Zur Reform der Ratingagenturen gibt es vielfältige Vorschläge. Die weit reichendsten wurden von EU-Kommissar Michel Barnier Ende 2011 vorgelegt. Allerdings setzte sich sehr schnell die Lobby der Agenturen und Investmentbanken durch, so dass das derzeitige bürokratische, kontraproduktive und ologopolistische System weitgehend erhalten bleibt.
  1. Transparenz: etliche Reformvorschläge zielen in Richtung größerer Transparenz des Handelns der Agenturen. Nun sollten gerade die Agenturen selber für Transparenz sorgen. Sie haben auf der ganzen Ebene ihren Zweck verfehlt. Laut EU-Kommission sollen die Agenturen nun einheitliche Rating-Skala erarbeiten, damit die Urteile vergleichbar werden. „Gefälligkeitsratings“ soll es nicht mehr geben. Das löst nach Ansicht des Verfassers jedoch nicht die bestehenden Probleme.
  2. Haftung: Ratingagenturen sollen für eventuelle Schäden besser haftbar gemacht werden. Dieser Vorschlag läuft aber letztlich ins Leere, da die Agenturen gar nicht mit genug Kapital ausgestattet sind, um für ihre Fehler wirklich zu haften. Außerdem könnte man sie nur für wirklich grobes Fehlverhalten im Einzelfall haftbar machen, nicht für systemisches Versagen. Es muss aber gerade das System geändert werden.
  3. Interessenkonflikte: Bislang war es so, dass Ratingagenturen von den Unternehmen, die sie bewerten, ihr Geld bekommen – ein großer Interessenkonflikt. Künftig soll ein Auftraggeber eine Ratingagentur nur noch maximal drei Jahre in Folge beauftragen dürfen. Für Staaten gilt dies nicht. Die Unternehmen müssen auch ihre Preispolitik offenlegen.
  4. Europäische Agentur: Barnier schlug auch eine europäische Ratingagentur vor. Diese wäre geeignet, das angelsächsische Kartell aufzubrechen, weshalb sie von der Lobby mit ganzer Macht verhindert wurde. Nun ruhen die Hoffnungen auf der chinesischen Ratinagentur Dagong, welche die USA von A+ auf A herabgestuft hat, ein in den Augen des Verfassers angemessenes Rating.
  5. Abschaffung der Ratingagenturen: Am besten wäre es nach Ansicht des Verfassers, die Ratingagenturen als systemfremde, kontraproduktive und bürokratische Instrumente ganz abzuschaffen oder nur noch für Nischenaufgaben zu verwenden. Dann müssten Finanzinstitutionen wieder ihre eigenen Analysen verfassen und selber die Haftung übernehmen. Eine verbesserte staatliche Aufsicht sowie eine bessere Eigenkapitalausstattung der Finanzmarktakteure würden diese Rückkehr zur Marktwirtschaft unterstützen.
  6. Aussetzen der Ratings für bestimmte Länder: eine Teillösung wäre das Aussetzen der Rating für bestimmte Länder in Krisensituationen, um eine Abwärtsspirale zu verhindert. Diesen Vorschlag machte ebenfalls Michel Barnier. Hier bleiben allerdings bezüglich der Umsetzbarkeit viele Fragen offen.
  7. Aussetzen der Ratings für bestimmte Akteure: Der Europaparlamentarier Sven Giegold von den Grünen hat vorgeschlagen, dass Akteure ab einer bestimmten Größenordnung, wie beispielsweise die Deutsche Bank, keine Ratings mehr nutzen dürfen, sondern wieder ihre eigenen Einschätzungen erstellen müssen. Prinzipiell wäre dies ein Schritt in die richtige Richtung, um das Kartell der Großen aufzubrechen. Gerade deswegen wird der Vorschlag mit der gleichen Vehemenz bekämpft werden wie die Abschaffung der Agenturen.


Ratingagenturen sind gewinnorientierte Unternehmen und so etwas wie die Schulmeister der Finanzmärkte, denn sie bewerten die Kreditwürdigkeit von Firmen, Staaten und Finanzprodukten. Die drei marktbeherrschenden Agenturen S&P, Moody's und Fitch wurden schon mit dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise heftig kritisiert.

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