A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)
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Ursachen der Finanzkrise: Ein Blick in die USA


8.5.2012
Die Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise sind vielfältig und einfache Schuldzuweisungen nicht möglich. Eines ist jedoch sicher: die Krise war sowohl das Ergebnis eines Markt- als auch Regulierungsversagens. Mittlerweile ist aus der Finanz- und Wirtschaftskrise eine Schuldenkrise geworden. Der Weg hinaus bleibt lang und steinig.

U.S. dollar bills are checked for authenticity at a money exchange outlet in Manila, Philippines, Monday, Aug. 8, 2011. Asian stocks nosedived Monday as the first-ever downgrade of the U.S. government's credit rating jolted the global financial system, reinforcing fears that the world economy is weakening. (ddp images/AP Photo/Aaron Favila)Dollar-Noten (© picture-alliance/AP)

Einleitung: Eine Verkettung unglücklicher Zufälle?



"Die Finanzkrise war vermeidbar" – zu diesem Urteil kam Anfang 2011 die vom US-amerikanischen Kongress ins Leben gerufene, zehnköpfige Financial Crisis Inquiry Commission (FCIC) in ihrem Bericht "Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States".[1] Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-2010 sei kein "perfekter Sturm" gewesen – eine Verkettung unglücklicher Umstände, die keiner habe voraussehen können, wie sie Notenbankchef Ben Bernanke interpretiert.[2] Vielmehr sei die Krise durch "menschliche Taten und Tatenlosigkeit verursacht worden". Ihre Ursachen seien ein "enormes Versagen" von Regierung und Finanzaufsicht sowie ein "rücksichtsloses Risikomanagement" der Geldindustrie gewesen. Nicht nur seien Politiker auf die Krise schlecht vorbereitet gewesen. Die seit Jahren sichtbaren Risiken wurden entweder ignoriert oder unterschätzt. Zu den Warnsignalen gehörten laut dem Bericht unethische Kreditvergabepraktiken, eine dramatisch steigende Verschuldung der privaten Haushalte und ein exponentielles Wachstum des Finanzsektors, insbesondere des Handels der wenig regulierten Finanzderivate.

Phil Angelides, chairman of the Financial Crisis Inquiry Commission, refers to notes while testifying on Capitol Hill in Washington, Tuesday, May 10, 2011, before the Senate Banking Committee hearing, "Reviewing the Financial Crisis Inquiry Commission's Final Report." (ddp images/AP Photo/Harry Hamburg)Der Vorsitzende der Financial Crisis Inquiry Commission Phil Angelides. (© picture-alliance/AP)
Seit Beginn der Krise wurden unzählige Berichte und Analysen über die Ursachen und Konsequenzen der Krise verfasst.[3] Die Analysten sind sich einig: Die Krise hat viele Ursachen. Keine Einigkeit besteht hingegen darin, welches Gewicht den einzelnen Faktoren zugesprochen werden soll: Waren es vor allem die entfesselten Finanzmärkte, welche die USA und die Weltwirtschaft in eine der tiefsten Krisen seit der Depression der 1930er Jahre stürzten? Steht im Zentrum eine unverantwortliche Politik der US-Notenbank, welche die Verwerfungen auf den Finanzmärken weiter befeuerte, als die Zeichen der Krise längst sichtbar waren? Oder waren es doch das US-amerikanische Wachstumsmodell und die hohen Kapitalzuflüsse in die USA aus Ländern wie China, welche die unverantwortliche Kreditvergabe erst möglich machten? Eine einfache Antwort auf diese Fragen gibt es nicht, und so enthält auch der Bericht der US-Untersuchungskommission zusätzlich zu der Konsensmeinung der Mehrheit zwei Minderheitsmeinungen. Die von den Republikanern im Kongress in die Kommission berufenen Mitglieder widersprachen ihren demokratischen Kollegen in einem wichtigen Punkt. Ihrer Meinung nach hätte die Krise auch dann nicht vermieden werden können, wenn das amerikanische Finanzsystem strenger reguliert worden wäre.[4] Sie betonen zum einen die globalen Ungleichgewichte und die mit ihnen verbundenen Kapitalströme in die USA als eine entscheidende Ursache der Finanzkrise, zum anderen die verfehlte Wohnungspolitik der Regierung.

Wer hat Recht? Für ein abschließendes Fazit ist es nach wie vor zu früh. Sicher ist jedoch, dass die Ursachen ausgesprochen komplex sind und die Krise sowohl ein Markt- als auch ein Regulierungsversagen war.

Nährboden der Krise: Liquiditätsschwemme



Federal Reserve Chairman Ben Bernanke prepares to speak during a news conference at the Federal Reserve in Washington, Wednesday, April 25, 2012. The news conference followed the Federal Open Market Committee meeting presenting the FOMC's current economic projections. (Foto:Susan Walsh/AP/dapd)Ben Bernanke, der Vorsitzende der Federal Reserve, auf einer Konferenz in Washington im April 2012. (© picture-alliance/AP)
Den Nährboden für die Wirtschafts- und Finanzkrise schufen zwei Faktoren: Die expansive Geldpolitik der Federal Reserve und die hohen Kapitalzuflüsse in die USA. Nach dem Platzen der New Economy Blase 2000 und den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 betrieb die US-amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) auch dann noch eine expansive Geldpolitik, als die US-Wirtschaft bereits wieder wuchs. Der Grund hierfür lag nicht zuletzt im Jobless Recovery: Trotz Erholung der Wirtschaft blieb die Arbeitslosigkeit vergleichsweise hoch. Da die Fed, anders als die Europäische Zentralbank, ein doppeltes Mandat hat – Preisstabilität und Vollbeschäftigung – begann sie erst Ende 2004, zunächst sehr zögerlich, die Zinsen wieder anzuheben. Gleichwohl war die hohe Arbeitslosigkeit nicht der einzige Grund für die laxe Geldpolitik. Die Fed unterschätzte lange Zeit die Preisblase am US-Immobilienmarkt, wie aus den Sitzungsprotokollen der betreffenden Jahre hervorgeht, welche die Fed jüngst im Internet veröffentlichte. Weder der damalige Vorsitzende der Fed, Alan Greenspan, noch sein Nachfolger Ben Bernanke deuteten die Zeichen richtig. Bernanke rechnete noch im Mai 2006 im schlimmsten Fall mit einem "planmäßigen Rückgang am Häusermarkt".[5] Für viel Liquidität im US-Markt sorgten zudem die exportstarken Länder wie China oder auch die Ölproduzenten des Nahen und Mittleren Ostens, die ihre Exporteinnahmen in den USA anlegten. China allein hielt im September 2008 US-Treasuries im Wert von 618 Mrd. Dollar – seit Anfang 2000 hatte sich dieser Wert somit rund verachtfacht (März 2000: 74,4 Mrd. Dollar).[6]


Fußnoten

1.
Financial Crisis Inquiry Commission, Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States, Januar 2011, (eingesehen am 7.3.2012).
2.
Zitiert in: Financial Crisis Inquiry Commission, Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States, Januar 2011, (eingesehen am 7.3.2012), S. 3.
3.
Einen ersten Überblick der Literatur bieten: Gary Gorton/ Andrew Metrick, Getting Up to Spead on the Financial Crisis: A One-Weekend-Reader’s Guide, NBER Working Paper, Januar 2012, (eingesehen am 7.3.2012); Hussein Tarraf, Literature Review on Corporate Governance and the Recent Financial Crisis, SSRN Working Paper, 27.12.2010, aktualisiert am 16.1.2011, (eingesehen am 7.3.2012). Siehe auch: Maurice Obstfeld/ Kenneth Rogoff, Global Imbalances and the Financial Crisis: Products of Common Causes, CEPR Discussion Paper, November 2009, (eingesehen am 7.3.2012); Thomas Palley, "Das erschöpfte Paradigma Amerikas: Makroökonomische Ursachen der Finanzkrise und der Großen Rezession", in: Internationale Politik und Gesellschaft, 1/2010; Berry Eichengreen, Macroeconomic and Financial Policies Before and After the Crisis, August 2010, (eingesehen am 7.3.2012); Jürgen Matthes, Ursachen der Finanzkrise, August 2010 (eingesehen am 7.3.2012).
4.
FCIC, Dissenting Statement of Keith Hennessey, Douglas Holtz-Eakin, Bill Thomas, 2011, (eingesehen am 7.3.2012); FCIC, Dissenting Statement of Peter Wallison, Januar 2011, (eingesehen am 7.3.2012).
5.
Zitiert in: Welt Online, US-Notenbank Fed unterschätzte Immobilienblase, 14.1.2012, (eingesehen am 7.3.2012).
6.
U.S. Department of the Treasury, Major Foreign Holders of Treasury Securities, via: (eingesehen am 7.3.2012).

 

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