A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

8.5.2012 | Von:
Stormy-Annika Mildner

Ursachen der Finanzkrise: Ein Blick in die USA

Die Ratingagenturen leisteten diesem Trend weiter Vorschub, indem sie den neuen Finanzinstrumenten Bestnoten gaben – nicht immer waren diese Noten jedoch gerechtfertigt. Die Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) kritisierte 2011, dass sowohl die Methodik als auch die interne Kontrolle der Ratingunternehmen oftmals mangelhaft gewesen seien. In einem funktionierenden Markt hätten die Agenturen ein starkes Eigeninteresse an qualitativ hochwertigen Ratings gehabt. Doch davon kann hier nicht die Rede sein: Der Markt wurde von den drei großen Unternehmen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch dominiert, die Agenturen konnten für fehlerhafte Ratingurteile nicht haftbar gemacht werden und das enge Verhältnis zwischen Ratingagenturen und ihren Kunden schuf schwerwiegende Interessenkonflikte. So wurden die Agenturen nicht nur von den Banken für ihre Ratingdienste bezahlt. Sie berieten ihre Kunden überdies bei der Schaffung jener komplexer Finanzprodukte, die sie später bewerteten.

Schließlich trug auch bewusster Finanzbetrug zu den Verwerfungen auf den Finanzmärkten vor der Krise bei: So musste beispielsweise die Investmentbank Goldman Sachs 2010 eine Strafe in der Höhe von rund 550 Millionen Dollar dafür zahlen, dass sie ihren Kunden wichtige Informationen verschwiegen hatte. Goldman Sachs hatte 2007 ein hochriskantes Hypothekenderivat auf den Markt gebracht (Abacus 2007-AC1), als der Markt gerade abzustürzen begann. Dabei verschwieg man den Abnehmern dieser CDOs, dass der Hedgefonds Paulson & Co, ein wichtiger Kunde von Goldman Sachs, an der Auswahl der zweitklassigen Hypothekenkredite des CDO beteiligt war und gleichzeitig auf den Werteverlust des Finanzprodukts auf den Finanzmärkten wettete. Paulson soll nach Angaben der SEC mit diesem Geschäft rund eine Milliarde Dollar verdient haben. Die SEC hatte eine Zivilklage gegen das Unternehmen angestrengt; schließlich einigte man sich auf einen Vergleich – mit 550 Millionen Dollar der höchste in der Geschichte der SEC. Der SEC zufolge war dies nicht der einzige Betrugsfall vor der Krise; neben Goldman Sachs stehen auch andere Banken wie die Bank of Amerika unter Verdacht, mit fragwürdigen Praktiken bei der Verbriefung von Immobilienkrediten ihre Kunden hinters Licht geführt zu haben.

Regulierungsversagen: Der unerschütterliche Glaube an die Marktkräfte

Dass weder Fed noch die Finanzaufsicht in den USA früher in die Märkte korrigierend eingriffen, lag unter anderem am unerschütterlichen Glauben an die Selbstregulierung und die Selbstheilungskräfte der Märkte. Die Auslagerung von Risiken in Zweckgesellschaften oder auch der Handel mit Ausfallrisiken in Form von Kreditderivaten wie CDS galten als Ausdruck der Innovationskraft des Finanzsektors. Die Deregulierung der Finanzmärkte wurde als Beitrag zur Stärkung der US-Finanzindustrie im internationalen Wettbewerb bewertet; der Finanzsektor wurde als Wachstumsbranche gelobt.

Die laxen, mitunter völlig unzureichenden Regulierungen wurden daher nicht an die neuen Marktverhältnisse angepasst. Besonders deutlich zeigte sich dies bei den Hypothekenvermittlern (sie wurden so gut wie überhaupt nicht reguliert), den Hedgefonds oder auch den Derivatemärkten, insbesondere dem außerbörslichen (over-the-counter, OTC) Derivatehandel. Da OTC nicht standardisiert sind und direkt zwischen den Marktteilnehmern gehandelt werden, oblag die Risikoüberwachung ausschließlich denjenigen, die an den Transaktionen beteiligt waren. Weder die Marktteilnehmer noch die Regulierungsbehörden konnten das genaue Volumen der Transaktionen, der eingegangenen Verbindlichkeiten oder auch das Ausmaß der Verflechtung zwischen den Finanzakteuren richtig einschätzen.

Dass Risiken auf den Finanzmärkten übersehen wurden, lag zudem an der Struktur der Finanzaufsicht in den USA. Diese war (und ist es teilweise noch immer) ein bunter Fleckenteppich von Zuständigkeiten aus der Zeit der Großen Depression der 1930er Jahre. Eine Regulierungsinstanz mit überspannender Verantwortung gab es vor der Krise nicht, vielmehr wachte über den Bankensektor, den Wertpapiermarkt und das Versicherungswesen eine Vielzahl verschiedener Aufsichtsbehörden. Verschärft wurde dieses Problem durch Interessenkonflikte: Verantwortliche aus Politik und Aufsichtsbehörden wechselten immer wieder in den Finanzsektor (und umgekehrt). Der SEC beispielsweise wird vorgeworfen, dass Mitarbeiter rund 20 Jahre lang systematisch und widerrechtlich Unterlagen über Voruntersuchungen gegen Banken wie Goldman Sachs, die Deutsche Bank und Lehman Brothers vernichtet haben – teilweise auf Bitte ehemaliger Kollegen aus der Privatwirtschaft. In der Folge könnte die SEC Muster in komplexen Betrugsfällen übersehen haben.


Publikationen zum Thema

Coverbild Ökonomie und Gesellschaft

Ökonomie und Gesellschaft

Der Band verdeutlicht an ausgewählten Beispielen das Wechselverhältnis von Ökonomie und Gesellsch...

Jürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus

Geschichte des Kapitalismus

Kapitalismus: Fluch oder Segen? Jürgen Kocka geht weit in die Geschichte dieser Wirtschaftsform zur...

Die Pleite - Republik - Cover

Die Pleite - Republik

Wozu ist der Staat da? Welche Kernaufgaben, welche Pflichten hat er? Wie soll die Politik dem Proble...

APuZ Zukunft des Euro

Europa
und der Euro

Die Hoffnung, Europa würde mit einer gemein-
samen Währung enger zusammen-
rücken, hat sich...

Geld

Geld

Seit Beginn der 1990er Jahre haben sich Real- und Finanz-
wirtschaft auseinander entwickelt, seit...

Coverbild Sozioökonomische Bildung

Sozioökonomische Bildung

Was ist Sozioökonomie? Wozu sozioökonomische Bildung? Die vorliegende Aufsatzsammlung widmet sich ...

Krise der Weltwirtschaft

Krise der
Weltwirtschaft

Seit September 2008 hat die globale Finanz- und Wirtschafts-
krise Deutschland fest im Griff...

Coverbild Märkte für Menschen

Märkte für Menschen

Gegenüber der Finanzwirtschaft hält sich Unbehagen. Milliardengewinne, Bankenpleiten, riskante Bö...

Coverbild Finanzwirtschaft

Finanzwirtschaft

Wir gehen ganz selbstverständlich mit Geld um: bezahlen Rechnungen, kaufen schöne Dinge, sparen od...

Coverbild Unter Bankern

Unter Bankern

Kaum eine Berufsgruppe ist im Zuge der Finanzkrise 2007 so in Verruf geraten wie die der Banker. Der...

Coverbild Globalisierung à la carte

Globalisierung à la carte

Immer globaler, immer liberaler? Die Entfesselung des globalen Kapitalverkehrs und der zunehmende we...

Zum Shop

Tony Ismail, Inhaber von Alamo Fahnen, zeigt die erste neu gestaltete 50 $ Note, die er als Bezahlung für einen Verkauf seiner Flaggen im Laden an der Union Station in Washington erhalten hat.
fluter

Geld

Spätestens durch die großen Finanzkrisen des noch jungen 21. Jahrhunderts ist vielen klar geworden: Die internationale Geldzirkulation bestimmt unser Zusammenleben in allen seinen Winkeln mit. Geld regiert die Welt, heißt es. Aber warum ist das so? Und was genau ist das eigentlich, Geld? Antworten gibt der fluter.

Mehr lesen auf fluter.de

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ Standardbild HQ

Schuldenkrise und Demokratie

Seit Beginn der Finanz- und Verschuldungskrise in der Europäischen Union werden demokratisch gewählte Parlamente und Regierungen von den privaten Akteuren der Kapitalmärkte in die Enge getrieben. Der "Fiskalpakt“ verpflichtet langfristig zu strikter Haushaltsdisziplin durch "Schuldenbremsen“. Unterdessen wächst das Unbehagen über demokratische Defizite beim parlamentarischen Umgang mit scheinbar alternativlosen, immer größeren "Rettungspaketen“.Weiter...

Zum Shop

Master Of The Universe

In einem verlassenen Bankengebäude in Frankfurt am Main schildert ein ehemaliger Investmentbanker seine Sicht auf den Finanzmarkt von heute. Der Dokumentarfilm "Master Of The Universe" gibt Einblicke in die Gesetzmäßigkeiten einer Parallelwelt, deren Geschäfte globale Krisen zur Folge haben können.

Jetzt ansehen