A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

8.5.2012 | Von:
Stormy-Annika Mildner

Ursachen der Finanzkrise: Ein Blick in die USA

Die US-Regierung muss sich allerdings nicht nur dem Vorwurf unzureichender Regulierungen stellen. Durch eine gut gemeinte aber fehlgeleitete Wohnungsmarktpolitik beförderte sie das übermäßig risikofreudige Verhalten auf den Märkten weiter. Besonders deutlich zeigte sich dies im Fall der US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac. Diese Government-Sponsored Enterprises (GSEs) kauften im großen Stil Hypotheken von regulären Banken und Kreditanbietern auf, bündelten und verkauften sie als Wertpapiere weltweit an Investoren. Seit der Reagan-Administration wurden die Kreditvergabestandards für Fannie und Freddie mehrmals gelockert, um ihnen den Ankauf auch von Hypotheken mit einem höheren Ausfallrisiko zu erlauben. Die steigende Nachfrage der beiden GSEs nach solchen Hypotheken wiederum ermöglichte Banken und Kreditanbietern, stärker im Subprime-Sektor aktiv zu werden – und erfüllte so ein wichtiges verteilungspolitisches Ziel der Regierung: Die Förderung von Wohneigentum auch in ärmeren Bevölkerungsschichten. Als Fannie und Freddie in Schieflage gerieten, griff die Regierung rettend ein.

Die Rettung von Fannie und Freddie offenbart weiteres Problem staatlicher Anreizstrukturen: das Too Big to Fail-Problem. Große, systemrelevante Finanzunternehmen müssen vom Staat gerettet werden, soll nicht das gesamte Finanzsystem gefährdet werden. Allerdings wird durch solche Rettungsaktionen der Bestrafungsmechanismus des Marktes ausgehebelt; dies lädt zu ähnlichem Fehlverhalten in der Zukunft ein (Moral Hazard-Problem). Im Frühjahr 2008 unterstützte die Fed die Übernahme der Investmentbank Bear Stearns durch JPMorgan Chase, indem sie schwer verkäufliche Wertpapiere von Bear Stearns als Sicherheit für einen Kredit akzeptierte. Dahingegen stufte die Bush-Administration die Investmentbank Lehman Brothers trotz ihrer Größe nicht als systemrelevant ein. Zudem wollte die Regierung dem Eindruck entgegentreten, sie würde nun sämtliche Institute vor dem Bankrott retten. Die Insolvenz erfolgte weitgehend unvorbereitet und erschütterte nachhaltig die Finanzmärkte. Unter dem Eindruck des drohenden Marktkollapses und der hohen internationalen Verflechtung entschied sich die Regierung im Fall des Versicherungsgiganten AIG wiederum für eine Rettung. Das Fehlen von klaren Regeln für die planmäßige Auflösung von großen insolventen Finanzinstitutionen hat maßgeblich zur Schwere der Finanzkrise beigetragen.

Lessons Learnt?

Krisen wird es immer geben, dies liegt allein schon an der Fehlerhaftigkeit menschlichen Handelns. Es ist zudem eine sichere Wette, dass Finanzmarktakteure auch in Zukunft versuchen werden, Regulierungen zu umgehen. Wie in der Vergangenheit dürften sie dabei den Regulierern immer einen Schritt voraus sein. Ein Grund, die Hände in den Schoß zu legen, ist dies jedoch nicht. Denn strengere Regulierungen und eine bessere Finanzaufsicht können zum einen verhindern, dass die Verwerfungen auf den Märkten so groß werden wie vor 2008, zum anderen können sie Regulierern ermöglichen, schneller und effektiver korrigierend einzugreifen, bevor es zu einer harten Landung der Wirtschaft kommt. In den USA ist mit dem "Wall Street Reform and Consumer Protection Act" (kurz: Dodd-Frank Act) zwar die Basis für eine bessere Finanzaufsicht gelegt worden. Nun geht es jedoch darum, das Gesetzt auch tatsächlich zu implementieren. Denn eines ist klar: Weder die USA noch die Weltwirtschaft können sich eine weitere Krise dieses Ausmaßes leisten.


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