A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)
1 | 2 | 3 | 4

Ursachen der Finanzkrise: Ein Blick in die USA


8.5.2012
Die Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise sind vielfältig und einfache Schuldzuweisungen nicht möglich. Eines ist jedoch sicher: die Krise war sowohl das Ergebnis eines Markt- als auch Regulierungsversagens. Mittlerweile ist aus der Finanz- und Wirtschaftskrise eine Schuldenkrise geworden. Der Weg hinaus bleibt lang und steinig.

U.S. dollar bills are checked for authenticity at a money exchange outlet in Manila, Philippines, Monday, Aug. 8, 2011. Asian stocks nosedived Monday as the first-ever downgrade of the U.S. government's credit rating jolted the global financial system, reinforcing fears that the world economy is weakening. (ddp images/AP Photo/Aaron Favila)Dollar-Noten (© picture-alliance/AP)

Einleitung: Eine Verkettung unglücklicher Zufälle?



"Die Finanzkrise war vermeidbar" – zu diesem Urteil kam Anfang 2011 die vom US-amerikanischen Kongress ins Leben gerufene, zehnköpfige Financial Crisis Inquiry Commission (FCIC) in ihrem Bericht "Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States".[1] Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-2010 sei kein "perfekter Sturm" gewesen – eine Verkettung unglücklicher Umstände, die keiner habe voraussehen können, wie sie Notenbankchef Ben Bernanke interpretiert.[2] Vielmehr sei die Krise durch "menschliche Taten und Tatenlosigkeit verursacht worden". Ihre Ursachen seien ein "enormes Versagen" von Regierung und Finanzaufsicht sowie ein "rücksichtsloses Risikomanagement" der Geldindustrie gewesen. Nicht nur seien Politiker auf die Krise schlecht vorbereitet gewesen. Die seit Jahren sichtbaren Risiken wurden entweder ignoriert oder unterschätzt. Zu den Warnsignalen gehörten laut dem Bericht unethische Kreditvergabepraktiken, eine dramatisch steigende Verschuldung der privaten Haushalte und ein exponentielles Wachstum des Finanzsektors, insbesondere des Handels der wenig regulierten Finanzderivate.

Phil Angelides, chairman of the Financial Crisis Inquiry Commission, refers to notes while testifying on Capitol Hill in Washington, Tuesday, May 10, 2011, before the Senate Banking Committee hearing, "Reviewing the Financial Crisis Inquiry Commission's Final Report." (ddp images/AP Photo/Harry Hamburg)Der Vorsitzende der Financial Crisis Inquiry Commission Phil Angelides. (© picture-alliance/AP)
Seit Beginn der Krise wurden unzählige Berichte und Analysen über die Ursachen und Konsequenzen der Krise verfasst.[3] Die Analysten sind sich einig: Die Krise hat viele Ursachen. Keine Einigkeit besteht hingegen darin, welches Gewicht den einzelnen Faktoren zugesprochen werden soll: Waren es vor allem die entfesselten Finanzmärkte, welche die USA und die Weltwirtschaft in eine der tiefsten Krisen seit der Depression der 1930er Jahre stürzten? Steht im Zentrum eine unverantwortliche Politik der US-Notenbank, welche die Verwerfungen auf den Finanzmärken weiter befeuerte, als die Zeichen der Krise längst sichtbar waren? Oder waren es doch das US-amerikanische Wachstumsmodell und die hohen Kapitalzuflüsse in die USA aus Ländern wie China, welche die unverantwortliche Kreditvergabe erst möglich machten? Eine einfache Antwort auf diese Fragen gibt es nicht, und so enthält auch der Bericht der US-Untersuchungskommission zusätzlich zu der Konsensmeinung der Mehrheit zwei Minderheitsmeinungen. Die von den Republikanern im Kongress in die Kommission berufenen Mitglieder widersprachen ihren demokratischen Kollegen in einem wichtigen Punkt. Ihrer Meinung nach hätte die Krise auch dann nicht vermieden werden können, wenn das amerikanische Finanzsystem strenger reguliert worden wäre.[4] Sie betonen zum einen die globalen Ungleichgewichte und die mit ihnen verbundenen Kapitalströme in die USA als eine entscheidende Ursache der Finanzkrise, zum anderen die verfehlte Wohnungspolitik der Regierung.

Wer hat Recht? Für ein abschließendes Fazit ist es nach wie vor zu früh. Sicher ist jedoch, dass die Ursachen ausgesprochen komplex sind und die Krise sowohl ein Markt- als auch ein Regulierungsversagen war.

Nährboden der Krise: Liquiditätsschwemme



Federal Reserve Chairman Ben Bernanke prepares to speak during a news conference at the Federal Reserve in Washington, Wednesday, April 25, 2012. The news conference followed the Federal Open Market Committee meeting presenting the FOMC's current economic projections. (Foto:Susan Walsh/AP/dapd)Ben Bernanke, der Vorsitzende der Federal Reserve, auf einer Konferenz in Washington im April 2012. (© picture-alliance/AP)
Den Nährboden für die Wirtschafts- und Finanzkrise schufen zwei Faktoren: Die expansive Geldpolitik der Federal Reserve und die hohen Kapitalzuflüsse in die USA. Nach dem Platzen der New Economy Blase 2000 und den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 betrieb die US-amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) auch dann noch eine expansive Geldpolitik, als die US-Wirtschaft bereits wieder wuchs. Der Grund hierfür lag nicht zuletzt im Jobless Recovery: Trotz Erholung der Wirtschaft blieb die Arbeitslosigkeit vergleichsweise hoch. Da die Fed, anders als die Europäische Zentralbank, ein doppeltes Mandat hat – Preisstabilität und Vollbeschäftigung – begann sie erst Ende 2004, zunächst sehr zögerlich, die Zinsen wieder anzuheben. Gleichwohl war die hohe Arbeitslosigkeit nicht der einzige Grund für die laxe Geldpolitik. Die Fed unterschätzte lange Zeit die Preisblase am US-Immobilienmarkt, wie aus den Sitzungsprotokollen der betreffenden Jahre hervorgeht, welche die Fed jüngst im Internet veröffentlichte. Weder der damalige Vorsitzende der Fed, Alan Greenspan, noch sein Nachfolger Ben Bernanke deuteten die Zeichen richtig. Bernanke rechnete noch im Mai 2006 im schlimmsten Fall mit einem "planmäßigen Rückgang am Häusermarkt".[5] Für viel Liquidität im US-Markt sorgten zudem die exportstarken Länder wie China oder auch die Ölproduzenten des Nahen und Mittleren Ostens, die ihre Exporteinnahmen in den USA anlegten. China allein hielt im September 2008 US-Treasuries im Wert von 618 Mrd. Dollar – seit Anfang 2000 hatte sich dieser Wert somit rund verachtfacht (März 2000: 74,4 Mrd. Dollar).[6]

In this March 27, 2009 file photo, the Federal Reserve Building on Constitution Avenue in Washington. Banks borrowed slightly less from the Federal Reserve's emergency lending program over the past week, and reduced their use of other credit programs designed to ease the financial crisis. (ddp images/AP Photo/J. Scott Applewhite, file)Das Gebäude der US-Notenbank Fed in Washington. Anders als die EZB hat die Fed ein doppeltes Mandat: Preisstabilität und Vollbeschäftigung. (© picture-alliance/AP)
Niedrige Zinsen zusammen mit der Möglichkeit, Hypothekenrisiken durch Verbriefung (Securitization) und den Handel von strukturierten Wertpapieren (Asset-backed Securities, ABS, forderungsbesicherte Anleihen) weiterzureichen, beförderten nicht nur die Entstehung einer Immobilienblase in den USA, sondern auch eine Lockerung von Kreditvergabestandards und die Vergabe von Hypoheken an Kreditnehmer geringer Bonität (Subprime Loans). Bei manchen dieser zweitklassigen Darlehen bestand die Sicherheit allein darin, dass die Kreditnehmer ihre Schulden mit dem Hauswert würden refinanzieren können, nicht jedoch in einer davon unabhängigen Rückzahlungsfähigkeit. Zudem konnten Finanzinstitute dank der niedrigen Zinsen immer größere Geschäfte mit immer geringerem Eigenkapitaleinsatz tätigen – es kam zu einem Leverage-Effekt (Hebelwirkung).[7] Gleichzeitig wurde für breite Schichten der Bevölkerung sowohl der kurzfristige Konsum "auf Pump" als auch der Kauf beziehungsweise die Beleihung von Eigenheimen überaus attraktiv. Mit dem Immobilienboom ging eine gefühlte Vermögenssteigerung der privaten Haushalte einher – dies förderte den privaten Konsum und das Wirtschaftswachstum. Zu mehr als 70 Prozent basierte die Wirtschaftsleistung in den USA vor der Krise auf dem Binnenkonsum. Die Schattenseite war eine enorme private Verschuldung: 2007 lag die Verschuldung der privaten Haushalte im Verhältnis zum verfügbaren Einkommen bei 137 Prozent. Dass dieses Modell nur so lange funktionieren kann, wie die Immobilienpreise steigen und Zinsen niedrig bleiben, wurde von fast allen Marktteilnehmern ignoriert. Rückblickend überrascht es kaum, dass viele Haushalte in Zahlungsschwierigkeiten gerieten, als die Fed die Zinsschraube 2006 deutlich anzog – insbesondere da viele der von ihnen gehaltenen Kredite flexible Zinssätze hatten, also analog zum Leitzins stiegen.

Marktversagen auf den Finanzmärkten: Übermäßige Risikofreudigkeit



Angeheizt durch die steigende internationale Konkurrenz und die Deregulierungspolitik der 1990er Jahre entwickelte der Finanzsektor immer neue Finanzprodukte, neben den Asset-backed Securities vor allem die Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS), mit denen Kreditrisiken abgesichert werden können. Der Sekundärmarkt für Hypothekenkredite sorgte im Finanzsektor für hohe Erträge, beförderte zugleich aber auch eine Entkopplung von Kreditgebern und Kreditnehmern. In der Konsequenz wurden Risiken entweder ignoriert oder verschleiert.

Als Käufer der ABS dienten zumeist von den Instituten gegründete Finanzierungszweckgesellschaften, sogenannte Structured Investment Vehicles (SIV). Diese Zweckgesellschaften waren so konstruiert, dass die Institute sie nicht in ihrer Bilanz aufführen, und demnach auch die Risiken nicht in ihre Bücher aufnehmen mussten. Indem sie ihre Risikogeschäfte in Zweckgesellschaften auslagerten, konnten Banken die Eigenkapitalrichtlinien Basel I und Basel II umgehen: Diese schrieben vor, dass Banken ständig ein Minimum an Eigenkapital – acht Prozent ihrer risikogewichteten Vermögenswerte – halten müssen. Die Konsequenz dieser Risikoverschiebung waren sinkende Transparenz und deutlich erschwerte Bedingungen für die Aufsichtsbehörden. Die dem Geschäftsmodell der Zweckgesellschaften inhärenten Risiken wurden dabei ebenfalls weitgehend vernachlässigt: Die SIVs liehen sich kurzfristig Geld und gingen gleichzeitig langfristige Zahlungsverpflichtungen ein. Der Gewinn lag in der Zinsdifferenz – angesichts der sprudelnden Liquidität an den Kreditmärkten ein vermeintlich risikoarmes Geschäft. Gleichwohl machte gerade die Notwendigkeit einer stetigen kurzfristigen Refinanzierung die SIVs besonders anfällig gegenüber plötzlichen finanziellen Verwerfungen.

Investmentbanker erlagen zudem dem Trugschluss, mittels hochkomplizierter mathematischer Optimierungsverfahren das Risiko der neuen Anlageinstrumente und Zweckgesellschaften nahezu beseitigt zu haben. Zwar berücksichtigten ihre Modelle durchaus die Möglichkeit eines Einbruchs der Immobilienpreise, doch basierten die Berechnungen auf historischen Erfahrungswerten. Mit einem Wertverlust auf den Immobilienmärkten, wie er letztendlich eintrat, hatte kaum jemand gerechnet. Jahrelang hohe Wachstumsraten und Wertsteigerungen vermittelten ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, und nur wenige Ökonomen wie der Amerikaner Nouriel Roubini warnten vor den Risiken im Finanzsystem. Beflügelt wurde das risikofreudige Verhalten durch die Vergütungspolitik in den Banken. Motiviert durch die Aussicht auf hohe Bonuszahlungen im Erfolgsfall verfolgten Bankmanager im Vorfeld der Krise besonders risikoreiche Unternehmensstrategien. Kurzfristige Gewinnmaximierung war wichtiger als langfristige finanzielle Nachhaltigkeit. In der Folge bildeten Banken Rücklagen, die für mögliche Kreditausfälle nicht ausreichten und tätigten immer größere Geschäfte mit immer geringerem Eigenkapitaleinsatz.

Die Ratingagenturen leisteten diesem Trend weiter Vorschub, indem sie den neuen Finanzinstrumenten Bestnoten gaben – nicht immer waren diese Noten jedoch gerechtfertigt. Die Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) kritisierte 2011, dass sowohl die Methodik als auch die interne Kontrolle der Ratingunternehmen oftmals mangelhaft gewesen seien. In einem funktionierenden Markt hätten die Agenturen ein starkes Eigeninteresse an qualitativ hochwertigen Ratings gehabt. Doch davon kann hier nicht die Rede sein: Der Markt wurde von den drei großen Unternehmen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch dominiert, die Agenturen konnten für fehlerhafte Ratingurteile nicht haftbar gemacht werden und das enge Verhältnis zwischen Ratingagenturen und ihren Kunden schuf schwerwiegende Interessenkonflikte. So wurden die Agenturen nicht nur von den Banken für ihre Ratingdienste bezahlt. Sie berieten ihre Kunden überdies bei der Schaffung jener komplexer Finanzprodukte, die sie später bewerteten.

Schließlich trug auch bewusster Finanzbetrug zu den Verwerfungen auf den Finanzmärkten vor der Krise bei: So musste beispielsweise die Investmentbank Goldman Sachs 2010 eine Strafe in der Höhe von rund 550 Millionen Dollar dafür zahlen, dass sie ihren Kunden wichtige Informationen verschwiegen hatte. Goldman Sachs hatte 2007 ein hochriskantes Hypothekenderivat auf den Markt gebracht (Abacus 2007-AC1), als der Markt gerade abzustürzen begann. Dabei verschwieg man den Abnehmern dieser CDOs, dass der Hedgefonds Paulson & Co, ein wichtiger Kunde von Goldman Sachs, an der Auswahl der zweitklassigen Hypothekenkredite des CDO beteiligt war und gleichzeitig auf den Werteverlust des Finanzprodukts auf den Finanzmärkten wettete. Paulson soll nach Angaben der SEC mit diesem Geschäft rund eine Milliarde Dollar verdient haben. Die SEC hatte eine Zivilklage gegen das Unternehmen angestrengt; schließlich einigte man sich auf einen Vergleich – mit 550 Millionen Dollar der höchste in der Geschichte der SEC. Der SEC zufolge war dies nicht der einzige Betrugsfall vor der Krise; neben Goldman Sachs stehen auch andere Banken wie die Bank of Amerika unter Verdacht, mit fragwürdigen Praktiken bei der Verbriefung von Immobilienkrediten ihre Kunden hinters Licht geführt zu haben.

Regulierungsversagen: Der unerschütterliche Glaube an die Marktkräfte



Dass weder Fed noch die Finanzaufsicht in den USA früher in die Märkte korrigierend eingriffen, lag unter anderem am unerschütterlichen Glauben an die Selbstregulierung und die Selbstheilungskräfte der Märkte. Die Auslagerung von Risiken in Zweckgesellschaften oder auch der Handel mit Ausfallrisiken in Form von Kreditderivaten wie CDS galten als Ausdruck der Innovationskraft des Finanzsektors. Die Deregulierung der Finanzmärkte wurde als Beitrag zur Stärkung der US-Finanzindustrie im internationalen Wettbewerb bewertet; der Finanzsektor wurde als Wachstumsbranche gelobt.

Die laxen, mitunter völlig unzureichenden Regulierungen wurden daher nicht an die neuen Marktverhältnisse angepasst. Besonders deutlich zeigte sich dies bei den Hypothekenvermittlern (sie wurden so gut wie überhaupt nicht reguliert), den Hedgefonds oder auch den Derivatemärkten, insbesondere dem außerbörslichen (over-the-counter, OTC) Derivatehandel. Da OTC nicht standardisiert sind und direkt zwischen den Marktteilnehmern gehandelt werden, oblag die Risikoüberwachung ausschließlich denjenigen, die an den Transaktionen beteiligt waren. Weder die Marktteilnehmer noch die Regulierungsbehörden konnten das genaue Volumen der Transaktionen, der eingegangenen Verbindlichkeiten oder auch das Ausmaß der Verflechtung zwischen den Finanzakteuren richtig einschätzen.

Dass Risiken auf den Finanzmärkten übersehen wurden, lag zudem an der Struktur der Finanzaufsicht in den USA. Diese war (und ist es teilweise noch immer) ein bunter Fleckenteppich von Zuständigkeiten aus der Zeit der Großen Depression der 1930er Jahre. Eine Regulierungsinstanz mit überspannender Verantwortung gab es vor der Krise nicht, vielmehr wachte über den Bankensektor, den Wertpapiermarkt und das Versicherungswesen eine Vielzahl verschiedener Aufsichtsbehörden. Verschärft wurde dieses Problem durch Interessenkonflikte: Verantwortliche aus Politik und Aufsichtsbehörden wechselten immer wieder in den Finanzsektor (und umgekehrt). Der SEC beispielsweise wird vorgeworfen, dass Mitarbeiter rund 20 Jahre lang systematisch und widerrechtlich Unterlagen über Voruntersuchungen gegen Banken wie Goldman Sachs, die Deutsche Bank und Lehman Brothers vernichtet haben – teilweise auf Bitte ehemaliger Kollegen aus der Privatwirtschaft. In der Folge könnte die SEC Muster in komplexen Betrugsfällen übersehen haben.

Die US-Regierung muss sich allerdings nicht nur dem Vorwurf unzureichender Regulierungen stellen. Durch eine gut gemeinte aber fehlgeleitete Wohnungsmarktpolitik beförderte sie das übermäßig risikofreudige Verhalten auf den Märkten weiter. Besonders deutlich zeigte sich dies im Fall der US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac. Diese Government-Sponsored Enterprises (GSEs) kauften im großen Stil Hypotheken von regulären Banken und Kreditanbietern auf, bündelten und verkauften sie als Wertpapiere weltweit an Investoren. Seit der Reagan-Administration wurden die Kreditvergabestandards für Fannie und Freddie mehrmals gelockert, um ihnen den Ankauf auch von Hypotheken mit einem höheren Ausfallrisiko zu erlauben. Die steigende Nachfrage der beiden GSEs nach solchen Hypotheken wiederum ermöglichte Banken und Kreditanbietern, stärker im Subprime-Sektor aktiv zu werden – und erfüllte so ein wichtiges verteilungspolitisches Ziel der Regierung: Die Förderung von Wohneigentum auch in ärmeren Bevölkerungsschichten. Als Fannie und Freddie in Schieflage gerieten, griff die Regierung rettend ein.

Die Rettung von Fannie und Freddie offenbart weiteres Problem staatlicher Anreizstrukturen: das Too Big to Fail-Problem. Große, systemrelevante Finanzunternehmen müssen vom Staat gerettet werden, soll nicht das gesamte Finanzsystem gefährdet werden. Allerdings wird durch solche Rettungsaktionen der Bestrafungsmechanismus des Marktes ausgehebelt; dies lädt zu ähnlichem Fehlverhalten in der Zukunft ein (Moral Hazard-Problem). Im Frühjahr 2008 unterstützte die Fed die Übernahme der Investmentbank Bear Stearns durch JPMorgan Chase, indem sie schwer verkäufliche Wertpapiere von Bear Stearns als Sicherheit für einen Kredit akzeptierte. Dahingegen stufte die Bush-Administration die Investmentbank Lehman Brothers trotz ihrer Größe nicht als systemrelevant ein. Zudem wollte die Regierung dem Eindruck entgegentreten, sie würde nun sämtliche Institute vor dem Bankrott retten. Die Insolvenz erfolgte weitgehend unvorbereitet und erschütterte nachhaltig die Finanzmärkte. Unter dem Eindruck des drohenden Marktkollapses und der hohen internationalen Verflechtung entschied sich die Regierung im Fall des Versicherungsgiganten AIG wiederum für eine Rettung. Das Fehlen von klaren Regeln für die planmäßige Auflösung von großen insolventen Finanzinstitutionen hat maßgeblich zur Schwere der Finanzkrise beigetragen.

Lessons Learnt?



Krisen wird es immer geben, dies liegt allein schon an der Fehlerhaftigkeit menschlichen Handelns. Es ist zudem eine sichere Wette, dass Finanzmarktakteure auch in Zukunft versuchen werden, Regulierungen zu umgehen. Wie in der Vergangenheit dürften sie dabei den Regulierern immer einen Schritt voraus sein. Ein Grund, die Hände in den Schoß zu legen, ist dies jedoch nicht. Denn strengere Regulierungen und eine bessere Finanzaufsicht können zum einen verhindern, dass die Verwerfungen auf den Märkten so groß werden wie vor 2008, zum anderen können sie Regulierern ermöglichen, schneller und effektiver korrigierend einzugreifen, bevor es zu einer harten Landung der Wirtschaft kommt. In den USA ist mit dem "Wall Street Reform and Consumer Protection Act" (kurz: Dodd-Frank Act) zwar die Basis für eine bessere Finanzaufsicht gelegt worden. Nun geht es jedoch darum, das Gesetzt auch tatsächlich zu implementieren. Denn eines ist klar: Weder die USA noch die Weltwirtschaft können sich eine weitere Krise dieses Ausmaßes leisten.

1 | 2 | 3 | 4
Alles auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Financial Crisis Inquiry Commission, Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States, Januar 2011, (eingesehen am 7.3.2012).
2.
Zitiert in: Financial Crisis Inquiry Commission, Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States, Januar 2011, (eingesehen am 7.3.2012), S. 3.
3.
Einen ersten Überblick der Literatur bieten: Gary Gorton/ Andrew Metrick, Getting Up to Spead on the Financial Crisis: A One-Weekend-Reader’s Guide, NBER Working Paper, Januar 2012, (eingesehen am 7.3.2012); Hussein Tarraf, Literature Review on Corporate Governance and the Recent Financial Crisis, SSRN Working Paper, 27.12.2010, aktualisiert am 16.1.2011, (eingesehen am 7.3.2012). Siehe auch: Maurice Obstfeld/ Kenneth Rogoff, Global Imbalances and the Financial Crisis: Products of Common Causes, CEPR Discussion Paper, November 2009, (eingesehen am 7.3.2012); Thomas Palley, "Das erschöpfte Paradigma Amerikas: Makroökonomische Ursachen der Finanzkrise und der Großen Rezession", in: Internationale Politik und Gesellschaft, 1/2010; Berry Eichengreen, Macroeconomic and Financial Policies Before and After the Crisis, August 2010, (eingesehen am 7.3.2012); Jürgen Matthes, Ursachen der Finanzkrise, August 2010 (eingesehen am 7.3.2012).
4.
FCIC, Dissenting Statement of Keith Hennessey, Douglas Holtz-Eakin, Bill Thomas, 2011, (eingesehen am 7.3.2012); FCIC, Dissenting Statement of Peter Wallison, Januar 2011, (eingesehen am 7.3.2012).
5.
Zitiert in: Welt Online, US-Notenbank Fed unterschätzte Immobilienblase, 14.1.2012, (eingesehen am 7.3.2012).
6.
U.S. Department of the Treasury, Major Foreign Holders of Treasury Securities, via: (eingesehen am 7.3.2012).
7.
U.S. Government Accountability Office (GAO), Financial Market Regulation: Financial Crisis Highlights Need to Improve Oversight of Leverage at Financial Institutions and across System, GAO-09-739, 22.7.2009, (eingesehen am 7.3.2012)

 

Publikationen zum Thema

Coverbild Ökonomie und Gesellschaft

Ökonomie und Gesellschaft

Der Band verdeutlicht an ausgewählten Beispielen das Wechselverhältnis von Ökonomie und Gesellsch...

Jürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus

Geschichte des Kapitalismus

Kapitalismus: Fluch oder Segen? Jürgen Kocka geht weit in die Geschichte dieser Wirtschaftsform zur...

Die Pleite - Republik - Cover

Die Pleite - Republik

Wozu ist der Staat da? Welche Kernaufgaben, welche Pflichten hat er? Wie soll die Politik dem Proble...

APuZ Zukunft des Euro

Europa
und der Euro

Die Hoffnung, Europa würde mit einer gemein-
samen Währung enger zusammen-
rücken, hat sich...

Geld

Geld

Seit Beginn der 1990er Jahre haben sich Real- und Finanz-
wirtschaft auseinander entwickelt, seit...

Coverbild Sozioökonomische Bildung

Sozioökonomische Bildung

Was ist Sozioökonomie? Wozu sozioökonomische Bildung? Die vorliegende Aufsatzsammlung widmet sich ...

Krise der Weltwirtschaft

Krise der
Weltwirtschaft

Seit September 2008 hat die globale Finanz- und Wirtschafts-
krise Deutschland fest im Griff...

Coverbild Märkte für Menschen

Märkte für Menschen

Gegenüber der Finanzwirtschaft hält sich Unbehagen. Milliardengewinne, Bankenpleiten, riskante Bö...

Coverbild Finanzwirtschaft

Finanzwirtschaft

Wir gehen ganz selbstverständlich mit Geld um: bezahlen Rechnungen, kaufen schöne Dinge, sparen od...

Coverbild Unter Bankern

Unter Bankern

Kaum eine Berufsgruppe ist im Zuge der Finanzkrise 2007 so in Verruf geraten wie die der Banker. Der...

WeiterZurück

Zum Shop

Tony Ismail, Inhaber von Alamo Fahnen, zeigt die erste neu gestaltete 50 $ Note, die er als Bezahlung für einen Verkauf seiner Flaggen im Laden an der Union Station in Washington erhalten hat.fluter

Geld

Spätestens durch die großen Finanzkrisen des noch jungen 21. Jahrhunderts ist vielen klar geworden: Die internationale Geldzirkulation bestimmt unser Zusammenleben in allen seinen Winkeln mit. Geld regiert die Welt, heißt es. Aber warum ist das so? Und was genau ist das eigentlich, Geld? Antworten gibt der fluter. Weiter... 

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ Standardbild HQ

Schuldenkrise und Demokratie

Seit Beginn der Finanz- und Verschuldungskrise in der Europäischen Union werden demokratisch gewählte Parlamente und Regierungen von den privaten Akteuren der Kapitalmärkte in die Enge getrieben. Der "Fiskalpakt“ verpflichtet langfristig zu strikter Haushaltsdisziplin durch "Schuldenbremsen“. Unterdessen wächst das Unbehagen über demokratische Defizite beim parlamentarischen Umgang mit scheinbar alternativlosen, immer größeren "Rettungspaketen“.Weiter...

Zum Shop

zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.