A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

9.5.2012 | Von:
Wolfgang Kraushaar

Die Occupy-Bewegung

Das alles konnte dem Aufmerksamkeitserfolg der Occupy-Bewegung jedoch keinen Abbruch tun. Dafür waren die Probleme, die aus der nicht nur in den USA sondern auch in vielen anderen Ländern schwelenden Schuldenkrise resultierten, einfach zu gravierend. Als am 15. Oktober 2011 weltweit zu Protesten gegen das Banken- und Finanzsystem aufgerufen wurde, sollte das in gewisser Weise der Testfall für die Mobilisierungsfähigkeit der Occupy-Bewegung werden. Angesichts eines wie selbstverständlich global agierenden Finanz- und Wirtschaftssystems wollte man nun den Nachweis erbringen, dass auch die gegen die Macht der Banken auftretende Bewegung dazu in der Lage sei, sich zu internationalisieren und eine globale Form anzunehmen. Der Anstoß dazu kam jedoch weder aus Vancouver noch aus New York, sondern aus Madrid. Die seit ein paar Monaten aktive spanische Graswurzelbewegung ¡Democracia real ya! (Echte Demokratie Jetzt!) hatte als erstes auf eine Ausweitung ihrer Forderungen in den internationalen Raum gesetzt.

Und tatsächlich stellte sich heraus, daß die Protestaktionen eine überaus beachtliche Dimension anzunehmen vermochten. Sie blieben an diesem Tag keineswegs auf bestimmte Erdteile oder gar Länder beschränkt, sondern spielten sich auf allen fünf Kontinenten ab. Dieser nicht einmal vier Wochen alten Occupy-Bewegung gelang es auf Anhieb, eine globale Dimension zu erreichen. In nicht weniger als 911 Städten in 82 Ländern wurde demonstriert. Hunderttausende sind auf die Straßen gegangen, allein in Spanien und Italien dürften es zusammen mehr als eine Million gewesen sein. Die Proteste verliefen mit Ausnahme einiger gewaltsamer Zwischenfälle in Rom durchweg friedlich.

Zu einer derartigen Mobilisierung hätte es kaum ohne die Vernetzung der Beteiligten über das Internet kommen können. Die jeweiligen Demonstrationen vor Ort sind maßgeblich von Mitgliedern sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter initiiert worden. Manche gehen deshalb sogar soweit, von einer “Facebook-Revolution” zu sprechen. Das ist gewiss übertrieben. Allerdings sollte die quantitative Dimension der Sozialen Medien andererseits nicht unterschätzt werden. Jeder dritte Internet-Benutzer ist inzwischen bei Facebook Mitglied. Das sind weltweit über 800 Millionen Nutzer, davon allein in Deutschland 22 Millionen. Mehr als ein Viertel aller Bundesbürger kommuniziert mit seinen Freunden über das erst vor sieben Jahren in den USA gegründete Netzwerk.

Einer der ausschlaggebenden Gründe für diesen kaum fassbaren Erfolg ist die Faszination, wie einfach sich das Private im World Wide Web verbreiten läßt. Die private und die virtuelle Dimension durchdringen sich wechselseitig. Effekt ist dabei ein narzisstischer Kitzel, der eine der wesentlichen Antriebsfedern für die rasante Verbreitung darstellt. Ein anderer Grund dürfte allerdings auch in der damit verbundenen Möglichkeit liegen, Formen staatlich oder privatwirtschaftlich praktizierter Zensur zu umgehen. Auch in westlich geprägten Ländern ist es möglich, auf diesem Wege Aufmerksamkeit für unterdrückte Nachrichten herzustellen. Diese Art von Gegeninformation ist zwar eher ein Nebenprodukt sozialer Netzwerke, allerdings eines, das in bestimmten politischen Situationen eine außerordentliche Bedeutung gewinnen kann. Der jüngeren, gebildeten Generation steht damit im digitalen Zeitalter ein Instrumentarium zur Verfügung, von dem andere Protestgenerationen nur hätten träumen können. Im Handumdrehen können nicht nur Informationen ausgetauscht, sondern auch Film-, Ton- und andere Dokumente verbreitet werden, die politisch brisante Ereignisse, Zwischenfälle und Skandale öffentlich machen können.


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