A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

5.1.2012 | Von:
Prof. Dr. Andreas Nölke

Banken

Finanzialisierung

Diese Veränderungen sind Teil eines umfassenderen Prozesses, der als „Finanzialisierung“ bezeichnet wird. Damit ist die Zunahme der Bedeutung des Finanzsektors gegenüber der „realen“ Produktion von Gütern und Dienstleistungen gemeint. Dieses Phänomen hat inzwischen – von den USA und England ausgehend – auch das deutsche Finanzsystem erreicht, auch wenn etwa Sparkassen und Genossenschaftsbanken davon noch vergleichsweise wenig betroffen sind.

Der Prozess begann nach dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods Anfang der 1970er Jahre (siehe: Text von Hermann Sautter zum Bretton-Woods-System) und der nachfolgenden Liberalisierung des Finanzsektors, die den Wegfall von Zahlungsverkehrskontrollen, eine damit einhergehende Intensivierung der Transaktionen zwischen Banken und steigende Gewinne durch Finanzgeschäfte einschloss.

Finanzialisierung impliziert aber nicht nur, dass die Gewinne im Finanzsektor deutlich stärker gestiegen sind als in der „Realwirtschaft“, sondern auch, dass die Macht des Finanzsektors über die Realwirtschaft zugenommen hat, vermittelt etwa durch die Orientierung von Unternehmen an den auf den Finanzmärkten gängigen kurzfristigen Renditeerwartungen. Banken und Realwirtschaft lassen sich aber nicht trennen, da Realwirtschaft – angesichts der oben genannten Funktionen – ohne Banken nicht denkbar ist. Gleichzeitig ist hier aber eine Entwicklung erkennbar, die eine zunehmende Verselbständigung von Banken gegenüber der Realwirtschaft zeigt. Das ist ein problematischer Prozess, insbesondere wenn man die grundlegende, durch Finanzialisierung noch erheblich verstärkte Krisenanfälligkeit von Banken bedenkt.

“too big to fail“

Die Möglichkeit von Kreditausfällen und von „bank runs“ führt dazu, dass Banken grundsätzlich fragile Gebilde sind. Diese Fragilität hat sich durch Finanzialisierung gravierend verstärkt, einerseits durch das
Das Lehman-Brothers Hauptquartier in New York (15.09.2008). Hintergrund: Investmentbank Lehman Brothers meldet Konkurs an.Die Zentrale der Investmentbank Lemann Brothers in New York: Die Pleite des Geldinstituts führte 2008 zu starken Erschütterungen in der Realwirtschaft. (© AP)
dynamische Kreditwachstum, andererseits durch die stark intensivierten Interaktionen zwischen Banken. Insbesondere durch Verbriefungen ist es inzwischen schwerlich möglich, „faule Kredite“ präzise zu lokalisieren, so dass Banken bei der Gefahr von Kreditausfällen sich gegenseitig kaum noch Geld leihen.

Angesichts der intensiven Verflechtung kann damit auch der Ausfall einer einzelnen Bank zu schwersten Erschütterungen für die Finanzmärkte – und damit für die Realwirtschaft – führen, wie im Fall der Investmentbank Lehman Brothers 2008. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen werden selbst mittelgroße Banken inzwischen als „too big to fail“ angesehen - zu groß, um pleitezugehen (sogenannte Systemrelevanz). Im Fall einer Insolvenz ist somit die Unterstützung von Regierungen vorhersehbar („bail-out“). Diese Vorgehensweise benachteiligt nicht nur kleinere Banken, sondern verleitet die betroffenen Institute häufig dazu, noch größere Risiken einzugehen und damit die Fragilität des Bankensystems weiter zu erhöhen.

Angesichts einer ausgeprägten Fragilität und zugleich zentralen Rolle von Banken für die Realwirtschaft haben Regierungen eine Vielzahl von Regulierungsaktivitäten angestoßen. Zu den wichtigsten Formen der Regulierung gehört – neben der laufenden Aufsicht durch Institutionen wie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und die Bundesbank – die Einlagensicherung, die dafür sorgt, dass normale Sparer bei der Insolvenz einer Bank ihre Ersparnisse nicht verlieren.

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