A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)
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Aufgaben der Zentralbank


5.1.2012
Das Verhältnis zwischen der Geldmenge und dem realen Sozialprodukt ist das Preisniveau. Es stabil zu halten ist eine Aufgabe, die Fingerspitzengefühl erfordert. In modernen Volkswirtschaften kümmert sich darum eine Zentralbank - im besten Fall eine unabhängige.

Euromuenzen sind am 4. Februar 2007 in Frankfurt am Main in den Haenden einer Person zu sehen.Die Zentralbank bringt Geld in Umlauf - und kümmert sich anschließend um die komplexe Aufgabe der Geldmengensteuerung. (© AP)

Begriff und Funktionen des Geldes



Geld hat sich herausgebildet, weil es den Tausch von Gütern und Dienstleistungen enorm erleichtert. Von Gütern, die in einfachen Gesellschaften zum Tausch dienten (Muscheln, Perlen, seltene Edelmetalle) über stoffliche gebundene Währungen (z.B. Goldwährungen) hat sich das Geld zur frei manipulierten Papiergeldwährung und inzwischen zur digitalen Wäh­rung entwickelt. Folglich spielen Banknoten und Münzen für tägliche Kleingeschäfte eine verschwindend geringe Rolle, während sich der überwiegende Anteil des Geldes als BIT-Ein­heiten in und zwischen den Computern der Wirtschaftsakteure darstellt.

Die Wendung “frei manipuliert” bezieht sich darauf, dass das Geld seinen Wert nur behält, wenn es keine nennenswerten Abweichungen der Relation zwischen der Geldmenge und der Höhe des Sozialprodukts im Zeitablauf gibt. Die Geldmenge ist also so zu steuern, dass das Preisniveau möglichst stabil bleibt, dass – bei Vermeidung übersteigerter Ansprüche – das potentiell mögliche Wachstum realisiert werden kann, und dass konjunkturelle Einbrüche keine nachhaltige Schrumpfung des betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kapi­talstocks zur Folge haben. Die Bewältigung dieses Aufgabenkatalogs kommt einer Herkulesaufgabe gleich, die in modernen Gesellschaften der jeweiligen Zentralbank zukommt.

Begriff und Messprobleme des Preisniveaus



In einer offenen, sich entwickelnden, arbeitsteiligen Marktwirtschaft kann es keine starre Preisstabilität geben. Die Preise der verschiedenen Güter sind permanent in Bewegung und zeigen so die relativen Knappheiten an. Man spricht vom relativen Preissystem: Steigt zum Beispiel der Preis für Margarine, während der Preis für Butter unverändert bleibt, so ist Mar­garine im Verhältnis zur Butter relativ teurer geworden. Demgegenüber ist Butter im Ver­hältnis zur Margarine relativ billiger geworden. Die sich ändernden Relationen senden Sig­nale, auf die Verbraucher und Hersteller reagieren.

Ein Einkaufswagen mit Lebensmitteln wird am Mittwoch (15.06.11) in Albershausen in einem Edeka Supermarkt fuer eine Fotoillustration durch einen Gang geschoben. Foto: Daniel Kopatsch/dapdVeränderungen des Preisniveaus werden gemessen, indem die Preise eines Warenkorbs von Gütern über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. (© AP)
Wie kann man die Veränderungen des Preisniveaus messen, wenn die Preise selbst permanent in Bewegung sind? Das geht nur, wenn ein repräsentatives Bündel von Gütern gebildet wird, ihre Preise im Zeitablauf verfolgt und mit den über die Zeit stabil bleibenden Mengen ge­wichtet werden. Preisniveaustabilität liegt dann vor, wenn sich die Preisbewegungen der ver­schiedenen Gütern annähernd ausgleichen, so dass man zwar nicht jedes Gut zum gleich blei­benden Preis bekommt, aber die für das ganze Güterbündel auszugebende Summe ungefähr gleich bleibt. Es gibt verschiedene Arten der »Bündelung von Gütern«. Am bekanntesten dürfte die sein, mit der man die Entwicklung der Lebenshaltungskosten verfolgt (der sogenannte Harmonisierte Verbraucherpreisindex HVPI). Darüber hinaus kann man die Entwicklung der Baupreise, die der Investitionsgüter oder auch das Verhältnis der Importgüterpreise zu den Exportgüter­preisen erfassen.

Ein einfaches Beispiel zum Verbraucherpreisindex. Angenommen sei ein Haushalt, der nur zwei Güter verbraucht, und zwar Brot und Milch. Anfangs verbrauche er täglich vier Päckchen Brot und zwei Flaschen Milch. Das Brot koste zwei Euro pro Päckchen und die Milch einen Euro pro Flasche. Seine täglichen Lebenshaltungskosten belaufen sich dann auf zehn Euro. Wenn sich der Brotpreis auf vier Euro pro Päckchen verdoppelt und der Haushalt mit Diät rea­giert und nur noch zwei Päckchen Brot verzehrt, so verharren seine Lebenshaltungskosten bei zehn Euro. Wird Brot hingegen um die Hälfte billiger und stopft sich der Haushalt darauf hin acht Päckchen täglich in den Bauch, so gibt er wiederum nicht mehr als zehn Euro aus.

Der Schluss, dass die Inflationsrate als Ausdruck der Preisniveauveränderung null Prozent sei, ist offenkundig falsch. Die Preisniveauveränderung lässt sich nur ermitteln, wenn nicht nur das Güterbündel, offiziell Warenkorb genannt, sondern auch die je Gut in Anspruch genommene Menge gleich bleiben. Bei der Brotpreisverdoppelung kommt man dann auf eine Inflationsrate von 80 Prozent, und bei der Halbierung des Brotpreises auf eine von minus 40 Prozent.

Ebenso irreführend ist die Empfindung, die sich mit dem Begriff der »gefühlten Inflation« ver­bindet. Verdoppelt sich beispielsweise die Milch um 100 Prozent, so würde das im Beispiel zu einer Inflationsrate von 20 Prozent führen. Weil aber Milch, z.B. für die Kinder im Haushalt als unerlässlich angesehen wird, wird die Preissteigerung von 100 Prozent besonders wahrgenom­men, während ihr Gewicht im gesamten Warenkorb ausgeblendet wird.

Als Fazit ist festzuhalten, dass die Messung der Preisniveaustabilität einen »Warenkorb« er­fordert. Dieser umfasst zurzeit ca. 750 Güter mit ihren Mengengewichten. Dieser Warenkorb muss repräsentativ sein und trotzdem eine möglichst längere Zeit unverändert bleiben. Die Preisniveauentwicklung des für die Eurozone festgelegten Warenkorbs wird mit dem Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) gemessen.


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