A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

5.1.2012 | Von:
Prof. Dr. Siegfried F. Franke

Aufgaben der Zentralbank

Der Zusammenhang von Sozialprodukt und Geldmenge

Unter dem Sozialproduktes[1] wird die in Geld bewertete Menge der Güter und Dienstleistungen verstanden, die in einer bestimmten Volkswirtschaft (zum Beispiel Deutschland) in einer de­finierten Periode (z.B. ein Jahr) erzeugt wird. Die zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehende Relation zwischen der Geldmenge und dem realen Sozialprodukt ist das Preisniveau. Wächst das Sozialprodukt, sei es dass größere Stückzahlen von einem einzelnen Gut produ­ziert werden oder dass neue Güter hinzutreten, so ergibt sich – vereinfacht – folgendes Pro­blem: Bleibt die Geldmenge konstant, so müsste das Preisniveau sinken. Gegen diese Lösung ist zunächst nichts einzuwenden: Die Wohlstandssteigerung macht sich dadurch bemerkbar, dass man jetzt mehr an Menge oder Produkten für sein Geld bekommt.

Allerdings spielt den meisten dabei die psychologische Wahrnehmung einen Streich: Bei den Unternehmern, stellt sich nämlich der Eindruck ein, dass man nicht den erwarteten Rückfluss für die investierten Mittel erhält. Hinzu kommt, dass eingegangene Schulden in der Regel nicht sinken, sondern in ihrer Höhe unverändert bleiben. Die Investitionsbereitschaft und -fähigkeit wird also sinken und in der Folge fällt das reale Sozialprodukt wieder zurück. Außerdem müssten die Faktorpreise, mithin auch die Löhne, nach unten angepasst werden, was auf den Widerstand von Gewerkschaften und Arbeitnehmern trifft. Es also ratsam, das Preisniveau konstant zu halten.

Theoretisch geht das ganz einfach: Im Verhältnis zur Steigerung des Sozialproduktes muss die Geldmenge steigen. In der Praxis ergeben sich freilich Probleme: Die Zentralbank kann selbstverständlich nicht warten, bis die Gütermenge steigt, um dann schnell noch Geld in Umlauf zu bringen. Vielmehr muss sie das Wirtschaftsgeschehen permanent und sorgfältig beobachten und aufgrund erhobener Daten ableiten, wie hoch das Wachstumspotential ist. Dementsprechend muss die Geldmenge erhöht werden. Zudem sollte die Zentralbank das von ihr erwartete Wachstumspotential, an dem sie ihre Geldmengenpolitik ausrichtet, bekanntge­ben. Man spricht in diesem Falle davon, dass die Zentralbank den Geldmantel bereitstellen müsse, in den die Wirtschaft real wachsen kann. Im Zeitablauf können Anpassungen erfor­derlich sein, die über die Feinsteuerung der Geldpolitik kontinuierlich erfolgen.

Knifflig wird die Situation, wenn das Sozialprodukt schrumpft. Das kann psychologische Gründe haben, es kann an Fehleinschätzungen der Unternehmen liegen oder seine Ursache in politischen Entscheidungen oder im Verhalten des Auslands haben. Oberflächlich gesehen scheint die Folge klar: Die Geldmenge muss aus Stabilisierungsgründen sinken. Bliebe sie konstant, so würde dem gesunkenen Güterberg eine gleichbleibende Geldmenge gegenüber­stehen, und es käme zur Inflation.

Die so herbeigeführte Stabilisierung des Preisniveaus bei wirtschaftlichem Rückgang würde jedoch mit Wohlstandseinbußen erkauft! Die Zentralbank bekundet damit, dass sie der Inno­vationskraft der Wirtschaft nicht traut. Folglich bleibt die Stimmung gedämpft, die Nachfrage verharrt auf niedrigem Niveau und die Unternehmen schöpfen weder die vorhandenen Pro­duktionskapazitäten aus, geschweige denn dass sie rationalisieren. Die Zentralbank entschließt sich daher in der Regel zu einer heiklen Gratwanderung: Sie er­höht, wenn auch maßvoll, beim Rückgang der Wirtschaftsleistung ebenfalls die Geldmenge, um auf diese Weise vertrauensbildend zu wirken. Sie regt damit die Nachfrage an und hilft, die Kapazitäten wieder auszulasten. Dass die Unternehmen die steigende Nachfrage mit Preiserhöhungen beantworten, ist nicht anzunehmen. Der einzelne Unternehmer wird sich hüten, seine Kapazitäten brach liegen und verrotten zu lassen, zumal er damit rechnen muss, dass dann sein Konkurrent das Geschäft macht.

Ist die Wirtschaft wieder in Schwung gekommen, so muss die Zentralbank allerdings die Geldzufuhr wieder drosseln, um eine überschäumende Konjunktur mit Preisauftrieben zu vermeiden, ohne dabei den Aufschwung abzuwürgen.

Fußnoten

1.
Die Statistiker verwenden in der Regel den Begriff “Nationaleinkommen” anstelle des “Sozialproduktes”. Auf die Einzelheiten der Differenzierungen von der “Bruttowertschöpfung über das Bruttoinlandsprodukt bis hin zum letztlich verfügbaren Einkommen sei hier verzichtet.
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