A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)
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Das Bretton-Woods-System


12.1.2012
Für knapp drei Jahrzehnte prägte das Bretton-Woods-System nach 1944 die internationeln Finanzwirtschaftsbeziehungen. Im Zentrum eines Gerüsts aus festen Wechselkursen stand der US-Dollar als Leitwährung. Letztlich ließ sich diese Konstruktion aber nicht aufrecht erhalten.

resort, Bretton Woods, New Hampshire, White Mountains Region, Historic Mount Washington Hotel reflects in the pond in Bretton Woods, New Hampshire.
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pixelIm Mount-Washington-Hotel im US-amerikanischen Ferienort Bretton Woods fand 1944 die internationale Währungskonferenz statt. (© picture-alliance/Newscom)

Die Konferenz von Bretton-Woods



Im Juli 1944 fand im amerikanischen Ferienort Bretton Woods eine Konferenz statt, auf der ein multilaterales Währungsabkommen ausgehandelt wurde – das „Bretton Woods“-Abkommen. Es bildete den Kern des institutionellen Netzwerks, mit dem die westlichen Industriestaaten nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten, der Weltwirtschaft eine neue ordnungspolitische Grundlage zu geben. Man hat deshalb die Gesamtheit der damals geschaffenen Institutionen (auch das „General Agreement on Tariffs and Trade“ (GATT) gehört dazu) das „Bretton-Woods-System“ genannt.

Die unmittelbare Aufgabe des währungspolitischen „Bretton Woods“-Abkommens war es, den internationalen Güterverkehr durch die Bereitstellung allgemein anerkannter und wertbeständiger Zahlungsmittels wieder in Gang zu bringen. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg hatten die internationalen Handelsbeziehungen weitgehend zum Erliegen gebracht. Die gegenseitige Austauschbarkeit der nationalen Währungen („Konvertibilität“) war begrenzt und das britische Pfund hatte seine alte Funktion als „Welt-Zahlungsmittel“ eingebüßt. Die in Bretton Woods versammelten Vertreter von 44 Staaten standen also vor der Aufgabe, einen völkerrechtlichen Vertrag zustande zu bringen, der die Konvertibilität der nationalen Währungen und die Schaffung eines internationalen Zahlungsmittels zum Ziel hatte.

Zwei konkurrierende Pläne



Schwarz-Weiß-Foto: Ein Porträt des britischen Ökonomen, Politikers und Mathematikers Lord John Maynard Keynes in seinem Büro im Finanzministerium.Der britische Ökonom John Maynard Keynes legte in Bretton Woods einen Plan zur Schaffung eines internationales Zahlungsmittels vor. (© AP)
Zwei Pläne standen zur Lösung dieser Aufgabe zur Diskussion: der britische Keynes-Plan und der amerikanische White-Plan. Der von dem britischen Ökonom John Maynard Keynes ausgearbeitete Vorschlag sah die Gründung einer internationalen Clearing-Union vor. Die Handel treibenden Staaten sollten in die Lage versetzt werden, ihre jeweiligen Forderungen und Verpflichtungen aus dem Güterhandel gegenseitig aufzurechnen. Ein Land A hätte dann beispielsweise seinen Exportüberschuss gegenüber einem Land B verwenden können, um damit sein Importdefizit gegenüber einem Land C zu finanzieren.

Die jeweiligen nationalen Währungen hätten zu diesem Zweck in ein neu geschaffenes Buchgeld, den sog. „Bancor“, eingetauscht werden können. Die zu schaffende Clearing-Union sollte ferner die Fähigkeit besitzen, „Bancor“-Kredite zu vergeben, um es damit einem Mitgliedsland zu ermöglichen, vorübergehende Zahlungsbilanzdefizite zu überbrücken. Die Verwirklichung dieses Vorschlags wäre ein wichtiger Schritt zur Schaffung einer internationalen „Kunst“-Währung gewesen, für deren Bereitstellung eine multilaterale Organisation zuständig gewesen wäre.

So viel Multilateralismus war 1944 nicht möglich – und daran hat sich bis heute wenig geändert. Die USA waren durch den Zweiten Weltkrieg zur dominierenden Macht des Westens geworden und strebten ein internationales Währungssystem an, das ihren eigenen Vorstellungen entsprach. Diese fanden ihren Niederschlag im sog. White-Plan (benannt nach dem US-amerikanischen Konferenzteilnehmer Harry Dexter White). Er sah vor, einen internationalen Fonds zu gründen, der durch Einzahlungen der beteiligten Staaten aufgefüllt werden sollte.

Dieser Fonds sollte auch Kredite vergeben können, deren Höhe aber sehr viel enger bemessen war, als es Keynes mit seinen „Bancor“-Krediten vorsah. Wie nicht anders zu erwarten war, setzte sich im Wesentlichen der US-amerikanische White-Plan durch. Etwas zugespitzt kann man davon sprechen, dass das in Bretton Woods ausgehandelte Abkommen sowie die damit gegründeten Organisationen - „Internationaler Währungsfonds“ (IWF) und Weltbank im Wesentlichen nach den Vorstellungen des US-Finanzministeriums geschaffen wurden.

Das Bretton-Woods-Abkommen



This is a general view of a plenary session of the United Nations Monetary Conference in Bretton Woods, N.H. on July 4, 1944. Delegates from 44 countries are seated at the long tables. Sen. Charles W. Tobey, R-NH, is speaker in center background. (AP Photo/Abe Fox)Die Konferenz von Bretton Woods 1944. (© AP)
Ohne Zweifel hat dieses unter dem Dach der amerikanischen Hegemonie in der westlichen Hemisphäre entstandene System wesentlich zur Wiederbelebung der Weltwirtschaft in der Nachkriegszeit beigetragen. Die Vertragsstaaten des Bretton-Woods-Abkommens kamen ihrer Verpflichtung nach, den laufenden Zahlungsverkehr untereinander schrittweise von Devisenbeschränkungen zu befreien (zu „liberalisieren“) und die Konvertibilität ihrer Währungen sicherzustellen. Sie verpflichteten sich ferner, durch Interventionen in die Devisenmärkte einen festen Wechselkurs ihrer eigenen Währung zum US-Dollar oder zum Gold aufrecht zu erhalten, wobei der Wert des US-Dollar ebenfalls durch eine feste Relation zum Gold ausgedrückt wurde.

Die USA waren dazu verpflichtet, auf Verlangen anderer Länder deren Dollar-Guthaben in Gold einzutauschen. Aus diesen Verpflichtungen ergab sich erstens die dominierende Stellung der US-amerikanischen Währung als einem „Welt“-Zahlungsmittel und zweitens ein System fester Wechselkurse, von denen nur Abweichungen innerhalb eines Bandes von +/- 1% gegenüber dem US-Dollar zulässig waren. Nur bei „fundamentalen Zahlungsbilanzungleichgewichten“ sollte eine Anpassung („realignment“) der Wechselkurse vorgenommen werden können.

Jeder Vertragsstaat des Bretton-Woods-Abkommens war ferner berechtigt, im Rahmen genau festgelegter „Ziehungsrechte“ gegenüber dem IMF Zahlungsmittel anderer Länder – insbesondere US-Dollar – abzurufen. Erst 1969 wurde mit der Schaffung sog. „Sonderziehungsrechte“ ein alter Vorschlag verwirklicht, der schon im Keynes-Plan von 1944 enthalten war, nämlich ein internationales Zahlungsmittel herauszugeben, das nicht von der Geldpolitik eines einzelnen Staates abhängig war. Abgesehen von der Nutzung dieser Ziehungsrechte konnte jeder Staat Kredite des IMF in Anspruch nehmen, sofern der IMF durch die Einzahlungen seiner Mitglieder sowie durch die eigene Kreditaufnahme auf den Kapitalmärkten zu einer Kreditgewährung in der Lage war.

Widersprüche und Scheitern



Dieses System blieb bis zum Beginn der 1970er Jahre in Kraft. Eines seiner wichtigsten Elemente – das System fester, aber anpassungsfähiger Wechselkurse („adjustable peg“) – verlor seine Gültigkeit, als die USA im Jahre 1971 ihre Verpflichtung formell aufkündigten, die weltweit verfügbaren Dollar-Guthaben bei entsprechender Anforderung anderer Länder in Gold einzulösen, und gleichzeitig ihre Währung abwerteten. Dieser Schritt war unvermeidlich geworden, nachdem die USA in den 1960er Jahren eine inflatorische Politik betrieben hatten und die Dollarbestände außerhalb des Landes so stark angewachsen waren, dass eine Einlösung in Gold faktisch nicht mehr möglich war.

Nicht zuletzt waren es die immanenten Widersprüche des „Bretton Woods-Systems“, die zum Scheitern des „adjustable peg“ führten. Grundsätzlich sind stabile Wechselkurse nicht aufrechtzuerhalten, wenn bei freiem internationalem Zahlungsverkehr die beteiligten Länder eine eigenständige Geldpolitik betreiben wollen und ihre gesamtwirtschaftliche Entwicklung unterschiedlich verläuft.

Weder von ihrer Konvertibilitätsverpflichtung noch von ihrer geldpolitischen Autonomie wollten die Mitgliedsländer des „Bretton Woods“-Abkommens abrücken, so dass die Preisgabe des Systems fester Wechselkurse unvermeidlich wurde. Widersprüchlich war es auch, von den USA als einem Leitwährungsland die Verfolgung einer stabilitätsorientierten Geld- und Fiskalpolitik zu erwarten und zugleich die Liquiditätsversorgung einer wachsenden Weltwirtschaft von den Zahlungsbilanzdefiziten dieses Landes abhängig zu machen. In diesem Konflikt erwies es sich als Illusion, die Aufrechterhaltung der Golddeckung des Dollars – und damit einen festen Wechselkurs - zu erwarten.

Nach dem Ende des festen Wechselkurssystems



Seit Beginn der 1970er Jahre gibt es kein einheitliches System fester Wechselkurse mehr. Gleichwohl sind andere Teile des Bretton-Woods-Abkommens nach wie vor in Kraft, wenn auch in mehrfach veränderter Form. Seine zentrale Rolle bei der Ordnung der internationalen Währungsbeziehungen hat es aber längst eingebüßt. Dies hängt mit der Eigendynamik der geld- und währungspolitischen Liberalisierungen zusammen, die seit den 1970er Jahren vorgenommen worden sind. Um nur einige Beispiele zu nennen: 1986 hob die britische Regierung viele Zulassungsbeschränkungen für Börsengeschäfte auf und begründete damit den Ruf Londons als einem internationalen Finanzzentrum; 1999 beseitigte die US-amerikanische Regierung den „Glass-Steagall-Act“ aus den 1930er Jahren, der es Banken untersagt hatte, gleichzeitig Kredit- und Wertpapiergeschäfte („Investmentbanking“) zu betreiben; 2001 wurde durch die US-amerikanische Börsenaufsicht der computergesteuerte Hochgeschwindigkeitshandel mit Wertpapieren ermöglicht usw.

Die internationalen Währungsbeziehungen wurden infolge dieser und vieler anderer Liberalisierungsschritte immer stärker durch Märkte und immer weniger durch Zentralbanken und Regierungen gesteuert. Einen international verbindlichen Ordnungsrahmen für dieses Marktgeschehen gibt es bisher nicht. Das Bretton-Woods-Abkommen war nicht zum Zweck einer Regulierung privater Kapitalmärkte geschaffen worden und es konnte dem Ordnungsbedarf eines marktgesteuerten Weltwährungssystems auch nicht in der erforderlichen Weise angepasst werden.

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