A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)
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Die dunkle Seite der Finanzmärkte

Oasen, Schattenbanken und die Krise


17.1.2012
Offshore-Finanzplätze und Schattenbanken haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem zentralen Bestandteil des Weltfinanzsystems entwickelt. Dabei handelt es sich nicht nur um einige Karibikinseln. Auch mächtige Staaten spielen eine Rolle.

Niederlassung der IKB - Deutsche Industriebank in München (Bayern), aufgenommen am 14.11.2012.Die Deutsche Industriebank lagerte hochriskante Spekulationen in die Zweckgesellschaft "Rhineland Funding" aus. Deren Sitz befand sich im US-Bundesstaat Delaware. (© picture-alliance/dpa)

Einleitung



Seit dem Ausbruch der Finanzkrise wird verstärkt über Schattenbanksystem und Offshore-Finanzplätze diskutiert. Dieser bislang wenig bekannte Bereich des Finanzmarktes hat sich in den letzten vierzig Jahren von einem Randphänomen zu einem zentralen Bestandteil der Weltwirtschaft entwickelt. Dieser Beitrag möchte diese dunklen Flecken des Weltfinanzsystems erhellen und ihre Rolle für die Finanzkrise beleuchten – dabei zeigt sich, dass es hierbei nicht nur um kleine Inseln in der Karibik geht, sondern auch die großen und mächtigen Staaten der Welt eine zentrale Rolle spielen.

Offshore-Finanzplätze



Weltweit haben sich, je nachdem welcher Quelle man folgt, 40 bis 72 Staaten bzw. unabhängige Gebiete als Offshore-Finanzplätze positioniert.[1] „Offshore“ bedeutet „außerhalb der Küstengewässer liegend“ und bezieht sich einerseits auf den geographischen Ort vieler Steuer- und Regulierungsoasen.
Golfplatz St.Georges / Bermudas Loch # 15/16Über Offshore-Finanzplätze wie die Bermudas wird ein großer Teil der globalen Finanzströme abgewickelt. (© picture-alliance / ASA )
Andererseits bedeutet „offshore“, dass es außerhalb derjenigen Rechtsnormen liegt, die innerhalb der Staatsgrenzen – „onshore“ – üblicherweise gelten. Der Begriff bezieht sich also auch auf die fehlende Stringenz des Rechtsrahmens. Offshore-Finanzplätze verfolgen ein Geschäftsmodell, das darauf basiert Kapital aus anderen Ländern anzulocken.

Analytisch lassen sich zwei Funktionen dieser Finanzplätze unterscheiden. Zum einen bieten sie sich als Regulierungsoasen an, das heißt, sie ermöglichen es Finanzmarktakteuren, heimische Gesetze zu umgehen. Regulierungsoasen verlangen oft eine geringere Eigenkapitalausstattung beispielsweise von Banken, wenig Transparenz über Eigentümerstrukturen und haben eine lasche Finanzaufsicht. Zum anderen sind Offshore-Finanzplätze auch Steueroasen. Sie haben extrem niedrige Steuersätze (oder gar keine) und ein striktes Bank- und Steuergeheimnis. So können sie einerseits zur (illegalen) Steuerhinterziehung durch Privatpersonen genutzt werden. Dazu werden häufig Stiftungen (Trusts), besondere Fonds oder andere spezielle Rechtskonstruktionen angeboten, die es den Investoren erlauben, anonym zu bleiben.

In Offshore-Finanzplätzen ansässige Banken bieten ihren meist sehr wohlhabenden Kunden maßgeschneiderte Offshorestrukturen an, bei denen das Geld oft durch mehrere solcher Geschäftseinheiten in verschiedenen Oasen fließt, um eine mehrfache Verschleierung der Besitzverhältnisse zu erreichen. Andererseits spielen Steuerparadiese auch eine Rolle bei der (legalen) Steuervermeidung. Beispielsweise können multinationale Unternehmen Finanzierungsgesellschaften einsetzen, die ihren Sitz in Steuerparadiesen haben. So ist es möglich, Gewinne steuerfrei oder zumindest Steuerggünstig zu verlagern, während die Kosten in Hochsteuerländern steuerlich geltend gemacht werden. Dies kann zum Beispiel durch hohe Fremdfinanzierung, Manipulation firmeninterner Verrechnungspreise oder Auslagerung von Lizenzrechten an Tochterunternehmen in Offshore-Finanzplätzegeschehen.

Diese beiden Funktionen sind häufig verschränkt und führen zu Problemen. Wie im nächsten Abschnitt gezeigt wird, erzeugen Offshore-Finanzplätze sowohl durch ihre Steuer- als auch durch ihre Regulierungsvorschriften Gefahren für die Stabilität der Weltfinanzmärkte.

Gefährdung der Finanzstabilität



Ganz abgesehen davon, dass Offshore-Finanzplätze und ihre Nutzer den „onshore“ Staaten erhebliche Steuerverluste bescheren, stellen sie auch eine Gefahr für die Stabilität des globalen Finanzsystems dar. Das hat sich auch in der Finanzkrise ab 2007 gezeigt. Die Krise kann als eine Panik („bank run“) im so genannten Schattenbankensystem verstanden werden.

Schattenbanken sind Finanzinstitute, die bankenähnliche Dienste anbieten, aber nicht wie eine Bank reguliert werden. So zum Beispiel Hedge-Fonds oder Zweckgesellschaften (Special Purpose Vehicles oder Conduits), in denen die faulen Immobilienkredite verbrieft wurden (Siehe auch: Text zur Subprime-Krise von Rainer Sommer). Wegen der fehlenden Regulierung können im Schattenbankensystem höhere Renditen erzielt werden als im traditionellen Bankensektor. Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass das Kapitalvolumen des Schattenbankensektors zwischen 2002 und 2007 von 27 auf 60 Billionen Dollar anstieg - und damit ca. 25 bis 30 Prozent des gesamten Finanzsystems ausmacht. In den Vereinigten Staaten wurde dieses Geschäft sogar größer als der reguläre Bankensektor.[2]


Fußnoten

1.
Dharmapala, Dhammika/Hines, James R. (2006). Which Countries Become Tax Havens? http://ssrn.com/abstract=952721 identifizieren 40 Staaten als Steueroasen. Die NGO „Tax Justice Network“ (TJN) benennt 73 sogenannte „secrecy jurisdictions“ (http://www.secrecyjurisdictions.com/jurisdictions).
2.
Financial Stability Board (FSB) (2011). Shadow Banking: Strengthening Oversight and Regulation. Recommendations of the Financial Stability Board. 27 October. http://www.financialstabilityboard.org/publications/r_111027a.pdf
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