A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

17.1.2012 | Von:
Thomas Rixen
Jan Fichtner

Die dunkle Seite der Finanzmärkte

Oasen, Schattenbanken und die Krise

Als Reaktion darauf betraten auch die traditionellen Banken diesen Markt indem sie Ableger in Form von häufig außerbilanziell geführten Zweckgesellschaften gründeten. Dadurch sind beträchtliche Verflechtungen zwischen dem herkömmlichen und dem Schattenbanksystem entstanden.[3] Als die Kreditblase platzte, wurden diese Interdependenzen sichtbar.
Fahnen mit dem Bank-Logo wehen am Dienstag, 28. August 2007, vor dem Sitz der Sachsen LB in Leipzig.Die Sachsen LB verspekulierte sich über eine Zweckgesellschaft am US-amerikanischen Hypothekenmarkt. (© AP)
Etliche Banken, die die enormen Verluste der zu ihnen gehörenden Zweckgesellschaften nicht mehr bezahlen konnten, mussten mit Steuergeldern gerettet werden.

Die große Mehrzahl der Schattenbanken hat ihren juristischen Sitz in Offshore-Finanzplätzen. Auch die meisten Zweckgesellschaften, die im Zuge der Krise zusammenbrachen, waren in solchen Gebieten registriert. Für öffentliches Aufsehen sorgte eine Reihe von deutschen Banken, etwa die IKB und die Sachsen LB, die jeweils ihre Geschäfte mit toxischen Schrottpapieren (beispielsweise durch Hypotheken besicherte Anleihen) über Conduits mit Sitz in Irland und Delaware abgewickelt hatten. Auch die HSH Nordbank hatte etwa 100 Ableger in Offsshore-Finanzplätzen, die außerhalb ihrer Bilanz geführt wurden.[4]

Die bedeutende Rolle von Offshore-Finanzplätzen als Dreh- und Angelpunkte des globalen Finanzsystems sowie deren enge Verflechtung mit Industriestaaten lässt sich auch an Hand von Daten belegen. Mehr als die Hälfte aller grenzüberschreitenden Aktiva und Passiva werden in Offshore-Finanzplätzen gehalten. [5] Die Summe der Aktiva und Passiva, die die USA gegenüber Offshore-Finanzplätzen haben, beträgt 45 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts (zum Vergleich: 56 Prozent gegenüber der Eurozone und 19% gegenüber Japan). Auch die Länder des Euro-Raums hielten Anlagewerte und Verbindlichkeiten gegenüber Steuer- und Regulierungsoasen (inklusive der Schweiz) im Wert von etwa 52 Prozent ihres Bruttoinlandsprodungs (verglichen mit 72 Prozent gegenüber den USA).[6]

Diese Daten legen den Schluss nahe, dass die Nutzung von Offshore-Finanzzentren für Banken und andere Finanzmarktakteure der Regelfall war bzw. ist. Wichtig ist die Feststellung, dass das Kapital in den Offshore-Finanzplätzen nicht real investiert wird, sondern dass es lediglich durch diese Finanzplätze hindurchgeleitet wird, um Regulierungs- und Steuerunterschiede auszunutzen und so höhere Gewinne für die Investoren zu erzielen. Als Folge wird das gesamte Finanzsystem intransparenter und komplexer. Außerdem wird die Risikoneigung der Finanzmarktakteure erhöht und es steigt der Anreiz zu kreditfinanzierter Spekulation, weil sich so am besten Steuervorteile erzielen lassen. Kurz gesagt: Offshore-Finanzplätze verschärfen die Instabilität des Finanzsystems.

Fußnoten

3.
International Monetary Fund (IMF) (2010). Understanding Financial Interconnectedness. October 4, 2010. http://www.imf.org/external/np/pp/eng/2010/100410.pdf.
4.
Troost, Axel/Liebert, Nicola (2009). "Das Billionengrab. Von Steueroasen und Schattenbanken." Blätter für deutsche und internationale Politik(3): 75-84.
5.
Palan, Ronen/Murphy, Richard/Chavagneux, Christian (2010). Tax Havens. How Globalization Really Works. Ithaca, Cornell University Press.
6.
Milesi-Ferretti, Gian Maria/Strobbe, Francesco/Tamirisa, Natalia (2010). "Bilateral Financial Linkages and Global Imbalances: a View on the Eve of the Financial Crisis." IMF Working Paper 10/257.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikationen zum Thema

Coverbild Ökonomie und Gesellschaft

Ökonomie und Gesellschaft

Der Band verdeutlicht an ausgewählten Beispielen das Wechselverhältnis von Ökonomie und Gesellsch...

Jürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus

Geschichte des Kapitalismus

Kapitalismus: Fluch oder Segen? Jürgen Kocka geht weit in die Geschichte dieser Wirtschaftsform zur...

Die Pleite - Republik - Cover

Die Pleite - Republik

Wozu ist der Staat da? Welche Kernaufgaben, welche Pflichten hat er? Wie soll die Politik dem Proble...

APuZ Zukunft des Euro

Europa
und der Euro

Die Hoffnung, Europa würde mit einer gemein-
samen Währung enger zusammen-
rücken, hat sich...

Geld

Geld

Seit Beginn der 1990er Jahre haben sich Real- und Finanz-
wirtschaft auseinander entwickelt, seit...

Coverbild Sozioökonomische Bildung

Sozioökonomische Bildung

Was ist Sozioökonomie? Wozu sozioökonomische Bildung? Die vorliegende Aufsatzsammlung widmet sich ...

Krise der Weltwirtschaft

Krise der
Weltwirtschaft

Seit September 2008 hat die globale Finanz- und Wirtschafts-
krise Deutschland fest im Griff...

Coverbild Märkte für Menschen

Märkte für Menschen

Gegenüber der Finanzwirtschaft hält sich Unbehagen. Milliardengewinne, Bankenpleiten, riskante Bö...

Coverbild Finanzwirtschaft

Finanzwirtschaft

Wir gehen ganz selbstverständlich mit Geld um: bezahlen Rechnungen, kaufen schöne Dinge, sparen od...

Coverbild Unter Bankern

Unter Bankern

Kaum eine Berufsgruppe ist im Zuge der Finanzkrise 2007 so in Verruf geraten wie die der Banker. Der...

Coverbild Globalisierung à la carte

Globalisierung à la carte

Immer globaler, immer liberaler? Die Entfesselung des globalen Kapitalverkehrs und der zunehmende we...

Zum Shop

Tony Ismail, Inhaber von Alamo Fahnen, zeigt die erste neu gestaltete 50 $ Note, die er als Bezahlung für einen Verkauf seiner Flaggen im Laden an der Union Station in Washington erhalten hat.
fluter

Geld

Spätestens durch die großen Finanzkrisen des noch jungen 21. Jahrhunderts ist vielen klar geworden: Die internationale Geldzirkulation bestimmt unser Zusammenleben in allen seinen Winkeln mit. Geld regiert die Welt, heißt es. Aber warum ist das so? Und was genau ist das eigentlich, Geld? Antworten gibt der fluter.

Mehr lesen auf fluter.de

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ Standardbild HQ

Schuldenkrise und Demokratie

Seit Beginn der Finanz- und Verschuldungskrise in der Europäischen Union werden demokratisch gewählte Parlamente und Regierungen von den privaten Akteuren der Kapitalmärkte in die Enge getrieben. Der "Fiskalpakt“ verpflichtet langfristig zu strikter Haushaltsdisziplin durch "Schuldenbremsen“. Unterdessen wächst das Unbehagen über demokratische Defizite beim parlamentarischen Umgang mit scheinbar alternativlosen, immer größeren "Rettungspaketen“.Weiter...

Zum Shop

Master Of The Universe

In einem verlassenen Bankengebäude in Frankfurt am Main schildert ein ehemaliger Investmentbanker seine Sicht auf den Finanzmarkt von heute. Der Dokumentarfilm "Master Of The Universe" gibt Einblicke in die Gesetzmäßigkeiten einer Parallelwelt, deren Geschäfte globale Krisen zur Folge haben können.

Jetzt ansehen