A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

17.1.2012 | Von:
Thomas Rixen
Jan Fichtner

Die dunkle Seite der Finanzmärkte

Oasen, Schattenbanken und die Krise

Die zentrale Rolle der Industriestaaten

Das Problem liegt aber keineswegs nur bei kleinen Regulierungs- und Steueroasen in der Karibik. Auch vermeintliche „onshore“-Staaten sind verantwortlich: Viele OECD-Regierungen haben selbst regulatorische Sonderbehandlungen in ihrem Hoheitsbereich eingerichtet. So haben viele Länder gezielte Steuervorteile eingeführt, die nur ausländischen Investoren offenstehen („ring fencing“). Extreme Beispiele sind die Niederlande und der US-Staat Delaware, die es ermöglichen, sogenannte „shell companies“ einzurichten, in denen zwar keine reale ökonomische Aktivität stattfindet, die es aber dem Unternehmen ermöglichen, von einem günstigen Steuersatz zu profitieren. Neben der gezielten Schaffung von Steuer- und Regulierungslücken „onshore“ haben die großen Industrieländer das Offshore-Phänomen aber auch bewusst genutzt, um ihrer heimischen Wirtschaft Wettbewerbsvorteile zu ermöglichen, wie die Freiheit von Regulierung und Zugang zu günstigem Kapital.

General view of London, Jan. 9, 1992, showing the City of London, foreground, the River Thames and the South Bank, back left. (AP Photo/Nigel Marple)Blick auf die Londoner City. (© AP)
Zwei Staaten spielen eine zentrale Rolle für die dunkle Seite der Finanzmärkte – Großbritannien und die USA. So sah Großbritannien in den 1950er Jahren bewusst von einer Regulierung der entstehenden extraterritorialen Märkte für US Dollars in der City of London ab (den sog. „Euromarkets“) und schuf so die Keimzelle für Offshore-Finanzmärkte.[7] Exemplarisch lässt sich die Rolle dieser beiden Staaten bei Hedge-Fonds zeigen: Bei diesen handelt es sich um kaum regulierte Anlageformen für Superreiche (sogenannte „High Net Worth Individuals“, „HNWIs“) und institutionelle Investoren (etwa Stiftungen und Pensionsfonds). Die Hälfte aller Hedge-Fonds ist in Offshore-Gebieten in der Karibik angesiedelt. In erster Linie sind dies die Kaimaninseln (37%), die Britischen Jungferninseln (7%) und Bermuda (5%). Diese britischen Überseegebiete (British Overseas Territories) haben eine gewisse innere Autonomie (beispielsweise in der Steuergesetzgebung), unterstehen letztendlich aber der Souveränität Großbritanniens.

Weiterhin ist etwas mehr als ein Viertel aller Hedge-Fonds im US-Staat Delaware ansässig, einem „defacto-“-Offshore-Finanzplatz mit geringer Regulierung und extrem niedrigen Steuersätzen. Insgesamt sind also mehr als drei Viertel aller Hedge-Fonds juristisch in Gebieten angesiedelt, die unter der Souveränität Großbritanniens oder der USA stehen. Die Manager der Hedge-Fonds arbeiten natürlich „onshore“: fast 90 Prozent von ihnen allein in den beiden Großräumen New York und London.[8]

John Paulson, president of Paulson & Co., attends a meeting of the Economic Club of New York, Monday, April 11, 2011. (AP Photo/Mark Lennihan)Verdiente Milliarden mit dem Crash: John Paulson, der Präsident des Hedge-Fonds Paulson & Co. (© AP)
Hedge-Fonds haben eine maßgebliche Rolle gespielt im Zusammenhang mit den sich später als toxisch erweisenden Immobilen-Schrottpapieren (Collateral Debt Obligations, CDOs). Hedge-Fonds nutzten ihre symbiotische Beziehung zu den großen Investmentbanken, um die massenhafte Schaffung von CDOs nachzufragen. Die Hedge-Fonds-Investoren (meist Superreiche Personen und Institutionelle Anleger) suchten Investitionsmöglichkeiten, die von den Rating-Agenturen mit der bestmöglichen Note („AAA“) bewertet wurden und gleichzeitig hohe Renditen versprachen. 2006 hielten Hedge-Fonds enorme 60 Prozent aller CDOs, obwohl die Fonds nur einen geringen Anteil der gesamten Finanzmärkte ausmachten.[9]

Die meisten Hedge-Fonds sind dann rechtzeitig ausgestiegen und einige haben sehr erfolgreich auf das Platzen der Immobilienblase gewettet – der Fonds Paulson & Co beispielsweise hat damit 2007 geschätzte 15 Milliarden US-Dollar verdient. Pikant dabei ist, dass Paulson & Co die Investmenbank Goldman Sachs erst bei der Zusammenstellung von CDOs beraten hat und anschließend auf deren Wertverfall setzte. Unter den willfährigen Opfern dieses fragwürdigen Deals befand sich auch die deutsche IKB.

Bislang haben sich Washington und London vehement gegen eine strikte Regulierung von Hedge-Fonds gesperrt, die zum Beispiel Eigenkapitalquoten und Verschuldungsgrenzen beinhalten könnte. Die strengere Regulierung von Banken („Basel III“; siehe auch Text von Heribert Dieter) könnte nun dazu führen, dass riskante Geschäfte von relativ gut beleuchteten Kreditinstituten in das dunkle Schattenbanksystem abwandern, welches maßgeblich von Hedge-Fonds mitgetragen wird.

England Prime Minister Margaret Thatcher in September 1980. (AP Photo)Die britische Premierministerin Margaret Thatcher im September 1980. (© AP)
1980 gab Margaret Thatcher die Devise aus „If you can’t beat them, join them“ und läutete damit eine Ära der Liberalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte ein. So konnte immer mehr Kapital in Regulierungs- und Steueroasen abfließen. Letztlich handelt es sich um ein systemisches Problem. Man hat es mit einer Art Wettbewerb um die löchrigste Regulierung zwischen allen Staaten zu tun, in dem die Offshore-Finanzplätze lediglich die extremsten Spieler sind. Ohne ein Umdenken der Industrieländer, und insbesondere der beiden zentralen Vetospieler USA und Großbritannien, wird es zu keiner wirksamen Regulierung der dunklen Seite der Finanzmärkte kommen können.

Fußnoten

7.
Helleiner, Eric (1994). States and the Reemergence of Global Finance. From Bretton Woods to the 1990s. Ithaca, Cornell University Press.
8.
TheCityUK (2011). "Hedge Funds 2011". http://www.thecityuk.com/assets/Uploads/Hedge-funds-2011.pdf
9.
Lysandrou, Photis (2011) “The Primacy of Hedge Funds in the Subprime Crisis”, Journal of Post-Keynesian Economics (im Erscheinen).
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