A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)
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Die Subprime-Krise in den Vereinigten Staaten


20.1.2012
Der Crash auf dem US-amerikanischen Immobilienmarkt gilt als Auslöser der globalen Finanzkrise. Im Zuge der Subprime-Krise wurde die Banken-Praxis der Verbriefung einer breiten Öffentlichkeit bekannt: Riskante Kredite wurden mit Hilfe von Rating-Agenturen als Top-Geldanlage verkauft.

Pedestrians past nearby the headquarters of the Wall Street firm of Bear Stearns Company in New York.Das Hauptquartier der US-Investmentbanken Bear Stearns 2008 in New York. Im Zuge der Finanzkrise ging Bear Stearns konkurs und musste von der US-Regierung finanziell gestützt werden. JP Morgan übernahm das Institut. (© picture-alliance, AP Photo)

Einleitung



Die „Subprime“-Krise gilt als Auslöser der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/09, wobei „Subprime“ für ein spezielles Segment des US-Kreditmarktes steht. Betroffen sind Hypothekenkredite zur Finanzierung eines Eigenheims, die an Schuldner mit schlechter Bonität vergeben wurden. Es handelte sich also nicht um erstklassige „prime“-Kunden, sondern um problematischere Kreditnehmer, denen deshalb auch höhere Zinsen abverlangt wurden – „subprime“. Später wurden diese Schuldner spöttisch als „Ninjas“ bezeichnet, für „No Income, no Job, no Assets“ – kein Einkommen, kein Job und kein Vermögen.

A for sale sign sits in front of a home on a quiet street in Walpole, Mass., in this Dec. 28, 2006 file photo. Sales of existing homes plunged in March by the largest amount in nearly two decades, reflecting bad weather and increasing problems in the subprime mortgage market, a real estate trade group reported Tuesday, April 24, 2007. (AP Photo/Steven Senne, file)Immobilienkredite standen im Zentrum der Subprime-Krise, die als Auslöser der Finanzkrise gilt. (© AP)
Aus Sicht der Kreditgeber und -Vermittler erschloss sich mit dieser neuen Kundengruppe ein enormes Ertragspotential. Im Prime-Bereich war der Kreditmarkt hingegen weitgehend gesättigt, was zu scharfer Konkurrenz unter den Anbietern und niedrigen Profitmargen führte. Das neu erschlossene „Subprime“-Segment versprach hingegen rasantes Marktwachstum und kurzfristig enorm hohe Gewinne.

Dennoch hätte an den Finanzmärkten von vornherein klar sein müssen, dass viele dieser Kreditnehmer spätestens dann in Schwierigkeiten geraten würden, wenn die in den ersten Jahren vertragsgemäß zumeist sehr niedrigen Zinsen angehoben werden würden. Dem wurde aber entgegengesetzt, dass selbst wenn die Schuldner ihre Raten nicht mehr zahlen könnten, den Gläubigern noch immer die Immobilien bleiben, mit denen die Kredite besichert sind. Unterstützt wurde diese Ansicht von der historischen Erfahrung, dass es in den USA seit dem Zweiten Weltkrieg an regionalen Immobilienmärkten zwar vereinzelt zu Preisrückgängen gekommen war, niemals aber in der gesamten USA. Die Kreditgeber müssten also nur für eine breite regionale Streuung der von ihnen vergebenen Kredite sorgen um deren Risiken zu kontrollieren.

This July 13, 2008 file photo shows the Freddie Mac Corporate Office in McLean, Va. For years, mortgage giants Fannie Mae and Freddie Mac tenaciously worked to nurture, and then protect, their financial empires by invoking the political sacred cow of homeownership and fielding an army of lobbyists, power brokers and political contributors. Now, new attention is being focused on the bruised mortgage companies as the Bush administration presses its rescue plan to Congress. (AP Photo/Pablo Martinez Monsivais, File)Der US-Hypothekenfinanzierer Freddie Mac wurde im Sommer 2008 verstaatlicht. (© AP)
Kreditnehmer wurden dabei überwiegend mit sogenannten „Teaser Rates“ in die Kreditverträge gelockt, bei denen zumeist zwei Jahre lang keine Tilgungen und oft nicht einmal Zinsen verlangt wurden. Für die Zeit nach der Niedrigzinsphase des Vertrags wurde hingegen in Aussicht gestellt, dann einfach eine Umschuldung vorzunehmen, da der inzwischen gestiegene Wert der Immobilie eine Aufstockung der Kreditsumme erlauben werde. Dann sollte der nun sehr teure alte Kredit getilgt und ein neuer, billigerer aufgenommen werden, was den Schuldnern neuerlich nur sehr niedrige monatliche Belastungen verschaffen sollte.

Allerdings hatten bereits im Jahr 2001 erste Experten vor einer rasch anwachsenden Immobilienblase in den USA gewarnt und tatsächlich erreichten die Immobilienpreise Mitte 2006 ihren Höhepunkt und begannen wenig später rapide einzubrechen. Damit wurde dieses Geschäftsmodell obsolet und die unschönen Hintergründe des Subprime-Booms kamen rasch deutlich ans Licht.

So gingen schon Anfang 2007 die ersten großen US-Hypothekenbanken in Konkurs und im Februar 2008 erreichte die Krise ihren ersten Höhepunkt mit dem Scheitern der mächtigen Wall-Street-Investmentbank Bear Sterns, die mit Staatshilfe von der Großbank JP Morgan übernommen wurde. Über den Sommer verschärfte sich die Krise weiter, die zuerst zur Verstaatlichung der gigantischen und staatlich gesponserten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, und im Herbst 2008 zum Zusammenbruch der Investmentbank Lehman und des weltgrößten Versicherers AIG und in der Folge fast des gesamten westlichen Finanzsektors führte.

Politische und regulative Voraussetzungen



Die vermutlich wichtigste Voraussetzung für diese massive Entgleisung der Finanzmärkte war, dass sowohl die Regierung von Präsident Bill Clintons als auch die darauf folgende Administration unter George W. Bush sich zum Ziel gesetzt hatten, das traditionell zum „american dream“ gehörige Eigenheim auch einkommensschwachen Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Dazu wurden Hypothekenzahlungen gegenüber dem Mietaufwand steuerlich begünstigt und verschiedene öffentliche Programme ins Leben gerufen, die den „subprime“-Kreditnehmern zu Hypotheken verhelfen sollten.

Auch den privaten Kreditanbietern wurden steuerliche Vergünstigungen gewährt. Als absolutes Desaster sollte sich aber erweisen, dass zuerst die Clinton-Administration darauf verzichtete, den boomenden Markt für Finanzderivate zu regulieren und die Bush-Regierung später den Standpunkt vertrat, dass jegliche öffentliche Regulierung die Wirtschaft behindere und deshalb darauf verzichtete, auch nur die bestehenden Regeln zu überwachen.

Demgegenüber setzte die Regierung auf die „Selbstregulierung“ der Märkte. Im Sinne der dominierenden neoliberalen Wirtschaftstheorie ging man davon aus, dass die Kreditgeber schon selbst dafür sorgen würden, ihre Gelder nicht zu verlieren, was sich als schwerer Irrtum herausstellen sollte. Ein Grund dafür war, dass die anglo-amerikanischen Finanzmärkte schon lange wesentlich stärker auf Kapitalmarktfinanzierungen eingestellt waren als etwa der kontinentaleuropäische Finanzmarkt. So dominieren in Europa die normalen Bankkredite, bei denen eine Bank Spareinlagen hereinnimmt und dafür Kredite ausgibt, die sie dauerhaft in ihren Büchern behält. Dadurch ist die Bank dazu motiviert, bei den Kreditvergaben sehr sorgsam vorzugehen, schließlich gehen später alle Verluste zu ihren Lasten. In den USA läuft das Kreditgeschäft hingegen überwiegend „verbrieft“ über die Kapitalmärkte.


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