A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

20.1.2012 | Von:
Rainer Sommer

Die Subprime-Krise in den Vereinigten Staaten

Übergreifen der Kriseauf Europa

Zu den unangenehmen Überraschungen der Subprime-Krise zählte dann auch, dass die Risiken den Bankensektor nicht wie erwartet verlassen hatten sondern sich bei einzelnen Banken konzentrierte, die nun in größte Schwierigkeiten gerieten. Das waren einerseits Banken, die selbst im Verbriefungsgeschäft aktiv waren und ihre Subprime-Produkte krisenbedingt nicht mehr am Markt unterbringen konnten. Anderseits hatten etliche Banken teilweise über außerbilanzielle Zweckgesellschaften riesige Mengen an vermeintlich sicheren Schrottpapieren mit gutem Rating gekauft und mit kurzfristigen Krediten refinanziert, für die die beschriebenen Kreditausfallversicherungen als Sicherheiten dienten.

Diese Zweckgesellschaften konnten sich samt Spesen in der Regel sehr günstig Geld leihen, oft fürweniger als zwei Prozent Zinsen, erhielten für ihre verbrieften Hypothekenzertifikate aber um die vier Prozent an Zinsen. Das ergab eine scheinbar Risikofreie und nicht mit Eigenkapitalanforderungen belasteteGewinnspanne bzw. Bruttorendite von zwei Prozent, bei der zudem der mühsame Prozess des realen Kreditgeschäfts entfiel. Ein Zehn-Milliarden-Portfolio brachte dann mühelos und mit scheinbar überschaubarem Risiko einen Jahresgewinn von 200 Millionen Dollar, und den wollten sich die wenigsten Banken entgehen lassen.

Je größer das Portfolio, umso größer der Gewinn (und die Boni der Manager), und so nahmen diese Portfolios teilweise völlig unbemerkt von den Aufsichtsbehörden in wenigen Jahren gewaltige Ausmaße an. Besonders gefährdet waren dabei Banken, deren traditionelles Kerngeschäft kaum Wachstumschancen bot, oder deren Geschäft traditionell mit Hypotheken oder Kreditgarantien zu tun hatte. Das traf unter anderem etliche deutsche Landesbanken, die in massive Schwierigkeiten gerieten, als der Wert der Hypothekenzertifikate und Kreditausfallversicherungen angezweifelt wurde.

Denn dadurch wurden sie auch nicht mehr als Sicherheiten für Finanzierungen akzeptiert, weshalb die Banken ihre Zweckgesellschaften nicht mehr über den Markt finanzieren konnten, sondern selbst Dollars auftreiben mussten. Gelang dies nicht, musste das Portfolio verkauft werden, was ab Mitte 2007 mit rapide ansteigenden Verlusten verbunden war.

Dies traf dann vor allem europäische Investoren, denn während China vor allem US-Staatsanleihen gekauft hatte, hatten Investoren aus Europa auf AAA-CDOs gesetzt und laut Angaben (http://www.federalreserve.gov/pubs/ifdp/2011/1014/default.htm) der US-Notenbank ein Volumen von insgesamt rund einer Billion US-Dollar an Schrottpapieren übernommen. Gekauft hatten demnach vor allem Banken, die diese Papiere am Dollar-Geldmarkt refinanziert hatten. Daraus resultierten Verluste von mehr als 500 Milliarden US-Dollar, die inzwischen bereits großteils realisiert und teilweise von den europäischen Staaten getragen wurden – über eine öffentliche Beteiligung an „Bad Banks“, in die diese Ramschanleihen ausgelagert worden sind.

Kriminelle Machenschaften?

In den Wirtschaftswissenschaften wird mittlerweile auch der kriminelle Aspekt der Subprime-Krise untersucht und unter der Bezeichnung „Control Fraud“ („Kontrollbetrug“) (http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=1590447) analysiert. So unterstellen Wissenschafter inzwischen kriminelle Tatbestände, die vom aktuellen Rechtssystem aber nicht wirksam erfasst bzw. verfolgt werden. Demnach werden diese kriminellen Akte bewusst von den Führungskräften der darin verwickelten Unternehmen ausgeführt um ihren persönlichen Gewinn zu optimieren, wodurch die von der neoklassischen Ökonomie unterstellten Selbstregulierungskräfte ausgehebelt werden können.

Als „Tatwaffe“ dient in erster Linie die Buchführung, die dazu verwendet wird, Scheingewinne zu produzieren. So konnten viele Subprime-Kreditgeber sofort bei Vertragsabschluss bilanziell einen Gewinn verbuchen, woraus sich auch sofort die entsprechenden Bonuszahlungen an das Management ergaben. Auch der Vertriebsapparat kassierte sofort nach Vertragsabschluss seine Prämien, was zu höchst zweifelhaften Vertriebsmethoden führte. Denn weil es für den gewinnbringenden Weiterverkauf der Hypotheken unerlässlich war, dass diese formal bestimmte Kriterien erfüllten, wusste der Kreditvertrieb besser als die Kreditnehmer, welche Angaben diese zu machen hatten. Das war aber nur möglich, weil von Oben die Vorgabe kam, den Umsatz ohne Rücksicht auf Verluste zu maximieren, was sich auf allen Ebenen wiederholte.

Laut FBI wurden in der Folge bei 85 Prozent der Subprime-Verträge falsche Angaben gemacht, wobei die Initiative dazu in 80 Prozent der Fälle von den Kreditverkäufern ausging. Für weite Teile der Hypothekenindustrie war es dann nach eigenen Angaben schier unmöglich, das gefährliche Spiel nicht mitzuspielen. So erhielten beispielsweise Immobiliengutachter, die nicht bereit waren, den Immobilien den gewünschten Wert zuzubilligen, keine Aufträge mehr, ebenso wenig die Ratingagenturen oder Kreditvermittler, die auf die reale Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden achten wollten.

Von der Subprime-Krise zur Staatsschuldenkrise

Bis zum Crash sollte sich das für alle Beteiligten lohnen, wobei die Gewinne der Top-Manager hunderte Millionen Dollar erreichen konnten. Aber auch erfolgreiche Kreditvermittler an der Front konnten Millionenbeträge absahnen. Der volkswirtschaftliche Schaden dieser Krise überstieg den Schaden aller anderen in den USA jemals erfolgten Betrugsfälle zwar um ein Vielfaches, strafrechtlich ist es drei Jahre nach dem Crash aber kaum zu Prozessen und zu keiner einzigen Verurteilung gekommen. Vorerst bereinigt wurde die Subprimekrise durch gewaltige öffentliche Hilfspakete, mit denen vor allem die Banken rekapitalisiert wurden. Allerdings wurden die Probleme dadurch auf die Staatsfinanzen verlagert, so dass die Subprime-Krise heute wohl als wichtigster einzelner Grund für die darauf folgende Eurozonenkrise gelten kann.

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