A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)
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Die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion

Grundlagen und Entwicklung


20.1.2012
In der Geschichte der EU unternahmen europäische Politiker mehrere Anläufe für eine Währungsunion. Mit dem Vertrag von Maastricht und der Einführung des Euro wurde das Projekt schließlich realisiert - trotz Bedenken von Volkswirtschaftlern.

Symbol des Euro vor dem europäischen Parlament in BrüsselIn der Geschichte der EU unternahmen europäische Politiker mehrere Anläufe einer Währungsunion. Das Foto zeigt ein Detail des Denkmals "Europe" der belgischen Künstlerin May Clearhout vor dem Europäischen Parlament in Brüssel. Die belgische Ratspräsidentschaft schenkte es dem Europäischen Parlament 1993 kurz nach Inkrafttreten des Maastrichter Vertrags. (© AP)

Einleitung

Ein wesentliches Ziel wirtschaftspolitischer Entscheidungen in offenen Volkswirtschaften besteht in der Vermeidung makroökonomischer Ungleichgewichte. Die Wirtschafts- und Währungspolitik strebt ein binnenwirtschaftliches Gleichgewicht (Vollbeschäftigung, Preisstabilität) und ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht an. Letzteres ist gegeben, wenn die Leistungsbilanz eines Staates kein übermäßiges Defizit aufweist, der Staat also seine Schulden gegenüber ausländischen Gläubigern bedienen kann. Auch Ungleichgewichte in die andere Richtung sollen verhindert werden: Übermäßige Überschüsse in der Leistungsbilanz, die bedeuten, dass ein Land mehr Güter produziert, als es selbst nachfragt.

Die Idee einer europäischen Wirtschafts- und Währungsunion



Bereits im Jahr 1959 plante das Europäische Parlament die Einrichtung einer Europäischen Zentralbank. Etliche europäische Protagonisten wie Jean Monnet, deren Ziel die Gründung einer Politischen Union Europas war, befürworteten eine völlige Fixierung der Wechselkurse zwischen den Währungen der damals sechs Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Zu dieser Zeit herrschte Wechselkursstabilität in den EWG-Staaten aufgrund ihrer gemeinsamen Mitgliedschaft im Bretton-Woods-System. Mit dem währungspolitischen Abkommen von Bretton-Woods von 1944 war ein internationales Währungssystem mit festen Wechselkursen geschaffen worden. Die Gründung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion steht auch im Zusammenhang mit dem sukzessiven Scheitern des Bretton-Woods-Systems Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre.

Grundlagen des Bretton-Woods-Systems



Im Rahmen des Bretton-Woods-Systems fixierten dessen Mitgliedstaaten ihren Wechselkurs gegenüber dem Dollar als Leitwährung. Die Teilnehmer einigten sich zudem auf ein Übereinkommen über den „Internationalen Währungsfonds“ (IWF). So sollte eine neue stabile Weltwährungsordnung geschaffen werden, um turbulente Schwankungen der Wechselkurse zu unterbinden. Ziel war es, damit die Grundlage für eine reibungslose Expansion des Welthandels zu schaffen. Die Errichtung dieses finanzpolitischen Regimes war auch eine Reaktion auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, die am Black Thursday, dem 29. Oktober 1929, ausgelöst worden war.

Im Zentrum der politischen Kooperation stand der US-Dollar als Leitwährung. Primäres Interesse galt der währungspolitischen Koordinierung zwischen den Staaten, um stabile Bedingungen für eine stetige Entwicklung der Weltwirtschaft zu schaffen. Eine wesentliche Bestimmung im System von Bretton Woods galt der gegenseitigen Verpflichtung stabiler Wechselkurse. Vor allem sollte eine Wiederholung rücksichtsloser handels- und währungspolitischer Interventionen verhindert werden, wie Abwertungswettläufe und massive Zollerhöhungen auf Importgüter, die zur Verschärfung der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre beigetragen hatten: Viele Staaten werteten in der Zwischenkriegszeit (1918-1939) ihre Währungen ab, um sich mit diesem Instrument Vorteile auf internationalen Märkten zu sichern - zu Lasten Dritter. Die daraus resultierende Krisenspirale verschärfte die volkswirtschaftliche Lage sämtlicher Industriestaaten. Im Deutschen Reich stieg die Arbeitslosenquote auf 30 Prozent, im industriellen Sektor sogar auf 45 Prozent. Das Bretton-Woods-Sysem legte allerdings lediglich die externe Stabilität der Wechselkurse fest, die innere Stabilität der Geldwerterhaltung blieb unberührt (siehe auch: Inflation).

Ende des Bretton-Woods-Sysems



Nach der Landung in der Mitte eines Viet Cong Landungs Gebiets, ein Fallschirmjäger der 173. Fallschirmjägereinheit schwingt sein M-16 Gewehr, um die Evakuierung eines verletzten Fallschirmjägers unter Beschuss von Schwarfschützen zu sichern.Der Vietnamkrieg führte in den 1960er Jahren zu Inflation in den Vereinigten Staaten. (© AP)
Das Bretton-Woods-System konnte in den 60er Jarhen jedoch nicht uneingeschränkt aufrecht erhalten werden. Die amerikanische Regierung erhöhte die Geldmenge der Leitwährung US-Dollar massiv, um das sozialpolitische Great Society Program und den Vietnam-Krieg zu finanzieren. Die Folge waren hohe Staatsschulden, ein deutliches Leistungsbilanzdefizit sowie eine schnell steigende Inflationsrate in den Vereinigten Staaten. In europäischen Staaten stiegen die Lohnkosten stark an und es kam zu nachfragebedingter Inflation. In der Folge kam es zu massiven Abwertungen nationaler Währungen und zu Zahlungsbilanzschwächen.

In diesen Zeiten wurde die D-Mark wegen ihrer an Geldwertstabilität orientierten Währungspolitik von den Märkten entdeckt. Die D-Mark und der Schweizer Franken nahmen eine Art Gegenposition gegenüber dem US-Dollar ein. Es kam zu wachsenden Spekulationswellen, die eine Aufwertung der D-Mark zur Folge hatte und deutsche Güter auf dem internationalen Markt verteuerten. Letztlich kam es zum faktischen Ende des Bretten-Woods-Systems und zur Freigabe der internationalen Wechselkurse.


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