A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

20.1.2012 | Von:
PD Dr. Klaus Zapka

Die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion

Grundlagen und Entwicklung

Erster Entwurf einer Währungsunion: Der Werner-Plan

Als Reflex auf das Scheitern des Bretton-Woods-Systems und der resultierenden währungspolitischen Turbulenzen beschloss der Europäische Rat im Dezember 1969 in Den Haag das Projekt einer Währungsreform. Der Werner-Plan (benannt nach dem damaligen luxemburgischen Premier- und Finanzministers Pierre Werner) sah vor, diese in drei Stufen zu realisieren. An diesem Punkt beginnt die Währungsgeschichte der Europäischen Gemeinscahft. In einer ersten Stufe sah der Werner-Plan vor, wirtschaftliche Instrumentarien für eine bessere Koordination der Geldpolitik einzurichten. Kursschwankungen sollten so verringert werden.

Ministerpräsident des Großherzogtums Luxemburg, aufgenommen am 01.09.1980 in Köln.Pierre Werner, dessen Blaupause für eine Währungsunion der europäische Rat 1969 beschlossen hatte, im Jahr 1980. (© picture-alliance/dpa)
In der zweiten Stufe sollten Änderungen der festen Umtauschverhältnisse innerhalb des Europäischen Währungsabkommens nur noch mit Zustimmung aller Mitgliedstaaten möglich sein. In der dritten Stufe sollte die Geldpolitik von einer Europäischen Zentralbank (EZB) übernommen werden. Konkrete Folge des Werner-Plans war die Gründung eines Wechselkursverbundes in Form der „Europäischen Währungsschlange“. Die Regierungen beschlossen, dass die Wechselkurse ihrer Währungen um nicht mehr als 2,25 Prozent voneinander abweichen dürfen. Andernfalls würde man am Devisenmarkt intervenieren.

Der Werner-Plan ging davon aus, die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion bis 1980 zu realisieren. Die EWG sollte sich als Zone präsentieren, „in der sich der Güter-, Dienstleistungs-, Personen- und Kapitalverkehr frei und ohne Wettbewerbsverzerrungen vollzieht, ohne dass dadurch neue strukturelle oder regionale Ungleichgewichte verursacht werden“. Dieser Wirtschaftsraum sollte durch einen einheitlichen Währungsraum ergänzt werden, der im „Innern die vollständige und irreversible Konvertibilität, die Beseitigung der Bandbereiten der Wechselkurse, die unwiderrufliche Festsetzung der Paritätsverhältnisse und die völlige Liberalisierung des Kapitalverkehrs“ vorsah.

Monetaristen gegen Ökonomisten

Unter den Mitgliedstaaten existierten Meinungsverschiedenheiten über das Verhältnis von währungspolitischer Integration gegenüber der wirtschaftspolitischen Integration. Zwar war man sich einig, was die gewünschten wirtschaftsfördernden Effekte anging, wirtsschaftspolitischer Dissens bestand indes über die konkrete Realisierung der Wirtschafts- und Währungsunion. Die Monetaristen (Frankreich, Belgien, Luxemburg) gaben währungspolitischen Vorkehrungen (Verringerung von Bandbreiten zum Floating) den Vorrang gegenüber einer wirtschaftspolitischen Integration. Sie vertraten die Ansicht, dass ein Ausbau der währungspolitischen Kooperation als Motor zur Vertiefung der Integration genutzt werden müsse. Nur die monetäre Integration fördere die ökonomische Integration respektive der makroökonomischen Konvergenz. Die Ökonomisten (Deutschland, Niederlande, Italien) setzten auf eine wirtschaftspolitische Konvergenz, die durch institutionellen Systemwettbewerb zu erreichen ist. Die Währungsunion sollte Krönung eines erfolgreichen ökonomischen Integrationsprozesses sein. Das ökonomistische Konzept intendierte einseitige Anpassungsbemühungen von Staaten mit „weichen“ Währungen, die sich an der Währungspolitik der Staaten mit den stabilsten Währungen orientieren sollen. Als Kompromiss zwischen beiden Schulen sollte die wirtschaftliche und währungspolitische Integration parallel aufgebaut werden.

Scheitern der „Währungsschlange“ und Einführung des Europäischen Währungssystems

Belgium Premier Leo Tindemans, West German Chancellor Helmut Schmidt, French President Valery Giscard d’Estaing and Italian Premier Giulio Andreotti, from left, have a chat prior to lunch given in the Bremen Townhall, where the heads of states of the nine European community countries opened their economic summit, Thursday, July 6, 1978, Bremen, Germany. (ddp images/AP Photo)Im März 1979 trat das Europäische Währungssystem (EWS) in Kraft. Das Foto zeigt den belgischen Premier Leo Tindemans, Bundeskanzler Helmut Schmidt, den französischen Präsidenten Valery Giscard d'Estaing und den italienischen Premier Giulio Andreotti (von links) beim Wirtschaftsgipfel der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft 1978 in Bremen. (© AP)
Die Umsetzung des Werner-Planes durch Einführung der „Europäischen Währungsschlange“ mit ihren Bandbreiten zum Floating scheiterte durch immer wieder auftretende Währungsturbulenzen und ökonomische Schocks, insbesondere die Wirtschaftskrise von 1973, die von einem Preissprung beim Öl ausgelöst wurde. Staaten wie Belgien, Deutschland, Luxemburg und die Niederlande bemühten sich um währungspolitische Stabilität, während andere Staaten wie Frankreich, Großbritannien oder Italien ihre gestiegenden Kosten für Öl mit einer expansiven Geldpolitik zu kompensieren suchten. Die „Schlange“ löste sich auf. Die Entwicklung gab den Ökonomisten Recht, dass eine Wechselkursfixierung erst bei deutlicher Zusammenführung der Ziele nationaler Wirtschaftspolitiken möglich ist. Die in der ersten Stufe vorgesehene verstärkte wirtschaftspolitische Koordinierung fand zudem nicht statt. Der Fehlschlag der Werner-Strategie war damit vorprogrammiert.

Im März 1979 trat das Europäische Währungssystem (EWS) in Kraft. Es gilt als pragmatisches, freiwilliges Abkommen zwischen den einzelnen Zentralbanken der Mitgliedstaaten; man verzichtete somit auf eine Änderung des EG-Vertrages. Kernstück des EWS war der Wechselkursmechnismus. Mit ihm sollte die währungspolitische Zusammenarbeit gestärkt werden, um größere Währungsstabilität herbeizuführen. In der EG sollte eine stabile Währungszone mit innerer Preisniveaustabilität (geringer Inflation) und äußerer Währungsstabilität entstehen (geringe Wechselkursschwankungen).

Für den Wechselkursmechanismus einigte man sich auf die Festlegung eines sogenannten bilateralen Paritätengitters mit maximaler Schwankungsbreite von +/- 2,25 Prozent, im Ausnahmefall mit +/- 6 Prozent. Die Grenzen der bilateralen Leitkurse stellten Interventionspunkte dar. Erreichte ein Wechselkurs einen Interventionspunkt, so waren immer beide betroffenen Zentralbanken gleichzeitig zur Intervention verpflichtet. Als stabilste Währung wurde die D-Mark als Referenzgröße verankert.
Rostock (Mecklenburg-Vorpommern): D-Mark-Münzen, fotografiert am 16.01.2002 in Rostock. Die Münzen werden in zentralen Einrichtungen der Landeszentralbanken zerquetscht und verbogen, bevor sie zum Einschmelzen an entsprechende Unternehmen abgegeben werden, die das Metall wiederverwenden können. Nach Ansicht des Bundesverbandes Öffentlicher Banken spielt die Deutsche Mark so gut wie keine Rolle mehr, die Einführung des neuen Euro-Geldes ist "praktisch abgeschlossen". (ROS460-180102)Die D-Mark war in den 1980er Jahren die stabilste Währung und damit Referenzgröße im europäischen Wechselkursmechanismus. (© picture-alliance, picture-alliance/ZB)
Im Jahr 1983 wurde die D-Mark dann de facto zur Ankerwährung des EWS. Alle übrigen Länder versuchten ihre nationale Geldversorgung so zu steuern, dass der Wechselkurs zur D-Mark stabil blieb. Mitgliedstaatliche Währungspolitiken gerieten somit unter eine Art Vormundschaft der Deutschen Bundesbank.

Als kleine Volkswirtschaften zeigten sich die europäischen Staaten gegenüber Wechselkursschwankungen sehr anfällig. Während die Wechselkurse der BeNeLux-Staaten, Dänemark und Frankreich weitgehend stabil waren, kam es bei den Währungen von Spanien, Portugal, Italien und Großbritannien zu massiven Kursverlusten. Gleichzeitig blieb die Einlösung der makroökonomischen Erfordernisse offen. In der Konsequenz wurde das bilaterale Paritätengitter faktisch suspendiert und das EWS löste sich 1991/92 auf. Es entwickelte sich ein Konsens, dem zufolge Wechselkursstabilisierungen nur bei Anpassung der nationalen Wirtschaftspolitik realisierbar seien. Erforderlich dazu waren: Kontrolle der Inflation, eine angemessene Lohnpolitik zugunsten der Kapitalrendite, Anpassung der Zinspolitik, Senkung der Lohnstückkosten, Abbau öffentlicher Leistungen, „Gesundung“ der öffentlichen Finanzen sowie eine ausgeglichene Leistungsbilanz.

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