TTIP CETA Protest Brüssel EU

12.9.2016 | Von:
Gabriel Felbermayr

Es geht nicht um neue Jobs – sondern um bessere

Es wird nicht besonders viele neue Arbeitsplätze durch die Freihandelsabkommen TTIP und CETA geben, prophezeit der Münchner Ökonom Gabriel Felbermayr - aber insgesamt werden diese qualitätsvoller sein.

Felbermayr GabrielGabriel Felbermayr (© Privat)
Befürworterinnen und Befürworter von Freihandelsabkommen wie CETA und TTIP betonen regelmäßig positive Effekte auf die Arbeitsplätze. Die neue Strategie der EU-Kommission "Trade for All" vom Oktober 2015[1] prophezeit sie genauso wie US-Präsident Barack Obama, der in Freihandelsabkommen "einen der besten Wege, das Wachstum zu fördern und Jobs zu schaffen" sieht.[2] Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Arbeitgebervertreter schlagen in dieselbe Kerbe. Gegner der Abkommen prophezeihen dagegen genau das Gegenteil: weniger Arbeitsplätze.[3] Anhand der klassischen Außenhandelstheorie lässt sich die dominante Rolle der Arbeitsplatzfrage nur schwer nachvollziehen.

So schreibt der US-amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman 1993, das Niveau der Beschäftigung sei eine makroökonomische Variable, die kurzfristig von der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, langfristig von der natürlichen Rate der Arbeitslosigkeit abhänge, die von mikroökonomischen Größen wie Zöllen kaum beeinflusst würden. Handelspolitik sollte hinsichtlich ihrer Auswirkung auf die wirtschaftliche Effizienz beurteilt werden, so Krugman, nicht mit fragwürdigen Argumenten über neu zu gewinnende oder zu verlierende Arbeitsplätze.[4]

Wenn Handelsliberalisierung zu einer Belebung des Wettbewerbes führt, treten zwei entgegengesetzte Effekte auf. Wenn die durchschnittliche Marktmacht der Unternehmen fällt, sinken die Preise, der Output steigt und die Firmen fragen mehr Arbeit nach. Aber die Effizienzgewinne durch Freihandel senken bei konstanter Produktionsmenge auch die notwendige Beschäftigung. Die Frage ist daher, ob der Outputeffekt den Effizienzgewinn dominiert. Der Gesamteffekt ist also a priori uneindeutig.

Ökonomen sehen die Vorteile von Freihandel nicht vordergründig in neuen Arbeitsplätzen

Daher sehen die meisten Ökonomen die Vorteile von Freihandel nicht vordergründig darin, dass neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Dafür sind ganz andere Maßnahmen notwendig: geld- und fiskalpolitische Stimulierung bei konjunktureller Arbeitslosigkeit und geeignete Arbeitsmarktpolitiken bei hoher struktureller Arbeitslosigkeit. Der Abbau von Zöllen und anderen diskriminierenden Marktzutrittsbarrieren führt zwar nicht zu mehr, aber zu besseren Jobs.

In den vergangenen Jahren hat die Forschung Fortschritte gemacht. Neue Einsichten wurden durch eine Abkehr von Modellen mit perfekt funktionierenden Arbeitsmärkten, durch bessere Daten und neue statistische Methoden möglich. Damit lassen sich Schlussfolgerungen auch für TTIP und CETA ziehen.

Zahlreiche nationale und internationale empirische Studien weisen sehr klar nach, dass Unternehmen, die global aktiv sind, relativ zu anderen Firmen höhere Bruttolöhne zahlen. Dabei wird bereits herausgerechnet, dass international tätige Firmen typischerweise besser qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beschäftigen. In Deutschland verdienen sie auch gut zehn Prozent mehr als ihre Kolleginnen und Kollegen in Firmen, die nicht exportieren.[5] Die Verdienste bei Firmen, die in die USA exportieren, sind nochmals etwas höher.

Die Untersuchungen sagen indes nichts darüber aus, ob Handelsliberalisierung die Anzahl solcher guter Jobs tatsächlich erhöht. Einerseits eröffnen sich neue Absatzchancen im Ausland. Damit steigt der Anteil von Firmen in einer Branche, die die genannte Lohnprämie anbieten. Andererseits kann zunehmender Wettbewerbsdruck durch starke ausländische Unternehmen für andere heimische Firmen und Branchen aber zu gegenteiligen Effekten führen. Weil Handelsliberalisierung immer diese beiden Seiten hat, gibt es fast zwangsläufig sowohl unter den Unternehmen als auch unter den Arbeitnehmern Gewinner und Verlierer.

Nettoeffekte der Marktöffnung mit China sehen Deutschland als Gewinner

Die dramatisch zunehmenden Importe aus China können so für die Deindustrialisierung der USA zumindest teilweise verantwortlich gemacht werden. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die dabei ihren Arbeitsplatz verloren, konnten nur schwer und häufig nur zu niedrigeren Löhnen Beschäftigung in anderen Branchen finden.[6] Dieselbe Problematik führte in Deutschland zu gegenläufigen Folgen. Zwar brachte der zunehmende Wettbewerb in bestimmten Branchen und Regionen Jobverluste, doch die Jobgewinne durch höheren Auslandsabsatz dominieren. Netto hat die Marktöffnung Chinas seit 1988 zu mehr als 400.000 neuen deutschen Jobs in Deutschland geführt.[7]

Handelsliberalisierungen führen laut Untersuchungen tatsächlich häufig zu temporär höherer Arbeitslosigkeit. Die Nutzung von neuen Marktchancen und der daraus folgende Jobaufbau brauchen Zeit, während intensiverer Wettbewerb sehr rasch zu Jobabbau in unproduktiven Firmen führt. Die Periode höherer Arbeitslosigkeit ist allerdings eher kurz: Schon etwa sechs Quartale nach der Liberalisierung kehrt die Arbeitslosigkeit zum Ausgangsniveau zurück und sinkt danach weiter auf ein langfristig etwas geringeres Niveau.

In einer Studie zu möglichen Effekten von TTIP haben Kollegen und ich 2013 diesen Mechanismus in ein klassisches Modell des Außenhandels eingebaut und dann die Effekte auf die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung berechnet.[8] Es stellte sich heraus, dass TTIP langfristig tatsächlich zu einer Zunahme der Beschäftigung führen könnte: Der Outputeffekt dominiert den Effizienzeffekt. Allerdings ist der Gewinn klein: Für Deutschland würden in einem ambitionierten TTIP-Szenario über eine Anpassungsperiode von zehn Jahren netto circa 180.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Das wäre ein Ansteigen der Beschäftigung um etwa 0,45 Prozent. Angesichts der bescheidenen Effekte sollte man zwar nicht von einem Jobwunder sprechen. Genauso kann aber von einem, so war es zu lesen, "Armageddon" für den Arbeitsmarkt überhaupt keine Rede sein. Der Vorteil von TTIP liegt nicht in höherer Beschäftigung, sondern in besseren Jobs: Der durchschnittliche Reallohn läge gemäß den Simulationsergebnissen mit TTIP in Deutschland um mehr als zwei Prozent höher als ohne.

Sabine Stephan (© IMK)
Standpunkt Sabine Stephan:

"Selbst unter außerordentlich optimistischen Annahmen sind die erwarteten Wachstums- und Beschäftigungseffekte durch TTIP winzig. Wie hoch aber wären die Kosten eines umfassenden Freihandelsabkommens?"

Fußnoten

1.
Trade for all. Towards a more responsible trade and investment policy, hrsg. von der Europäischen Kommission, Brüssel 2015. Online unter: http://trade.ec.europa.eu/doclib/docs/2015/october/tradoc_153846.pdf (Stand: 1. September 2016)
2.
Anlässlich seines Deutschlandbesuchs am 24. April 2016.
3.
Capaldo (2014) sagt den Verlust von hunderttausenden Jobs und eine Rezession durch TTIP voraus; siehe Capaldo, J. (2014). TTIP: European Disintegration, Unemployment and Instability, GDAE Working Paper No. 14-03.
4.
Krugman, P. R. (1993). What Do Undergrads Need To Know About Trade, American Economic Review Papers and Proceedings 83(2): S. 23-26.
5.
Baumgarten, D., (2013). Exporters and the rise in wage inequality: Evidence from German linked employer-employee data. Journal of International Economics 90 (1): S. 201-217.
6.
Autor, David H., Dorn, D. and Hanson, G. H. (2013). The China syndrome: Local labour market effects of import competition in the united states, American Economic Review 103(6): S. 2121–68. Online unter: http://economics.mit.edu/files/6613 (Stand 1. September 2016)
7.
Dauth, W., S. Findeisen, und J. Südekum (2014). The Rise of the East and the Far East: German Labour Markets and Trade Integration, Journal of the European Economic Association 12 (6): S. 1643-1675.
8.
Felbermayr, Gabriel (zusammen mit Benedikt Heid und Sybille Lehwald), Transatlantic Free Trade: Winners, Losers, and Necessary Accompanying Measures, Law and Business Review of the Americas 19 (4), 2013, S. 445-484.
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Autor: Gabriel Felbermayr für bpb.de
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Frage 1 / 21
 
1. Wer hat das erste Investitionsschutzabkommen überhaupt vereinbart?