Europäische Schuldenkrise

Von Gesundung kann keine Rede sein


13.12.2017
Der Wirtschaftsjournalist Michael Psotta hält es für ein Versäumnis, dass Spanien in den vergangenen Jahrzehnten keine eigene Industrie aufgebaut hat, mit der das Land von der Globalisierung und dem Aufbau von Infrastrukturen in den Schwellenländern hätte profitieren können.

Michael PsottaMichael Psotta (© F.A.Z.)
Auf den ersten Blick hat Spanien in der Tat seine tiefe Krise überwunden. Nachdem in den vergangenen zehn Jahren gleich mehrere Rezessionen überstanden werden mussten, wuchs die Wirtschaft auf der Halbinsel zuletzt schneller als die in Frankreich, Italien oder Deutschland. Das wird auch an den Finanzmärkten anerkannt: Dem Land gelingt es längst wieder, seine Staatsanleihen zu relativ geringen Zinsen zu verkaufen – offensichtlich sind auch Anleger außerhalb Spaniens überzeugt, dass die Bonität des Landes nicht mehr in Gefahr ist. Von drohendem Staatsbankrott jedenfalls kann nicht mehr die Rede sein. Das mag auch an der Versicherung der Europäischen Zentralbank liegen, notfalls mit der "Dicken Bertha" Krisenländer herauszupauken. Doch ganz allgemein wird auch anerkannt, dass Spanien mit einer Reihe von Reformen etwa am Arbeitsmarkt Verkrustungen beseitigt hat, die über lange Zeit Investitionen erschwert haben. In der Tat wird das aktuelle Wachstum derzeit auch von zunehmenden Unternehmensinvestitionen getragen.

"Die Arbeitslosigkeit ist mit einer Quote von rund 18 Prozent immer noch erschreckend hoch."



Soweit also zum aktuellen Aufschwung. Der zweite Blick indes deutet darauf, dass noch so viel im Argen liegt, dass von einer tatsächlichen Gesundung noch keine Rede sein kann. Zwar gehört die spanische Wirtschaft 2017 zu einer der am schnellsten wachsenden in der Eurozone, doch von einem niedrigen Niveau aus. Zudem ist die Arbeitslosigkeit mit 18 Prozent immer noch erschreckend hoch. Unter jungen Menschen im Alter bis zu 25 Jahren liegt sie trotz langsamen Rückgangs immer noch bei knapp 40 Prozent – doppelt so hoch wie im Schnitt der Eurozone. Leider deutet vieles darauf hin, dass sich daran grundlegend wenig ändern wird.

Spanien: Ökonomische Schlüsseldaten




Warum ist es unwahrscheinlich, dass Spanien seine alte Dynamik bald wiedergewinnt? Eine große Unsicherheit sind zunächst die Abspaltungstendenzen in der wirtschaftlich wichtigen Region Katalonien. Dann sollte man einen Blick auf die Ursachen werfen, die den langjährigen Aufschwung prägten. Der EG-Beitritt Spaniens 1986 und ein dutzend Jahre später auch die Gründungsmitgliedschaft in der Währungsunion setzten jeweils ungeahnte Kräfte frei, was sich so nicht wiederholen lässt. In den 1980er-Jahren profitierte Spanien von einer Investitionswelle ausländischer Industriekonzerne, die wegen der günstigen Arbeitskraft zahlreiche Fabriken bauten. Der Euro erwies sich als ein riesiges Geschenk, das die Binnenkräfte entfachte: Erstmals wohl in der modernen Geschichte des Landes erfuhren seine Einwohnerinnen und Einwohner, dass man sich auch mit Zinsen in einstelliger Höhe verschulden kann – eine stabile Währung hatte das oft von politischen Unruhen und Abschottungen gelähmte Land nie gehabt.

"Doch dann übertrieben es die Spanier. Davon zeugen heute leere Wohnsiedlungen in der Mitte des Landes mit jeweils Tausenden von Wohnungen oder milliardenteure Flughäfen, die nicht gebraucht werden."



Sie wurde kräftig genutzt: Vor allem zum Bau und zur Anschaffung von Häusern und Wohnungen. Dieser Immobilienboom hatte anfangs durchaus seine Berechtigung: Durch Einwanderer aus Lateinamerika, Nordafrika und Osteuropa stieg die Zahl der Einwohner in wenigen Jahren von 37 auf mehr als 45 Millionen – dafür wurden Wohnungen gebraucht. Doch dann übertrieben es die Spanier. Davon zeugen heute leere Wohnsiedlungen in der Mitte des Landes mit jeweils Tausenden von Wohnungen oder milliardenteure Flughäfen, die nicht gebraucht werden.

Letztlich hatte der Immobilienaufschwung zwei fatale Folgen, an denen Spanien noch lange leiden wird. Zum einen belastet die geplatzte Immobilienblase den Staatshaushalt und die Bilanzen der Banken. Zum anderen, und das ist noch wesentlich schlimmer, hat er die Wirtschaftsstruktur Spaniens in eine Richtung getrieben und verfestigt, die einen nachhaltigen Wiederaufschwung verhindert. So hat sich in den guten Jahren eine Bau- und Immobilienbranche entwickelt, die rund 20 Prozent der Wirtschaftskraft ausmachte – ein ungesund hoher Anteil, wie internationale Vergleiche zeigen. Da die Branche hohe Löhne zahlte, verließen zahlreiche junge Spanierinnen und Spanier die Schule, um das schnelle Geld zu machen - statt einer soliden Ausbildung. Dies aber ist einer der Hauptgründe, warum Millionen junge Spanier heute kaum Aussichten haben, gute neue Stellen zu finden – während die Stellen auf dem Bau unwiederbringlich weg sind.

"Spanische Chemie- oder Pharmakonzerne fehlen, spanischen Maschinen- und Anlagenbau sucht man vergebens."



Für die drohende lange Durststrecke ebenso bedeutsam ist, dass Spanien es in den vergangenen Jahrzehnten versäumt hat, eine eigene Industrie aufzubauen, mit der das Land von der Globalisierung und dem Aufbau von Infrastrukturen in den Schwellenländern profitieren könnte. Zwar gibt es durchaus zahlreiche industrielle Arbeitsplätze, etwa im Fahrzeugbau oder in der Chemie. Doch dies sind überwiegend verlängerte Werkbänke ausländischer Konzerne. Eigene spanische Automarken gibt es nicht mehr, seitdem Seat dem Volkswagen-Konzern einverleibt wurde. Spanische Chemie- oder Pharmakonzerne fehlen, spanischen Maschinen- und Anlagenbau sucht man vergebens. Das wiederum bedeutet, dass industrielle Forschung und Entwicklung mit ihren hochwertigen Arbeitsplätzen nicht in Spanien, sondern überwiegend an den ausländischen Stammsitzen der Mutterkonzerne stattfinden. Diese wiederum sind mit dem Bau neuer Fabriken in Spanien zurückhaltend, seit Osteuropa und Asien als Standorte locken.

So muss sich Spanien auf seine wenigen Stärken besinnen: Auf die international wettbewerbsfähigen Banken, einige Ausnahmekonzerne wie Inditex mit der Marke Zara – und vor allem den Tourismus, in den Spanien in den Boomjahren aber viel zu wenig investiert hat. Das gleicht einige Schwächen aus, wird aber nicht reichen, das Land in die wirtschaftliche Champions League zurückzubringen.

Paul Ingendaay (© picture-alliance/dpa)
Standpunkt Paul Ingendaay:

"Historisch gesehen wirkt die gegenwärtige 'Krise' wie die Rückkehr zum Normalzustand."


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Autor: Michael Psotta für bpb.de
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