Europäische Schuldenkrise

6.11.2015 | Von:
Dirk Müller

Es ist nicht der Euro, es ist der Binnenmarkt

Hui ohne Euro, pfui mit Gemeinschaftswährung: Die EU-Staaten ohne Euro haben sich deutlich besser entwickelt als viele Euro-Länder. Deshalb schlägt der Börsenexperte Dirk Müller vor, das einstmals erfolgreiche Ecu-System wiederzubeleben.

Dirk MüllerDirk Müller (© picture-alliance/dpa)
Die Diskussionen um den Euro werden oft polarisierend geführt: Entweder man ist 100 Prozent gegen den Euro oder 100 Prozent dafür. Dabei ist die Währung kein ideologisches Objekt, sondern ein im Grunde emotionsloses volkswirtschaftliches Subjekt - mit Vor- und Nachteilen. Der Euro hat zweifelsohne diverse Vorteile. Hier nur einige davon: Für viele Europäerinnen und Europäer wirkt er identifikationsstiftend, aufgrund der Größe des Währungsraumes ist er relativ schwer von Spekulanten zu attackieren. Zudem bringt sein stabiler Wechselkurs eine bessere Kalkulationsgrundlage für internationale Geschäftsabschlüsse.

Die Eurozone besteht aber aus Regionen mit extrem unterschiedlicher Wirtschaftsleistung, unterschiedlichen Entwicklungsständen und -geschwindigkeiten. Alle sind Teil des jeweiligen gesellschaftlichen Systems, was eine weitgehende Angleichung der Wirtschaftsleistungen nahezu unmöglich macht. Trotz aller Versuche liegt so die Wirtschaftsleistung im Osten Deutschlands auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung nur bei etwa 70 Prozent des Westens. Selbst die Differenzen zwischen den alten Bundesländern sind von Dauer. Nur mit milliardenschweren Transferzahlungen können sie ausgeglichen werden, zum Beispiel durch den Länderfinanzausgleich, die Solidaritätsbeiträge oder die Zahlungsströme der Sozialsysteme.

Was für Binnendeutschland die Transferzahlungen, ist für einzelne Länder die ständige Anpassung der Wechselkurse ihrer jeweiligen Währungen. Sinkende Kurse schwächerer Ökonomien erhöhen deren internationale Wettbewerbsfähigkeit und steigern die Exporte. Das wiederum führt zu einem leichten Anstieg des Wechselkurses. Auf diese Weise entsteht ein natürliches, atmendes globales Gleichgewicht, das einen sinnvollen Waren- und Dienstleistungsaustausch unterschiedlich starker Länder auf Dauer und zum Vorteil aller ermöglicht.

Entweder bewegliche Währungen oder Transferzahlungen

Wenn man der Annahme folgt, dass die Unterschiede nicht in einem überschaubaren Zeitraum nivelliert werden können, gibt es letztlich nur zwei Möglichkeiten, Differenzen zwischen Wirtschaftsräumen gedeihlich auszugleichen: Bewegliche Währungen oder Transferzahlungen.

BIP Wachstum von EU-Staaten ohne Euro im Vergleich zur EurozoneBIP Wachstum von EU-Staaten ohne Euro im Vergleich zur Eurozone (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (bpb)
Die Annahme, Unterschiede könnten auch mittels Preisanpassungen nivelliert werden, ist irrig, da sie die sogenannte "Fristentransformation" außer Acht lässt. Löhne und Renten lassen sich danach relativ schnell anpassen, um Kaufkraft und im Idealfall auch die Preise im Land zu senken. Anders sieht das beispielsweise bei den Mieten aus: Einer Mietimmobilie steht in der Regel ein langlaufender Kredit gegenüber, dem ein bestimmter Wert der Immobilie unterliegt, der sich wiederum aus den Mieteinnahmen errechnet. Mit fallenden Mietpreisen sinkt jedoch der Wert der Immobilie - die dahinterstehenden Kredite sind in Gefahr. Gleiches gilt für jede Form der Industrieinvestition, die auf entsprechende Einnahmen berechnet und langfristig finanziert wurde. Die Abschreibung der Kredite mit den daraus folgenden Problemen im Finanzsektor wäre ein gewaltiger Kraftakt, aber wahrscheinlich sogar in unregelmäßigen Abständen wiederholt notwendig, sobald sich die unterschiedlichen Regionen des Währungsraumes erneut weit voneinander entfernt haben. Das ist keine dauerhaft praktikable Option: Kredite würden unter diesen Bedingungen nur mit extrem hohen Zins-Risikoaufschlägen vergeben.

Der Euro scheint für die meisten Staaten eher eine bremsende Wirkung zu haben

Wer also weder Wechselkursanpassungen noch eine Transferunion will, sollte sich Folgendes vor Augen führen: Ein Vergleich der wirtschaftlichen Entwicklung der EU Staaten innerhalb der Eurozone und jenen EU-Staaten mit eigener Währung für die Jahre 2006-2014 birgt eine bemerkenswerte Erkenntnis. Die Nicht-Euro-Staaten der EU führen das Feld der wirtschaftlichen Entwicklungen klar an. Ausnahmen bilden lediglich Malta und Luxemburg sowie Slowakei und Estland, die allerdings inzwischen den Euro eingeführt haben.

Offenkundig besteht der große Vorteil Europas eben nicht in seiner Währungs-, sondern in seiner Wirtschaftsunion. Der gemeinsame Binnenmarkt ist das erfolgreichste wirtschaftliche Element der EU. Die gemeinsame Währung scheint dagegen für die meisten Staaten eher eine bremsende als eine beschleunigende Wirkung zu haben. Viele Euro-Länder entwickelten sich umso schlechter, je weiter ihre Wirtschaftskraft von der Kaufkraft der gemeinsamen Währung entfernt liegt.

Viele Vorteile also, aber auch gravierende Nachteile. Gibt bei der Diskussion aber nur "all or none" - alles oder nichts? Ist es nicht auch eine bedenkenswerte Option, sich bei der Weiterentwicklung des Euro am über zwei Jahrzehnte erfolgreichen Ecu-System zu orientieren? Also: Statt Euro oder nationale Währungen Euro und nationale Währungen. Den Euro als übergeordnete gemeinsame Abrechnungswährung der EU mit Devisen, Staatsanleihen, Konten und Vertragsoption. Eine von der EU herausgegebene Währung, in der europäische Steuern erhoben, europäische Staatsanleihen begeben und Verträge geschlossen werden können. Zusätzlich die nationalen Währungen als alleinige gesetzliche Zahlungsmittel in den einzelnen Staaten der EU. Sowohl die nationalen Währungen als auch der Euro unter Bewirtschaftung und Verantwortung der EZB.

Das würde die Vorteile des international stabilen Euro mit den Vorteilen der gegen diesen Euro schwankenden nationalen Währungen zum Ausgleich der unterschiedlichen Entwicklungen kombinieren. Die Bewirtschaftung durch die EZB verhindert nationalen Missbrauch und ermöglicht es, konzertiert gegen Spekulationen vorzugehen. Das Argument der Substitution im Alltag (gutes Geld verdrängt schlechtes Geld) lässt sich an den Beispielen der europäischen Staaten mit eigener Währung widerlegen: In Polen zum Beispiel kommt es seit Jahren eben nicht zu - dieser theoretisch erwartbaren - Substitution.

Andrew Watt (© Hans-Böckler-Stiftung)
Standpunkt Andrew Watt:

"Unbestreitbar ist, dass die institutionelle Architektur der Währungsunion in ihrer ursprünglichen Form grob fehlerhaft war. Inzwischen ist aber Einiges erreicht worden."

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Autor: Dirk Müller für bpb.de
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