Europäische Schuldenkrise

9.6.2017 | Von:
Till van Treeck

Sparen und Investieren in der geschlossenen Volkswirtschaft

Ein hypothetisches Zahlenbeispiel zeigt, dass makroökonomisch immer gilt: Ersparnisse und Investitionen sind gleich groß. Im keynesianischen Fall führen mehr Investitionen zu höherer Produktion, höheren Einkommen und mehr Ersparnis bei steigendem Konsum; im neoklassischen Fall müssen mehr Ersparnisse durch Konsumverzicht „erkauft“ werden, damit bei beschränkten Produktionsmöglichkeiten mehr investiert werden kann.

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Die Abbildungen beschreiben den rein hypothetischen Fall einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne Exporte und Importe. Das BIP besteht dann auf der Verwendungsseite aus privatem Konsum, privaten Investitionen, staatlichem Konsum und staatlichen Investitionen. Dem stehen auf der Verteilungsseite die verfügbaren privaten Einkommen und die verfügbaren staatlichen Einkommen gegenüber. Die private Ersparnis ist gleich der Differenz aus privaten verfügbaren Einkommen und privatem Konsum. Die staatliche Ersparnis ist gleich der Differenz aus staatlichen verfügbaren Einkommen und staatlichem Konsum.


Ausgangssituation

Das Gedankenexperiment einer geschlossenen VolkswirtschaftDas Gedankenexperiment einer geschlossenen Volkswirtschaft (PDF-Icon Grafik als Download) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (bpb)

In der oberen Abbildung ist das BIP 100 Geldeinheiten groß. Der Privatsektor verfügt über Einkommen von 80 und gibt 60 für Konsum aus, die Ersparnis beträgt also 20. Der Staat verfügt über Einkommen von 20 und gibt 25 für Konsum aus, seine Ersparnis ist -5 – das heißt, er macht ein Defizit und verschuldet sich zusätzlich. Insgesamt ist die gesamtwirtschaftliche Ersparnis also 15: 20 (private Ersparnis) – 5 (staatliche Ersparnis) = 15. Die gesamtwirtschaftlichen Investitionen betragen ebenfalls 15 (100 (BIP) – 85 (privater und staatlicher Konsum) = 15). Davon entfallen 10 auf die privaten Investitionen, und 5 auf die staatlichen. Der Staat hat ein Haushaltsdefizit von 10: 30 (staatlicher Konsum und Investitionen) – 20 (verfügbare staatliche Einkommen) = 10. Dementsprechend hat der Privatsektor einen Finanzierungsüberschuss von 10: 80 (verfügbare private Einkommen) – 70 (privater Konsum und Investitionen) = 10. Das heißt: Privater und staatlicher Finanzierungssaldo addieren sich zu Null.


Der keynesianische Fall

Mehr Ersparnis und Investitionen durch höhere StaatsausgabenMehr Ersparnis und Investitionen durch höhere Staatsausgaben (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (bpb)

Im keynesianischen Fall der Nachfrageschwäche kann der Staat die Investitionen erhöhen, ohne dass andere Ausgaben für Konsum und Investitionen fallen müssen. Dieser Fall wird in der mittleren Abbildung illustriert. Der Staat erhöht seine Investitionen von 5 auf 10. Die privaten Haushalte und Unternehmen reagieren mit höherem Konsum (von 60 auf 62,5) und höheren Investitionen (von 10 auf 12,5). Im Ergebnis steigen BIP und gesamtwirtschaftliche verfügbare Einkommen von 100 auf 110. Der keynesianische Multiplikator beträgt in diesem Zahlenbeispiel 2, weil die Ausweitung der Staatsausgaben um 5 zusätzlich die private Ausgabefreudigkeit anregt ("Crowding in") und zu einem Anstieg des BIP um 2 x 5 = 10 geführt hat. Die gesamtwirtschaftlichen Investitionen steigen von 15 auf 22,5 (privat: 12,5; staatlich: 10), ebenso wie die Ersparnis: 110 (gesamtwirtschaftliche verfügbare Einkommen) – 87,5 (privater und staatlicher Konsum) = 22,5. Allerdings steigt das staatliche Defizit von 10 auf 15 – und der private Überschuss steigt auf 15: 90 (private verfügbare Einkommen) – (62,5 (privater Konsum) – 12,5 (private Investitionen) = 15. (Im Beispiel wird angenommen, dass durch den keynesianischen Multiplikator nur die privaten Einkommen steigen (von 80 auf 90), keynesianische Ökonominnen und Ökonomen hoffen jedoch zusätzlich darauf, dass sich höhere staatliche Ausgaben zum Teil dadurch selbst finanzieren, dass bei steigenden privaten Einkommen auch die Steuereinnahmen des Staates steigen und somit der Anstieg des staatlichen Defizits geringer ausfällt als der Anstieg der Staatsausgaben).


Der neoklassische Fall

Mehr Ersparnis und Investitionen durch geringere StaatsausgabenMehr Ersparnis und Investitionen durch geringere Staatsausgaben (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (bpb)

Im neoklassischen Fall des angebotsseitig begrenzten Bruttoinlandsprodukts muss der Konsum zurückgehen, wenn die Investitionen steigen sollen: In der unteren Abbildung senkt der Staat seine Konsumausgaben von 25 auf 17,5. Die frei werdenden Ressourcen werden genutzt, um die staatlichen Investitionen von 5 auf 7,5 zu erhöhen. Außerdem erhöht der Privatsektor seine Investitionen von 10 auf 15. Dies war zuvor nicht möglich, weil die staatlichen Ausgaben private Ausgaben verdrängten ("Crowding out"). Im Ergebnis steigt die gesamtwirtschaftliche Ersparnis auf 22,5: 100 (gesamtwirtschaftliche verfügbare Einkommen) – 77,5 (privater und staatlicher Konsum) = 22,5. Die gesamtwirtschaftlichen Investitionen steigen ebenfalls von 15 auf 22,5. Hierdurch werden bestenfalls die Grundlagen für Innovationen gelegt, welche in Zukunft eine höhere Arbeitsproduktivität und ein höheres BIP ermöglichen.

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Autor: Till van Treeck für bpb.de
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