Europäische Schuldenkrise

9.6.2017 | Von:
Till van Treeck

Außenbeitrag, Leistungsbilanzsaldo und Staatshaushalt am Beispiel Spaniens

Mit Daten aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird gezeigt, welche Auswirkungen die Krise auf Spanien hatte, das in den Jahren zuvor eine boomende Binnennachfrage und anhaltende Überschüsse im Staatshaushalt aufwies, gleichzeitig hohe Export- und Leistungsbilanzdefizite zu verzeichnen hatte.

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Die obere Abbildung zeigt die Entwicklung der nominalen Exporte und Importe Spaniens zwischen 2007, dem letzten Jahr des Booms, und 2013, mitten in der Krise. 2007 war Spaniens Außenbeitrag negativ: Die Importe überstiegen die Exporte um 65 Milliarden Euro. 2013 war der Außenbeitrag positiv: Die Exporte (343 Milliarden Euro) waren um 34 Milliarden Euro größer als die Importe (267 Milliarden Euro).
Verwendung des nominalen BIP in Spanien im Vergleich 2007 und 2013Verwendung des nominalen BIP in Spanien im Vergleich 2007 und 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (bpb)

Wie die zweite Abbildung von oben zur Verwendungsseite des spanischen BIP zeigt, sind die Exportüberschüsse Spaniens im Jahr 2013 nicht als Ausdruck einer positiven gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zu sehen: Das nominale BIP ist von 2007 bis 2013 von 1081 Milliarden auf 1031 Milliarden gefallen. Weil private Haushalte und Unternehmen ihre Ausgaben für Güter deutlich reduzierten (während die Arbeitslosenquote von unter zehn Prozent auf über 25 Prozent anstieg), fielen auch die Importe aus dem Ausland (siehe obere Abbildung). Wäre die spanische Wirtschaft zwischen 2008 und 2013 weiter so stark gewachsen wie in den Jahren bis 2007, wären auch die Importe weiter gestiegen, und der Außenbeitrag wäre aller Voraussicht nach negativ geblieben. Die "Verbesserung" des Außenbeitrags ging also in erster Linie auf den Einbruch der Binnennachfrage und die fallenden Importe zurück.
Verteilung der gesamtwirtschaftlich verfügbaren EinkommenVerteilung der gesamtwirtschaftlich verfügbaren Einkommen (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (bpb)

Die dritte Abbildung von oben zeigt die Verteilung der gesamtwirtschaftlichen Einkommen auf die Sektoren private Haushalte, private Unternehmen und Staat. Es fällt auf, dass die verfügbaren Einkommen insgesamt mit 1041 Milliarden Euro im Jahr 2007 und 1013 Milliarden Euro im Jahr 2013 geringer waren als das BIP im jeweiligen Jahr (2007: -40 Milliarden Euro; 2013: -18 Milliarden Euro). Die Differenz ergibt sich im Wesentlichen durch die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen und die Übertragungsbilanz: Spanien hat wegen seiner jahrelangen Exportdefizite vor der Krise gegenüber dem Ausland hohe Verbindlichkeiten aufgebaut und muss deswegen Zinsen, Dividenden usw. an das Ausland zahlen. Dies schmälert die verfügbaren Einkommen in Spanien. Die spanische Leistungsbilanz ergibt sich schließlich aus dem Außenbeitrag abzüglich der Differenz zwischen BIP und verfügbaren gesamtwirtschaftlichen Einkommen, also für das Jahr 2007: – 65 – 40 = – 105 Milliarden Euro.
Finanzierungssalden der priv. Haushalte, der Unternehmen und des StaatesFinanzierungssalden der priv. Haushalte, der Unternehmen und des Staates (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (bpb)

Die untere Abbildung zeigt die Finanzierungssalden der privaten Haushalte, der Unternehmen und des Staates. Der Staat wies 2007 zwar einen Überschuss von etwa 22 Milliarden Euro auf, allerdings verzeichnete der private Sektor ein Defizit von etwa 125 Milliarden Euro, woraus sich das Leistungsbilanzdefizit von rund 104 Milliarden ergab. Im Jahr 2013 hingegen betrug das Haushaltsdefizit des spanischen Staates 71 Milliarden Euro – und das obwohl staatlicher Konsum und Investitionen von insgesamt 240 Milliarden Euro (staatlicher Konsum 2007: 191 Milliarden Euro, staatliche Investitionen 2007: 49 Milliarden Euro) auf 225 Milliarden Euro (staatlicher Konsum 2013: 202 Milliarden Euro, staatliche Investitionen 2013: 23 Milliarden Euro) fielen. Gleichzeitig brachen jedoch die verfügbaren Einkommen des Staates von 262 Milliarden Euro auf 154 Milliarden Euro ein. Wegen des Einbruchs des Bruttoinlandsprodukts waren die Einnahmen aus Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen gefallen und die Ausgaben für Arbeitslosenunterstützung und andere Transfers nahmen zu. Mittlerweile erzielen die privaten Haushalte und Unternehmen Finanzierungsüberschüsse u.a. mit dem Ziel, ihre hohe, vor der Krise angehäufte Verschuldung abzubauen. Aus diesen privaten Überschüssen ergab sich 2013 trotz des staatlichen Haushaltsdefizits ein Leistungsbilanzüberschuss von etwa 15 Milliarden Euro.

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