Emma Maersk Klasse

"Was geht uns das Thema Wirtschaft eigentlich an?"


4.10.2005
Die Beschäftigung mit wirtschaftlichen Fragen erscheint den Meisten als anstrengendes und unnötiges Unterfangen. Dabei prägt die Wirtschaft unser tägliches Leben in vielfältiger Weise – ob als Konsument, Wähler oder Arbeitnehmer. Wirtschaftliche Grundkenntnisse sollten daher zum Allgemeingut gehören.

"Geld regiert die Welt", sagt der Volksmund. Das mag zwar
(© Mick Vincenz)
nicht immer richtig sein, dennoch wird diesem Sprichwort kaum einer widersprechen. In welcher Weise Geld – stellvertretend für die Wirtschaft – unser aller Leben bestimmt, dürfte vielen jedoch nicht klar sein. Eine schulische Ausbildung in ökonomischen Fragen wird hierzulande erst in einigen Bundesländern angeboten. Die private Beschäftigung mit wirtschaftlichen Fragestellungen empfinden viele als zu anstrengend und unnötig. Was geht uns das Thema Wirtschaft eigentlich an? Reicht es nicht, wenn man sich politisch einigermaßen auf dem Laufenden hält?

Keine politische Verantwortung ohne das nötige Wissen



Die Wahrnehmung der politischen Verantwortung als Wähler ist wichtig – gerade in Zeiten, in denen die Sozialordnung unseres Landes aufgrund des gewaltigen demographischen Wandels der Bevölkerung zunehmend belastet wird. Eine fundierte Auseinandersetzung mit den Strategien der politischen Träger sowie eine an Sachfragen orientierte Entscheidung, welcher Partei man seine Stimme gibt, ist jedoch ohne wirtschaftliche Grundkenntnisse nicht möglich. Ein einfaches Beispiel sind die Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern: Die Gewerkschaften argumentieren, dass höhere Löhne gerade auch in konjunkturell schlechten Zeiten die Konsumnachfrage stärken und daraufhin die Wirtschaft wächst. Die Arbeitgeber verweisen hingegen auf die zusätzliche Kostenbelastung durch höhere Löhne, die letztlich zu Arbeitsplatzverlusten führt.


Die Argumentationen beider Seiten klingen zunächst einleuchtend. Um sie gegeneinander abwägen und sich für eine entscheiden zu können, bedarf es jedoch wirtschaftlichen Basiswissens über die Zusammenhänge zwischen Löhnen, Preisniveau und Beschäftigung. Ähnlich verhält es sich bei Themen der Arbeitsmarkt-, Renten-, Gesundheits- und Steuerpolitik: Nahezu alle Gesetzgebungsvorhaben haben unmittelbaren oder mittelbaren Einfluss auf den Arbeitsmarkt und die Finanzierung der Wirtschaft, der Sozialsysteme sowie des Staates. Die ökonomischen Folgen einer politischen Forderung kann nur abschätzen, wer die möglichen Wirkungsmechanismen kennt.

Verantwortungsvoll gelebte Demokratie erfordert daher selbstständiges Denken und ökonomisches Grundlagenwissen, denn Politik und Wirtschaft sind untrennbar miteinander verbunden. Mehr noch, die Politik – und damit auch der einzelne Wähler – kann die Geschicke eines Landes nur erfolgreich lenken, wenn sie die Gesetze der Wirtschaft kennt und beachtet. Walther Rathenau, Außenminister in der Weimarer Republik, brachte diesen Zusammenhang bereits 1921 auf die Formel: "Die Wirtschaft ist unser Schicksal". Vom Wohlergehen der Wirtschaft sind wir alle – gleich ob Arbeitnehmer oder Selbstständiger – abhängig.

Wirtschaftswissen im Alltag



Wissen über Wirtschaft brauchen wir jedoch nicht nur als Wähler und Arbeitnehmer. Wir alle sind auch Konsumenten, die ihren Lebensunterhalt von ihren Einkünften bestreiten müssen. Fast täglich sind hier Entscheidungen zu treffen: Kann ich mir einen Restaurantbesuch leisten? Soll ich die neue Waschmaschine bar bezahlen oder ein Finanzierungsangebot nutzen? Wir müssen allerdings nicht nur an unser derzeitiges Auskommen und größere Anschaffungen, sondern ebenso an die Zukunftssicherung denken, d.h. für Berufsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit und Alter vorsorgen. Es geht im täglichen Leben also weniger um gesamtwirtschaftliche Anliegen als um die ureigensten Interessen des Einzelnen.

Die Zeiten, in denen ein geregeltes Arbeitsverhältnis automatisch eine lebenslange finanzielle Rundumversorgung durch Arbeitgeber und Staat bedeutete, gehören sicherlich der Vergangenheit an. Der Bürger muss mehr Eigenverantwortung tragen. Ökonomisches Wissen in Geld- und Finanzfragen ist daher unerlässlich, insbesondere für den Vermögensaufbau und die Alterssicherung.

Gleichzeitig wird dem Subsidiaritätsprinzip wieder größere Bedeutung beigemessen: Danach ist der Bund für alles zuständig, was "kleinere" Gemeinschaften – also Länder, Kommunen und nicht zuletzt die Familien – nicht aus eigener Kraft sicherstellen können. Erst wenn auf unterer Ebene keine Möglichkeit mehr besteht, ein Problem zu lösen, ist die nächsthöhere Ebene gefordert. Früher – zu Zeiten der bäuerlichen Großfamilie – war dies relativ einfach zu bewerkstelligen. Die heutige Welt ist aber viel komplizierter. Wer Subsidiarität fordert, muss auch die Möglichkeiten hierzu schaffen. Wer z.B. die Mittel und Wege zur Absicherung des eigenen Alters nicht kennt, weil er sie nie gelernt hat, kann gar nicht die Verantwortung für seine Altersvorsorge übernehmen. Ökonomisches Wissen in Geld- und Finanzfragen ist daher unerlässlich, und es dient nicht den Interessen der Unternehmen, sondern jedes Einzelnen, die Zusammenhänge besser zu verstehen.

Fazit



Das Thema Wirtschaft geht uns alle an – als Wähler, Arbeitnehmer, Konsumenten, Anleger. Nur wer die ökonomischen Grundlagen und Zusammenhänge kennt, kann fundiert urteilen und entsprechend (eigen-)verantwortlich handeln. Gleichzeitig ist auch der Staat aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die Kenntnisse weithin zugänglich sind. Der Weg dahin führt über ein Schulfach Ökonomie, das in allgemeinbildenden Schulen mit ausreichender Stundenanzahl unterrichtet wird. Dass ökonomische Bildung zur Allgemeinbildung gehört, ist mittlerweile unstrittig. Allerdings hat sich die Einsicht, dass es eines eigenen Faches bedarf, noch nicht in allen Bundesländern durchgesetzt. Ökonomische Happen in anderen Fächern sind aber keine Lösung bei der Suche nach einer fundierten ökonomischen Bildung, sondern oftmals nicht mehr als ein Alibi.

Gleichzeitig ist eine solche Bildung nur der Anfang. Denn auch wenn wir, in hoffentlich nicht allzuferner Zukunft, in Deutschland an allen allgemeinbildenden Schulen dieses Schulfach "Ökonomie" haben sollten, muss sich doch weiterhin jeder auch privat und lebenslang mit diesem Thema beschäftigen – zum eigenen Vorteil!



 

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