Emma Maersk Klasse

"Wenn ich einmal reich wär" – Die Idee von Eigentum und Reichtum


4.10.2005
Reich sein, frei sein, unabhängig sein: War der Traum vom großen Geld nicht immer schon die Basis unseres Wirtschaftssystems? Jetzt verlangt der Staat von seinen Bürgern finanzielle Eigenverantwortung – und die sind überfordert. Denn die traditionelle Ökonomie geht von einem falschen Menschenbild aus.

(© Mick Vincenz)
Jeder zweite Deutsche bangt, dass sein Einkommen sinkt und weniger zum Leben bleibt. Jeder Dritte sorgt sich, im Alter zu wenig Geld zu haben. Jeder Fünfte fürchtet, soviel Schulden zu machen, dass er sie nicht mehr zurückzahlen kann. Die Angst lähmt das Land.

Mit der Reform der Sozialsysteme, etwa mit der Einführung von Hartz IV, hat der Staat seine Unterstützung so weit wie nie reduziert – und verlangt von seinen Bürgern nun soviel Engagement wie nie. Es ist der Abschied von einem System, das jedem von uns die Sicherheit gab, der eigene Lebensstandard bleibe auf jeden Fall erhalten, ganz gleich, wie lange man auch arbeitslos sei. Nun muss man am besten selbst finanziell vorsorgen. Und plötzlich merken die Menschen, dass sie das nicht können.

Warum? Weil die traditionelle Ökonomie von einem falschen Menschenbild ausgeht.



Es war der Brite Adam Smith, der mit seinem 1776 veröffentlichen Buch "Wohlstand der Nationen" dieses traditionelle Bild von Mensch und Wirtschaft geprägt hat. So basieren heute alle ökonomischen Gesetze auf der Annahme, dass wir uns wie ein Homo oeconomicus verhalten: Unser Ziel ist es demnach, von allem mehr zu haben – mehr Profit, mehr Geld, mehr Macht.

Das Streben nach Reichtum ist das Grundmotiv des wirtschaftlichen Handelns. Der Homo oeconomicus will reich sein, damit schafft er Wachstum, und dieses Wachstum schafft gesellschaftlichen Wohlstand, von dem wiederum alle profitieren. Damit das gelingt, so Smith, sind wir in der Lage, ganz nüchtern und kühl unsere jeweilige Situation zu analysieren. Wir bewerten alle Optionen und entscheiden uns für die beste. Kurz: Wir handeln rational.

Aber tun wir das wirklich?



So wie wir die Dinge wahrnehmen, wie wir sie empfinden und einordnen, folgen wir eben nicht den rationalen Verhaltensmustern der traditionellen Ökonomie. Statt dessen orientieren wir uns an etwas, dass so ganz und gar nicht dem Bild des Homo oeconomicus entspricht: An Werten etwa. Oder an sozialen Normen. Vor allem aber lassen wir uns sehr leicht täuschen. Deshalb scheitern wir auch immer wieder beim Umgang mit Geld. Und deshalb fühlen wir uns überfordert, wenn der Staat auf einmal finanzielle Eigenverantwortung fordert, wo er doch immer so schön für uns gesorgt hat.

Experimentelle Ökonomen, wie der Schweizer Ernst Fehr in Zürich, haben herausgefunden, dass Ungeduld und Willensschwäche unser Handeln beeinflussen. Selbst wenn die Menschen die besten Mittel kennen, sind sie manchmal einfach nicht in der Lage, diese Mittel auch anzuwenden. Ein Beispiel: Zwei Drittel der US-Bürger glauben, dass sie fürs Alter zu wenig vorsorgen. Mehr als ein Drittel will daher mehr sparen. Fragt man jedoch einige Monate später nach, hat kaum jemand mehr Geld auf die Seite gelegt.

Wir sind nicht die kühlen Kalkulierer, für die wir uns selbst gerne halten. Dazu schauen wir viel zu gern auf andere: Wie sie leben. Wie sie sich kleiden. Und – vor allem – wie viel Geld sie haben. So passiert es zum Beispiel, dass wir eine Lohnerhöhung bekommen, sagen wir 500 Euro, und uns dennoch ärgern. Eigentlich ist es genau die Summe, die wir haben wollten, eigentlich ist es genau der Betrag, von dem wir gestern noch sagten, es wäre riesig, wenn uns der Chef soviel genehmigen würde. Eigentlich ist es eine Lohnerhöhung, die uns zufrieden stellt. Bis wir erfahren, dass unser Kollege im Büro nebenan 600 Euro bekommen hat. Dann sind wir neidisch. Und unzufrieden. Wer einen Nachbar hat, der gerade im Lotto eine halbe Million gewann, wird selbst anfangen zu tippen – ganz gleich, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, ebenfalls soviel Geld zu gewinnen. Wer einen Arbeitskollegen kennt, der mit sibirischen Ölaktien binnen sechs Monaten aus 10.000 Euro das Fünffache machte und der deshalb noch einmal investiert, wird ebenfalls diese Aktien kaufen – und sich später, wenn von den eigenen 10.000 Euro nur noch 500 übrig sind, grün und blau ärgern. Ungeduld und Willensschwäche verführen uns zu Fehlern.

Durch die Reformen am Arbeitsmarkt werden diese Fehler sofort bestraft. Nicht nur, dass das neue Arbeitslosengeld II so niedrig ist, dass jeder Einzelne selbst sehen muss, wo er finanziell bleibt. Auch mit den neuen Unternehmensgründungen lässt sich die Massenarbeitslosigkeit nur dann überwinden, wenn die Menschen unternehmerischer denken – und handeln. Die staatliche Förderung hat zwar für einen wahren Gründerboom bei Ich-AG's gesorgt. Aber nur wenn diese neuen Selbstständigen sich nicht von ihrer Gier und ihrer Willensschwäche leiten lassen, werden sie am Markt langfristig überleben.

Damit der Traum vom Reichtum doch noch Wirklichkeit wird, müssen alle umdenken. Die Politik muss erkennen, dass finanzielle Eigenverantwortung nur funktioniert, wenn die Bürger finanziell gebildet sind. Etwa durch ein Schulfach Wirtschaft. Und durch einen offenen Umgang mit dem Thema Geld in der Gesellschaft.

Und jeder Einzelne? Wenn die Menschen sich nur endlich bewusst würden, dass Neid und Gier sie zu Fehlern verleiten, wäre schon viel gewonnen. Es gibt keinen Fehler, den man nicht zweimal machen kann.



 

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