Emma Maersk Klasse

Jobnomaden – Wunschsubjekte der Wirtschaft


24.4.2006
Nomadische Lebensweisen erleben derzeit eine Reinkarnation. Die Akteure der Wissens- und Informationsgesellschaft zeichnen sich durch Flexibilität und Mobilität aus. Im Zuge der Individualisierung und Globalisierung richten sie ihr Leben und damit auch ihre Beziehungen nach den Anforderungen der Arbeitswelt aus.

(© Mick Vincenz)
Die Sesshaften haben sich immer für die Nomaden interessiert, zuweilen haben sie sich auch gegenseitig leidenschaftlich bekämpft. Die Nomaden wehrten sich gegen die Restriktion ihrer Lebensräume, während die Sesshaften ihre Areale verfochten und die nomadischen Scharen in karge Gegenden zurückdrängten. Doch schon immer waren die stationäre und die nomadische Lebensweise eng miteinander assoziiert. Ohne die Versorgung mit Edelsteinen, Werkzeugen und Rohstoffen durch die nomadischen Karawanen hätten sich die ersten großen Städte auf dem Globus nicht entwickeln können.

Die beiden extrem kontrastierenden Lebensweisen haben stets als Alternativen nebeneinander existiert. Geschichte allerdings ist immer nur aus der Perspektive der stationär Lebenden geschrieben worden. Das erklärt auch, dass Nomaden darin lediglich als nichts sagende Randfiguren vorkommen. Die nomadische Kultur, ihre Historie, ihre Gedankengebäude sind mündlich überliefert. Ob sich die stationäre Lebensweise langfristig als besseres Konzept erweist, bleibt fraglich angesichts der aktuellen globalen, ökologischen und sozialen Krisen.

Milliarden Menschen leben in vielen Regionen der Welt zusammengepfercht neben einander und bestimmt könnten sie als Jäger und Sammler nicht überleben. Doch auch die Zukunftsperspektiven unserer traditionell ortsfesten Lebens-, und Organisationsformen stehen auf dem Prüfstand. Die Distributionskämpfe sind penetrant geworden, die Ressourcen haben sich bedrohlich verringert. Bislang verbindliche Verhaltensnormen und Rollenmuster sowie Sicherungsmechanismen und Stabilisatoren haben an Verbindlichkeit verloren.

Wiedergeburt der Nomaden



Längst hat die Wirtschaft ihre territorialen Grenzen verlassen und mit ihr geht die Arbeitswelt außer Landes. Damit erleben nomadische Lebensweisen und Strategien eine aktuelle Reinkarnation und durchdringen mit wachsender Intensität die mächtigen Zitadellen der sesshaften Welt. Die Gesellschaft von heute wird immer mehr zu einer modernen Nomadengesellschaft. Im turbulenten Strudel von Individualisierung, Globalisierung und Digitalisierung werden bislang solide verankerte Strukturen vehement durcheinander gewirbelt. Lebenspläne können sich von heute auf morgen modifizieren. Kontakte werden schnell geknüpft und ebenso rasch wieder beendet.

In Bahnhöfen, Zügen, Airports, Flugzeugen und Hotellobbys sieht man Menschen, die arbeiten: Das Handy am Ohr, den Laptop auf den Knien sind sie ständig unterwegs und immer erreichbar. Flexibilität und Mobilität sind die substanziellsten Eigenschaften der Akteure in der Wissens- und Informationsgesellschaft, elementare Konditionen für beruflichen und privaten Erfolg.

Amerikaner wechseln im Lauf ihres Lebens dutzende Male Firma und Wohnort, immer auf der Suche nach Arbeit. Selbstständige nomadisieren als Projektarbeiter von einem Job zum nächsten rund um den Globus. Firmen rekrutieren ihre hochqualifizierten Mitarbeiter aus den entlegensten Teilen der Erde. Die Arbeit folgt dem Lauf der Sonne und zieht per Datenautobahn von Ort zu Ort. Für junge, karriereorientierte Menschen sind Auslandsaufenthalte unabdingbar. Im Internet surfen schon Schulkinder ganz professionell um den Globus und fühlen sich im Cyberspace wie in einer zweiten Heimat.

Selbst der Kontinent der nationalen Nesthocker, wie Europa oft noch apostrophiert wird, ist mitten im Umbruch. Die Grenzen zwischen den Ländern der europäischen Union sind offen. Jeder kann selbst entscheiden, wo er leben und arbeiten will, wenn er nur die erforderlichen Qualifikationen hat.

Neue Familienstrukturen



Die neue Kultur der Mobilität bringt fest verankerte Strukturen erheblich ins Wanken und zwar nicht nur in der Wissens- und Arbeitsgesellschaft, sondern auch in Familie und Partnerschaft. Der mobile und flexible Lebensstil bringt bislang fest gefügte Werte wie Stabilität und Loyalität in intensive Irritationen. Mobilität für die Karriere fordert ihren Tribut: mindestens jede achte Liebe in Deutschland ist eine gewollte oder ungewollte Fernliebe. Millionen Paare sind von dem paradoxen Zustand betroffen, räumlich separiert, aber seelisch vereint zu sein.

Durch den Jahrhundertumzug eines Heeres von Beamten, Bürokraten und Bundespolitikern von Bonn nach Berlin hat sich das Problem noch weiter verschärft. Die Fernbeziehung ist klammheimlich normal geworden. Eine Fernliebe praktizieren hauptsächlich unverheiratete Paare, nur vier Prozent der Ehepaare leben in getrennten Haushalten. In erster Linie sind die Jobnomaden gut Verdienende, die am Anfang oder im Zenit ihrer Karriere stehen.

Allerdings kann die Fernliebe auch als Chance für die Beziehung gewertet werden. Bei einer wissenschaftlichen Untersuchung meinte die Hälfte der befragten Paare, ihre Beziehung habe von der räumlichen Trennung profitiert und sei gefestigter und intensiver geworden. Die Fernbeziehung fungiert in dieser Perspektive als eine emotionale Zugewinngemeinschaft, weil die Wiedersehensfreude nach 5 Tagen naturgemäß größer ist als nach 5 Stunden.

Die Fernliebenden sind die Nomaden der Gegenwart, die Kuriere der mobilen Gesellschaft, die Wunschsubjekte der Wirtschaft: frisch, frei, flexibel, flott und immer auf Achse.



 

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