Emma Maersk Klasse

Deutschland - (K)ein Freizeitvolk


1.12.2005
"Deutschland auf dem Weg zu längeren Arbeitszeiten" – so betitelte die Deutsche Bank im August 2004 eine Untersuchung. Nicht mehr über kürzere Arbeitszeiten diskutiert die Republik, sondern über eine Rückkehr zur 40- oder gar 50-Stunden-Woche. In der betrieblichen Realität ist die Trendumkehr längst zu spüren.

(© Mick Vincenz)
"Samstags gehört der Vati mir" – mit dieser Parole feierte die Metallergewerkschaft in den 50er Jahren Erfolge. Mehr Freizeit orderte sie für ihre Leute, mehr Freiraum für die Familie. Möglich machte dies die steigende Produktivität der Arbeit. Die wachsende Effizienz steigerte nicht nur die Kaufkraft, sondern erhöhte auch die Zahl der Stunden, über die die Menschen selbst verfügen und bestimmen konnten. Zehn Jahre später sorgte die 40-Stunden-Woche dafür, dass der Chef am ganzen Wochenende auf seinen Angestellten verzichten musste. Gleichzeitig wuchsen die Urlaubsansprüche. Mit zwölf Tagen wie noch 1950 wollte und musste sich der Wohlstandsbürger nicht zufrieden geben. 1980 umfasste die schönste Zeit des Jahres für den Durchschnittsarbeitnehmer schon 27 Tage, bis 1990 kletterte dieser Wert auf über 31 Tage. Auch die Wochenarbeitszeiten sanken mit der schrittweisen Einführung der 35-Stunden-Woche weiter.

Wieviel Freizeit kann sich Deutschland leisten?



JahresarbeitszeitenJahresarbeitszeiten
Dann aber begann der Wirtschaftsriese Deutschland zu schwächeln. Mit Wachstumsflaute, dem verschärften internationalen Wettbewerb durch Öffnung der europäischen Grenzen, mit Globalisierung und der Krise des Standortes D wuchsen die Zweifel, ob sich die Deutschen so viel Freizeit noch leisten können.

"Wir haben die kürzesten Wochenarbeitszeiten, den längsten Urlaub und eine hohe Zahl von Feiertagen", meint Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. "Diesen Luxus können wir uns auf Dauer nicht leisten." Handwerkspräsident Dieter Philipp verlangt die 42-Stunden-Woche. Das sei kein Opfer, sondern eine Chance, den Wirtschaftsstandort Deutschland wieder wettbewerbsfähiger zu machen. "Die 42-Stunden-Woche, wie sie in der Schweiz etwa Normalität ist, würde auch bei uns viele Arbeitsplätze retten", glaubt Philipp. "Wir müssen künftig wieder mehr arbeiten bei gleichem Gehalt."

Besser als der Ruf



Doch sind die Bundesbürger wirklich so viel weniger im Betrieb präsent als beispielsweise Franzosen, Briten oder US-Amerikaner? Zweifel an diesem Bild meldet das Institut zur Erforschung sozialer Chancen (ISO) in Köln an. Es befragte über 4.000 Arbeitnehmer und fand heraus: Die Deutschen arbeiten mehr, als sie selbst von sich glauben. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt das Institut Arbeit und Technik (IAT) in Wuppertal. "Die tatsächlichen Arbeitszeiten entsprechen dem EU-Durchschnitt", heißt es in einer IAT-Untersuchung. Und: "Die faktische Normalarbeitszeit abhängig beschäftigter Vollzeitarbeitskräfte in beiden Teilen Deutschlands ist im Durchschnitt die 40-Stunden-Woche."

Wie ist das möglich im Land der 35-Stunden-Woche? Erstens bleiben viele Arbeitnehmer so lange im Betrieb, bis die Arbeit geschafft ist. Sie beharren also nicht auf den Tarifstandard und lassen nicht um Punkt 16.00 Uhr den Kugelschreiber oder den Pinsel fallen. Zweitens schließen die Erhebungen häufig die Teilzeitkräfte mit ein – die aber senken den Durchschnitt. "Deshalb sollten die Arbeitszeitvergleiche seriöserweise auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Vollzeitbeschäftigung beschränkt werden", fordert das IAT. Drittens galt die 35-Stunden-Woche selbst auf ihrem Höhepunkt nur in Teilbereichen der Industrie und nie flächendeckend.

Mehr Arbeit, für weniger Geld



Wer jedoch Handwerkspräsident Dieter Philipp genau zuhört, kann das eigentliche Interesse der Unternehmen an längeren Arbeitszeiten heraushören: Für sie ist die Ausweitung ein Vehikel, um die Arbeitskosten zu senken. "Die absoluten Einkommen ließen sich in Deutschland nicht beschneiden", meint auch Arbeitgeberpräsident Hundt, wohl aber die Stundenlöhne. Daher sei es eine "gute Lösung", wenn die Beschäftigten der Firma ein wenig länger zur Verfügung stünden. Auf Geld müsse so keiner verzichten. Dass die Freizeit geringfügig kleiner ausfalle, tue aber niemanden weh.

Diese Position findet in weiten Teilen des politischen Spektrums Anhänger. So haben sich unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Edmund Stoiber wiederholt für Mehrarbeit ausgesprochen. Viele Politiker, gerade aus den Reihen der Sozialdemokraten oder Grünen, melden jedoch Bedenken an. Sie fürchten von längeren Arbeitszeiten eher mehr als weniger Arbeitslose. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle Parteien und auch die Wirtschaftsverbände verständigen können, sind "flexible Betriebsregelungen". Das könnte in bestimmten Branchen und Unternehmen auch kürzere Arbeitszeiten bedeuten.

Der Nutzen der Freizeit



Auf einen meist unterbelichteten Aspekt hat der US-Wissenschaftler Olivier Blanchard hingewiesen. Er erinnerte daran, dass freie Zeit ihren Wert hat - Ökonomen würden "Nutzen" sagen. Seiner Analyse zufolge dürfen sich die US-Amerikaner zwar über mehr wirtschaftlichen Wohlstand freuen als die Europäer. Doch dafür zahlen sie einen hohen Preis: Sie verzichten auf selbstbestimmte, auf freie Zeit.

Der überwiegende Teil des Wohlstandsgefälles zwischen den Vereinigten Staaten und den Euro-Ländern geht laut Blanchard auf eine bewusste Entscheidung der Deutschen, Italiener oder Franzosen zurück: Sie haben ihren Urlaub verlängert und die Wochenarbeitszeiten verkürzt, weil ihnen mit wachsendem Wohlstand die Stunden zu Hause oder im Sportverein wichtiger wurden als mehr Geld für Geländewagen oder Anzüge.



 

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