Emma Maersk Klasse

Wer hat Angst vor Heuschrecken?


4.10.2005
Bei der Wahl zum Wort des Jahres 2005 verpassten "Heuschrecken" nur knapp einen Medaillenplatz, aber in der (inoffiziellen) Unterkategorie Wirtschaft war der Ausdruck konkurrenzlos. Er steht symbolhaft für das Unbehagen vieler Deutscher mit dem modernen Finanzkapitalismus – aber auch für undifferenzierte Vorurteile.

Als abwertendes Synonym für Finanzinvestoren war die Metapher aus Franz Münteferings Arsenal ein politischer Volltreffer: Perfekt bedient
(© Mick Vincenz)
sie antikapitalistische Ressentiments beim Publikum, perfekt passte sie auch zu ganz realen Negativschlagzeilen aus der Welt der Firmenjäger. Aber wie schlimm sind die "Heuschrecken" wirklich?

Objektive Antworten sind nicht leicht zu finden. Während die Kritiker Finanzinvestoren zu skrupellosen Wertvernichtern erklären, verfolgen die Verteidiger eine kaum weniger pauschale Strategie unter dem Motto "Gut aus Gier". Ihr Credo: Wer Renditen maximiert, macht Unternehmen und ganze Volkswirtschaften effizienter, und das nutzt am Ende allen.

Beide Seiten können eindrückliche Belege für ihre jeweilige Position anführen. Da ist der Fall Grohe: Ein durchaus profitabler Armaturenhersteller wird von zwei Finanzinvestoren nacheinander übernommen. Beide plündern die Kasse, so dass nun ein riesiger Schuldenberg auf dem Unternehmen lastet. Beide verlangen hohe Gewinne, die nur mit Produktionsverlagerung ins billigere Ausland zu erreichen sind. Und am Ende steht sogar das Überleben des traurigen Restes auf dem Spiel, weil die Kundschaft vielleicht ohne "Made in Germany" keine Grohe-Preise mehr zahlen will.

Auf der anderen Seite steht der Fall Wincor-Nixdorf: Ein lahmender Geldautomatenhersteller wird von zwei Finanzinvestoren übernommen und auf Trab gebracht. In wenigen Jahren entstehen Tausende neue Jobs, das Unternehmen kommt erfolgreich an die Börse. Es gibt nur Gewinner: Die Finanzinvestoren ernten ein Vielfaches ihres Einsatzes. Die neuen Mitarbeiter freuen sich über ihre Arbeitsplätze. Und auch die Aktionäre jubeln – weil das Wachstum weitergeht, hat sich der Kurs seit dem Börsengang vor anderthalb Jahren mehr als verdoppelt.

Wer einfache Wahrheiten sucht, wird also auch in Sachen "Heuschrecken" enttäuscht. Kompliziertere Wahrheiten beanspruchen aber etwas mehr Detailkenntnis. Also schauen wir einmal genauer hin.

Was ist eigentlich eine "Heuschrecke"?



Stein des Anstoßes sind die so genannten "Private-Equity-Fonds" (PE-Fonds), die in den vergangenen Jahren einen zweistelligen Milliardenbetrag in Deutschland investiert haben. Sie heißen Apax, Blackstone, KKR oder Permira, und haben zusammen in Deutschland schon weit über 5.000 Firmen mit mehr als 400.000 Mitarbeitern unter Kontrolle.

Erfunden wurde Private Equity in den Siebzigerjahren in den USA. Aber erst seit den Neunzigern tummelt sich die Spezies auch flächendeckend in Europa. Zum Begriff: "Equity" steht für Unternehmensbeteiligung. "Private" heißt in diesem Fall "nicht öffentlich", also nicht börsennotiert. Verwandt, aber nicht zu verwechseln sind sie übrigens mit "Hedgefonds" - einer Sammelbezeichnung für Finanzinvestoren, die zumeist kurzfristig an den Märkten spekulieren.

Wie tickt eine "Heuschrecke"?



Ein Private-Equity-Fonds ist eher mittel- bis langfristig ausgerichtet. Er sammelt bei Kapitalanlegern gewaltige Geldsummen ein und investiert diese gezielt in wenige Unternehmen, mit Vorliebe in Mehrheitsbeteiligungen und zu zwei Dritteln auf Kredit. Mit großer Akribie suchen die Fondsmanager dafür Gesellschaften aus, in denen möglichst große Reserven schlummern. Um diese zu mobilisieren, setzen sie anschließend Himmel und Hölle in Bewegung. Die Unternehmen müssen profitabler werden und meist parallel noch den Kredit abbezahlen, der zu ihrem Kauf aufgenommen wurde. Wenn das alles geschafft ist, werden die Unternehmen wieder verkauft, am liebsten mit hohem Gewinn. Dieser Gewinn wird an die Kapitalanleger ausgeschüttet.

Üblicherweise laufen Private-Equity-Fonds fünf Jahre oder länger und erwirtschaften in dieser Zeit jährliche Renditen von bis zu 20 Prozent. Natürlich nicht alle und nicht immer. Denn das Geschäft hat auch Risiken: Mal wird zu teuer eingekauft, mal scheitert der Versuch, eine Beteiligung profitabler zu machen, mal klemmt es beim abschließenden Verkauf.

Eine beliebte Variante für den Verkauf ist der Börsengang. Käufer sind in diesem Fall alle, die die neue Aktie zeichnen – wie beim Fernsehsender Premiere und beim Triebwerkshersteller MTU. Hier konnten die Verkäufer Permira und KKR ihre Preisvorstellungen weitgehend durchsetzen, weil die Börsenstimmung gerade relativ gut war. Anders im Jahr 2003: Weil damals niemand Aktien haben wollte, gelang in Deutschland kein einziger Börsengang. Dieser "Exit" für Finanzinvestoren war also verstopft.

Private-Equity-Investitionen 2004

Land In Prozent des BIP
Großbritannien 1,10
Schweden 0,59
Frankreich 0,36
Niederlande 0,36
Spanien 0,25
Dänemark 0,20
Deutschland 0,17
Norwegen 0,15
Finnland 0,15
Portugal 0,12

Quelle: European Private Equity Survey

Zu Risiken und Nebenwirkungen ...



Die nach Ansicht der Kritiker unanständig hohen Renditen sind also auch eine Entschädigung für die langfristige Bindung des investierten Geldes und für das eingegangene Risiko. Fatalerweise ist dieses Risiko allerdings um so geringer, je skrupelloser der Investor agiert. Schafft er es beispielsweise, so viel Kapital aus der Gesellschaft abzuziehen, dass er damit den Kaufpreis nachträglich abbezahlen kann, dann ist das Verlustrisiko gleich Null – aber die Pleitegefahr dafür um so größer.

Doch auch wenn der größte anzunehmende Betriebsunfall ausbleibt, sind unangenehme Nebeneffekte gewiss: Drastische Lohnsenkungen, extremer Leistungsdruck, Entlassungswellen. Während sich der klassische mittelständische Unternehmer mit seiner Firma identifiziert, viele Mitarbeiter schon seit Jahren kennt und ihre Bedürfnisse respektiert, kennt der Finanzinvestor kein anderes Ziel als die höchstmögliche Rendite. Kritiker wie der Management-Guru Fredmund Malik unterstellen der gesamten PE-Branche, dass sie das kurzfristige Gewinnstreben systematisch überzieht und deshalb volkswirtschaftlichen Schaden in großem Ausmaß anrichtet.

Immerhin: Dieses kompromisslose Gewinnstreben macht den Finanzinvestor berechenbar, anders als einen alternden Patriarchen, eine zerstrittene Eigentümerfamilie oder einen ineffizienten, verlotterten Großkonzern. Außerdem ist es keineswegs ausgemacht, dass das "Ausschlachten" am Ende wirklich die renditeträchtigste Strategie für den Umgang mit aufgekauften Unternehmen ist. Ist genug Substanz und Potenzial vorhanden, kann eine "Fitnesskur" mit anschließendem Verkauf die Gewinne viel höher treiben

Argumente und Fakten bleiben also zwiespältig. Fest steht aber: Ob nun gut oder schlecht, ist Private Equity derzeit statistisch gesehen die mit Abstand lukrativste Anlageform überhaupt.

Wollen Deutsche draußen bleiben?



So gesehen zeigt sich aus deutscher Sicht ein ganz anderes Problem - dass sich nämlich die PE-Investoren weltweit eine goldene Nase verdienen, hiesiges Kapital aber kaum an diesen Erträgen teil hat. Die einschlägigen Investitionen erreichten 2004 erst 0,17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, während es beispielsweise in Schweden und Großbritannien bereits 0,59 bzw. 1,10 Prozent waren. Der Grund: Vielen deutschen Großanlegern wie den Lebensversicherungen ist die schillernde neue Anlageform noch zu riskant.

Kleinanleger haben erst seit kurzem sehr begrenzte Möglichkeiten, über Zertifikate oder kleinere geschlossene Dachfonds in Private Equity zu investieren. Dagegen sind reiche Privatleute wie die Quandt-Familie seit Jahren groß im Geschäft, an dem ansonsten vor allem US-Pensionsfonds, britische Versicherer und die "Oberen Zehntausend" verdienen.

Ob die "Heuschrecken" durch "global koordinierte Maßnahmen" zu stoppen wären, sei dahingestellt – Politiker, die so etwas fordern, sollten aber auch bei den Realisierungschancen ehrlich bleiben. Immerhin hat ausgerechnet die rot-grüne Bundesregierung eine ganze Kollektion ihres Tafelsilbers vom Dualen System bis zu Tank&Rast an die später so geschmähten Heuschrecken verkauft, weil sie keine anderen risikofreudigen Interessenten fand.

Die Richtung ist klar, und die Aufgabe damit auch: Rahmenbedingungen zu schaffen, die einerseits Private-Equity-Kapital anziehen, aber andererseits seine negativen Auswüchse einschränken. Und auf der anderen Seite alles Nötige zu tun, um den Bereich für deutsches Kapital jeder Größenordnung weiter zu öffnen. Denn auch am globalisierten Finanzmarkt gilt: Wer mitspielt, kann verlieren. Wer nicht mitspielt, hat schon verloren.



 

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