Emma Maersk Klasse

Börseneinsichten


24.4.2006
Im Vergleich zu den USA oder Großbritannien ist das Interesse an der Börse hierzulande gering. Dabei ist der Aktienhandel nicht nur etwas für Spekulanten und Spielernaturen. Denn in der Börse spiegeln sich die wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Strömungen wider.

Ein Börsenbesucher bekommt auf die Frage nach dem Weg zur Toilette von einem Händler die Antwort: "Hier gibt's keine Toiletten. Hier bescheißt einer den anderen."
(© Mick Vincenz)
Ein Körnchen Wahrheit steckt schon in diesem uralten Börsianer-Witz. Denn in der jahrhundertealten Geschichte der Börse sind schon viele Leute der Versuchung erlegen, andere zu übervorteilen und daraus Kapital zu schlagen. Deshalb gibt es inzwischen eine Vielzahl von Bestimmungen zum Anlegerschutz, die solches Tun erschweren. Gänzlich verhindern lässt es sich freilich nicht.

Die Scheu, dieses Risiko einzugehen, erklärt vielleicht auch, warum im Vergleich zu Ländern wie den USA oder Großbritannien die Aktienanlage hierzulande noch nicht so weit verbreitet ist. Zwar verdoppelte sich die Zahl der Aktionäre in Deutschland seit 1997, dennoch haben im Jahr 2005 nur 7,3 Prozent der Deutschen in Aktien investiert. 2005 besaßen insgesamt 10,8 Millionen Deutsche Aktien oder Anteile an Aktienfonds. Das waren rund 2 Millionen weniger als im Spitzenjahr 2001, kurz nach dem Boom am Neuen Markt.

Aus Enttäuschung über erlittene Kursverluste haben seither also viele Anleger dem Aktienmarkt den Rücken gekehrt. Nun kommen jedoch mehr und mehr von ihnen zurück, da sich die Kurse wieder erholen und auch Medien wie n-tv darüber ausführlich berichten. Das führt zu den Fragen:

Wie entstehen Aktienkurse überhaupt? Und wie funktioniert der Börsenhandel eigentlich?



Am Anfang steht ein Unternehmen, das Aktien ausgibt und dafür von Anlegern Geld bekommt, mit dem es arbeiten kann. Nur in diesem Moment hat der eigene Aktienkurs eine unmittelbare Bedeutung für das Unternehmen. Je teurer es nämlich die Aktien verkauft, desto mehr Geld kommt in die eigene Kasse. Danach findet der Handel mit den Aktien nur noch unter den Anlegern an der Börse statt. Das Unternehmen selbst hat nichts mehr damit zu tun und bekommt auch kein Geld mehr dafür. Im Prinzip könnte es einer Aktiengesellschaft also egal sein, ob ihr Kurs an der Börse steigt oder fällt. Denn selbst wenn die Aktien crashen, erleidet sie daraus keinen Verlust. Einbußen müssen dann nur ihre Anteilseigner hinnehmen - die Aktionäre.

Trotzdem sind die Vorstände der AGs in der Regel an einem steigenden Kurs interessiert. Nicht nur, weil sie oft selbst Aktien besitzen, sondern auch, weil sie solche Kursgewinne gerne als Bestätigung für den Erfolg ihrer Arbeit ansehen. Außerdem wird das eigene Kursniveau für eine AG spätestens dann wieder interessant, sobald sie neue Aktien an der Börse verkaufen will, um sich frisches Kapital zu beschaffen. Dann kann sie für die Aktien nämlich umso mehr Geld verlangen, je höher der aktuelle Börsenkurs ist.

Wovon hängt es aber nun ab, ob Börsenkurse steigen oder fallen? Ganz einfach davon, "ob mehr Dummköpfe als Papiere da sind oder mehr Papiere als Dummköpfe", lernte schon Börsenguru André Kostolany in seinen jungen Jahren. Der wahre Kern dieses Satzes: Bei allen Fakten und nüchternen Analysen, die augenscheinlich hinter der Bewertung von Aktien stehen, spielt die Psychologie der Menschen, die an der Börse handeln, die wichtigste Rolle. Deshalb kann es vorkommen, dass sich Aktienkurse verdoppeln oder halbieren, ohne dass sich in den betroffenen Unternehmen etwas geändert hat. Geändert hat sich dann allenfalls die Zahl der "Dummköpfe", die Aktien der Firma besitzen wollen.

Schon ein Gerücht kann zum Beispiel den Kurs einer Aktie erheblich in Bewegung setzen. Wer also an einem steigenden oder fallenden Kurs interessiert ist, streut gerne ein passendes Gerücht dazu. Auf der anderen Seite haben Gerüchte häufig auch einen wahren Hintergrund. Wichtige Ereignisse - etwa Firmenübernahmen - kündigen sich oft schon vor ihrer offiziellen Bekanntgabe als Börsengerücht an. An den Vorbereitungen solcher Geschäfte sind in der Regel nämlich so viele Leute beteiligt, dass nicht alle von ihnen "dicht halten" können. Sickert aber erst einmal eine Information durch, verbreitet sie sich danach so schnell wie ein Lauffeuer.

Daraus ergibt sich für den Anleger eine wichtige Erkenntnis: An der Börse kommt es nicht darauf an, Recht zu haben, sondern nur darauf, Recht zu bekommen. Letztlich bestimmt immer die Masse, in welche Richtung es geht. Man mag noch so gute Argumente dafür haben, dass eine Aktie steigt. Wenn sie trotzdem fällt, sollte man es akzeptieren.

Gibt es auch wirkliche Volksaktien?



In der Regel bezeichnet man damit Aktien großer ehemaliger Staatsbetriebe, wie die der Deutsche Telekom oder der Deutsche Post, die ans "breite Volk" verkauft worden sind. Die Frage ist nur, ob es sinnvoll für "das Volk" ist, an solchen einzelnen Betrieben beteiligt zu sein. Zwar mag das Pleite-Risiko bei einem Giganten wie der Deutschen Telekom geringer sein als bei einem kleinen Newcomer-Unternehmen. Trotzdem bleibt die Telekom eine einzelne Firma. Wer ihre Aktien kauft, vertraut sein Geld ihren Managern an. Wirtschaften sie gut, kann die Aktie steigen. Machen sie Fehler, bleibt die erhoffte Rendite aus. Im Voraus kann man aber nie wissen, welche Unternehmenslenker in den kommenden Jahren etwas zuwege bringen und welche nicht. Das merkt man immer erst im Nachhinein. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Unternehmen groß oder klein, bekannt oder unbekannt ist.

Wer also nicht nur kurzfristig spekulieren, sondern langfristig sinnvoll anlegen will, sollte sein Geld möglichst breit auf viele Unternehmen verteilen. Nur so macht man sich von einzelnen Managern und ihren Entscheidungen unabhängig. Hat man aber nur kleinere Beträge für diese Art der Anlage zur Verfügung, scheidet das Investment in eine einzelne Aktie aus - mag die dahinter stehenden Firma auch noch so groß sein. Dann kommen nur Investmentfonds oder Indexzertifikate in Betracht, mit denen man sich an der Entwicklung vieler Unternehmen gleichzeitig beteiligen kann. In diesem Sinne sind also ALLE Aktien Volksaktien.

Ist die Börse nur etwas zum Spekulieren oder auch für die Altersvorsorge?



Im Prinzip ist jeder ein Spekulant, der Geld an der Börse anlegt. Denn alle Anleger spekulieren darauf, dass ihre Aktien im Wert steigen - die einen kurzfristig, die anderen eher ganz langfristig. Die Spekulation auf langfristige Gewinne ging in den vergangenen hundert Jahren im Großen und Ganzen sogar auf, obwohl es auch einige lange Durststrecken gab. In den 60er und 70er Jahren zum Beispiel ließ sich an den Börsen in Europa und den USA mit einer langfristigen Anlage kaum Geld verdienen. Dafür lief in dieser Zeit die japanische Börse sehr gut. In den 90ern wiederum waren in Tokio die Aktien kaltgestellt, während sie in Europa und Amerika boomten. Daran sieht man: Im Prinzip gibt es fast immer irgendwo auf der Welt Aktienmärkte, die in einem langfristigen Aufschwung sind. Man muss diese Aufschwünge nur erkennen und dann flexibel genug sein, dort zu investieren.

Wer sich das nicht selbst zutraut, sollte sein Geld professionellen Vermögensverwaltern oder Investmentfonds anvertrauen. Es lohnt sich aber auch, sich persönlich mit der Börse zu beschäftigen. Denn in der Börse spiegeln sich die wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Strömungen ganzer Länder und Regionen wider. Wer in diesen Spiegel schaut, sieht bisweilen sogar in die Zukunft. Einen bevorstehenden Konjunkturaufschwung etwa nimmt die Börse in der Regel schon viele Monate im voraus durch steigende Aktienkurse vorweg. Und selbst die Terroranschläge vom 11. September 2001 kündigten sich an der Börse vorher an, zugegebenermaßen aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen. Tatsache ist aber, dass in den Wochen vor den Attentaten die Aktien weltweit auffällig und unerklärlich schwach waren - vor allem die Versicherungsaktien!

Die Börse hat also auch manches unerklärliche Phänomen parat. Trotzdem lernt derjenige, der sich mit ihr beschäftigt, die Welt besser verstehen. Und auch bei der eigenen Altersvorsorge kommt man kaum an der Börse vorbei. Denn selbst wenn man nicht direkt Aktien oder Investmentfonds kauft, so tun das die Versicherungen oder Pensionsfonds, mit denen man spart. Aktien sind also durchaus etwas fürs Volk.



 

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