Emma Maersk Klasse

18.10.2005

Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung

Gefördert durch die Idee des Wirtschaftsliberalismus weitete sich im 19. Jahrhundert, besonders seit 1945, der Welthandel aus. Seine gegenwärtige Struktur wird analysiert und anhand einzelner Wirtschaftsbereiche veranschaulicht.

Gefördert durch die Idee des Wirtschaftsliberalismus weitete sich im 19. Jahrhundert der Welthandel aus. Nach dem 2. Weltkieg wurden mit dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT 1948) die Voraussetzungen für eine zunehmende Liberalisierung des Welthandels geschaffen.



Auszug aus:
Informationen zur politischen Bildung (Heft 280) - Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung

Einleitung

Grundlage modernen Wirtschaftens ist die Arbeitsteilung. Sie führt zu Tausch oder - in der Geldwirtschaft - zu Handel. Reger Handel ist daher Ausdruck hoch entwickelter Arbeitsteilung. Dabei bringt internationale Arbeitsteilung insgesamt bessere Ergebnisse hervor als eine Arbeitsteilung, die nur im nationalen Rahmen stattfindet. Nach diesem Konzept spezialisiert sich nämlich diejenige Wirtschaftskraft auf die Produktion eines Gutes bzw. einer Dienstleistung, die dies aus ökonomischer Sicht relativ am besten kann, das heißt zu den geringsten Produktionskosten.

Kern der Globalisierung ist die Ausweitung internationaler Arbeitsteilung. Dabei bilden sich weltweite Märkte heraus, auf denen Waren und Dienstleistungen gehandelt, Investitionen getätigt, Technologien übertragen und Informationen ausgetauscht werden. Internationale Arbeitsteilung ermöglicht es den einzelnen Ländern, ihre unterschiedlichen Stärken auszuspielen und dadurch Einkommensgewinne zu erzielen.

Allerdings kennt die Globalisierung nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer. In den Ländern, die relativ reichlich mit Kapital und qualifizierten Arbeitskräften ausgestattet sind, steigen die Kapitaleinkommen tendenziell stärker als die Arbeitseinkommen, und die Spreizung der Löhne zwischen einfacher und qualifizierter Arbeit nimmt zu. Hieraus können Spannungen in den einzelnen Ländern und zwischen ihnen entstehen, die den Sozialstaat westlicher Prägung in ein Dilemma stürzen. Denn bei dem Versuch, die Einkommensverteilung zu Lasten der Arbeitnehmerschaft, die sich aus der Globalisierung ergeben kann, wieder zu korrigieren, sind dem Staat gerade wegen der Globalisierung die Hände gebunden. Eine schärfere Besteuerung von Kapitaleinkommen könnte zum Beispiel das Kapital dazu veranlassen, in andere Länder abzuwandern, und damit den Handlungsspielraum für die Lohnpolitik so stark einengen, dass am Ende die angestrebte Korrektur nicht zu Stande kommt und die Regierung in der "Globalisierungsfalle" gefangen ist.

Tatsächlich ist der Anteil von Kapital- und Vermögenssteuern am gesamten Steueraufkommen in fast allen Industrieländern deutlich gesunken. Auch hat die Spreizung der Einkommen in den Industrieländern zugenommen. Dies ist allerdings faktisch weniger der Globalisierung anzulasten als technologischen Entwicklungen, die gering qualifizierte Arbeitskräfte benachteiligen.

Entwicklungsländer werden durch die Globalisierung in die Lage versetzt, sich auf die Herstellung arbeitsintensiver Produkte wie zum Beispiel Bekleidungserzeugnisse zu spezialisieren, dabei die Löhne zu erhöhen und die Einkommensverteilung zu verbessern. Tatsächlich haben Länder, die sich wirtschaftlich geöffnet haben, meist ein höheres Wachstum erreicht und die Armut stärker reduziert als Länder, die sich der Öffnung verweigert haben. Das Problem für alle am Globalisierungsprozess beteiligten Staaten ist, dass sie sich stets aufs Neue wechselnden Bedingungen anpassen müssen und sich dabei vielfach überfordert fühlen.

Historische Erfahrungen

Voraussetzung für internationale Arbeitsteilung ist die unterschiedliche Ausstattung der Länder mit Energieträgern, Rohstoffen, Boden, Kapital und Arbeitskraft (Produktionsfaktoren). Daraus resultieren von Land zu Land verschiedene Preisverhältnisse zwischen den mit den Produktionsfaktoren hergestellten Erzeugnissen - wenn die Grenzen geschlossen sind. Wenn die Grenzen geöffnet werden, spezialisieren sich die Staaten auf die Produktion derjenigen Güter, die sie preiswerter anbieten können als andere Länder. Dies ist die Quelle der Wohlfahrtsgewinne, die aus internationaler Arbeitsteilung entstehen; sie gründen auf Unterschieden in den relativen Preisen und komparativen Kosten zwischen den an ihr beteiligten Ländern.

Geschlossene Volkswirtschaften hat es kaum je gegeben. Bereits in der Antike wurde innerhalb der zugänglichen Welt mit Gewürzen, orientalischen Stoffen, Gold, Silber und Edelsteinen gehandelt. Die einzelnen Volkwirtschaften sind allerdings niemals völlig, sondern immer nur mehr oder weniger offen für internationalen Handel. Der Grad der Offenheit ist abhängig von der jeweiligen Wirtschaftsphilosophie, von den inneren Konflikten und dem internationalen Spannungsreichtum der Zeit.

Im 17. und 18. Jahrhundert war der Merkantilismus weit verbreitet. Als Merkantilismus werden die wirtschaftspolitischen Lenkungsmaßnahmen bezeichnet, die die Staaten in jener Zeit zur Steigerung der nationalen Wirtschafts- und Handelskraft unternahmen. Vor allem England, Frankreich, Preußen und Spanien setzten alles daran, Gold und Geld im Lande zu mehren, indem sie möglichst viele Güter selbst herstellten und exportierten, aber möglichst wenige importierten. Andere Länder wurden so daran gehindert, ihrerseits zu exportieren, Fremdwährung zu verdienen und sie in Importe umzusetzen. Insgesamt konnte sich der internationale Handel deshalb nicht entfalten; Gold und Geld flossen spärlicher, als die Merkantilisten es sich gedacht hatten.

Der Merkantilismus wurde im 19. Jahrhundert durch den Liberalismus abgelöst. Die Theorie des Wirtschaftsliberalismus, der Arbeitsteilung und des Freihandels, die den Merkantilismus schließlich auch in der wirtschaftspolitischen Realität überwand, geht auf die britischen Nationalökonomen Adam Smith (1723-1790) und David Ricardo (1772-1823) zurück. Grundlegend war das Theorem der "komparativen Kosten". Danach sind internationaler Handel und internationale Arbeitsteilung selbst für solche Länder von Vorteil, die alle Güter zu geringeren Kosten erzeugen können als das Ausland. Sie müssen sich nur auf die Produktion jener Güter spezialisieren, die sie relativ (komparativ) am günstigsten herstellen können.

Das hieraus abgeleitete Freihandelspostulat wurde von dem deutschen Nationalökonomen Friedrich List (1789-1846) allerdings durch das "Schutzzollargument" relativiert. Danach gibt es gute Gründe dafür, schwächere Länder in ihrer frühen Entwicklungsphase noch nicht massiv dem harten internationalen Wettbewerb auszusetzen. Vor allem junge Industrien (infant industries) sollten auch dann geschützt werden dürfen, wenn die Handelspartner ihre eigenen Grenzen bereits weit für Importe geöffnet haben.

Mit der Idee des Liberalismus begann das Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung. Eine erste Blüte erreichte der internationale Handel nach den napoleonischen Kriegen und besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit dem deutschen Zollverein, der handelspolitischen Einigung deutscher Staaten zur Herstellung einer deutschen Wirtschaftseinheit ab 1834, waren - bei wenigen Ausnahmen - im gesamten späteren Reich die wesentlichen Handelshemmnisse beseitigt worden. Die Rahmenbedingungen waren stabil; im Großen und Ganzen herrschte Frieden. Neue Techniken begünstigten eine sowohl umfangreichere als auch arbeitsteiligere Produktion. Transporte auf große Distanz wurden schneller, billiger und sicherer. Die Handelsnationen verständigten sich auf das Gold als Fundament für den internationalen Zahlungsverkehr (Goldstandard). Diese Tendenz zur außenwirtschaftlichen Liberalisierung wurde durch restaurative Kräfte (Bismarcks Schutzzollpolitik) insgesamt nur wenig beeinträchtigt.

Die Zeit von der Gründung des Deutschen Reiches 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 gilt als die Phase des Aufstiegs der Handelsglobalisierung und die Schlussetappe dieser Phase (1895-1914) als das "Goldene Zeitalter" des Freihandels. Der Außenhandel (gemessen als Durchschnitt aus Export und Import) stieg auf bis zu einem Drittel des Bruttosozialproduktes der einzelnen Länder an.

Der Aufschwung des Welthandels wurde durch den Ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise, die mit dem Zusammenbruch der New Yorker Börse im Oktober 1929 begann, und den Zweiten Weltkrieg unterbrochen.

Liberalisierung nach 1945

Die Renaissance der Handelsglobalisierung begann in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Schon während der Schlussphase des letzten Weltkriegs wurden die Weichen für einen beispiellosen Abbau internationaler Handelshemmnisse in der Nachkriegszeit gestellt. 1944 wurden in Bretton Woods in New Hampshire, USA, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank gegründet. Der Marshall-Plan schob seit 1947 den Wiederaufbau des zerstörten Europa an. 1948 wurde das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (General Agreement on Tariffs and Trade - GATT) in Kraft gesetzt, in dessen Rahmen seitdem in acht multilateralen Liberalisierungsrunden die mengenmäßigen Handelsbeschränkungen (Kontingente) und die tarifären Handelshemmnisse (Zölle) weitgehend beseitigt wurden. Die Importzölle auf Industrieprodukte in Industrieländern zum Beispiel sind durchschnittlich von etwa 40 Prozent auf weniger als fünf Prozent gefallen.

Seit 1952 gibt es Bestrebungen zur wirtschaftlichen Vereinigung Europas mit nach innen vollständig verwirklichter Handelsfreiheit. Die 1958 von zunächst sechs Gründungsländern (Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Benelux-Staaten) errichtete Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurde zur Europäischen Union (EU) weiterentwickelt, deren wichtigster Baustein die Europäische Währungsunion (EWU) ist. Die EU wurde zudem in mehreren Etappen auf heute 15 Mitgliedstaaten ausgeweitet; am 1. Mai 2004 werden zehn weitere Mitglieder hinzu kommen, neben Malta und Zypern acht mittel- und osteuropäische Länder (Polen, Tschechien, die Slowakische Republik, Ungarn, Slowenien, Estland, Lettland und Litauen).

Zahlreiche Entwicklungsländer sind der EU "assoziiert" und genießen weitgehende Zollfreiheit für ihre Exporte dorthin. Seit März 2001 können Produkte aus den 49 ärmsten Entwicklungsländern frei von Zöllen und Quoten in die EU exportiert werden. Einige "sensible" Produkte (Bananen, Reis und Zucker) sind aus dieser "Alles-außer-Waffen"-Initiative allerdings vorerst ausgeklammert. Den übrigen Entwicklungsländern räumt die EU - ähnlich wie die USA, Japan und weitere Industrieländer - Zollvorteile ein (Allgemeine Handelspräferenzen). Mit den anderen westeuropäischen und einigen nichteuropäischen Ländern (wie zum Beispiel Chile und Mexiko) hat sie Freihandel vereinbart. Die Europäische Gemeinschaft wurde als Zollunion und Wirtschaftsgemeinschaft zum Vorbild für zahlreiche regionale Zusammenschlüsse in anderen Teilen der Welt. Auch mit diesen Regionalzusammenschlüssen wie etwa dem von Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gebildeten Mercosur (Mercado Comœn del Sur) in Südamerika strebt die EU eine auf Freihandel basierende wirtschaftliche Zusammenarbeit an.

Die letzte Runde des GATT, die so genannte Uruguay-Runde (1986-1994), brachte eine gravierende Ausweitung der Handelsfreiheit. Die Liberalisierung erfasste erstmals auch den traditionell geschützten Handel mit Agrarerzeugnissen und mit Textilien/Bekleidung sowie den Dienstleistungshandel. Es wurden Regelungen für einen besseren Schutz geistiger Eigentumsrechte (zum Beispiel Schutz vor Plagiaten) und zugunsten ausländischer Investitionen getroffen. So wurde es etwa verboten, den Investoren vorzuschreiben, Vorprodukte im Gastland einzukaufen (oder herzustellen) oder eine ausgeglichene Handelsbilanz zu präsentieren.

Als weiteres Resultat der Uruguay-Runde wurde 1995 das GATT durch die Welthandelsorganisation (World Trade Organization - WTO) abgelöst. Insbesondere die Entwicklungsländer sehen ihre spezifischen Anliegen bei ihr besser aufgehoben als beim GATT, das sie eher als eine Interessengemeinschaft der Industrieländer betrachteten. Die WTO mit Sitz in Genf ist eine eigenständige internationale Organisation mit einem transparenten und wirksamen Streitschlichtungsverfahren, bei dem sich der Stärkere nicht automatisch durchsetzt. Unter ihrer Ägide wurde im November 2001 in Doha, der Hauptstadt Katars, die neunte Welthandelsrunde eingeleitet. Die Doha-Runde soll die Liberalisierung des Waren- und Dienstleistungssektors weiter vorantreiben, das multilaterale Regelwerk verbessern und ausbauen sowie insbesondere Fairness gegenüber Entwicklungsländern gewährleisten.

Die Liberalisierung der Rahmenbedingungen für den regionalen wie für den Welthandel spiegelt sich eindrucksvoll in den Statistiken des internationalen Güteraustauschs wider. Im Jahre 2002 war das Volumen der Weltexporte mehr als zehnmal so groß wie 1960. In der gleichen Zeit hat sich die binnenwirtschaftliche Produktion, aus der die Exportgüter stammen, insgesamt nur gut vervierfacht. Die Differenz ist Ausdruck intensivierter internationaler Arbeitsteilung und damit zunehmender Globalisierung. Diese schritt, von konjunkturellen Einbrüchen in den Jahren 1974/75, 1981/82, 1992/93 und zuletzt 2001/2002 abgesehen, relativ stetig voran. Sie wurde auch durch die scharfe Zäsur in der Nachkriegsentwicklung, die 1973 das Ende der "goldenen Jahre" hoher Wachstumsraten herbeiführte, kaum beeinträchtigt.

Wesentliche Merkmale der "neuen" Globalisierung, die seit den achtziger Jahren immer deutlicher hervortreten, sind die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie, die verstärkte Herausbildung globaler Unternehmen und Produktionsnetzwerke, die beschleunigte Internationalisierung der Finanzmärkte sowie die Deregulierung und Privatisierung zentraler Dienstleistungsbereiche und "Netzsektoren" wie Telekommunikation, Post/Logistik, Transport und Energie. Außerdem haben zahlreiche Entwicklungsländer, namentlich in Südostasien und Lateinamerika, einseitig Importbarrieren abgebaut und Restriktionen gegenüber ausländischen Investoren gelockert. Dies geschah parallel zur multilateralen Liberalisierung und meist im Rahmen einer Neuausrichtung der gesamten Wirtschaftspolitik an marktwirtschaftlichen Grundsätzen, die seit Mitte der achtziger Jahre in immer mehr Entwicklungsländern zu beobachten ist.


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