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Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung

18.10.2005

Merkmale des internationalen Handels



Die Struktur der internationalen Arbeitsteilung ist in der aktuellen Globalisierungsetappe weitreichenden Veränderungen unterworfen. Der "klassische" Außenhandel mit Waren wird zunehmend durch den Handel mit Dienstleistungen ergänzt, der mit wachsender Produktkomplexität und -differenzierung immer wichtiger wird. Durch die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie, die in größerem Maße als bisher eine räumliche Trennung zwischen der Bereitstellung und dem Konsum von Dienstleistungen erlaubt, werden Dienstleistungen verstärkt international "handelbar". Von 1980 bis 2002 ist der weltweite Dienstleistungshandel um mehr als das Vierfache gewachsen, nämlich von 364 auf 1538 Milliarden US-Dollar. Damit ist er deutlich stärker als der Weltwarenhandel angestiegen, der sich um mehr als das Dreifache erhöht hat, nämlich von 2034 auf 6424 Milliarden US-Dollar. Dementsprechend ist der Dienstleistungsanteil am Welthandel von 15 Prozent auf fast 20 Prozent gewachsen.




Funktionale Netzwerke

Dienstleistungen erfüllen vielfach eine Unterstützungsfunktion für den Warenverkehr. Je anspruchsvoller die zu vermarktenden Produkte sind, desto wichtiger wird es für ihren Absatzerfolg fern der heimischen Basis, dass sich das Unternehmen vor Ort auch um Werbung, Beratung, Finanzierung, Versicherung, Anlieferung, Reparaturservice und Entsorgung kümmert. Dies alles bindet erhebliche Investitionen.

Darüber hinaus bilden Dienstleistungen - und die Möglichkeit, sie grenzüberschreitend bereit zu stellen - eine wichtige Voraussetzung für die Ausweitung internationaler Wertschöpfungsketten in und zwischen Unternehmen. Ganze Unternehmensfunktionen (wie zum Beispiel Forschung und Entwicklung oder Produktion) und einzelne Unterfunktionen (wie zum Beispiel Herstellung von Vorprodukten und Montage der Endprodukte) werden dabei in verschiedenen Ländern durchgeführt; die Wertschöpfungskette wird international "aufgespalten". Derartige Produktions-, Leistungs- und Wissensverbünde (funktionale Netzwerke) sind ein wesentliches Strukturelement der "neuen" internationalen Arbeitsteilung.

Regionale Verdichtung

Im Welthandel bilden sich neben funktionalen zunehmend auch regionale Netzwerke heraus (Grafik "Inter- und intraregionale Handelsverflechtung 2001). Der Globalisierungsprozess bedeutet daher nicht nur eine weltweite Verflechtung der Volkswirtschaften, sondern auch eine räumliche Konzentration der Wirtschaftsaktivität (Clusterbildung). Die drei Großregionen Europa, Nordamerika und Asien-Pazifik (Triade) dominieren den Welthandel; sie liefern mehr als 80 Prozent der globalen Warenexporte. Europa ist mit über 40 Prozent der weltweit größte Warenexporteur, obwohl sein Anteil gesunken ist. Es folgen Asien-Pazifik mit 25 Prozent und Nordamerika mit über 15 Prozent; diese Regionen konnten ihren Anteil ausbauen. Die "peripheren" Cluster Afrika, Lateinamerika und übriges Asien liegen weit hinter der Triade. Während Lateinamerika aber aufgeholt hat, ist Afrika im Welthandel weiter zurückgefallen.




Die Handelsbeziehungen konzentrieren sich zudem auf eine kleine Anzahl von Staaten. Etwa die Hälfte der weltweiten Warenexporte wird von acht Ländern abgewickelt; die Spitzengruppe bilden die USA, Deutschland und Japan. Besonders auffällig ist daneben die starke Expansion des chinesischen Außenhandels, der seit Beginn der neunziger Jahre mehr als doppelt so schnell gewachsen ist wie der globale Handel insgesamt. Damit ist China inzwischen der fünftgrößte Warenexporteur in der Welt (Grafik "Führende Länder in der Weltwirtschaft").

Blickt man auf den Warenhandel zwischen diesen Ländern, die bilateralen Ströme, so zeigt sich ebenfalls ein Muster der Handelsverdichtung. Zum Beispiel liefert Japan fast ein Drittel, China ein Fünftel seiner Warenexporte in die USA, die wiederum ein Fünftel ihrer Exporte in Kanada absetzen. Auch die enge deutsch-französische Handelsverflechtung belegt die Verdichtung im Welthandel: Mehr als ein Zehntel der deutschen Exporte geht nach Frankreich und umgekehrt etwa ein Sechstel der französischen nach Deutschland. Insgesamt sind regionale und bilaterale Konzentrationen damit ein hervorstechendes Charakteristikum des Welthandels.

Intraregionale Handelsströme haben stark an Bedeutung gewonnen. Der intraregionale Warenaustausch lag in den fünfziger Jahren bei einem Drittel des Welthandels, 1980 bei über 40 Prozent und macht heute bereits mehr als die Hälfte aus. Der mit Abstand größte intraregionale Handelsstrom ist in Europa zu verzeichnen. Allerdings nimmt der Anteil des innereuropäischen Handels am Welthandel nicht mehr zu, sondern stagniert auf hohem Niveau. Demgegenüber expandiert der Handel in Nordamerika und in der asiatisch-pazifischen Region erheblich schneller als der Welthandel. In Lateinamerika und Afrika wiederum spielt der intraregionale Handel nur eine geringe Rolle und wächst im Übrigen in ähnlichem Tempo wie der Welthandel.

Die Länder der Triade beherrschen auch den interregionalen Handel. Die größten Handelsströme verlaufen zwischen Europa, Nordamerika und Asien-Pazifik. In diesem "Dreieck" ist der transpazifische Handel zwischen Nordamerika und der asiatisch-pazifischen Region der weitaus gewichtigste interregionale Warenstrom, gefolgt vom transatlantischen Handel zwischen Nordamerika und Europa und dem euro-asiatischen Handel zwischen Asien-Pazifik und Europa. In Regionen wie Afrika und Lateinamerika dominiert dagegen klar der interregionale Handel mit Industrieländern - ihre Haupthandelspartner sind in diesem Falle Europa bzw. die Vereinigten Staaten. Es zeigt sich also ein Spannungsverhältnis zwischen dem Bedeutungszuwachs des intraregionalen Handels und einer wachsenden Handelsverflechtung in der Triade einerseits und der Abhängigkeit weniger entwickelter Regionen vom interregionalen Handel mit den Triade-Staaten andererseits.

Wandel der Warenstruktur

Auch in sektoraler Hinsicht hat sich die Struktur des internationalen Handels erheblich gewandelt. Das Vordringen des Dienstleistungshandels wurde bereits erwähnt. Im Warensektor ist der ehemals dominierende Agrarhandel von annähernd 50 Prozent (1950) auf einen Anteil von weniger als zehn Prozent (2001) des gesamten Handels geschrumpft. Der Handel mit Bergbauprodukten und Energieträgern, der von fossilen Brennstoffen wie Erdöl und Erdgas geprägt wird, ging in den achtziger Jahren stark zurück. Darin zeigen sich die Folgen der Erdölpreiskrise von 1979/80: die Energiesparmaßnahmen, die stärkere Nutzung nichtfossiler Energieträger und die beschleunigte Erschließung heimischer Energiequellen. Diese Trends bestehen zwar weiterhin, aber in abgeschwächter Form. Dementsprechend hat sich der Handel mit Energieträgern bei etwa einem Zehntel des globalen Warenhandels stabilisiert. Das dynamische Element in diesem Sektor ist hingegen der Handel mit Industriegütern.

Innerhalb des Industriegüterhandels haben sich die Gewichte deutlich zugunsten der Informations- und Nachrichtentechnik verschoben. Die Produkte dieser Branche zeichnen sich durch ständige Erneuerung (Innovation) aus, die aus einem hohen Einsatz von Forschung und Entwicklung (Technologie) im Wertschöpfungsprozess resultiert. Auch der Anteil chemischer und pharmazeutischer - ebenfalls wertschöpfungs- und technologieintensiver - Produkte am Industriegüterhandel ist (leicht) gestiegen, während andere - eher kapital- und arbeitsintensive - Bereiche wie der Handel mit Eisen und Stahl, Automobilen, Textil- und Bekleidungserzeugnissen stagnieren oder an Gewicht verloren haben. Dies bedeutet allerdings nur, dass sie langsamer als der insgesamt florierende Industriegüterhandel gewachsen sind.

Den weltweiten Entwicklungen liegen unterschiedliche regionale Trends zugrunde. Die Entwicklungsländer Afrikas, des Mittleren Ostens und Lateinamerikas und die "Transformationsländer" (Länder im Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft) Mittel- und Osteuropas sind noch in relativ hohem Maße (und teilweise zunehmend) vom Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen abhängig. Führend in diesem traditionellen Sektor des internationalen Warenhandels sind allerdings Nordamerika und Westeuropa, was hauptsächlich durch eine künstliche Verbilligung der Erzeugung - und des Exports - von Agrargütern durch Subventionen zu erklären ist.

Im Bereich Bergbau und Energie fließen hingegen die Handelsströme überwiegend aus Entwicklungs- und Transformationsländern in die industrialisierte Welt, wobei der Mittlere Osten mit seinen riesigen Ölexporten herausragt. Bei Industriegütern wiederum hängt die Arbeitsteilung zwischen den Ländern wesentlich von der Art der gehandelten Produkte bzw. ihrer sektoralen Zuordnung ab. Die Grundregel dabei ist, dass gleich entwickelte Länder eher intraindustriellen Handel (zum Beispiel Maschinen gegen andere Maschinen), ungleich entwickelte dagegen stärker interindustriellen Handel (zum Beispiel Maschinen gegen Bekleidung) treiben.

Aus diesem Grunde ist der Handel zwischen Industrieländern (Nord-Nord-Handel) in hohem Maße intraindustriell und damit auch weitgehend substitutiv: Ausländische Produkte ersetzen inländische Erzeugnisse der gleichen Kategorie. Insgesamt ist der Anteil des intraindustriellen Handels am gesamten Industriegüterhandel kräftig gewachsen. Berechnungen zufolge lag er zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei etwa 50 Prozent und erreicht heute bereits mehr als 80 Prozent.

In der Angebotspalette der Entwicklungsländer spielt die Produktdifferenzierung noch eine relativ geringe Rolle. Sie handeln deshalb bei Industriegütern überwiegend auf interindustrieller/komplementärer Basis und mit Industrieländern (Nord-Süd-Handel). Dabei werden arbeits- und rohstoffreich produzierte Waren gegen technologie- und humankapitalintensive Produkte getauscht. Hierin spiegeln sich die unterschiedlichen Kostenstrukturen der Länder und ihre unter-schiedliche Ausstattung mit Produktionsfaktoren wider. In den Industrieländern sind die Lohnkosten hoch, qualifizierte Arbeitskräfte ("Humankapital") und Technologie sind vergleichsweise reichlich und Naturressourcen oft eher spärlich verfügbar, während es sich in Entwicklungsländern häufig umgekehrt verhält. Industrieländer sind daher weitgehend auf hochwertige Erzeugnisse spezialisiert und importieren hauptsächlich einfache Produkte aus Entwicklungsländern.

Allerdings kommt dieses traditionelle Muster mehr und mehr ins Wanken. Viele "Industrieländer der zweiten und dritten Generation" (Schwellenländer) fächern ihr Angebot auf (diversifizieren) und stoßen dabei in den Bereich der Technologiegüter vor. Damit verbessern sich nicht nur die Chancen für mehr Handel der Entwicklungsländer untereinander (Süd-Süd-Handel). Diese Länder dringen vielmehr auch in die Domänen der Industrieländer ein. Das beste Beispiel für einen solchen Prozess ist das heutige Hochtechnologieland Japan, das noch vor wenigen Jahrzehnten den Status eines Entwicklungslandes hatte. Aktuellere Beispiele sind die Erfolge etwa Südkoreas bei Unterhaltungselektronik und Automobilen sowie Indiens und Israels bei Softwareprodukten.

Dabei verändert sich das überkommene Muster des Nord-Süd-Handels. Unternehmen aus Entwicklungsländern treten verstärkt als Konkurrenten auf Industrieländermärkten in Erscheinung und umgekehrt. Gleichzeitig werden Entwicklungsländerstandorte immer häufiger in Produktionsnetzwerke international tätiger, zumeist aus Industrieländern stammender Unternehmen einbezogen. In diesem grenzüberschreitenden arbeitsteiligen Wertschöpfungsprozess übernehmen sie in der Regel Teilfertigungen, bei denen in relativ hohem Maße (importiertes) Sachkapital und (mehr oder weniger qualifizierte) Arbeitskraft eingesetzt wird. Humankapital- und technologieintensive Prozesse finden dagegen eher in Industrieländern statt.

Ein gutes Beispiel für diese komplementären Beziehungen innerhalb von Wertschöpfungsketten ist der Handel mit Produkten der Informations- und Nachrichtentechnik. Sein Anteil am Nord-Süd-Handel und auch am Süd-Süd-Handel mit Industriegütern ist stark gewachsen und bildet hier bereits den größten Posten. Dies liegt aber nicht so sehr daran, dass Entwicklungsländer selbstständig - "integriert" - Hochtechnologiegüter in diesem Sektor produzieren und exportieren, sondern erklärt sich eher durch die Auslagerung einzelner Produktionsstufen in den "Süden". Dort werden nämlich hauptsächlich importierte Vorprodukte (wie zum Beispiel Mikrochips), die bereits viel Technologie enthalten, mit relativ geringem Technologieeinsatz zu Endprodukten (wie zum Beispiel PCs) zusammengesetzt. Aus diesem Grunde schlägt sich auch der wachsende Entwicklungsländeranteil am Handel mit Technologiegütern nicht in einem entsprechenden Einkommenszuwachs in Entwicklungsländern nieder; die "einkommensträchtigen" Wertschöpfungsabschnitte werden bislang eher in Industrieländern durchgeführt.

Grenzüberschreitende Unternehmensaktivitäten



Im Zuge der Globalisierung hat die Bedeutung von Unternehmen, die nicht nur im Außenhandel tätig sind, sondern auch jenseits ihrer nationalen Grenzen Waren produzieren und Dienstleistungen erbringen (multinationale oder transnationale Unternehmen - MNU/TNU), rapide zugenommen. Gab es zu Beginn der neunziger Jahre circa 7000 MNU, so existieren heute bereits etwa 65000 Muttergesellschaften und 850000 dazugehörige ausländische Tochtergesellschaften, die in allen Ländern der Welt Güter erstellen und vermarkten, Forschung und Entwicklung betreiben und mit Unternehmen der Gastgeberländer oder anderen ausländischen Unternehmen kooperieren. Die jährlichen Umsätze der Auslandstöchter werden auf annähernd 20 Billionen US-Dollar geschätzt. Sie sind deutlich stärker als der internationale Handel expandiert und übersteigen inzwischen den Weltexport von Waren und Dienstleistungen, der sich auf weniger als acht Billionen US-Dollar beläuft, um ein Mehrfaches. Gleichzeitig dominieren MNU im Welthandel. Auf sie entfallen etwa zwei Drittel der internationalen Warenströme, wobei allein ein Drittel Intrafirmenhandel darstellt, das heißt Handel der Muttergesellschaften mit ihren Auslandstöchtern und der Auslandstöchter untereinander (Schwestergesellschaften).




Zur vorherrschenden Form der multinationalen Unternehmensexpansion haben sich Fusionen und Übernahmen, im Unterschied zu Neugründungen im Ausland, entwickelt. So ist zum Beispiel der britische Telekommunikationskonzern Vodafone durch die Übernahme des deutschen Konkurrenten Mannesmann im Jahr 2000 zum - gemessen an den Kapitalanlagen im Ausland - größten transnationalen Unternehmen in der Welt (außerhalb des Finanzsektors) aufgestiegen. Im folgenden Jahr wurde der kontinuierliche und progressive Anstieg der grenzüberschreitenden Fusionen und Übernahmen allerdings jäh unterbrochen. Im Jahr 2001 sank auch, erstmals wieder seit 1982, das reale Volumen des weltweiten Warenhandels. Aus diesen Entwicklungen sollte jedoch noch nicht auf ein "Ende der Globalisierung" geschlossen werden; es handelt sich eher um ein konjunkturell bedingtes Einhalten.

Obgleich das Bild der MNU durch "Giganten" wie Exxon Mobil, General Motors oder DaimlerChrysler geprägt wird, deren Unternehmenswert das Bruttoinlandsprodukt von Ländern wie Peru oder Ungarn übertrifft, stellen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zahlenmäßig das weitaus größte Kontingent. Die multinationalen KMU investieren aber vorzugsweise in benachbarten Ländern und präferieren zwischenbetriebliche Kooperationen und Gemeinschaftsunternehmen (Joint Ventures) mit ausländischen Partnern. Für sie ist es nämlich grundsätzlich schwieriger, jenseits der Grenzen zu operieren. Neben höheren Informationskosten haben die KMU auch in der immer wichtiger werdenden Finanzierungssphäre eindeutige Nachteile gegenüber den Großkonzernen.

Strategien multinationaler Unternehmen

Die Globalisierungsstrategien der MNU lassen sich insgesamt in vier Kategorien unterteilen:
  • Ressourcenstrategien,
  • Marktstrategien,
  • Effizienzstrategien,
  • Wertstrategien.
Die Erschließung von Rohstoffquellen zur Sicherung der Versorgung mit natürlichen Ressourcen (Ressourcenstrategie - Resource-Seeking) ist das "klassische" Investitionsmotiv international tätiger Unternehmen. Es ist auch weiterhin bedeutend, aber in dieser Form nicht mehr dominant.

Das Hauptmotiv der multinationalen Unternehmen ist vielmehr die bessere Durchdringung der Auslandsmärkte, das heißt die Sicherung und Ausweitung des Absatzes im Ausland (Marktstrategie - Market-Seeking). Dieses Motiv ist umso wichtiger, je größer der betreffende Markt ist. China, Indien und einige große lateinamerikanische Länder sind daher bevorzugte Zielregionen für absatzorientierte Direktinvestitionen. Liberale Einfuhrregelungen zwischen kleinen Ländern einer wirtschaftlich expandierenden Region sind ein weiteres, annähernd gleichrangiges Investitionsmotiv. Aus diesem Grunde haben Belgien, Irland, Neuseeland und die Niederlande in den neunziger Jahren die höchsten Direktinvestitionsbestände (im Verhältnis zum Sozialprodukt) unter allen OECD-Gastgeberländern verzeichnet.

Von wachsender Bedeutung sind Effizienzstrategien (Efficiency-Seeking), bei denen Kostensenkung das entscheidende Motiv ist. Westliche Investoren in den mittel- und osteuropäischen Ländern nutzen beispielsweise die Tatsache, dass dort das Lohnniveau, zu Wechselkursen umgerechnet, deutlich niedriger als im Heimatland liegt, zur billigen Herstellung von Vorleistungen für den eigenen Produktionsprozess oder auch zur Endmontage mit anschließendem Export.

Immer häufiger betreiben multinationale Unternehmen im Ausland Fabriken, die auf bestimmte Fertigungen spezialisiert sind und jeweils für den gesamten Weltmarkt (beziehungsweise große - meist regionale - Segmente des Weltmarktes) oder für den weltweiten Bedarf des Unternehmens selbst (respektive des Unternehmensnetzwerkes, dem es angehört) produzieren.

Ein Beispiel ist die Montage von Farbfernsehgeräten im Norden Mexikos, nahe der Grenze zu den USA, durch amerikanische und japanische Konzerne. Bei diesen Produkten ist Mexiko heute der weltweit größte Exporteur. Niedrige Löhne, Zoll- und Steuervergünstigungen, eine starke Kostenminderung durch hohe Stückzahlen und die Vorteile, die aus einer räumlichen Ballung verwandter industrieller Aktivitäten herrühren (Agglomerationsvorteile), sind wesentliche Ursachen dieser Entwicklung.

Immer wichtiger werden Wertstrategien (Asset-Seeking), die zusammen mit den Bemühungen um mehr Effizienz die "neuen" - auch als "Netzwerkstrategien" bezeichneten - Globalisierungsmaßnahmen der Unternehmen darstellen. Ziel ist die Steigerung des Unternehmenswertes durch Nutzung strategischer Ressourcen (Strategic Assets) des Auslandes. Konkret geht es hauptsächlich um den Zugang zu ausländischen Wissensquellen (Knowledge-Seeking) und speziell zu lokal gebundenem Wissen (Tacit Knowledge), das nicht international handelbar ist, sondern durch persönlichen Kontakt am Arbeitsplatz weitergegeben wird. Außer der Produktion führen multinationale Unternehmen deshalb verstärkt Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Ausland durch, häufig in Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen vor Ort, wie zum Beispiel Universitäten, die auf dem betreffenden Gebiet tonangebend sind.

Internationale Direktinvestitionen

Das Hauptinstrument multinationaler Unternehmenstätigkeit sind grenzüberschreitende Direktinvestitionen. Im Unterschied zu anderen Formen der Auslandsinvestition, wie zum Beispiel Anlagen in ausländischen Wertpapieren (Portfolioinvestitionen), werden Direktinvestitionen in der Absicht vorgenommen, einen entscheidenden Einfluss auf die Führung des neu gegründeten oder erworbenen Unternehmens im Ausland auszuüben. Weltweit haben sie wesentlich schneller zugenommen als die internationalen Handelsströme: Die globalen Bestandswerte der Direktinvestitionen im Ausland sind zwischen 1980 und 2001 viermal so schnell gestiegen wie die Warenexporte und dreimal so schnell, wie der internationale Dienstleistungshandel gewachsen ist.




Direktinvestitionen stammen weiterhin hauptsächlich aus Industrieländern. Allerdings treten immer häufiger auch Unternehmen aus "Schwellenländern" wie China, Hongkong, Taiwan, Malaysia, Singapur, Südkorea, Brasilien, Mexiko und Südafrika als multinationale Akteure in Erscheinung. In Industrieländern werden auch die meisten Direktinvestitionen getätigt, doch ist ihr Anteil an den weltweit eingeflossenen Direktinvestitionen seit 1990 von etwa drei Vierteln auf ungefähr zwei Drittel gesunken. Umgekehrt ziehen Entwicklungs- und Transformationsländer verstärkt Direktinvestitionen an. Mit der Umstrukturierung ihrer Volkswirtschaften haben vor allem China und die Länder Mittel- und Osteuropas in den letzten Jahren als Investitionsstandorte erheblich an Bedeutung gewonnen. Dabei hat China inzwischen traditionelle Empfängerländer wie Brasilien und Mexiko übertroffen.

Zwischen den Industrieländern fallen insbesondere die unterschiedlichen Entwicklungen in Westeuropa und Nordamerika auf. Während sich in Westeuropa die Schere zwischen aus- und einfließenden Direktinvestitionen immer weiter geöffnet hat, haben sich die Investitionsströme in Nordamerika zunehmend angeglichen. Von 1980 bis 2001 ist der Anteil Westeuropas an den weltweit im Ausland getätigten Direktinvestitionen von 45 auf 57 Prozent gestiegen, während der Anteil Nordamerikas von 46 auf 25 Prozent gefallen ist. Bei den aus dem Ausland empfangenen Direktinvestitionen sind dagegen die Anteile weitgehend stabil geblieben, bei etwa 40 Prozent im Falle Westeuropas und 25 Prozent im Falle Nordamerikas.

In sektoraler Hinsicht ist bei Direktinvestitionen, stärker noch als im Außenhandel, ein Trend zum tertiären Sektor (Dienstleistungen) zu erkennen, insbesondere zu Finanzdienstleistungen und Handelsunternehmen, während der Primärsektor (Rohstoffe) weiter schrumpft und nunmehr auch der sekundäre Sektor (Industrieprodukte) insgesamt Anteile einbüßt. Innerhalb des Industriesektors sind jedoch Direktinvestitionen in wissensintensiven Branchen wie der Chemie-, Pharmazie-, Automobil-, Elektronik- und Datenverarbeitungsindustrie ähnlich expansiv wie Dienstleistungsinvestitionen.

Direktinvestitionen sind auch ein Indikator für die Attraktivität und Qualität eines Produktionsstandortes. Vom Zu- oder Abfluss derartiger Kapitalinvestitionen hängt es ab, ob gewerbliche Arbeitsplätze entstehen oder fortfallen und ob die Produktion am Standort wächst oder schrumpft. Allerdings wäre es falsch, von einem Überschuss abfließender über zufließende Direktinvestitionen auf Standortmängel zu schließen. Direktinvestitionen im Ausland dienen nämlich nicht zuletzt auch der Abstützung des Exports. Unternehmensbefragungen in vielen Industrieländern zeigen, dass die Exportbegleitung, also etwa der Aufbau eines kundennahen Vertriebs- und Servicenetzes im Ausland, eines der wichtigsten Direktinvestitionsmotive ist.

Auswirkungen auf die Empfängerländer

Für Entwicklungsländer können die Firmennetzwerke große Wachstumschancen bedeuten, da über solche Kanäle enorme Wissensströme laufen und das Know-how der ausländischen Tochtergesellschaften auf die Wirtschaft des Gastgeberlandes überspringen kann (Spillover-Effekt). Ermöglicht wird der Technologietransfer durch die dramatischen Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnik. Zugleich haben die Unternehmen in den Aufnahmeländern Südostasiens oder Lateinamerikas meist eine hohe Lernbereitschaft der heimischen Bevölkerung vorgefunden.

Obwohl multinationale Unternehmen in vielen Branchen, etwa in der Elektronik-, Nahrungsmittel-, Glas- und Kunststoffindustrie, in Entwicklungsländern vor allem die Niedriglohnkomponenten ihrer Erzeugnisse herstellen, bieten sie dort doch zahlreiche und im Vergleich zur heimischen Wirtschaft gut bezahlte, gesicherte und mit sozialen Leistungen verbundene Arbeitsplätze.

Alles in allem ist die Tätigkeit multinationaler Unternehmen in Entwicklungsländern damit eine gute Grundlage für deren weltwirtschaftlichen Aufholprozess. Mit zunehmendem Entwicklungsstand eines Landes emanzipieren sich zudem immer mehr heimische Firmen und übernehmen als Lizenznehmer oder Kooperationspartner Produktions- oder Dienstleistungsfunktionen vom ursprünglichen Direktinvestor.

Die positiven Impulse für Beschäftigung und Einkommen vor Ort haben bewirkt, dass multinationale Unternehmen von den Ländern der Dritten Welt als Direktinvestoren umworben werden. Allerdings gibt es in Industrieländern Unternehmen, etwa in der chemischen Industrie und in der Metallerzeugung, die einen hohen Verbrauch an Umweltressourcen haben und niedrige Umweltstandards in Entwicklungsländern nutzen, um Investitionskosten zu sparen. Auch gibt es Investoren, die sich undemokratischer und die Menschenrechte missachtender Regime bedienen, um billige Arbeitskräfte besser ausbeuten zu können.

Die Verletzung von Umwelt- und Sozialstandards ist allerdings keine zwingende Begleiterscheinung der Expansion multinationaler Unternehmen. Empirische Studien zeigen eher ein gegenteiliges Bild. Staaten mit einem relativ niedrigen Niveau sozialer Regelwerke erhalten danach nur geringe Investitionszuströme, während Länder, in denen relativ hohe Sozialstandards vorherrschen, auch aus diesem Grunde stärkere Zugänge verzeichnen.

Multinationale Unternehmen, die im Heimatland angesichts strenger Auflagen bereits Erfahrungen im betrieblichen Umweltschutz gesammelt haben, transferieren außerdem in beträchtlichem Umfang "saubere" Technologien und umwelttechnisches Know-how in Entwicklungsländer. Umweltstandards wie die Norm ISO 14001, mit der Betriebe zertifiziert werden, die ihre Prozesse umweltschonend ausgerichtet haben (zum Beispiel in der Abfallentsorgung), finden auch in Entwicklungsländern mit hohen Direktinvestitionen vermehrt Akzeptanz.



 

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