Emma Maersk Klasse
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Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung

18.10.2005

Ausgewählte Wirtschaftsbereiche



Die Unternehmen sind den Einflüssen der Globalisierung unterschiedlich stark ausgesetzt. Auch die jeweils eigenen Möglichkeiten, die Globalisierung aktiv zu nutzen, sind von Branche zu Branche, von Unternehmen zu Unternehmen verschieden. Bevor dies hier anhand konkreter Beispiele gezeigt wird, sei es kurz in allgemeiner Form und in den Kategorien der Handelstheorie und Industrieökonomik skizziert. Die Unterschiede ergeben sich vor allem aus
  • der Standortgebundenheit des Unternehmens (Rohstoffbasis, Transportkosten, Qualifikation des Arbeitskräfteangebots),
  • den Faktoranforderungen und Faktorintensitäten (Einsatzverhältnis der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Wissen) in der Produktion,
  • den Möglichkeiten, die Produktion arbeitsteilig zu gestalten (räumliche Zerlegbarkeit der "Wertschöpfungskette"),
  • den Produktionskostenverläufen in Abhängigkeit von der hergestellten Stückzahl, das heißt je mehr produziert wird, desto geringer sind die Durchschnittskosten pro Stück (Skalenerträge),
  • den Eigenschaften der Produkte (Homogenitätsgrad, Nachahmbarkeit, Austauschbarkeit, Veraltensgeschwindigkeit) und
  • den Wettbewerbsbedingungen auf den Märkten ("Bestreitbarkeit" der Märkte, Bedeutung technologischer Marktzutrittsschranken).
Wichtig ist auch, ob der Staat als Regulierer, Eigentümer, handelspolitischer Akteur, Auftrags- oder Subventionsgeber ein besonderes strategisches, strukturelles oder soziales Interesse ins Spiel bringt.

Energiewirtschaft

Steinkohle bestimmter Güte ist ein "homogenes", das heißt wegen seiner weitestgehenden Gleichartigkeit gegenseitig austauschbares Produkt, bei dem der Abnehmer kaum Vorlieben für bestimmte Anbieter hat, so dass der Preis zum wichtigsten Unterscheidungsmerkmal wird.

Demzufolge ist die teure deutsche Ruhrkohle im Prinzip stark der überseeischen Konkurrenz ausgesetzt. Die Produktionskosten etwa in Südafrika oder Australien sind zwar erheblich niedriger als in Deutschland, doch bilden die hohen Transportkosten einen begrenzten natürlichen Einfuhrschutz. Nach der Öffnung Ostmitteleuropas ist nun mit der oberschlesischen Kohle eine transportkostengünstigere Konkurrentin hinzugekommen. Außerdem kann Steinkohle in vielen Fällen leicht durch billigeres Erdöl oder Erdgas ersetzt (substituiert) werden.

Nun bewirkte ein strategisches Interesse des Staates an der "energiewirtschaftlichen Versorgungssicherheit" - kein Stromausfall und kein Fahrverbot bei einem Lieferboykott der Erdöl produzierenden Staaten - und an der "sozialpolitischen Abfederung des Strukturwandels" - vor allem Verhinderung regional konzentrierter Massenarbeitslosigkeit bei massierten Zechenstilllegungen - die Zahlung hoher Produktionsbeihilfen (Subventionen). Diese wurden jedoch im EU-Rahmen wettbewerbsrechtlich für unzulässig befunden. Deshalb soll die Steinkohlenbeihilfe aus dem Bundeshaushalt von umgerechnet etwa 3,5 Milliarden Euro im Jahre 1998 auf weniger als zwei Milliarden Euro im Jahre 2005 zurückgeführt werden.

Außerdem ist geplant, die Steinkohle-Subventionen in Nordrhein-Westfalen von 2006 bis 2012 jährlich um 40 Millionen Euro zu kürzen. Weil aber die deutsche Steinkohlenproduktion wegen der ungünstigen Flözlagen und der hohen Lohnkosten auf gleichbleibend hohe Subventionen angewiesen wäre, um mit der Importkohle preislich konkurrieren zu können, und weil in Anbetracht des regional wie nach Energieträgern beachtlich diversifizierten (aufgefächerten) Energieangebots auch das Versorgungsargument nicht mehr greift, sind die Tage des deutschen Steinkohlenbergbaus gezählt; das Ruhrrevier muss noch stärker umstrukturiert werden als bisher. Erdöl ist ein Musterbeispiel für den Einfluss der Gobalisierung auf die nationalen Volkswirtschaften. Es dient als Vorprodukt für zahlreiche Güter und ist eine zentrale Energiequelle für Haushalte, Industrieunternehmen und den Verkehrssektor. Der weltweit bedeutendste Energierohstoff ist zugleich eines der am meisten gehandelten Produkte.

Dabei wird das Angebot weitgehend von der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Organization of Petroleum Exporting Countries - OPEC) kontrolliert, die regelmäßig die Fördermengen ihrer Mitgliedsstaaten festsetzt. Da diese circa 60 Prozent des insgesamt geförderten Öls liefern, übt das OPEC-Kartell entscheidenden Einfluss auf den Preis des Produktes aus, von dessen Entwicklung wiederum der Gang der Weltwirtschaft mitbestimmt wird. Im Krieg um den erdölreichen Irak im Frühjahr 2003 war der Ölpreis den stärksten Schwankungen seit langer Zeit ausgesetzt. Der Preis der Sorte Brent stieg von circa 23 US-Dollar pro Fass/Barrel (ein Barrel entspricht 159 Litern) im November 2002 auf über 34 US-Dollar Anfang März 2003, bevor er Anfang April - nach Kriegsende - wieder auf knapp 25 US-Dollar zurückfiel.

Textilindustrie

Bekleidungsgegenstände sind arbeitsintensive Güter, die teils auf geringe, teils auf ausgeprägte Vorlieben der Verbraucher treffen. Die Hochlohnländer mit ihren anspruchsvollen Käufern überlassen folglich die Produktion der austauschbaren "Stapelware" den Entwicklungsländern, da sie mit deren niedrigen Löhnen nicht konkurrieren können und auch die Transportkosten gering sind. Sie besetzen aber den Teil des Marktes, in dem durch Einsatz von hochwertigen Dienstleistungen (Design, Materialveredelung, Markenpflege) hoch differenzierte und prestigebesetzte Ansprüche bedient werden und die Zahlungsbereitschaft der Käuferschaft groß ist. Da die Produkte aber relativ leicht imitiert werden können und der Urheberschutz bzw. dessen Kontrolle international trotz WTO immer noch zu wünschen übrig lässt, sind die Erzeuger immer wieder darauf angewiesen, neue Produkte mit frischem Prestigewert herauszubringen.




Der Wettbewerbsdruck wird durch Handelsliberalisierung verschärft: Es ist vorgesehen, den Textilsektor, der als einziger Industriesektor bislang von den multilateralen Handelsregeln ausgenommen war, bis Ende 2004 in die WTO-Disziplin "einzubinden". Dies bedeutet, dass die zahlreichen mengenmäßigen Handelsbeschränkungen (Quoten) bei Textil- und Bekleidungserzeugnissen, die noch immer vor allem den Export der Entwicklungsländer in Industrieländer stark behindern, dann beseitigt sein sollen. In der laufenden WTO-Verhandlungsrunde (Doha-Runde) sollen außerdem die relativ hohen Zölle im Textilsektor deutlich reduziert werden. Beides zusammen (Quotenabbau und Zollsenkung) wird auf der einen Seite zu beträchtlichen Wohlfahrtsgewinnen in der Welt führen - die Rede ist von über 300 Milliarden US-Dollar pro Jahr -, aber auch in einzelnen Ländern und Regionen erhöhte Arbeitslosigkeit hervorrufen und eine Beschleunigung des Strukturwandels erzwingen.

Information und Kommunikation

Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sind Teil der Neuen Ökonomie (New Economy), die sich in den neunziger Jahren immer stärker herausgebildet hat. Die Neue Ökonomie schließt auch die Mikroelektronik, Bio- und Gentechnologie ein. Sie bildet das Gegenstück zu den traditionellen Wirtschaftszweigen der Alten Ökonomie wie zum Beispiel Textil, Kohle und Stahl. Information gilt als Rohstoff der New Economy. Motor des raschen Wachstums im IKT-Sektor sind technologische Entwicklungsschübe. Dadurch sind zum Beispiel die Kosten der Speicherung, Analyse und Verbreitung von Daten/Informationen in den letzten Jahren kräftig gesunken. Der Informationsfluss im World Wide Web (Internet) wird kaum mehr durch nationale Grenzen gehemmt. Dementsprechend schreitet die Globalisierung des IKT-Sektors schnell voran. Weltweit wächst der Handel mit IKT-Gütern fast doppelt so schnell wie der gesamte Güterhandel.

Die rapide Entwicklung der IKT-Branche verzeichnet jedoch nicht nur Gewinner. Während die Informationstechnologie für Schwellenländer wie zum Beispiel Mexiko neue Wachstumschancen eröffnet, fehlt in Entwicklungsländern wie einer Reihe afrikanischer Staaten noch die Infrastruktur für moderne Kommunikation. In den ökonomisch stärksten Ländern, mit weniger als einem Sechstel der Weltbevölkerung, leben mehr als drei Viertel der Internetnutzenden. Auch innerhalb einzelner Staaten droht die Entstehung einer digitalen Kluft (Digital Divide), wie das Beispiel Bangalore zeigt - der technologische Übersprung von dieser Softwaremetropole Indiens auf die übrige Wirtschaft des Landes ist bisher anscheinend ausgeblieben. Gleichzeitig besteht in Entwicklungsländern aber die Möglichkeit einer relativ kostengünstigen IKT-Einführung, da technische Entwicklungsstufen übersprungen werden können. Auf diese Weise könnte der Wissens- und Bildungsrückstand in diesen Ländern deutlich verringert werden.

Forschung und Entwicklung

Einen immer größeren Raum im Wirtschaftsgeschehen nehmen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten ein. Forschung und Entwicklung (FuE) ist ein Schlüsselfaktor für die internationale Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen und die technologische Leistungsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften. Dieser "Querschnitts-Sektor", der ähnlich wie der IKT-Sektor Unternehmens- und Branchengrenzen übersteigt und in erheblichem Umfang externe Effekte erzeugt (und damit Nutzen für die Allgemeinheit stiftet), erhält deshalb auch starke staatliche Unterstützung. So ist der Staat etwa als Betreiber und Finanzier von Grundlagenforschung tätig, fördert anwendungsorientierte Forschung und technologische Entwicklung/Innovation und setzt Impulse auf Technologiefeldern, die besonders zukunftsträchtig erscheinen und ein breites Anwendungsspektrum verheißen (Beispiele: Nanotechnologie, Biotechnologie oder Mikrosystemtechnik). Außerdem ist er Wegbereiter für technologische Kooperation zwischen Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen (durch Förderung von "Verbundprojekten") oder Veranstalter technologischer "Schönheitswettbewerbe" (Beispiel: "BioRegio" zwischen Regionen in Deutschland). Neuerdings zieht sich jedoch der Staat in den meisten Industrieländern angesichts steigender Defizite in den öffentlichen Kassen mehr und mehr aus der Finanzierung privater FuE-Aktivitäten zurück, während das FuE-Engagement von Seiten der Wirtschaft zunimmt.




FuE-intensive Industriezweige (zum Beispiel Luft- und Raumfahrt, Nachrichten- und Computertechnik) und Dienstleistungsbranchen mit hohem Wissensanteil (zum Beispiel Nachrichtenübermittlung, Datenverarbeitung oder Softwareentwicklung) expandieren deutlich stärker als technologisch weniger anspruchsvolle Tätigkeiten. In den technologieintensiven Bereichen schreitet auch die internationale Arbeitsteilung schneller voran als in der übrigen Wirtschaft. Dies ist zum einen am wachsenden Gewicht FuE-intensiver Produkte im Welthandel zu erkennen. Dabei zeigen Erzeugnisse der Spitzentechnologie (Beispiele: Elektronische Bauelemente, Datenverarbeitungsgeräte, Prozesssteuerungsanlagen, pharmazeutische Substanzen) die stärkste Dynamik: Ihr Anteil am Welthandel ist von rund 15 Prozent gegen Ende der achtziger Jahre auf gegenwärtig etwa 25 Prozent angestiegen, während das Segment technologisch einfacher Produkte kontinuierlich geschrumpft ist.

Zum anderen findet eine immer stärkere Vernetzung technologischer Aktivitäten in der Welt statt. Immer öfter vergeben Unternehmen FuE-Aufträge an ausländische Unternehmen und Forschungseinrichtungen, um Entwicklungs- und Innovationszeiten zu verkürzen und Zugang zu spezifischem und komplementärem Wissen zu gewinnen, das intern nicht verfügbar ist. Darüber hinaus investieren die Unternehmen in zunehmendem Maße selbst im ausländischen FuE-Sektor. Die chemisch-pharmazeutische Industrie, die am stärksten internationalisierte Branche der deutschen Wirtschaft, tätigt bereits etwa ein Drittel ihrer FuE-Ausgaben im westlichen Ausland.

Häufiges Motiv der FuE bei ausländischen Tochtergesellschaften inländischer Unternehmen ist die Anpassung im Heimatland entwickelter Produkte an die lokalen Gegebenheiten im Gastgeberland (Anpassungsentwicklung). Verstärkt entwickeln die Auslandstöchter der Unternehmen aber auch eigenständig neue Produkte (Innovationsentwicklung), die weltweit vermarktet werden, und führen grundlegende Entwicklungsaufgaben für das gesamte Unternehmen oder den Gesamtmarkt einzelner Geschäftsbereiche des Unternehmens durch.

Voraussetzung hierfür ist die Erschließung ausländischer Technologiequellen. Deshalb unterhalten zum Beispiel zahlreiche deutsche Unternehmen eigene Forschungszentren in der Nähe führender amerikanischer Universitäten. Dies zeigt, dass die Nutzung komparativer Vorteile des Forschungsstandortes ein wichtiges Motiv bei den FuE-Aktivitäten deutscher Unternehmen in den USA ist. Weitere Motive kommen hinzu. So bevorzugen einige deutsche Pharma- und Nahrungsmittelunternehmen für ihre Forschungsabteilungen US-amerikanische Standorte, weil sie dort weniger strengen gentechnologischen Rechtsbestimmungen unterworfen sind und leichteren Zugang zu den einschlägigen Forschungszentren haben.

Bauwirtschaft

Die Bauwirtschaft galt bis vor kurzem als einer der Produktionsbereiche, die der Globalisierung am wenigsten ausgesetzt sind. Hohe Transportkosten für Baustoffe, Immobilität des Endprodukts, überwiegend handwerkliche Bautechnik, Regionalität des Facharbeitermarktes, nationale Bauvorschriften und Zugangsbeschränkungen (öffentliches Vergabewesen) schützten sie vor internationaler Konkurrenz. Dies hat sich radikal geändert: Immer mehr Teile werden fabrikmäßig vorgefertigt (Elementbauweise, Fertighäuser), sodass sowohl die Transportkosten, bezogen auf die Wertschöpfung, als auch in der Produktion die Stückkosten in Abhängigkeit von der produzierten Menge sinken. Für größere öffentliche Projekte besteht Ausschreibungspflicht, und die Auftraggeber dürfen heimische Anbieter dabei nicht mehr in ähnlichem Maße wie früher bevorzugen.

Entsprechend diesen Veränderungen hat sich auch die Marktstruktur internationalisiert. Wenige Großunternehmen beherrschen den Markt für Großprojekte. Sie können ihre gesamte Baulogistik international organisieren und sich die preiswertesten Zulieferer aussuchen. Damit verweisen sie die traditionell mittelständische Bauwirtschaft mehr und mehr auf die regionale und lokale Nischenproduktion in Form von Eigenheimen, begrenzten Tiefbauarbeiten und Instandsetzungen. Um im Wettbewerb bestehen zu können, setzen kleine und mittlere Unternehmen vielfach auch preiswerte Arbeitskräfte aus dem Ausland ein.

Unter diesen Bedingungen werden kurzfristig nach Tarif bezahlte Bauwerker immer häufiger arbeitslos; mittelfristig geraten auch die Tariflöhne unter Druck. Um einer solchen Entwicklung entgegenzutreten, wurden in der Europäischen Union "Entsenderegelungen" eingeführt. Das deutsche Arbeitnehmer-Entsendegesetz etwa bestimmt, dass für ausländische Arbeiter auf deutschen Baustellen der im Tarifvertrag für die deutsche Bauwirtschaft festgelegte Mindestlohn gilt. Langfristig wird jedoch der Beruf des Bauarbeiters von den Einkommenschancen her weniger attraktiv. Es sei denn, die heimischen Interessenten bilden sich besser aus und besetzen das - wachsende - obere Segment der bauwirtschaftsbezogenen Berufe.

Dienstleistungen

Besonders geschützt bzw. national zersplittert waren bis vor kurzem auch die Dienstleistungsmärkte. Dies gilt für viele Sparten auch heute noch, so vor allem für Handwerk, Reinigung, Gesundheits- und Hygienedienste, aber auch für öffentliche und soziale Dienstleistungen im weiteren Sinne. Dagegen sind die - auch oder ausschließlich - unternehmensnahen Dienste heute einerseits stark der internationalen Konkurrenz ausgesetzt und können andererseits selber Auslandsmärkte besetzen oder mit ausländischen Partnern kooperieren. Oft ist die Globalisierung hier sogar extrem ausgeprägt. Elektronische Dienste sind überhaupt nicht mehr standortgebunden. Die großen Banken sind allgegenwärtig. Versicherungspolicen können europaweit vertrieben werden. Auch Unternehmen aus Drittländern können sich niederlassen und haben dann die gleichen Rechte.

Die großen Anwaltskanzleien, Steuer- und Unternehmensberatungsbüros sind in angelsächsischem wie in deutschem und französischem Recht gleichermaßen zu Hause. Allerdings handelt es sich hier vielfach um Aktivitäten, bei denen das Vertrauen der Kundschaft eine besondere Rolle spielt. Sie bevorzugt deshalb meist bewährte heimische Anbieter. Doch längst haben diese mit ausländischen Partnern Allianzen gebildet oder - mehr noch - ausländische Firmen übernommen, um deren standortgebundenes Vertrauenskapital zu nutzen. Diese Tendenz ist mittlerweile im Dienstleistungssektor ausgeprägter als in der Industrie und unter den Dienstleistungsbranchen besonders stark bei den Finanzdiensten und den unternehmensnahen Diensten.

Allerdings wird die Internationalisierung des Dienstleistungssektors noch vielfach durch staatliche Interventionen erheblich beeinträchtigt. Nicht Zölle und Quoten (Grenzschranken), wie in der Industrie, sondern Regulierungen im Inneren der Länder (Inlandsschranken) bilden im Dienstleistungssektor das Haupthindernis gegen mehr internationale Arbeitsteilung. Vorschriften, Auflagen und Beschränkungen unterschiedlichster Art erschweren hier den Marktzugang ausländischer Anbieter und diskriminieren diese gegenüber inländischen Unternehmen.

Verbreitet sind ebenfalls Diskriminierungen zwischen ausländischen Unternehmen aus verschiedenen Ländern. In der Uruguay-Runde des GATT wurde mit dem Allgemeinen Dienstleistungsabkommen (General Agreement on Trade in Services - GATS) die Grundlage für den Abbau der Zugangshindernisse und Diskriminierungen geschaffen, und in zwei sektoralen Abkommen (Telekommunikation und Finanzdienstleistungen) wurden bereits erste Liberalisierungserfolge erzielt.

Die laufende Doha-Runde der WTO soll das Regulierungsdickicht weiter lichten und mehr Marktzugang, Gleichbehandlung in- und ausländischer Unternehmen (National Treatment) und Meistbegünstigung (Gleichbehandlung ausländischer Anbieter) gewährleisten. Dabei wird es in einigen "sensiblen" Bereichen zu harten Auseinandersetzungen kommen, etwa im Bereich öffentlicher Versorgungsleistungen (Gesundheitswesen, soziale Dienstleistungen, Bildung) oder bei audiovisuellen Dienstleistungen.

Die Europäische Union will zum Beispiel, entgegen den Forderungen der USA, die Bevorzugung europäischer audiovisueller Produktionen (in Fernsehprogrammen und bei der Filmförderung) beibehalten und macht hier - im Verein mit mächtigen Interessengruppen - die "kulturelle Ausnahme" geltend. Danach würde das Gut "Wahrung kultureller Vielfalt" über das Gut "Freihandel" gestellt.

Von besonderem Interesse für Entwicklungsländer ist eine Liberalisierung bei der Freizügigkeit der Arbeitskräfte. Einige Industrieländer möchten diese verhindern, weil sie negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt fürchten, die eine "vorübergehende Einreise natürlicher Personen zur Erbringung von Dienstleistungen" haben könnte.


Finanzmärkte



Nirgendwo hat sich die Globalisierung so deutlich beschleunigt wie in der Finanzsphäre. Die Mobilisierungskosten sind hier besonders gering. Seit in der EU, in der OECD und auch weltweit nicht mehr oder kaum noch Kapitalverkehrsbeschränkungen existieren, können Anleger minutenschnell ihr Geldvermögen (Portefeuille) international umschichten oder ihr flüssiges Geld in den verschiedensten Währungen anlegen. Die Schwankungen der Devisenmärkte (Volatilität) waren ein Grund für die politisch Verantwortlichen, den Europäischen Binnenmarkt, zu dem wesentlich auch die Kapitalverkehrsfreiheit gehört, durch eine Währungsunion zu "krönen". Denn dadurch wird die durch Volatilität verursachte Unsicherheit bei grenzüberschreitenden Transaktionen in Europa ausgeschaltet. Auf der Grundlage wechselseitig verflochtener (integrierter) Märkte und sich angleichender (konvergenter) Wirtschaftspolitik wurden die nationalen Währungen durch die Einheitswährung "Euro" ersetzt.

Voraussetzung dafür war, dass die zwölf Teilnehmerländer - es fehlen Großbritannien, Dänemark und Schweden - die so genannten Konvergenzkriterien erfüllten: Sie mussten ihre Preise erfolgreich stabilisiert haben, ihr Zinsniveau durfte nicht wesentlich von dem der preisstabilsten Mitgliedstaaten abweichen, ihre laufende Staatsverschuldung durfte und darf künftig nicht die Marke von drei Prozent, die ihres gesamten öffentlichen Schuldenstandes nicht die Marke von 60 Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsproduktes überschreiten.

Der Schritt zur Währungsunion bringt für die Mitglieder einige Vorteile mit sich, wie zum Beispiel die Verminderung von Unsicherheit und eine Vereinfachung ökonomischer Transaktionen. Er bedeutet für sie aber zugleich ein weiteres Stück Globalisierung bzw. Regionalisierung, da er alle anderen Systemelemente, vor allem die nationalen Löhne, unter verstärkten Anpassungsdruck setzt. Denn bei einer Einheitswährung kann sich ein beteiligtes Land dem Kostenwettbewerb nicht mehr einfach durch eine Währungsabwertung entziehen. Der Markt wird durchsichtiger und der Wettbewerb noch härter.

Der Handel an den Devisenmärkten konzentriert sich seit der Einführung des Euro auf das Währungsdreieck US-Dollar - Euro - Yen. Daneben haben auch das Britische Pfund und der Schweizer Franken erhebliches Gewicht. Hauptakteure sind neben den beteiligten Notenbanken die "institutionellen Anleger", also "Kapitalsammelstellen" wie Versicherungen, Pensions- und Investmentfonds. Sie geben die Richtung vor, an der sich die kleinen Anleger orientieren. Der Euro beeinflusst in hohem Maße das Marktverhalten der Anleger. In Europa zählt nun nicht mehr das Länderrisiko, sondern nur noch das Branchen- oder das individuelle Unternehmensrisiko.

Entkoppelung der Finanz- und Warenmärkte

Tagtäglich werden kaum vorstellbare Beträge an Finanzkapital "um den Globus gejagt". Ziel ist es, Ertragsdifferenzen - zum Beispiel Zinsunterschiede zwischen verschiedenen Währungsräumen - auszunutzen (Arbitrage). Solche Differenzen ergeben sich vor allem aus von den Marktteilnehmern erwarteten Wechselkursänderungen. Diese sind nach wie vor auch Ausdruck von Unterschieden in den so genannten Fundamentaldaten: Wenn die Preissteigerungsraten in den einzelnen Ländern, ausgedrückt in der jeweiligen Landeswährung, zu unterschiedlich sind, entsprechen die Umrechnungskurse bald nicht mehr der gegenseitigen "Kaufkraftparität" und müssen daher angepasst werden. Ähnliches gilt, wenn ein Land auf Dauer mehr Waren und Dienstleistungen importiert als exportiert und nicht länger in der Lage ist, zum Ausgleich ausländisches Kapital - zum Beispiel in Form von Aktien - anzuziehen. Dann wird zur Begleichung der entsprechenden Rechnungen die Währung dieses Landes am Devisenmarkt andauernd stark angeboten und schwach nachgefragt, so dass der Wechselkurs fällt. Diese Veränderung der "relativen Preise" im Außenhandel bremst den Importanstieg und fördert den Export des Landes und sorgt damit für einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage auch auf den Gütermärkten.

Eine Währungsabwertung gilt jedoch als Ausdruck wirtschaftlicher Schwäche eines Landes. Deshalb ist sie politisch oft nicht erwünscht. Hinzu kommt, dass ständige Kursschwankungen ein Unsicherheitsmoment in die internationalen Geschäftsbeziehungen hineintragen. Daher interveniert die Notenbank eines Landes oft mit Stützungskäufen bzw. -verkäufen am Devisenmarkt, oder sie erhöht das Zinsniveau, um Kapitalabflüsse größeren Ausmaßes zu verhindern. Das kann sie natürlich nur in engen Grenzen durchhalten, weil sich mit zunehmender Intervention ihre Devisenreserven erschöpfen und weil ein zu hoher Zins der Konjunktur im Lande schadet. Früher oder später muss der aufgestaute Anpassungsbedarf daher in eine Wechselkurskorrektur münden.

Bei einem Wechselkursregime der "Stufenflexibilität" wie im Europäischen Währungssystem (EWS) bildet sich der Wechselkurs nicht ausschließlich durch privates Devisenangebot und private Devisennachfrage. Vielmehr bestimmen auch Regierungsentscheidungen, an die die beteiligten Notenbanken in ihrem Devisenmarktverhalten gebunden sind, die Kursentwicklung. Durch Wechselkurskorrekturen wurden deshalb zuweilen enorme Ertragssprünge realisiert. Dies hat dazu geführt, dass zumindest auf kürzere Sicht immer weniger die zu Grunde liegenden Handelsgeschäfte und die Fundamentaldaten als vielmehr die davon abgelöste Spekulation oder Arbitrage den Kurs bestimmen und andere Devisenmarktteilnehmer verunsichern. Weil es in Anbetracht der immensen Transaktionssummen den Notenbanken kaum noch möglich war, die Spekulation durch Kursstützung zu entmutigen, wurde 1993 in der EU das EWS faktisch außer Kraft gesetzt, indem die vereinbarten höchstzulässigen wechselseitigen Kursschwankungen der Teilnahmewährungen von ±2,25 Prozent auf ±15 Prozent erweitert wurden.

Derivatenhandel

Die Schwankungen der Devisen- und Finanzmärkte haben seit den achtziger Jahren neue Finanzinstrumente hervorgebracht, die vom Basisgeschäft abgeleitet sind und deswegen Derivate heißen. Hierzu gehören in erster Linie Terminkontrakte (Futures, Forwards, Options). Diese beinhalten die Pflicht bzw. das Recht zum Kauf/ Verkauf beispielsweise von Aktien, festverzinslichen Wertpapieren, Devisen und Rohstoffen. Dabei wird zum Beispiel für einen bestimmten Rohstoff, der erst später geliefert werden soll, schon zu Beginn des Geschäfts der Kaufpreis festgelegt. Das Geschäft wird also gegen Schwankungen des Preises für diesen Rohstoff zwischen Vertragsabschluss und Lieferung abgesichert. Mit Derivaten wird am Terminmarkt gehandelt.

Derivate bilden nicht per se eine Gefahr für das internationale Finanzsystem. Doch kann mit ihnen auch spekuliert werden. Die Volatilität der Devisen- und Finanzmärkte, die das Derivatgeschäft ja erst hervorgebracht hat, könnte hierdurch noch gesteigert und dadurch die Stabilität des internationalen Finanzsystems erschüttert werden.

Wenn sich Finanzinstitute verspekulieren und zusammenbrechen, kann es zu Kettenreaktionen kommen (Domino-Effekt), da die Institute häufig untereinander verschuldet sind oder ihr Geld gemeinsam in Großprojekte investiert haben. Dann nehmen auch die Einleger Schaden. Großes Aufsehen erregte im Februar 1995 in diesem Zusammenhang der Kollaps der 232 Jahre alten britischen Handelsbank Barings: Ein in Singapur tätiger Devisen- und Derivatenhändler von "Baring Futures Singapore" hatte unkontrolliert auf Kurssteigerungen für eine bestimmte Gruppe japanischer Aktien spekuliert. Doch die Kursentwicklung verlief anhaltend genau seinen Erwartungen entgegengesetzt, er musste sich zu den Fälligkeitsterminen jeweils teuer eindecken und verspielte fast 1,4 Milliarden Dollar. Nicht nur das Singapurer Tochterunternehmen, auch die britische Muttergesellschaft brach daraufhin zusammen.

Finanzinstitute und staatliche Aufsichtsbehörden sind deshalb nunmehr bemüht, dem Marktgeschehen und insbesondere dem Handel mit Derivaten Grenzen zu setzen. Eine Möglichkeit wäre, Devisengeschäfte durch eine Steuer wie zum Beispiel die Tobin-Steuer zu verteuern - dies träfe freilich auch die "normale" Risikoabsicherung. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, den Handlungsspielraum der Akteure dadurch einzuschränken, dass ihre Engagements an den Devisenmärkten strenger an die Ausstattung mit Eigenmitteln gebunden werden. Die Institute selber setzen mehr auf innere Transparenz und Professionalisierung des Risikomanagements. Die Entwicklung eines internationalen Ordnungsrahmens für die Finanzmärkte steckt noch in den Anfängen.



 

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