Emma Maersk Klasse

Der Euro – stark oder schwach ein Gewinn


13.11.2006
Die praktischen Vorzüge des Euro sind bekannt: Mit genügend davon im Portemonnaie kann man überall im Euroland problemlos zahlen. Doch was bewegt die Gemeinschaftswährung? Und ist ein starker oder schwacher Euro besser für die Wirtschaft?

Wer gerne reist, kann die Vorzüge des Euro mit Händen greifen: Seit Januar 2002 hat der lästige und teure Geldumtausch für weite Teile Europas ein Ende. Heute können Reisende mühelos vergleichen, ob der Espresso am Mailänder Domplatz wirklich teurer ist als an den Uferpromenaden von Helsinki oder Maspalomas.

Starker Euro – gut für Globetrotter und Importeure



(© Mick Vincenz)
Verlässt man aber "Euroland", kommt wieder der Wechselkurs ins Spiel. Für Reisende ist dann ein starker Euro von Vorteil: Je höher der Wechselkurs ihrer Währung, desto mehr Gegenwert bekommen sie dafür. Das Gleiche gilt für die Importeure: Bei einem hohen Außenwert des Euro können diese die Waren im Ausland vergleichsweise günstig einkaufen und so ihre Gewinnspanne erhöhen.

Schwacher Euro – Exporteure frohlocken



Wer dagegen Waren aus der Eurozone exportiert, wünscht sich einen schwächeren Euro: Für jeden eingenommenen Dollar oder Yen erlösen die Exporteure dann einen höheren Euro-Betrag. Zudem können sie ihre Produkte dann im Ausland billiger anbieten als zuvor, ohne an Umsatz in Euro einzubüßen, sie werden also wettbewerbsfähiger.

Daraus könnte man schließen, dass ein schwacher Euro eher im Interesse Europas und seiner exportorientierten Wirtschaft liegt. Doch das stimmt nur bis zu einer gewissen Grenze. Ein wirklich schwacher Euro birgt nämlich große Gefahren: Zum einen würden davon internationale Investoren abgeschreckt. Vor allem aber würde dadurch die Wettbewerbsfähigkeit insbesondere der weltgrößten Volkswirtschaft USA, aber auch Japans und Chinas bedroht, was die gesamte Weltwirtschaft destabilisieren könnte. Als der Euro im Herbst 2000 unter 0,85 Dollar fiel, intervenierte die Europäische Zentralbank (EZB) unterstützt von den Zentralbanken der USA und Japans mit Euro-Käufen am Devisenmarkt, um diese Gefahr abzuwenden.

Was den Euro bewegt: Konjunktur...



Doch was bestimmt den Wechselkurs des Euro, abgesehen von solchen seltenen Markteingriffen? Ganz wesentlich ist die Konjunktur in der Eurozone, vor allem in Deutschland, der bedeutendsten Volkswirtschaft Europas. Brummt die Konjunktur, ist die Produktivität der Unternehmen hoch. Je produktiver wiederum die Unternehmen sind, desto mehr können sie exportieren. Entsprechend mehr nehmen die Exporteure in fremden Währungen ein.

Da sie die Produktion in Euroland bezahlen müssen, tauschen sie diese Devisen wieder in Euro. Am Devisenmarkt werden also verstärkt Euro nachgefragt. Floriert die Wirtschaft, steigt aber auch die Nachfrage nach ausländischen Produkten und die Importe nehmen zu. Für die Einfuhren wird dann wiederum mehr von den fremden Währungen nachgefragt. Ob der Euro stark oder schwach ist, hängt also auch von der Höhe des Exportüberschusses ab. Liegt der Wert der Warenausfuhr der Europäer über dem der Wareneinfuhr, wird der Wechselkurs des Euros gestärkt.

Dazu kommt noch ein wichtiger Effekt auf dem Kapitalmarkt: Eine gesunde europäische Wirtschaft signalisiert, dass dort investiertes Kapital gute und nachhaltige Gewinne abwirft. Das macht eine Kapitalanlage in Euro attraktiver.

... Zinsentwicklung...



Mit der Konjunktur hängt auch der zweite wesentliche Bestimmungsfaktor des Euro-Kurses zusammen. Der Wechselkurs orientiert sich auch daran, welche Währung real, also nach Abzug der Inflation, mehr Zinsen abwirft - und wie sich diese Zinsdifferenz nach Ansicht der Marktteilnehmer in Zukunft entwickeln wird. Ist der Realzins beispielsweise in den USA höher als der in Euroland, macht dies den Dollar als Anlagewährung tendenziell attraktiver. Deshalb reagieren die Wechselkurse stets auf die Zinsentscheidungen der Zentralbanken, oder genauer: auf die Art und Weise, wie diese die aktuellen Markterwartungen für den Zinskurs bestätigen oder korrigieren. Die Zinspolitik der Notenbanken orientiert sich wiederum stark an der Konjunktur. Brummt die Wirtschaft, droht höhere Inflation, der die Zentralbank mit höheren Zinsen zu begegnen versucht.

... und Politik



Schließlich spielt auch die Wirtschafts- und Fiskalpolitik eine wichtige Rolle für den Außenwert des Euro. Wie die europäische Wirtschaft stehen auch die Regierungen in der Pflicht, internationales Vertrauen in die Gemeinschaftswährung zu schaffen. Dass etwa Deutschland mit seiner Neuverschuldung wiederholt gegen den Stabilitäts- und Wachstumspakt der Währungsunion verstoßen hat, hat dieses Vertrauen nicht gefördert. Zudem reagiert der Euro sehr empfindlich auf Unstimmigkeiten zwischen den Teilnehmerländern. Im Juli 2005 geriet er stark unter Druck, als italienische Politiker aus Unzufriedenheit über den hohen Wechselkurs eine Debatte um ein Auseinanderbrechen der Euro-Gruppe anstießen.

Noch gravierender sind allerdings die seit Jahren ungelösten Defizitprobleme in den USA - was den Euro gegenüber dem Dollar immer wieder stärkt. Das horrende Doppeldefizit in US-Leistungsbilanz und Staatshaushalt gilt als Damoklesschwert für die US-Währung. Um die Importüberschüsse und Staatsausgaben finanzieren zu können, sind die USA auf massive Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen – rund zwei Milliarden Dollar pro Tag. Würde diese Kapitalspritze nachhaltig ins Stocken geraten, wäre es um die Stabilität des Dollar geschehen.

Schließlich bestimmt auch die Entwicklung der Devisenreserven in aller Welt den Euro-Kurs. Diese deuten auf ein wachsendes Vertrauen in den Euro hin: Seit seiner Einführung haben viele Zentralbanken ihre Reserven zunehmend zu Gunsten des Euro diversifiziert. Dafür gibt es aber auch rein politische Gründe: Gerade in der islamischen Welt, wo die Reputation der USA in den vergangenen Jahren gelitten hat, hat sich der Trend zum Aufbau von Euro-Reserven zu Lasten des Dollar verstärkt. Doch bis der Euro den Dollar als weltweite Leitwährung ablösen kann, wird es laut einer Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel eine ganze Weile dauern. Denn noch liegt der Euro-Anteil der Währungsreserven weit unter dem Dollar-Anteil von rund 66 Prozent der über vier Billionen Dollar schweren Währungsreserven der Zentralbanken.



 

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