Emma Maersk Klasse

Die Leiden der jungen Werte


5.3.2007
Zur Hochzeit der "New Economy" waren einige Werte am Neuen Markt mehr wert als alteingesessene Industrieriesen. Wie kam es dazu, und was ist seit dem Crashjahr 2000 von den einstigen Aktien-Stars übrig geblieben? Und verbirgt sich hinter dem "Web 2.0" eine neue Blase?

(© Mick Vincenz)
Am 11. August 1999 gegen 12:25 Uhr wurde es dunkel in Deutschland. Einmal mehr vollzog sich ein spektakuläres Schauspiel der Natur, als sich der Mond vor die Sonne schob und mitten am Tage die Republik verfinsterte. Kein geringeres Datum als dieses hatte sich die Gigabell AG ausgesucht, um mit ihrem Börsengang das Licht der großen Finanzwelt zu erblicken.

Es war eine Zeit, in der die Etappen einer steilen Börsenkarriere fast so vorhersagbar schienen wie die Bahnen der Planeten. Ort des Geschehens war der Neue Markt, ein Segment der Frankfurter Börse für junge Unternehmen mit großen Wachstumsaussichten. Hier sollten innovative Unternehmer und risikofreudige Investoren zusammenfinden, um aus Ideen und Kapital die Technologiekonzerne von Morgen zu schmieden – und dabei die Geldgeber mit einer Rendite für ihre Einsatzbereitschaft belohnen, die mit alteingesessenen Unternehmen nicht zu verdienen wäre. Doch daraus wurde rasch ein Lehrstück für die Angreifbarkeit des Kapitalmarktes, als die Kurse durch herdenähnliche Wanderbewegungen der Anleger und der Furcht vor verpassten Investitionschancen in die Höhe getrieben wurden.

Die meisten Unternehmen des Neuen Marktes waren in den Boomsektoren Technologie, Medien und Telekommunikation aktiv. Dank des technischen Fortschritts eröffneten sich ihnen völlig neue Erlösquellen und Absatzmärkte, was das Schlagwort der "New Economy" begründete. Besonders wilde Blüten trieb der Erfindergeist bei den Internetunternehmen. Bei Gründung des Neuen Marktes im Frühjahr 1997 hatten laut einer ARD-Online-Studie gerade einmal knapp sieben Prozent der Deutschen Zugang zum Internet, nur drei Jahre später waren es viermal so viele.

Neue Märkte und Möglichkeiten lockten in dieser Zeit scharenweise Pioniere an, die sich mit ihren Geschäftskonzepten ein möglichst großes Stück von diesem Kuchen sichern wollten. Das Internet-Auktionshaus eBay war kurz vor der Jahrtausendwende in Deutschland nahezu unbekannt, stattdessen lieferten sich Adaptionen wie Ricardo und Alando einen heißen Wettbewerb.

Neben steigenden Aktienkursen verband die meisten der jungen Überflieger vor allem eines: Verluste. Verwunderlich war dies nicht, denn jedes Unternehmen muss in seiner Startphase erst einmal mit geeigneten Investitionen den Boden für das künftige Wachstum bereiten. Doch wie sollte ein Investor ein solches Unternehmen bewerten? Auf Erfahrungen konnte niemand zurückgreifen, schließlich waren ja gerade die neuen Geschäftsmodelle ein Markenzeichen des Neuen Marktes.

An die Stelle harter Fakten traten euphorische Wachstumsszenarien der neuen Börsenstars – und die Banken spielten fleißig mit. Sie segneten die Konzepte ab und reichten sie ganz im Interesse eines geglückten Börsengangs an die interessierten Anleger weiter. Auf dem Börsenparkett angekommen, blieben mahnende Stimmen von Analysten in der Minderheit.

Ständiger Wegbegleiter waren Börsengurus, die in Aktionärsbriefen, TV-Sendungen, auf teuren Telefon-Hotlines oder im Internet ihre Einschätzung zu den Hochs oder Tiefs einzelner Werte oder gleich zur Großwetterlage des Kapitalmarkts gaben. Ihr Blick in die Glaskugel war nicht selten ein Treffer, doch das lag meist am System: Wer sich nach einer Kaufempfehlung den Kurssegen nicht entgehen lassen wollte, investierte in die Aktie – und sorgte damit für einen steigenden Kurs. Mit diesem Prinzip selbsterfüllender Prophezeiungen ließen sich gute Geschäfte machen – zumindest von denen, die schnell genug wieder verkauft hatten.

Der Anfang vom Ende



Pünktlich zum dritten Geburtstag am 10. März 2000 kletterte der Nemax 50, in dem die Entwicklung der 50 wichtigsten der zu diesem Zeitpunkt mehr als 300 Werte des Neuen Marktes zusammengefasst wurde, auf seinen Rekordstand von 9.665,81 Punkten. Zum Greifen nah schien die Marke von 10.000 Punkten. Einzelne Neuer-Markt-Unternehmen erreichten einen höheren Börsenwert als große Industriekonzerne. "Aktionäre im Taumel des ewigen Erfolgs", titelte damals das "Handelsblatt", und die "Financial Times Deutschland" war sich sicher: "Ein Ende des Anstiegs ist nicht in Sicht." Schon am nächsten Tag begann der Anfang vom Ende. Im Frühsommer des Jahres veröffentlichten die Wirtschaftsprüfer von Price Waterhouse Coopers eine Aufsehen erregende Studie, in der von möglichen Pleiten am Neuen Markt die Rede war. Namen wurden noch nicht genannt, doch bereits kurze Zeit später kursierten eine ganze Reihe so genannter Todeslisten. Ein sicherer Kandidat darauf: Gigabell. Im September 2000 meldete der Internet-Provider als erster Wert am Neuen Markt Insolvenz an, bis Ende des Jahres löste sich der Börsenwert quasi in Luft auf. Mit einem Kursverlust von 99 Prozent seit dem Jahreshoch im März führte das Unternehmen die Verliererbilanz an – allein war es dort jedoch nicht: Mehr als 50 Werte des Neuen Marktes verloren bis Ende 2000 über 90 Prozent an Wert.

Nicht nur die Vorzeichen der Aktienkurse drehten, auch die "Popstars" der New Economy, wie die Unternehmerbrüder Thomas und Florian Haffa wechselten die Schauplätze. Mit Fernsehlizenzen von Biene Maja bis zur Formel 1 trieben die Gründer von EM.TV ihr Medienreich zeitweise auf einen höheren Börsenwert als die Lufthansa, doch sie griffen dabei nicht nur zu lauteren Mitteln. Wegen gefälschter Bilanzen wurden sie im April 2003 rechtskräftig zu einer Geldstrafe von 1,2 Millionen Euro verurteilt. Der wohl dreisteste Betrugsfall ging jedoch auf das Konto von Comroad-Chef Bodo Schnabel. Nahezu alle Umsätze seines Telematik-Anbieters hatte Schnabel frei erfunden und wurde dafür zu sieben Jahre Haft verurteilt.

Was ist jenseits der Börsenblase und Bilanzkosmetik geblieben? Die Mehrzahl der Unternehmen am Neuen Markt musste aufgeben, doch nicht nur der Hype der Jahrtausendwende ist verflogen, sondern auch die Panik aus der anschließenden Zeit der großen Verluste. Das reinigende Gewitter hinterließ eine Riege von Firmen, die ihren festen Platz im Wirtschaftsgefüge gefunden haben – wenn auch auf unterschiedlichen Wegen.

Der Internet-Service-Provider United Internet etwa war einst unter seinem alten Namen "1&1" für gerade einmal 1,02 Euro je Aktie an der Börse gestartet. Mittlerweile hat sich das Unternehmen durch eine Reihe von Übernahmen zu beachtlicher Größe gemausert und schreibt schwarze Zahlen – der Aktienkurs ist längst zweistellig.

T-Online legte einst den größten Börsengang auf das Parkett. Zum Ärger vieler Aktionäre änderte der Mutterkonzern Deutsche Telekom jedoch vier Jahre nach der Erstnotierung der Online-Tochter am Neuen Markt seine Strategie. Online-Dienste und Breitbandanschlüsse sollten aus einer Hand angeboten werden, weshalb T-Online wieder in den Telekom-Konzern integriert werden sollte. Zahlreiche Gerichtsurteile später schloss die Telekom 2006 den Rückkauf ab – und zahlte dafür gerade einmal ein Viertel des damaligen Emissionspreises von 27 Euro je Aktie. Sechs Jahre nach der Gründung des Neuen Marktes setzte die Deutsche Börse 2003 einen Schlussstrich unter das Kapitel. Mit der Neusegmentierung trat der TecDax in die Fußstapfen des Nemax. Ein völliger Neuanfang war dies jedoch nicht, rund die Hälfte der gelisteten Unternehmen standen bereits auf dem Kurszettel des Nemax50.

Blase 2.0?



Die großen Wunden vergangener Tage scheinen ausgeheilt – wie geht es nun weiter? Mit einem Paukenschlag kündigte der Internet-Riese Google im Herbst 2006 die Übernahme des Online-Videoportals YouTube für 1,65 Milliarden US-Dollar an - das erste Milliardengeschäft im Internet seit dem Platzen der "Dotcom-Blase" der New Economy. Erste Auguren reden bereits wieder von einer zweiten Gründerzeit im Internet.

Das neue Mantra der Branche heißt "Web 2.0". Für die Pioniere dieser zweiten Generation von Internetseiten liegt die Zukunft in den Ideen und Interessen der Internetnutzer selbst, denn sie erstellen und nutzen die Inhalte gleichermaßen. So werden etwa bei YouTube nach Firmenangaben täglich rund 100 Millionen Videos abgerufen – Filme, die nicht das Unternehmen, sondern die Nutzer selbst dort veröffentlicht haben.

Trotz des milliardenschweren Kaufpreises: Schwarze Zahlen hat YouTube bis heute nicht erwirtschaftet. Wiederholt sich nun die Geschichte der New Economy unter dem neuen Label Web 2.0? Es gibt gute Gründe zur Wachsamkeit, doch von blinder Euphorie kann bislang nicht die Rede sein. In der obersten Liga der Milliardenübernahmen steht YouTube bislang allein auf weiter Flur, und in Deutschland bleiben Übernahme wie der Kontaktbörse StudiVZ mit einem Bruchteil des Kaufpreises die Ausnahme.

Sicher ist: Wenn Investoren eines aus dem Crash der New Economy mitgenommen haben sollten, dann die Sensibilisierung für den Einzelfall. Pleiten, Pech und Pannen wird es in jedem Wachstumssektor geben. So lange das Geschäftsmodell eines jungen Unternehmens jedoch für mehr Aufmerksamkeit sorgt als die Ergänzung des Firmennamens um die Endung "2.0", ist das ein gutes Zeichen für eine neue Gründergeneration. Die nächste Sonnenfinsternis ereilt Deutschland übrigens am 1. August 2008 ab 10:37 Uhr. Ganz dunkel wird es dann jedoch nicht werden – tröstlich irgendwie.



 

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