Emma Maersk Klasse

Das Ende des Ölzeitalters


25.4.2006
Die wichtigste Energiequelle der Welt ist immer noch Öl. Dennoch verstummen die Stimmen, die das baldige Ende des Ölzeitalters vorhersagen, nicht. Denn gegen das schwarze Gold spricht nicht nur der Preis.

(© Mick Vincenz)
Öl ist die wichtigste Energiequelle der Welt und wird dies aus heutiger Sicht noch lange bleiben. Öl liefert derzeit rund 36 Prozent des gesamten globalen Energiebedarfs. Im Jahr 2004 verbrauchte die Weltgemeinschaft täglich rund 82 Millionen Barrel Erdöl - und der weltweite Ölverbrauch steigt weiter an.

Zwar werden die Motoren moderner Autos oder die Turbinen von Flugzeugen immer sparsamer, doch die Weltbevölkerung wächst, vor allem in Asien. Deshalb verbrauchen immer mehr Menschen Produkte, die aus Öl hergestellt werden, sei es Benzin, Diesel, Heizöl oder aber auch Plastikkunststoffe. Auch der Stickstoff für Kunstdünger und viele andere Produkte, wie etwa Medikamente, werden auf der Basis von Öl hergestellt.

Die Internationalen Energieagentur in Paris schätzt, dass die Menschheit im Jahr 2030 täglich rund 120 Millionen Barrel Rohöl verbrauchen wird, also fast 50 Prozent mehr als heute. Deshalb drängt immer mehr die Frage, wie lange die Ölvorräte eigentlich noch reichen.

Dehnbare Reichweite



Die "Reichweite" des wirtschaftlich förderbaren Erdöls liegt nach Einschätzung der meisten Experten heute bei rund 45 bis 50 Jahren. Das heißt nicht, dass die Ölreserven in 50 Jahren ausgehen. Es bedeutet, dass die Reserven auf der Basis des heutigen Verbrauchs und der heutigen Fördertechnik noch für etwa 45 bis 50 Jahre ausreichen. Die Reichweite des Öls verändert sich ständig – die Ölgesellschaften erschließen neue Vorkommen und sie holen aus den bestehenden Lagerstätten mit modernerer Technik mehr heraus als früher. Im Jahr 1980 lag die Reichweite der Ölvorräte bei 29 Jahren – heute bei etwa 50, obwohl der Ölverbrauch seither deutlich gestiegen ist. Variabel ist auch die Definition, zu welchem Preis Öl "wirtschaftlich" gefördert werden kann. Steigt der Ölpreis weltweit dauerhaft an, lohnt auch die Erschließung von Vorkommen, die bis dahin als zu teuer galt. Deshalb irrten die Mitglieder des renommierten "Club of Rome". Während der ersten Ölkrise in den 70er Jahren sagten sie in ihrem berühmten Report "Die Grenzen des Wachstums" voraus, gegen Ende des 20. Jahrhunderts gehe uns das Öl aus.

Das baldige Ende des Ölzeitalters wurde schon oft falsch vorhergesagt. Doch in jüngerer Zeit mehren sich wieder Stimmen, die eine Trendwende im internationalen Ölgeschäft erwarten, denn wirklich große Ölfelder wurden schon lange nicht mehr entdeckt. "Viele kleine und mittlere Felder können noch gefunden werden. Aber an der Gesamtbilanz wird das wenig ändern", sagt Professor Friedrich-Wilhelm Wellmer, der frühere Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. "Die Schere zwischen Verbrauch und jährlichen Neufunden ist längst offen. Das Fördermaximum bei konventionellem Erdöl wird zwischen 2015 und 2020 erreicht sein. Die Zeit des billigen Öls ist vorbei."

In der Hand der OPEC



Diese Entwicklung wird eine größere Abhängigkeit der Welt vom Öl des Nahen Ostens mit sich bringen. Fünf Staaten besitzen rund 60 Prozent der weltweit wirtschaftlich förderbaren Ölreserven: Saudi Arabien, Iran, Irak, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Supermacht im weltweiten Ölgeschäft ist Saudi Arabien, das allein einen Anteil von rund 23 Prozent der so genannten "konventionellen" Reserven hält. Konventionell bedeutet, dass hochwertiges Rohöl ohne extremen technischen Aufwand gefördert und aufbereitet werden kann.

Die fünf Länder am Persischen Golf bilden den Kern der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec), zu der außerdem das Scheichtum Katar, Libyen, Algerien, Nigeria, Venezuela und Indonesien gehören. Die elf Opec-Staaten stimmen ihre Förderpolitik eng ab und beeinflussen damit maßgeblich die Preisbildung an den internationalen Ölbörsen. Sie besitzen zusammen genommen rund 77 Prozent aller heute wirtschaftlich förderbaren Ölreserven. Im Jahr 2004 produzierte das Förderkartell gut 40 Prozent des weltweiten Ölbedarfs.

Die Rezeptur des Ölpreises



In Saudi Arabien kostet die Produktion eines Barrels Rohöl zwischen einem und zwei Dollar. Auf den britischen oder norwegischen Bohrinseln in der Nordsee sind es etwa 12 Dollar. Der derzeit erheblich höhere Endpreis bildet sich an den internationalen Börsen, an denen Rohöl weltweit und in der Regel in US-Dollar pro Barrel gehandelt wird. Das "Barrel" – zu Deutsch "Fass" – enthält dabei 159 Liter, es ist das Standardmaß der Ölindustrie. Ein Barrel Öl, das in der Nordsee gefördert wird, kostete im April 2006 etwa mehr als 70 Dollar.

Doch wie erklärt sich die enorme Spanne zwischen den Produktionskosten und den Preisen an den Rohstoffbörsen und letzten Endes an den Tankstellen? Läuft ein Tanker zum Beispiel vom Persischen Golf in Richtung USA aus, bedeutet das nicht, dass die Ladung auch dort ankommt. Das Öl wird am Ende dort gelöscht, wo der höchste Preis bezahlt wird. Nachrichten über Wirbelstürme und andere Naturkatastrophen treiben den Preis nach oben, ebenso Finanzinvestoren, die Terminkontrakte kaufen, ohne tatsächlich mit Öl zu handeln. Sie verkaufen die Lieferverträge wieder, bevor es zur Lieferung kommt und spekulieren dabei auf steigende Preise und hohe Gewinne.

Schätzungen über den spekulativen Anteil am Ölpreis reichen derzeit von fünf bis 20 Dollar je Fass, doch exakt lässt sich das wegen der Vielzahl der Marktteilnehmer nicht ermitteln. Weit weniger fallen dagegen die Transport- und die Raffineriekosten ins Gewicht. Ganz erheblichen Anteil hat allerdings in den meisten Ländern der Staat am Preis des Endproduktes. Beim Literpreis für Benzin zum Beispiel liegt der Steueranteil in Deutschland bei fast 70 Prozent.

Übergang ins Solar-Zeitalter



"Die Steinzeit ging nicht zu Ende, weil es an Steinen mangelte", sagte der frühere saudi-arabische Ölminister Ahmed al Jamani. Mit dem Ölzeitalter sei es genauso. Damit hatte Jamani Recht. Die Ölkonzerne können den begehrten Rohstoff noch über viele Jahrzehnte fördern. Allerdings wird dieses Öl wesentlich teurer sein als heute, denn der technologische Aufwand bei der Förderung steigt.

Aber auch unabhängig von der Preisentwicklung ist es ist denkbar, dass Kinder, die jetzt geboren werden, das Ende des Ölzeitalters erleben. Der Hauptgrund dafür ist, dass bei der Verbrennung der "fossilen" Energien Öl, Kohle und Erdgas das "Treibhausgas" Kohlendioxid freigesetzt wird, das wesentlich zur Erwärmung der Erdatmosphäre beiträgt. Um den Klimawandel zu stoppen, der bereits in vollem Gange ist, muss die Menschheit in absehbarer Zeit in großem Umfang neue, ökologisch weniger schädliche Energiequellen erschließen, zum Beispiel die Solartechnik, die Windkraft, Erdwärme oder Gezeitenkraftwerke an den Küsten.

Was wir heute erleben, ist der Übergang vom "fossilen" in das "solare" Energiezeitalter. Dieser wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern. Bislang werden in Deutschland nur rund vier Prozent des gesamten, so genannten "Primärenergiebedarfs" aus erneuerbaren Energien gedeckt – noch immer stammt deutlich mehr als ein Drittel der hier zu Lande verbrauchten Energie aus Erdöl.



 

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